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Eigentlich hätten die rund 60.000 Zuschauer im ausverkauften Olympiastadion von London der Olympiasiegerin zujubeln sollen. Keely Hodgkinson, so der Plan, sollte vor heimischem Publikum das Comeback nach langer Verletzungspause geben – übrigens genau wie Jakob Ingebrigtsen. In beiden Fällen wurde es nichts mit dem Einstieg in die Freiluft-Saison 2025. Dafür begeisterte Georgia Hunter Bell, eine Trainingspartnerin von Hodgkinson, mit einem tollen Heimsieg im 800m-Lauf. Im Meilenrennen der Frauen wurde Geschichte geschrieben, im 800m-Lauf wandelte Emmanuel Wanyonyi weiter auf der Siegerstraße.
Es war keinesfalls der fehlenden Show oder der schlechten Leistungen am Samstagabend in London geschuldet, dass die Hauptprotagonist*innen des Abends mit den Schlagzeilen der Abwesenden zu kämpfen hatten, besonders im Vorfeld. Das lag an der Prominenz jener, die für das Diamond-League-Meeting in London angekündigt worden waren und kurzfristig doch nicht erschienen: Olympiasieger, Europa- und Weltrekordhalter.
Besonders emotional ist die Geschichte von Keely Hodgkinson. Die Olympiasiegerin im 800m-Lauf, der in Großbritanniens Leichtathletik-Aufmerksamkeit das Flair von „Everybody’s Darling“ umgehängt wird, sollte in London ihr Saisondebüt geben. Unmittelbar vor dem nach ihr benannten, neuen Hallenmeeting Mitte Februar in Birmingham verletzte sie sich am Oberschenkel, seither verzögerte sich das Comeback der 23-Jährige mehrfach – eine Geduldsprobe.
Frenetisch wurde sie für das Diamond-League-Meeting zu Hause angekündigt – dort, wo sie im letzten Jahr einen furiosen Sieg in einer Zeit von 1:54,60 Minuten gefeiert hatte. Die kurzfristige Absage aufgrund eines Rückschlags im Saisonaufbau wenige Wochen zuvor bedauerte der Star öffentlich, öffnete aber den Spekulationsraum ihrer Fitness betreffend. Schließlich sind die Weltmeisterschaften von Tokio nur mehr zwei Monate entfernt.
Ähnlich Sorgen hegen die Fans von Jakob Ingebrigtsen, der sich mit seiner Achillessehne herumplagt und seinen Saisoneinstieg ebenfalls mehrfach verschoben hat. Der Norweger sagte auch seinen Start in London, wo es zum Duell mit seinem Erzrivalen Josh Kerr gekommen wäre, ab. Mittlerweile ist der 24-Jährige in seinem Trainingsdomizil in St. Moritz angekommen, wo er die Saison mit einem Sommer-Aufbau noch retten möchte.
In Abwesenheit Hodgkinsons fielen die Scheinwerfer am Samstag also auf Georgia Hunter Bell. Die Olympia-Medaillengewinnerin von Paris 2024 im 1.500m-Lauf ist die Zweitprominenteste in der in Manchester stationierten Trainingsgruppe von Trevor Painter und Jennifer Meadows, eben hinter Hodgkinson. Sie kündigte im Juni in einem Interview mit dem britischen Leichtathletik-Magazin „Athletics Weekly“ an, in diesem Jahr ihre Hauptziele eher auf den 800m-Lauf als auf den 1.500m-Lauf zu fokussieren. Möglicherweise sieht die 31-Jährige über die kürzere Mittelstrecke die Chance auf den großen Coup, denn neben ihrer Landsfrau sind auch Athing Mu und Mary Moraa gegenwärtig fern ihrer Topform. Im 1.500m-Lauf ist die Hürde Faith Kipyegon freilich für die gesamte globale Konkurrenz schier unüberwindbar.

Mit dem Auftritt in London zeigte sich Hunter Bell jedenfalls zufrieden: „Das Rennen lief genauso ab, wie ich es erwartet habe. Im 800m-Lauf geht es hauptsächlich um die richtige Positionierung, man muss sehr aufmerksam laufen. Genau daran haben wir im Training gezielt gearbeitet. Die letzten 100 Meter haben sich dann super angefühlt.“ Die 31-Jährige genoss die Atmosphäre und den Bonus der Lokalmatadorin, auch mit Blick auf die mögliche Ausrichtung der WM 2029 im Olympiastadion von London. Gegenüber „Athletics Weekly“ erzählte sie, in der erfolgreichen Saison 2024 die „absolute Furchtlosigkeit“ in Wettkämpfen erlernt zu haben, die sie auf ein neues Niveau gehoben habe. Die beiden Diamond-League-Siege in Stockholm und nun in London sind Indikatoren, dass der Name Georgia Hunter Bell bei den Weltmeisterschaften von Tokio ein ganz heißer sein könnte. Im 800m-Lauf.
Die 31-Jährige lief am Samstag eine Zeit von 1:56,74 Minuten, ihre zweitschnellste nach der 1:56,28 vom Vorjahr, ebenfalls in London, und feierte den Wettkampfsieg vor der neuerlich starken US-Amerikanerin Addison Wiley (1:57,43) und Ex-Weltmeisterin Halimah Nakaayi aus Uganda (1:57,62). Eine kräftige Kostprobe ihres Talents lieferte die 20-jährige Australierin Claudia Hollingsworth mit einer persönlichen Bestleistung von 1:58,02 Minuten auf Platz vier ab. Damit ist sie neue Dritte in der australischen Bestenliste hinter Catriona Bisset und Sarah Billings. Die Schottin Laura Muir lief ihren zweiten Wettkampf der Freiluftsaison nach einer Verletzungspause und erreichte Platz zehn in einer Zeit von 2:00,95 Minuten. Damit war sie zweieinhalb Sekunden schneller als vor zwei Wochen bei einem kleineren Meeting in Oslo.

Der 800m-Lauf der Männer brachte acht Tage nach dem Diamond-League-Meeting von Monaco (siehe RunUp.eu-Bericht) das neuerliche Aufeinandertreffen zwischen Emmanuel Wanyonyi und Marco Arop, die beiden Superstars der Szene, denen das Potenzial nachgesagt wird, David Rudishas Weltrekord zu attackieren. Das gelang im Olympiastadion von London, wo die kenianische Legende seinen Weltrekord von 1:40,91 Minuten vor 13 Jahren bei den Olympischen Spielen gelaufen ist, zwar nicht. Aber sein Landsmann zeigte mit einem neuen Meetingrekord von 1:42,00 Minuten ein weiteres Mal seine Klasse. Sein vierter Sieg in Folge in der Diamond League ist sein elfter insgesamt, das alles im Alter von (noch) 20 Jahren. Im Gegensatz zu Monaco war der Kanadier dieses Mal deutlich näher an Wanyonyi dran und belegte in Saisonbestzeit von 1:42,22 Minuten den zweiten Platz.
Einen Husarenritt zeigte Lokalmatador Max Burgin, der sich als Dritter mit einer Zeit von 1:42,36 Minuten bis auf eine halbe Sekunde an den britischen Rekord von Sebastian Coe heranschob – es war eine deutliche persönliche Bestleistung. Eine weitere wichtige Geschichte des Rennens lieferte Donavan Brazer, der nach einer Odysee an Beschwerden, operativen Eingriffen und Rehabilitationsphasen sein erstes Diamond-League-Rennen seit über drei Jahren bestritt. Der 28-jährige, ehemalige Weltmeister aus den USA ist bereits wieder auf einem beeindruckenden Niveau und finishte den Wettkampf in einer Zeit von 1:43,08 Minuten hinter seinem Landsmann Bryce Hoppel und dem Spanier Mohamed Attaoui auf Position sechs.
Im 5.000m-Lauf der Frauen feierte Medina Eisa, 20-jährige Äthiopierin, ihren zweiten Diamond-League-Sieg in einer Zeit von 14:30,57 Minuten vor ihrer Landsfrau Fantasie Belayneh. Auch in diesem Bewerb gab es historische Leistungen aus „Down Under“: Die drittplatzierte Rose Davies verbesserte ihren eigenen australischen 5.000m-Rekord um über neun Sekunden auf eine Zeit von 14:31,45 Minuten und damit auch den 16 Jahre alten Ozeanienrekord der Neuseeländerin Kimberley Smith. Neue Nummer zwei in der ozeanischen Bestenliste ist Davies’ Landsfrau Georgia Griffith, die in 14:32,55 Minuten Fünfte wurde. Jana van Lent verbesserte den belgischen Rekord als 14. auf eine Zeit von 14:42,93 Minuten.

Eine weitere verwunderliche Talentprobe gab Phanuel Koech, Shootingstar der 1.500m-Szene. Der 18-jährige Kenianer verbesserte den 25 Jahre alten Meetingrekord von Weltrekordhalter Hicham El Guerrouj um fast eineinhalb Sekunden auf eine Zeit von 3:28,82 Minuten. Der Kenianer übertrumpfte damit Lokalmatador Josh Kerr, der eine Saisonbestleistung von 3:29,37 Minuten verbuchte. Der Weltmeister hätte vor heimischem Publikum gerne einen Heimsieg gefeiert. Kerrs Vorgänger als Weltmeister, Jake Wightman, zeigte mit Platz vier in 3:31,58 Minuten auf. Der Deutsche Robert Farken kam wie auch Lokalmatador George Mills und der junge Australier Cameron Myers nach einem Sturz weit abgeschlagen ins Ziel. Der Brite hat sich dabei das Handgelenk gebrochen.
Im Meilenrennen der Frauen hat Gudaf Tsegay mit einem äthiopischen Rekord Geschichte geschrieben. Die 28-Jährige schob sich mit einem neuen Meetingrekord von 4:11,88 Minuten auf Platz zwei der ewigen Bestenliste hinter Weltrekordhalterin Faith Kipygon, aber noch vor Sifan Hassan. „Es war nicht einfach, aber diese Zeit stimmt mich glücklich. Nach der Hallensaison, die für mich nicht so funktioniert hat wie erhofft, wollte ich unbedingt stärker zurückkommen und hab viele Tempoeinheiten im Training gemacht“, so Tsegay.

Hinter der äthiopischen Siegerin verbesserte Jessica Hull ihren eigenen Ozeanienrekord über die Meile um 1,66 Sekunden auf eine Zeit von 4:13,68 Minuten. „Durch den rasanten Beginn war es ein eigenartiger Wettkampf“, meinte die 28-Jährige, die durch Tsegays Attacke gleich zu Beginn früh auf sich alleine gestellt war. „Ich hatte sogar noch Hoffnung, Gudaf in der letzten Runde einzuholen, aber sie konnte noch einmal zulegen. Heute sind viele Rekorde gefallen – ich bin froh, Teil dieses Rennens gewesen zu sein.“
Den zweiten neuen Kontinentalrekord des Rennens markierte Sinclaire Johnson. Die 27-jährige US-Amerikanerin blieb in 4:16,32 Minuten als Wettkampf-Vierte 0,03 Sekunden unter dem bisherigen Rekord von Nikki Hiltz. Die im Vorfeld überraschend angekündigte Sifan Hassan war übrigens nicht am Start – sechs Wochen vor ihrem Start beim Sydney Marathon schien ein Meilenrennen auch nicht wie ein ideales „Build-up-Race“. Aber für die Holländerin gelten eigene Regeln, wie ihre unglaubliche Erfolgsserie bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris zeigt.
Vor Johnson überquerte Sarah Healy als Dritte die Ziellinie, die Irin zeigte damit eine weitere Glanzleistung auf internationalem Parkett. Neue Landesrekorde gab es für Marta Zenoni (Italien, 4:17,16), Agathe Guillemot (Frankreich, 4:19,08), Salomé Afonso (Portugal, 4:19,16) und Esther Guerrero (Spanien, 4:20,12). Healy (7.) und Zenoni (10.), die wie die Irin zuletzt mehrfach starke Leistungen zeigte, sind damit in den Top-Ten der ewigen europäischen Meilen-Bestenliste.
🇧🇪 Winfried Yavi hat bei der KBC Nacht in Heusden Zolder, ein Meeting der World Athletics Continental Tour Bronze, ein herausragendes Highlight gesetzt. Die Olympiasiegerin gewann den 3.000m-Hindernislauf im Alleingang in einer Zeit von 8:49,59 Minuten, eine der schnellsten Zeiten der Geschichte, was außerhalb der Diamond League und Großereignissen eine Seltenheit ist. Nigist Getachew aus Äthiopien glänzte mit einer 800m-Siegeszeit von 1:57,01 Minuten, der Portugiese José Carlos Pinto überzeugte als Sieger im 1.500m-Lauf mit einer Zeit von 3:31,94 Minuten. Der Belgier Isaac Kimeli gewann den 5.000m-Lauf in 13:01,39 Minuten klar vor Brian Fay aus Irland und Florian Bremm aus Deutschland.
🇪🇸 Beim Silber-Meeting in Madrid feierte Djamel Sedjati aus Algerien im 800m-Lauf einen Favoritensieg. Der 26-Jährige setzte sich in einer Zeit von 1:43,53 Minuten nur knapp vor Ex-Europameister Mariano Garcia aus Spanien und Yanis Meziane aus Frankreich durch. Beide blieben unter 1:44 Minuten und feierten persönliche Bestleistungen. Nur im B-Lauf lief Hallen-WM- und -EM-Medaillengewinner Elliot Crestan, allerdings in einer Zeit von 1:43,79 Minuten ziemlich schnell.
Im 800m-Lauf der Frauen steigerte sich Clara Liberman aus Frankreich zu einer persönlichen Bestleistung von 1:58,96 Minuten und siegte vor Daily Cooper Gaspar aus Kuba und Lorea Ibarzabal aus Spanien. Die Top-Sechs blieben unter zwei Minuten, darunter die Schweizerin Lore Hoffmann auf Platz fünf. Im 1.500m-Lauf belegte die Deutsche Nele Weßel Platz zwei hinter der Spanierin Marta Perez.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Melissa Gresswell for Diamond League AG