Newsletter Subscribe
Enter your email address below and subscribe to our newsletter


K wie Klassic! Wenn Keely Hodgkinson etwas anstrebt, macht sie es richtig und daher in der Begriffsbezeichnung ihres neuesten Projekts auch keinen Halt vor der Korrektheit der englischen Sprache. Sie darf das, denn Keely ist mehr als nur ein Name. Es ist fast eine Marke. Keely steht für ein Idol, das ihren Fans Schlagzeilen und Content liefert. Etabliert ist das alles im Alter von nur 22 Jahren. Bei der „Keely Klassic“ am 15. Februar in Birmingham möchte sie ihr nächstes Projekt realisieren: ihren ersten Weltrekord.
Am Anfang stand ein Hallenrennen im Ferry-Dusika-Stadion in Wien am 30. Jänner 2021. So zumindest das Gefühl hierzulande. Erschöpft, aber mit beiden Armen in Jubelpose überquerte Keely Hodgkinson erstmals eine Ziellinie eines 800m-Laufs, bevor die Zwei-Minuten-Marke erreicht war. Der Nachname händisch auf der Startnummer vermerkt. Ein steiler Karriereverlauf hat die Engländerin seither zu einem europäischen Sportstar geformt. Aus der Deckung der Pandemie herauskommend hat sie binnen drei Jahren etliche internationale Medaillen gewonnen und sich mit der Olympischen Goldmedaille in Paris 2024 die Krone aufgesetzt. Übrigens nicht sinnbildlich, sondern für einige Minuten im Stade de France auch tatsächlich. Die Worte „Amour“ und „Paris“ erinnern als Tattoo hinter ihrem Ohr an den historischen Erfolg. Die Liebe zu Olympischem Gold traf die ideale Austragungsstadt.
Wer mit 22 Olympiasiegerin wird, steht vor der Herausforderung, sich neue attraktive Ziele setzen zu müssen. Hodgkinson dachte nicht lange darüber nach. Bereits wenige Tage nach dem Sehnsuchtserfolg, gab sie das Startsignal für das längerfristige „Projekt 1:53“. Es meint, den über 41 Jahre alten Weltrekord im 800m-Lauf von Jarmila Kratochvilova (1:53,28) zu verbessern. Es ist der älteste noch bestehende Weltrekord in der Leichtathletik. Hodgkinsons britischer Rekord steht seit dem Diamond-League-Meeting in London im Juli 2024 bei einer Zeit von 1:54,61 Minuten. Es ist die schnellste europäische 800m-Zeit seit 41 Jahren.
Auf dem Weg dorthin möchte die 22-Jährige, sozusagen als Etappenziel, den Hallen-Weltrekord verbessern. Der steht bei einer Zeit von 1:55,82 Minuten und wird seit 2002 von Jolanda Ceplak gehalten. Er stammt aus einem für die österreichische Leichtathletik-Historie bedeutenden Rennen: Bei den Hallen-Europameisterschaften im Wiener Ferry-Dusika-Stadion musste sich die Lokalmatadorin Stephanie Graf ihrer slowenischen Dauerrivalin um die Winzigkeit von 0,03 Sekunden geschlagen geben. Kurioserweise fand dieses Rennen damals exakt an jenem Tag statt, an dem Keely Hodgkinson in Atherton, einem Vorort von Wigan, einer Kleinstadt auf Halbweg von der Industriestadt Manchester in die Hafenstadt Liverpool, das Licht der Welt erblickte. Am 3. März 2002.
Das Talent, die Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie das mentale Setting für solche Leistungshöhen hat Keely Hodgkinson, glaubt Jennifer Meadows. Die ehemalige Mittelstreckenläuferin und Hallen-Europameisterin im 800m-Lauf von Paris 2011, ist die Ehefrau von Trevor Painter, dem Coach von Hodgkinson, und Mentorin der jungen Ausnahmeathletin. Auch sie stammt aus Wigan. „Keely sagt immer, wenn auch etwas schüchtern, dass sie eine der Allergrößten der Leichtathletik-Geschichte werden will. Trevor und ich glauben, dass sie bereits jetzt unter 1:54 Minuten laufen kann. In den nächsten Jahren werden wir uns dem Weltrekord weiter annähern, daran habe ich keinen Zweifel“, sagte die 43-Jährige im August der britischen Tageszeitung „The Telegraph“.
Painter begründete im selben Artikel den Glauben an weitere Leistungssteigerungen damit, dass Hodgkinson bis dato eher wie eine 400m-Sprinterin trainiert hätte und damit Raum für höhere Umfänge im Training bestünde. „Wenn wir den Speed behalten und auf der aeroben Seite uns gut entwickeln, wird sie sehr schnell laufen können. Ich denke, ihren Peak erreicht sie im Alter zwischen 27 und 31 Jahren.“ Diese Einschätzung stützt sich mit einer wissenschaftlichen Analyse, die Anfang Juni 2024 im Magazin „Significance“ veröffentlicht wurde. Sie erörtert auf Basis der Leichtathletik-Erfolge seit den Olympischen Spielen 1996 von Atlanta den besten Leistungszeitpunkt von Spitzensportler*innen im Bereich von 26 bis 30 Jahren.
Technologische Entwicklungen bei den Schuhen sollen auch Komponenten für weitere Steigerungen liefern, außerdem die immer bessere Qualität in der Trainingsgruppe, die Painter und Meadows rund um Hodgkinson in Manchester aufbauen. Zum M11 Track Club gehören neben etlichen hoffnungsvollen Talenten unter anderem die englische Mittelstreckenläuferin und Olympia-Medaillengewinnerin Georgia Bell, die australische 800m-Rekordhalterin Catriona Bisset und der französische 800m-Läufer Benjamin Robert.
„Energie, Leidenschaft, Weltklasse und Top-Erlebnis für das Publikum – das soll die Essenz der ,Keely Klassic’ sein. Es wird eine unvergessliche Erfahrung für alle, die dabei sein werden – mit speziellem Fokus auf den 800m-Lauf“, sagte die Starathletin bei der Event-Bekanntgabe im britischen Leichtathletik-Magazin „Athletics Weekly“. „Wir wollen diesen Event zu einer unvergleichlichen Erfahrung für Athlet*innen und Fans machen sowie eine Atmosphäre, die die Intensität des Weltklassesports mit der Energie der Unterhaltung fusioniert“, so Hodgkinson weiter.
Die Utilita Arena, bereits Schauplatz von Hallen-Europa- und -weltmeisterschaften, sei der ideale Austragungsort. Birmingham hätte immer den Spirit der Leichtathletik mit offenen Armen empfangen. „Es geht mir darum, die nächste Generation zu inspirieren und die Leidenschaft mit ihr zu teilen, die ich empfunden habe, als ich in die Sportart gekommen bin.“
Im Gegensatz zu anderen äußerte Hodgkinson keine Ambitionen, die Leichtathletik in ihrer Meeting-Kultur zu revolutionieren. Sondern es gehe ihr um das Etablieren eines jährlich stattfindenden Hallenmeetings innerhalb des Kalenders von World Athletics, bei dem eine Stunde lang der Spaß an der Leichtathletik genauso wie die sportlichen Leistungen im Vordergrund stehen werden. 2025 wird die „Keely Klassic“ der World Athletics Indoor Tour Bronze angehören.

Auf den 15. Februar fiebern nicht nur Keely Hodgkinson und die britischen Leichtathletik-Fans hin, sondern auch zahlreiche Fachleute und ehemalige Stars. Schließlich hat die junge Mittelstreckenläuferin große Ziele für die kommenden Monate ausgegeben: Sie will laut eines Berichts im „The Telegraph“ Mitte Dezember sowohl bei den Hallen-Europameisterschaften als auch bei den Hallen-Weltmeisterschaften triumphieren – und im September in Tokio erstmals Freiluft-Weltmeisterin werden.
Im Oktober begann sie ihr Vorbereitungstraining im Höhentrainingslager in Font-Romeu in den französischen Pyrenäen, Spätherbst und Winterbeginn verbrachte sie mit kleinen Unterbrechungen in der Höhe von Südafrika. Dort, wo ihr Projekt Olympia-Gold im Jänner 2024 nach der Verletzung, die ihr die Hallen-WM in Glasgow im März gekostet hat, etwas holprig begonnen hat.
Mit 22 ist Keely Hodgkinson längst eines der Aushängeschilder der britischen Leichtathletik – der in den letzten Jahren erfolgreichsten europäischen Leichtathletik-Nation. Über neun Millionen Brit*innen verfolgten das 800m-Finale von Paris 2024 in der BBC. Sebastian Coe, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes, sagte gegenüber der „Daily Mail“, dass er sich schwer tue, eine weibliche britische Leichtathletin aus der Geschichte zu nennen, die über der Bedeutung Hodgkinson für die heutige Leichtathletik in Großbritannien stehe.
Paula Radcliffe, langjährige Marathon-Weltrekordhalterin, ist begeistert von ihrer jungen Landsfrau, wie sie der Nachrichtenagentur PA Media sagte: „Sie ist mental und physisch so unglaublich stark. Wir dürfen nicht vergessen, wie jung sie ist. Weitere Steigerungsraten und Leistungswachstum sind mit 22 normal. Was sie bisher erreicht hat und wie sie ihr Potenzial und Talent abruft, hinterlässt Eindruck. Sie zeigt, dass man wirklich eine coole junge Person sein kann, die viel Spaß mit Freundinnen hat und gleichzeitig die Nummer eins in einer Sportart ist.“ Ihre Bekanntheit beginnt Hodgkinson immer mehr zu nutzen. Zuletzt kritisierte sie den englischen Sport in einem Interview mit der „Daily Mail“, viel zu viel Energie in den nationalen Fußball zu stecken und andere Sportarten wie die Leichtathletik etwas zu vernachlässigen. Ein Mitgrund für die Bemühungen hin zu einem eigenen Meeting.
Hodgkinson gehört bereits mit 22 zu den prominentesten Leichtathletinnen der Welt. Wie groß ihre Bekanntheit und Beliebtheit in ihrer Heimat ist, zeigen diverse Ehrungen in letzter Zeit. Ende Dezember wurde sie vor Darts-Phänomen Luke Littler als „BBC Sports Personality of the Year“ ausgezeichnet, eine sehr wertvolle Auszeichnung im britischen Sport, die jährlich nur an eine Sportlerin oder einen Sportler des Vereinigten Königreichs vergeben wird. Mo Farah war 2017, als er bei der Heim-WM in London Weltmeister wurde, der letzte Leichtathlet, dem diese Ehre zu teil wurde, Kelly Holmes, Doppel-Olympiasiegerin von Athen, vor 20 Jahren die letzte Leichtathletin. „Der Award ist nicht ausschließlich meiner. Er gehört meinem Team, meiner Familie und jeder und jedem, der mich unterstützt“, betonte Hodgkinson demütig.
Ihre Rede bei der Gala eröffnete die Athletin mit den Worten: „Ich bin ein bisschen schockiert.“ Täuschend schüchtern wirkte sie, wie gewohnt in modisch aufregendem Kleid, am Redepult. „2024 war aber ein absolut unglaubliches Jahr für mich“, fand sie. Fast mehr freute sie sich darüber, dass Trevor Painter und Jennifer Meadows den Award für die Coaches of the Year entgegennahmen. „Ohne die beiden wäre ich niemals dort, wo ich jetzt bin“, lautete ihre Anerkennung. Seit fünf Jahren arbeiten die drei im Gespann sehr erfolgreich zusammen: „Sie haben immer an mich geglaubt.“ Außerdem wird im kommenden Jahr Hodgkinson gemeinsam mit anderen britischen Leichtathletik-Stars die Ehrung MBE (Member of the Order of the British Empire) vom englischen Königshaus erhalten.
Das Wettkampfjahr 2025 nimmt Keely Hodgkinson vom Platz an der Sonne in Angriff. Sie ist die Weltspitze. Als Olympiasiegerin und Europameisterin im 800m-Lauf. Die Goldmedaille von Paris ist auch ein Triumph über die Enttäuschung von vor drei Jahren, als sie im Olympischen Finale von Tokio Athing Mu knapp unterlag. Trotz der Silbermedaille im Alter von 19 Jahren ging die Engländerin durch eine mental schwierige Situation, ehe sie sich für neue Ziele im neuen Olympischen Zyklus aufbaute. Mittlerweile empfinde sie Druck als Privileg, sagte sie dem „The Telegraph“.
Die Engländerin war aber nicht immer am Top, wie sie einmal der britischen Tageszeitung „The Guardian“ verriet. Als Teenagerin musste sie sich einen gutartigen Tumor entfernen lassen, der ihren Gehörsinn bedrohte – und folglich ihre Nachwuchskarriere unterbrach. Die Operation war eine riskante, da der Tumor etwa zehn Jahre unbemerkt gewachsen war, berichtete sie. Heute hört sie auf einem Ohr stark eingeschränkt. Damals musste sie sogar das Gehen wieder erlernen, weil ihr Gleichgewichtssinn durch die Operation massiv gestört wurde.
Sie ist auch nicht der Lauf- und Sportstar, wie er im Buche steht. Sie hat ein Faible für (Luxus-)Mode. Sie liebt Oldtimer und gönnt sich spektakuläre Vehikel als Belohnung für bedeutenden sportlichen Erfolg. Sie liebt die Bühne, im Stadion und außerhalb. Sie liebt es, nach Erfolg zu streben und ihre Grenzen auszutesten. „Das Laufen selbst, lassen Sie mich ehrlich sein, ist schrecklich!“, gab sie im Herbst in einem Interview mit der „Sunday Times“ zu. In spektakulärem, weißem Prada-Mantel posierte sie auf dem Cover des Styling-Magazins in der prominenten britischen Zeitung.
Die 22-Jährige fühlt sich in luxuriösen Outfits, bei glamourösen Events sowie in Gesellschaft von Prominenten wohl. Sechs Stunden verbrachte sie vor den Olympischen Spielen 2024 bei der Friseurin, erzählte das „Women’s Health“ Magazin. Es wurde dokumentiert. Ihr Instagram-Profil, auf dem über 500.000 Follower am Laufenden bleiben, bietet eine Mischung aus Sport- und Trainingseindrücken und Posen in modischen Sensationen.
Sie habe nicht in ihre Sportart verliebt, aber ihr Talent und ihre mentale Stärke erkannt. „Ich liebe es, mich gesund und gut zu fühlen. Aber Training ist schrecklich und schmerzhaft“, gibt sie zu. Ihr Privatleben versteckt sie selbst vor der berüchtigten britischen Boulevardpresse erstaunlich gut, eine Beziehung mit einem Läufer, der im Ausland trainierte, hielt drei Jahre lang. Seither ist Hodgkinson single und meinte gegenüber der „Sunday Times“, sie habe im Moment auch keine Zeit, das zu ändern. Wichtiger sei ihr, sich regelmäßig im Freundeskreis zu treffen, abseits des Sports. Ihre Freundinnen hätten „normale Leben, normale Jobs und manche auch Kinder.“
Eine gute Freundin ist Fußballerin Ella Toone, die 2022 im für England erfolgreichen EM-Finale im Wembley Stadium ein Tor gegen die deutsche Nationalmannschaft erzielt hat. Toone spielt für Manchester United, seit je her auch Lieblingsclub Hodgkinsons. Immer wieder lässt sie sich in der VIP-Lounge des Old Trafford Stadiums bei Spielen blicken. Sie wolle einmal so bekannt werden wie Ella Toone, sagte sie einst und bewunderte deren Porträt am Fußballstadion in Manchester.
Dieses Ziel hat sie erreicht, am 5. August 2024. Der Fußballstar jubelte vor dem Fernseher daheim den zwei Jahre jüngeren Laufstar über die Olympische Ziellinie zu Gold. Auch das wurde in den sozialen Medien zelebriert.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Dan Vernon for World Athletics, © ÖLV / Alfred Nevsimal