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Ist Raphael Pallitsch vom Dopingfall Koechs geschädigt?

Jonah Koech war im WM-Halbfinale 2025 besser platziert als Raphael Pallitsch, der den Finaleinzug hauchdünn verpasste. Nun ist der US-Amerikaner disqualifiziert.
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Nach der Disqualifikation von Jonah Koech bei den Weltmeisterschaften von Tokio ist Raphael Pallitsch im offiziellen Halbfinalergebnis nun Sechster. Sechs pro Halbfinale erreichen bei den globalen Großereignissen das Finale. Den WM-Finallauf kann der Österreicher logischerweise nicht nachholen. RunUp.eu analysiert, welche Folgen solche nachträglichen Disqualifikationen für geschädigte Athleten über das verpasste Erlebnis hinaus haben können.

„Dieser Fall ist der Beweis, dass der biologische Pass Doping entdecken kann. Damit ist er für jede Anti-Doping-Organisation ein wichtiges Tool, um fairen Sport zu ermöglichen.“ Das ist das offizielle Statement von Travis Tygart, Geschäftsführer der US-amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA, bei Bekanntgabe der Sperre und der Disqualifikationen von Mittelstreckenläufer Jonah Koech. Fast ein Jahr nach der WM 2025.

So weit, so schön. Dem betroffenen Athleten tut die Sperre von drei Jahren weh, er wird definitiv die Olympischen Spiele von Los Angeles verpassen. Doch wie bei jedem Dopingfall bleiben andere auf der Strecke – in diesem Fall mit Raphael Pallitsch (Union St. Pölten) ein Österreicher.

Die Hundertstelsekunde

Rückblick, 15. September 2025: Raphael Pallitsch kämpft in einem turbulenten WM-Halbfinale mit elf Konkurrenten um die besten sechs Positionen, die den Aufstieg ins Finale bedeuteten. In einem unruhigen Rennen – Olympiasieger Cole Hocker sollte wegen Drängelns disqualifiziert werden, Robert Farken und Federico Riva werden später am Grünen Tisch ins Finale aufgenommen – geht es um die Hundertstelsekunden. Pallitsch wird in 3:36,94 Minuten Siebter, eine Hundertstelsekunde hinter Neil Gourley und Tshepo Tshite. US-Meister Jonah Koech ist fünf Hundertstelsekunden vor Pallitsch im Ziel und bestreitet zwei Tage später das Finale, in dem er 13. wird.

Bereits unter Beobachtung

Das Ärgerliche: Die Unregelmäßigkeiten in den ersten Blutproben, die in der Analyse zur Suspendierung Koechs geführt haben, hat der Athlet zwischen 30. Juli und 8. August 2025 abgegeben – also vor den Weltmeisterschaften von Tokio. Das Resultat von Tokio wurde nun, genauso wie der Titel bei den Trials 2025 in Eugene, gestrichen. Dieses Trialrennen ging in die Geschichte ein, weil Koech in der letzten Runde von Position sieben aus zum Sieg stürmte und dabei Cole Hocker, Yared Nuguse und Hobs Kessler, im Jahr davor bei den Olympischen Spielen auf den Positionen eins, drei und fünf, allesamt düpierte – in persönlicher Bestleistung von 3:30,17 Minuten. Dass Koechs Ergebnis von Tokio gestrichen ist, ist kein Trost für Raphael Pallitsch.

Pure Ironie

Der 36-Jährige hat die Nachricht des Dopingfalls Koechs mit Ärger aufgenommen: „In diesem Szenario war es einfach eine unfaire Situation.“ Es bleibe ein sehr ungutes Gefühl, den Finalplatz verpasst zu haben, weil ein Kontrahent rückwirkend des Betrugs überführt worden ist. „Es ist ironisch, dass mein Name jetzt hinter Platz sechs steht!“

Bei der Milchmädchenrechnung macht der 36-Jährige allerdings nicht mit: „Wäre Koech nicht in Tokio gewesen, wäre ein anderer starker Amerikaner am Start gewesen. Das heißt also nicht, dass meine Position automatisch besser gewesen wäre und es ist schlichtweg nicht zu beurteilen, wie es in einer anderen Konstellation gewesen wäre.“

Die Chancen, die verpasst werden

Dennoch ist das Beispiel ein exemplarisches, was Dopingfälle in der Szene bedeuten. Gelingt den Dopingjägern ein Erfolg, bestrafen Sanktionen und nachträgliche Disqualifikation den betrügenden Sportler. Da sich aber die Zeit nicht zurückdrehen lässt, bleiben die indirekt betroffenen auf der Strecke.

Als WM-Finalteilnehmer wäre das Standing Raphael Pallitschs heute anders. Er hätte leichteren Zugang zu hochkarätigen Meetings und eine andere Ausgangsposition in der Argumentation bei der Suche von Privatsponsoren. „Ein Finaleinzug von Tokio hätte mir womöglich die Tür zu einem Vertrag mit einem Sportausrüster geöffnet“, so der Burgenländer. Es gehe hierbei um einen finanziellen Mehrwert im fünfstelligen Bereich.

Kein Geld aus der Spitzensportförderung

Aber auch die Förderkriterien für Spitzensportler:innen in Österreich nährt sich großteils aus den Resultaten bei Großereignissen. Für Leichtathlet:innen zahlt die Sporthilfe ein Jahr lang eine Förderung von 1.000 Euro pro Monat für einen Top-Acht-Platz bei Weltmeisterschaften und 400 Euro pro Monat für einen Top-16-Platz.

Es ist rein hypothetisch, ob Pallitsch im Finale eine Top-Acht-Platzierung erreicht hätte, aber diese eine Hundertstelsekunde macht einen offensichtlichen Unterschied. Die Top-16-Platzierung hat der Österreicher übrigens auch nicht erreicht: Da er im langsameren der beiden Halbfinalläufe war und zwei Kontrahenten am Grünen Tisch ins Finale aufgenommen wurden, ist er offiziell WM-21.

Verband auf Top-Acht-Platzierungen angewiesen

Nicht nur der Athlet, sondern auch der Verband ist in solchen Fällen potenziell geschädigt, wie ÖLV-Generalsekretär Helmut Baudis betont. Denn der Verband erhält die Sportförderung auf Basis von Resultaten seiner Athlet:innen bei den globalen Großereignissen. Hier bedeutet: Größere Einnahmen ermöglicht bessere finanzielle Unterstützung der Athlet:innen – oder umgekehrt. Gewinnen ÖLV-Athlet:innen in einem Olympia-Zyklus eine Medaille bei Olympischen Spielen und eine bei Weltmeisterschaften, ist der Verband in der höchsten Förderkategorie – so wie nach den Medaillen von Lukas Weißhaidinger (Olympische Spiele von Tokio 2021) und Verena Preiner (WM in Doha 2019).

Hätte Pallitsch den hypothetischen achten Platz bei der WM 2025 in Tokio geschafft, wäre das das österreichische Top-Resultat der Titelkämpfe gewesen und damit hätte der Burgenländer dem Verband eine von zwei erforderlichen Leistungen für die zweite Kategorie beschert – im Moment droht gar ein Abrutschen in die dritte Förderkategorie. Der Unterschied in der Förderung liegt bei jeweils einer fünf- oder gar sechsstelligen Fördersumme für den Verband – jährlich.

Der Dopingfall Jonah Koech

Obwohl der Athlet eine dreijährige Sperre akzeptiert hat – womit er wie in der Szene üblich auch mit der Reduktion der Sperre um ein Jahr belohnt wurde, insistiert er seine Unschuld, wie er in einem Interview mit „Let’sRun.com“ betont: „Ich habe nichts genommen. Ich war immer sauber und werde es immer sein!“ Die Sperre habe er deswegen akzeptiert, um einen lang anhaltenden und kostenintensiven Rechtsstreit zu vermeiden. Er vergleicht seinen Fall mit jenem von Norah Jeruto, 2022 Weltmeisterin im 3.000m-Hindernislauf, die ebenfalls gesperrt und später rehabilitiert wurde.

Jonah Koech ist im kenianischen Eldoret geboren und zog 2015 zum Studium nach Texas. Seit 2021 ist er US-Staatsbürger. Zuletzt lebte und trainierte in Colorado Springs und im kenianischen Hochland, auch wenn er für ein Team aus Baltimore an den Start ging. Zur Saison 2025 hin gelang ihm ein gewaltiger Leistungssprung, er verbesserte seine persönliche Bestleistung im 800m-Lauf um eine Sekunde. Im 1.500m-Lauf, in dem er davor keine internationale Klasse nachweisen konnte, gelang beim Diamond-League-Meeting in Rabat sensationell ein Sieg auf höchster Meetingebene und bei den US-Meisterschaften der Titel mit einer frenetischen Schlussrunde.

Autor: Thomas Kofler
Bild: © ÖLV / Sonia Maleterova – Raphael Pallitsch nach dem knappen WM-Halbfinal-Aus in Tokio 2025.

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