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23 Jahre und 353 Tage alt war Keely Hodgkinson am gestrigen Abend, als sie erstmals ihren Traum vom 800m-Weltrekord realisieren konnte. Der von Jarmila Kratochvilova im Stadion mag in Zukunft vielleicht noch folgen, gestern krallte sich das Ausnahmetalent aus England den Hallen-Weltrekord. 23 Jahre und 353 Tage alt war dieser, gehalten von Jolanda Ceplak, erzielt im denkwürdigen Duell gegen die Österreicherin Stephanie Graf bei deren Heim-EM 2002 im Ferry-Dusika-Stadion in Wien. Damals ahnte niemand, dass ihre Nachfolgerin am selben Tag im nordenglischen Atherton das Licht der Welt erblickt hatte.
Selbst die Größten können Freude verbreiten wie die Kleinen. Und so hatte der Moment, als Keely Hodgkinson das, wie in solchen Fällen üblich, vorbereitete Schild mit der Bekanntgabe des neuen Weltrekords für Posen vor den Fotograf:innen in die Hand nahm, etwas von Kinderaugen unter dem mit Geschenken bestückten Weihnachtsbaum. Sie freute sich ehrlich und machte einen symbolischen Schneeengel auf der Laufbahn der Arena Stade Couvert. Nach 1:54,87 Minuten vollstem Einsatz, der ihre Grenzen im 800m-Lauf verschoben. Und gleichzeitig die Grenzen des bisher Gesehenen. „Diese Zeit zeigt, was ich zu leisten imstande bin. Ich wollte den Weltrekord nicht nur brechen, ich wollte ihn pulverisieren. Daher war ich selbst neugierig zu sehen, wie schnell ich wirklich laufen könnte. Ich bin überglücklich“, sagte die Engländerin, die betonte, wie wichtig es sei, dass sie in letzter Zeit durchgehend gesund war. Im Gegensatz zu den letzten beiden Wintern.
Selten zuvor war ein Weltrekord angesichts der Vorzeichen so wahrscheinlich wie gestern. Das entsprach laut eigenen Aussagen auch den Erwartungen Hodgkinsons, die mit vollmotivierten Schritten auf der Außenbahn in den Wettkampf startete. Angesichts dieser Anfangsgeschwindigkeit musste sich die polnische Tempomacherin Anna Gryc sputen, um plangemäß als Erste in die zweite Kurve einzubiegen. Mit Zwischenzeiten von 26,47 und 55,56 Sekunden für die ersten beiden Runden brachte sie Hodgkinson auf Kurs.
Sie habe sich nicht unter Druck gesetzt gefühlt, den Weltrekord brechen zu müssen, hatte sie bereits im Vorfeld gesagt. Doch ihr gelang genau das aufgrund einer zweiten Runde unter einer Minute. Erst aus der letzten Kurve heraus musste Hodgkinson dem Tempo etwas Tribut zollen und mit hochangestrengtem Gesichtsausdruck das Rennen zu Ende laufen, was angesichts der ersten dreieinhalb Runden nun wahrlich kein Wunder war. Nur 0,26 Sekunden fehlten letztendlich auf ihren eigenen britischen Freiluftrekord.
Dass der Hallen-Weltrekord gestern Abend fiel, überraschte spätestens nach Hodgkinsons Auftritt im Vorlauf zu den britischen Meisterschaften am vergangenen Samstag kaum jemanden (siehe RunUp.eu-Bericht). Eher erstaunte die Deutlichkeit, schließlich blieb die Britin fast eine Sekunde unter dem bisherigen Weltrekord. „Ich wollte diesen Weltrekord unbedingt. Seit Wochen habe ich gezielt auf diese Minuten hingearbeitet“, betonte sie im Hallen-Interview und bedankte sich artig beim Publikum für dessen Unterstützung. Dass sie dieses Selbstbewusstsein mit in den Norden Frankreichs genommen hatte, zeigt die Tatsache, dass sie die Wavelights auf eine Zeit von 1:53,80 Minuten einstellen ließ. Bis zur letzten Kurve war Hodgkinson dieser Marke übrigens bedrohlich nahe.
Mit einem Performance Score von 1.272 Punkten ist der neue Hallen-Weltrekord laut World Athletics die wertvollste Leistung in der Karriere der Olympiasiegerin. Im Freien ist sie nur zweimal schneller gelaufen – und das nur knapp: bei ihrem britischen Rekord von 1:54,61 Minuten in London 2024 kurz vor den Olympischen Spielen und bei ihrem Comeback aus der Verletzungspause im letzten Spätsommer in Chorzow. Ihre vierte sub-1:55-Leistung erzielte sie bei den Weltmeisterschaften in Tokio, wofür sie allerdings „nur“ mit Bronze belohnt wurde.
Obwohl das Feld in Liévin stark besetzt war, klaffte hinter der Siegerin im Ziel eine große Lücke von dreieinhalb Sekunden. Audrey Werro rettete sich in einer Zeit von 1:58,38 Minuten auf dem zweiten Platz vor der ehemaligen Hallen-Weltmeisterin Tsige Duguma aus Äthiopien und deren Landsfrau Nigist Getachew, die bei den letzten Hallen-Weltmeisterschaften Silber gewann. Die Schweizerin, die mit zwei nationalen Hallenrekorden bisher positive Schlagzeilen in dieser Hallensaison produzierte, ging mutig in den Wettkampf und legte mit einer pfeilschnellen Startphase die Entschlossenheit an den Tag, das Tempo Hodgkinsons mitzugehen. Nach 150 Metern musste sie fast ein bisschen rausnehmen, um den Platz im Rücken der Favoritin einnehmen zu können.
Für die 21-jährige U23-Europameisterin mag diese Strategie eine wichtige Lehre gewesen zu sein, auch im Bestreben, zukünftig eine gewichtige Rolle in der Weltklasse zu spielen und es mit Größen wie Hodkginson aufzunehmen. „Ich mag es schnell ins Rennen zu starten. Daher hatte ich keine Angst vor Keelys Tempo. Es ist kein Geheimnis, dass ich hier gerne eine Bestleistung gelaufen wäre, aber ich bin dennoch glücklich“, sagte sie nach dem Rennen.
Als in der dritten Runde, nach dem Ausscheiden der Tempomacherin, eine kleine Lücke zur Britin aufging, wurde das Rennen für die junge Schweizerin schwierig. Sie brach aber nicht komplett ein und wählte einen Rhythmus, der ihr Platz zwei absicherte. Eine Sekunde blieb sie über ihrem Schweizer Rekord. Im Ziel quittierte die Diamond-League-Gesamtsiegerin des letzten Jahres ihren eigenen Auftritt mit einem Lächeln und war mit einer herzlichen Umarmung die erste Gratulantin der neuen Weltrekordlerin.
Danach kamen sie alle zum Umarmen: Mentorin Jennifer Meadows, Teamkollegin und Trainingspartnerin Georgia Hunter-Bell, Erfolgstrainer Trevor Painter. Die Eltern in der ersten Reihe auf der Tribüne mussten sich mit einem Selfie zufrieden geben. Immerhin der erste familieninterne Fotobeweis, exklusiv abgedrückt von der neuen Weltrekordhalterin.
Keely Hodgkinsons Trainingspartnerin Georgia Hunter Bell gewann den 1.500m-Lauf der Frauen in einer Zeit von 4:00,21 Minuten vor den beiden Äthiopierinnen Birke Haylom und Saron Berhe. Über die doppelte Distanz feierten die Äthiopierinnen Freweyni Hailu mit einer Weltjahresbestleistung von 8:24,59 Minuten und Aleshign Baweke einen Doppelsieg. Die drittplatzierte Nadia Battocletti lief in 8:26,44 Minuten einen italienischen Hallenrekord und verpasste den Hallen-Europarekord von Laura Muir nur um einen Wimpernschlag. Nationale Hallenrekorde gab es auch für Spanien (Marta Garcia) und Frankreich (Sarah Madeleine).
Der 3.000m-Lauf der Männer war ausgerichtet auf einen neuen französischen Rekord durch Azzedine Habz. Der 32-Jährige hätte dafür die erst elf Tage alte Zeit von Yann Schrub (7:29,38) unterbieten müssen. Der 1.500m-Spezialist agierte stark und löste sich rund zwei Minuten vor der geplanten Zielankunft aus dem Windschatten Addisu Yihunes. Zwischenzeitlich führte der Lokalmatador trotz guter afrikanischer Konkurrenz klar, zum Schluss ging ihm aber das Benzin aus und er fiel noch auf Rang vier zurück, seine eigene Bestleistung verpassend. Der Äthiopier Yihune siegte in 7:33,58 Minuten.
Freiluft-Weltmeister Isaac Nader hat seinen portugiesischen Hallenrekord im 1.500m-Lauf verbessert. Der 26-jährige siegte in einer Zeit von 3:32,44 Minuten vor Federico Riva (3:33,04), Andrew Coscoran (3:33,09) und Stefan Nillessen (3:33,64), die allesamt ebenfalls nationale Rekorde für Italien, Irland und Holland aufstellten. Naders Lebenspartnerin Salomé Afonso erreichte im 2.000m-Lauf der Frauen Rang zwei in 5:30,31 Minuten, klar hinter der australischen Siegerin Jessica Hull (5:26,68), aber noch vor 1.500m-Hallen-Europameisterin Agathe Guillemot aus Frankreich. Sowohl Hull als auch Afonso markierten neue Kontinentalrekorde über die selten ausgetragene Distanz in der Halle. Den bisherigen Hallen-Europarekord hielt die rumänische Lauflegende Gabriela Szabo.
Einen neuen Meetingrekord zauberte der belgische Hallen-Spezialist Eliott Crestan im 800m-Lauf auf die Bahn von Liévin. Der 26-Jährige siegte in einer Zeit von 1:43,91 Minuten deutlich vor dem starken Polen Maciej Wyderka und Slimane Moula aus Algerien. Im B-Lauf erzielte Sieger Alexander Stepanov aus Deutschland eine persönliche Hallen-Bestleistung von 1:45,89 Minuten. Im namhaft besetzten B-Lauf über 800m der Frauen blieb die Schweizerin Valentina Rosamilia als Siegerin unter zwei Minuten.
Autor: Thomas Kofler
Bild: James Rhodes