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Hodgkinson besiegt: Werro Nummer eins im 800m-Lauf

In einem hochklassigen Endlauf über 800m widerstand ein atemberaubender Frontrun von Audrey Werro der Attacke von Olympiasiegerin Keely Hodgkinson.
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Im Rennen des Jahres über 800m gab Olympiasiegerin Keely Hodgkinson, angefeuert von ihrem Publikum im Alexander Stadium, alles, um die Schweizerin Audrey Werro doch noch einzuholen. Doch der Alleingang der 22-Jährigen war überzeugend und unwiderstehlich. Auch wenn der Weltrekordlauf, der im Raum stand, in dieser Form des Alleingangs von vorne nicht realisierbar war – und schon gar nicht bei dem herrschenden Wind, war das Statement Werros ein starkes: Sie ist die Nummer eins im 800m-Lauf!

Beinahe wäre es schief gegangen. Nicht im Finale am Freitagabend, sondern im Halbfinale am Donnerstagmittag. In Führung liegend stürzte Audrey Werro nach einer leichten Berührung mit Anais Bourgoin und landete heftig mit dem Oberkörper auf der Innenbahnbegrenzung. Ein Missgeschick, der nur eine Hoffnung übrig ließ: Protest durch den Schweizer Verband.

Ergebnis 800m-Finale der Frauen, EM 2026
Gold: Audrey Werro (Schweiz) 1:54,81 Minuten
Silber: Keely Hodgkinson (Großbritannien) 1:55,01 Minuten
Bronze: Femke Broeders-Bol (Niederlande) 1:55,54 Minuten

 
4. Gabija Galvydyte (Litauen) 1:59,12 Minuten
5. Jemma Reekie (Großbritannien) 1:59,15 Minuten
6. Eloisa Coiro (Italien) 1:59,35 Minuten
7. Valentina Rosamilia (Schweiz) 1:59,42 Minuten
8. Veronica Vancardo (Schweiz) 2:00,17 Minuten
9. Anais Bourgoin (Frankreich) 2:00,65 Minuten
10. Clara Liberman (Frankreich) 2:01,84 Minuten
 
im Vorlauf out: Caroline Bredlinger (Österreich)

Beinahe wäre die Laufwelt also um das große, so mit Spannung erwartete und bereits die gesamte Saison faszinierende Superduell zwischen Audrey Werro und Keely Hodgkinson gebracht worden. Der intendierte sportliche Höhepunkt dieser EM. Der chronologische Spannungsgipfel am ersten Tag, an dem das Alexander Stadium restlos gefüllt war.

Dass das Wettkampfgericht Gabija Galvydyte, die ausrutschte, als sie der auf dem Boden liegenden Werro auszuweichen versuchte, grünes Licht für das Finale gab, war zu erwarten. Das Wettkampfgericht entschied später auch: Die Topfavoritin darf im Endlauf starten. Die Schweizerin kam mit einem blauen Auge davon: „Es war definitiv nicht das beste Szenario, mich auf diese Weise für das Finale zu qualifizieren. Es war doch ein dramatisches Erlebnis“, sagte sie später. „Ich bin glücklich, sozusagen eine zweite Chance bekommen zu haben – und die habe ich genutzt!“

© Maja Hitij / Getty Images for European Athletics

Jagd auf die Spitzenposition

Und so konnte es losgehen: Audrey Werro, Keely Hodgkinson – und Femke Broeders-Bol, die nur aufgrund der Sonderklasse der beiden Kontrahentinnen keine wirkliche Goldfavoritin war. Trotz einer Super-Debütsaison auf der zweifachen Stadionrunde.

Zweimal lief die 22-jährige Schweizerin in dieser Saison unter 1:54 Minuten. Das ist besser als Hodgkinsons britischer Rekord. Über 40 Jahre lang war dies keiner 800m-Läuferin weltweit mehr gelungen. Die Hallen-WM-Zweite hinter der Britin im März war plötzlich die Nummer eins in der Szene und klare Favoritin auf den EM-Titel. Auch, weil der Britin die Saison mit einigen Wehwehchen nicht ganz nach Wunsch gelang – die Generalprobe beim Diamond-League-Meeting in London versetzte Werro sicherlich nicht in Furcht.

Und die furchtlose Schweizerin zog ihren Plan gnadenlos durch. Sie sicherte sich Position eins in der ersten Kurve in einem intensiven Duell mit Hodgkinson, die auch nach vorne wollte, und führte das Feld in 56,5 Sekunden in die zweite Runde. Nicht superschnell, nicht Weltrekord verdächtig, aber trotzdem würdig. Hodgkinson hatte keine Chance auf Führungsmeter, aber sie hing an der Schweizerin dran. Eine Zehntelsekunde trennte die beiden konstant, vielleicht waren es zwischendurch auch zwei.

Die Engländerin trat eingangs der Zielgerade an, holte alles aus sich heraus. „Es gab Momente, in denen ich gedacht habe, ich könnte sie schnappen“, meinte Hodgkinson nach dem Rennen. Doch Werro war besser: 1:54,81 Minuten, sechs Zehntelsekunden schneller als der 44 Jahre alte EM-Rekord der Sowjetin Olga Mineyeva damals in der polarisierenden, ersten Hochzeit des 800m-Laufs der Frauen, bei der EM in Athen. Hodgkinson folgte in 1:55,01 Minuten, knapp distanziert. Aber wirksam distanziert.

Die zweiten Plätze von Birmingham

Die Athletin, die nach wie vor bei ihrem Jugendverein CA Belfaux von Christiane Berset-Nuoffer trainiert wird, schilderte den Druck, den sie verspürte: „Ich bin für die Goldmedaille hierhergekommen. Ich bin wirklich glücklich, dass das Rennen so ausgegangen ist.“ Ihren großen Fortschritt erklärt sie sich dadurch, dass sie im ersten Jahr als Vollprofi sich dem Laufsport widmet und sich ihrer Scheu in den Wettkämpfen komplett entledigt hat. Sie ist immer noch ungeschlagen in der Freiluftsaison 2026.

© Maja Hitij / Getty Images for European Athletics

Die Engländerin versteckte ihre Enttäuschung über Silber nicht. Im Vorfeld hatte sie der EM-Goldmedaille vor heimischem Publikum in einem Interview mit „Athletics Weekly“ dieselbe emotionale Wertigkeit wie der Olympischen Goldmedaille von Paris gegeben. „Es war ein fantastisches Rennen, auch eine sehr gute Leistung. Ich habe alles gegeben, aber ich konnte das Rennen nicht gewinnen. Hoffentlich das nächste Mal!“ Nach den Titeln in München 2022 und Rom 2024 hätte sie als erste britische Leichtathletin drei EM-Goldmedaillen in einer Disziplin gewinnen können. Die unmittelbare EM-Vorbereitung absolvierte Hodgkinson in Portugal und verzichtete dabei sogar auf einen Start bei den Commonwealth Games in Glasgow.

Apropos Commonwealth Games: Vor vier Jahren meinte es das Alexander Stadium von Birmingham bereits einmal nicht gut mit dem englischen 800m-Star. Damals unterlag sie im Kampf um Gold bei den Commonwealth Games der Kenianerin Mary Moraa.

Holländischer Rekord egalisiert

Und Femke Broeders-Bol? Im Angesicht des Superduells redeten wenige über sie und ihrem ersten Auftritt auf internationalem Parkett in ihrer neuen Disziplin. Sechs EM-Goldmedaillen hat die 26-Jährige bisher zwischen 400m, 400m Hürden und Staffeln gesammelt, womit sie die dritterfolgreichste Athletin bei Europameisterschaften hinter der britischen Sprinterin Dina Asher-Smith und der kroatischen Diskuslegende Sandra Elaksevic (ehemals Perkovic) ist.

© Maja Hitij / Getty Images for European Athletics

Die Holländerin schlug sich prächtig, hielt den Windschatten Hodgkinsons und ließ nie Zweifel darüber aufkommen, wer die Bronzemedaille gewinnen würde. Die viertplatzierte Galvydyte, die das historisch beste Resultat Litauens in dieser Disziplin erzielte, hatte im Ziel unfassbare dreieinhalb Sekunden Rückstand auf die Medaille. „Diese Medaille bedeutet mir sehr viel. Es war ein cooles Rennen“, jubelte Broeders-Bol.

Die Holländerin, seit Winter mit einem belgischen Stabhochspringer verheiratet und seither mit Doppelnamen gelistet, stellte in einer Zeit von 1:55,54 Minuten den holländischen Landesrekord von Ellen van Langen ein. „Den holländischen Rekord einzustellen, ist einfach speziell. Ellen ist eine Legende – es ist verrückt.“ Van Langen wurde mit genau dieser Marke 1992 Olympiasiegerin in Barcelona.

Grandiose Zukunft – mit der Schweiz als 800m-Nation

Diese Stockerlbesetzung verheißt eine großartige Perspektive für die Zukunft in dieser Disziplin, in der nach wie vor der älteste noch bestehende Weltrekord in der Leichtathletik zur Disposition steht. „Audrey und ich sind beide sehr jung. Somit können wir uns in den nächsten Jahren auf eine großartige Rivalität freuen. Und Femke ist auch nicht viel älter und sie wird noch einiges lernen im 800m-Lauf. Sie wird uns ordentlich herausfordern“, gab die 24-jährige Hodkinson einen Ausblick.

© Maja Hitij / Getty Images for European Athletics

Auch wenn das Finalfeld im 800m-Lauf der Frauen aufgrund der enormen Klasse vorne in zwei Hälften aufgeteilt wurde – das Niveau in dieser Disziplin ist in der Dichte in Europa extrem hoch, wie besonders die Vor- und Halbfinalläufe untermalten. Möglicherweise fehlten einigen Finalteilnehmerinnen ein paar Körner, zwischen Halbfinale und Finale lagen nämlich nicht einmal eineinhalb Tage.

Bemerkenswert: Alle drei Schweizerinnen, die für die EM nominiert wurden, erreichten den Endlauf. Valentina Rosamilia kam als Siebte, Veronica Vancardo bei ihrem EM-Debüt als Achte ins Ziel. Werros Triumph ist übrigens die erste Schweizer EM-Medaille im 800m-Lauf, Selina Büchel und Lore Hoffmann waren 2016 bzw. 2022 Vierte.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Maja Hitij / Getty Images for European Athletics, © European Athletics

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