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Neun Tage nach dem Vienna City Marathon spricht Österreichs Rekordläufer Aaron Gruen erstmals ausführlich über seine Aufgabe, seine Enttäuschung und über sehr persönliche Hintergründe. Der 27-Jährige, wieder zurück zum Studium in Harvard, bekennt auch im Interview mit „RunUp“ ganz offen mentale Probleme in der Vorbereitung: „Ich hatte teilweise täglich Panikattacken.“ Die Belastungen seien zu groß geworden: „Ich bin keine Maschine.“ Das Gespräch mit Aaron Gruen führte Olaf Brockmann, der den Marathon-Rekordler auch vor dem VCM zweimal für „RunUp“ interviewt hatte.
Olaf Brockmann: Aaron, wie kam es zu den Panikattacken?
Aaron Gruen: „Die letzten Monate waren extrem belastend. Obwohl ich sehr gut trainiert habe und mein Training objektiv sehr gut war, waren die Umfänge nicht super. Ich hatte teilweise täglich Panikattacken. Das Umfeld an der Harvard Medical School ist unglaublich anspruchsvoll. Es ist einfach sehr, sehr fordernd. Ich habe lange versucht, all das zu verdrängen und nach außen so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Es war aber nicht so.“
War der Druck in Wien zu groß?
„Natürlich wollte ich für das Rennen mein Bestes geben, aber ich wollte nicht akzeptieren, dass es eine Belastung ist. Dazu kam der Druck durch meine eigenen Erwartungen. Ich hatte auch noch vor dem Rennen mit dem Konzert und all dem Drumherum wirklich kaum Zeit, zur Ruhe zu kommen. Der Druck kam nicht nur vom Laufen und vom Studium allein, sondern aus meinem Versuch, beides gleichzeitig auf höchstem Niveau zu schaffen.“
Wie erging es dir vor dem Start?
„Am Start des Marathons war ich einfach mental nicht mehr an einem guten Punkt. Ich habe gesagt, der Marathon ist zuletzt eine mentale Herausforderung. Es war, als hätte ich am Start bereits alles aufgebraucht. Wie gesagt, ein Marathon ist zu einem großen Teil mental, das Training ist eigentlich leicht. Genau an diesem Tag war ich nicht in der Lage, meine Leistung abzurufen.“

Wie erging es dir bei der Aufgabe?
„Als ich das Rennen bei Kilometer 21 beendet habe, war da zunächst keine große emotionale Reaktion. Ich habe mir einfach nur die Hand an den Kopf gelegt. Die Emotionen kamen erst später auf der Heimreise im Flugzeug, als ich alles verarbeitet habe – und dann in den nächsten Tagen, aber noch nicht am Tag selbst.“
Bereust du deinen Start beim VCM?
„Nein, ich bereue weder den Start noch die gesetzten Ziele. Ich glaube, ich habe nicht zu viel von mir verlangt. Ich habe in dieser Phase viel gelernt über mich selbst, über meine Belastungsgrenzen und darüber, was es braucht, auf diesem Niveau konstant Leistungen zu bringen.“
Was sagst du im Rückblick zum Konzert?
„Ich finde die Konzertidee vom VCM wirklich toll. Es war sehr schön, im Goldenen Saal zu spielen. Eine schöne Erfahrung. Nichtsdestotrotz wäre mehr Ruhe schön gewesen, und das werde ich in kommenden Rennen auch unbedingt brauchen.“
Wie geht’s aktuell mit dem Studium?
„Jetzt habe ich noch etwa einen Monat in diesem Semester vor mir und muss noch meinen letzten Semesterkurs zu Ende bringen. Gleichzeitig bin ich zuversichtlich, dass ich meine Freude am Laufen in den kommenden Wochen wiederfinden werde. Ich arbeite auch schon aktuell an den Planungen für den Herbst und überlege mir dann, welche Rennen ich angehen möchte. Hoffentlich kann ich schon ab September mein Studium pausieren und dann fokussiert laufen.“
Deine Zukunft als Läufer?
„Ich will einfach Spaß dran haben und meine Ziele erreichen. Ich glaube, da geht noch viel mehr, ich bin da wirklich zuversichtlich. Ich bin noch relativ neu in dem Sport. So gesehen hätte ich eigentlich, wenn ich das Vollzeit machen will, noch zehn Jahre meiner Karriere vor mir. Natürlich kommt dazu auch, dass ich Medizin studieren will. Und es ist natürlich schwierig, alles zu kombinieren…“

Ist es doch zu viel?
„Ich habe in der letzten Zeit versucht, zu viel unter einen Hut zu bringen. In Wien kam dann alles zusammen und hat mich dann dementsprechend belastet. Neben dem Sport und dem Studium gibt es ja auch die Musik. Noch dazu gebe ich etwa zehn bis 15 Stunden pro Woche Nachhilfe, um Geld zu verdienen. Das ist für die Dauer einfach zu viel. Ja, ich bin keine Maschine. Ich bin ein Mensch und wir sind alle Menschen, ich glaube, deswegen liebe ich den Marathon, weil das all das Menschliche zeigt.“
Was planst du in den Semesterferien?
„Mit dem Blick nach vorne freue ich mich sehr auf die kommenden Monate im Sommer, in denen das Medizinstudium pausiert und ich eher gezielt trainieren kann, ich werde etwas in der Wissenschaft arbeiten, ich werde ein Projekt zusammen mit einem Arzt von Harvard und mit Puma machen. Wir arbeiten dabei mit Läufern zusammen und untersuchen, wie sich die Belastung der neuen Schuhe den Körper auswirkt.“
Deine langfristige Ziele?
„Ich freue mich schon sehr auf meine Auszeit vom Studium, um mich voll auf den Sport zu konzentrieren. Ich habe hohe Ambitionen im Laufen und ich bin überzeugt, dass ich diese Ziele erreichen kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Ja, ich denke, ich habe aus Wien viel gelernt. Es war ja mein erster großer Marathon als professioneller Sportler, natürlich gehörte auch die WM dazu, aber das war ein anderes Umfeld.“
Interview: Olaf Brockmann
Bilder: © VCM / Max-Louis Köbele