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29 der 44 Individualentscheidungen bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2025 wurden von Athlet:innen gewonnen, die 25 Jahre jung oder jünger bzw. 31 Jahre alt oder älter waren. Diese nicht repräsentative Beobachtung widerspricht ziemlich deutlich einer wissenschaftlichen Erkenntnis, in welcher Periode Sportler:innen ihren Leistungszenit erreichen – nämlich genau dazwischen, mit 27. Wann sind wir Freizeitläufer:innen (theoretisch) am leistungsfähigsten?
Der Traum, einmal ganz oben zu stehen. Bei Olympischen Spielen. Es ist diese faszinierende Vorstellung, die seit Jahrzehnten Zig-Tausende sportliche Talente weltweit motiviert. Nur eine Chance alle vier Jahre. Genau in diesem Moment das volle genetische Potenzial auszuschöpfen – diese Vision treibt Sportler:innen über Jahre in der täglichen Arbeit an, sich bestmöglich auf diesen Moment X vorzubereiten.
Olympische Erfolge leben mitunter von dieser Exklusivmöglichkeit. Der überwiegende Großteil der Olympiasieger:innen erleben diesen Moment tatsächlich nur als „Once-in-a-Lifetime“-Ereignis. Nur Ausnahmesportler:innen, die Größten der Größten, haben mehrere Olympische Goldmedaillen im Trophäenschrank.
Laut Wikipedia sind das in der Olympischen Geschichte der Leichtathletik, die ihre Wurzeln bis ins Premierenjahr 1896 streckt, lediglich 119 Athletinnen und Athleten. Ob diese Liste vollständig ist, ist aufgrund der langen Geschichte vielleicht mit etwas Vorsicht zu genießen. Ähnliche Zahlen gibt es von den Teilnehmer:innen: In der Olympischen Geschichte haben laut Daten des IOC (olympedia.org) nur 8% der Leichtathlet:innen an mehr als zwei Olympischen Spielen teilgenommen. Für sieben von zehn Leichtathlet:innen waren Olympische Spiele dagegen ein singuläres Erlebnis.
Ob es diesen einen „Shot at Glory“ wirklich gibt? Die Forscher David Awosoga und Matthew Chow von der University of Waterloo in Kanada sind in einer Analyse genau dieser Frage nachgegangen: Ob eine Leistungssportkarriere wirklich nur eine Gelegenheit für die absolute Topleistung vorsieht oder ob in einer Laufbahn mehrere goldene Momente wahrscheinlich sind. Dafür untersuchten sie die Daten aller erfolgreicher Leichtathlet:innen bei Olympischen Spielen seit Atlanta 1996.
In der Auswertung von den von World Athletics den Forschern bereitgestellten Daten, bei denen das Alter von bei Olympischen Spielen erfolgreichen Athlet:innen mit vielen Faktoren wie Geschlecht, Nationalität und Trainingsjahre auf Elitelevel verglichen wurde, gelang keine universell gültige, zentrale Aussage. Denn die beiden erkannten zwangsläufig, dass Karriereverläufe stark variierten, weil physiologische Entwicklungen unterschiedlich verliefen, die Komponente Psychologie eine enorme Rolle spielte und natürlich auch Verletzungen Einfluss nahmen. Die Studie wurde 2024 im Magazin „Significance“ veröffentlicht.
Dennoch gelang die Festlegung einer Altersperiode: Durchschnittlich erreichten Athlet:innen ihren individuellen Idealzeitpunkt für Topleistung im Altersspektrum von 26 bis 30 Jahren, die Blütezeit. Nach dem 27. Lebensjahr, ohne signifikante geschlechtliche Unterschiede, stellten die Wissenschaftler:innen eine Abnahme der Wahrscheinlichkeit fest, der Karrierehöhepunkt stünde noch bevor. 27 definiert also eine Art Zenit. Die Forscher trauten sich deswegen zu dieser Aussage, weil die Altersstruktur erfolgreicher Leichtathlet:innen bei Olympischen Spielen im Gegensatz zu anderen Sportarten über fast drei Jahrzehnte konstant blieb.
Eine Einschränkung bringt aber die Vielfalt der Sportart: Die Anforderungen sind zwischen leichtathletischen Disziplinen nicht vergleichbar: Sprinter:innen sind vermehrt in jungen Jahren erfolgreich, während der Marathon traditionell von erfahrenen Läufer:innen bestimmt wurde. Mitentscheidende Komponenten sind dabei, welche Rolle Schnellkraft und Explosivität, Erfahrung, Laufökonomie und körperliches Energiemanagement spielen.
Diesen einen „Shot at Glory“ können wir Freizeitläufer:innen im Sinne eines konkreten „Once-in-a-Lifetime“-Ziels auch haben. Einen sub-3-Marathon etwa. Einen Marathon zu finishen. Die Bestzeit der älteren Schwester in der Familien-Hitliste zu überbieten. Freilich gibt es Unterschiede in der Bedeutsamkeit mit den Profis – und eine höhere terminliche Flexibilität.
Analysen bei großen Straßenläufen zeigen, dass die besten individuellen Leistungen in der Hobbyszene im Schnitt deutlich später als bei den Profis erreicht werden. Ein europäisches Forschungsteam, geleitet vom Griechen Pantelis Nikolaidis, analysierte die Leistungen beim Berlin Marathon im Zeitraum von 2008 bis 2018 auf individuelle Spitzenleistungen. Die Erkenntnisse der 2019 im „International Journal of Environmental Research and Public Health“ veröffentlichten Arbeit definierten das Alter von 32 Jahren als Leistungshöhepunkt bei Marathonläuferinnen, das Alter von 34 Jahren bei Marathonläufern. In Ultraläufen erreichen die Teilnehmer:innen laut einer 2018 veröffentlichten Studie von Nikolaidis gemeinsam mit dem Schweizer Forscher Beat Knechtle ihre Spitzenleistungen sogar noch später im Leben.
Der Grund dafür, dass Hobbyläufer:innen ihren Peak auf individueller Ebene später erreichen als professionelle, ist folgender: Profis arbeiten intensiver und können in kürzerer Zeit individuelle Fähigkeiten der Leistungssteigerung effizienter optimieren, zum Beispiel die aerobe Basis oder die Lauftechnik. Dafür brauchen Hobbyläufer:innen naturgemäß länger. Viele Hobbyläufer:innen beginnen freilich auch später, individuelle Ziele anzuvisieren – während der Weg von potenziellen Olympischen Champions meist schon ab dem Kindesalter vorgezeichnet ist. Damit summiert sich bereits bis zum jungen Erwachsenenalter eine hohe Anzahl von Trainingsjahren.
Mit Blick auf kommende sportliche Großereignisse prognostiziert die statistische Auswertung der Olympischen Erfolge Europas Topstars im Laufsport eine rosige Zeit – in der Theorie. Jakob Ingebrigtsen war im Alter von 19 und 23 Jahren bereits Olympiasieger. 2028 in Los Angeles wird er 27 sein, also genau am theoretischen Höhepunkt seines Schaffens. Keely Hodgkinson gewann Olympisches Gold in Paris 2024 im Alter von 22, in Los Angeles wird sie 26 sein. Femke Bol, die in den 800m-Lauf gewechselt ist (siehe RunUp.eu-Bericht), wird die kommenden Olympischen Spiele als 28-Jährige bestreiten. Europas neues Top-Talent Niels Laros, dem bei der WM 2025 bereits der große Wurf zugetraut worden ist, wird das Alter von 27 Jahren bei den Olympischen Spielen 2032 in Brisbane erreichen.
Zurück zum Saison-Höhepunkt der Leichtathlet:innen, die WM in Tokio im September. Freilich nicht DER Sporthöhepunkt des Sporterlebens der gegenwärtigen Generation, aber einer der wichtigsten Momente. Der Realitätscheck besagt, dass mehr als zwei von fünf Medaillengewinner:innen in den Einzeldisziplinen im aktuellen Jahrhundert geboren sind – also hinblicklich Los Angeles 2028 großteils in das statistische Idealalter kommen werden.
Von den Medaillengewinner:innen in der Altersspanne zwischen 26 und 30 Jahren, in quantitativen Zahlen 52, war fast die Hälfte zum Zeitpunkt des Medaillengewinns 28 Jahre alt. Also 27 bei den Olympischen Spielen von Paris 2024, wenn man die statistische Unschärfe in den Austragungsmonaten beiseite legt.