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Kein Olympia-Start für Lobalu unter Schweizer Flagge

Der Schweizer Dominic Lobalu ist frisch gebackener Europameister im 10.000m-Lauf. Bei den Olympischen Spielen darf er sein Heimatland aber nicht repräsentieren.
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Kaum waren die Leichtathletik-Europameisterschaften beendet und die Freude Dominic Lobalus über seine Goldmedaille im 10.000m-Lauf am Abebben, kommunizierte das Internationale Olympische Komitee, dass der Neo-Schweizer bei den Olympischen Spiele nicht für seine Wahlheimat antreten dürfe. So wird es nun auch kommen. Es greift Plan B: die Einladung ins Olympic Refugee Team.

Man lasse sich die Chronologie auf der Zunge zergehen. Seit 10. Mai 2024 ist Dominic Lobalu nach jahrelanger Lobbyarbeit und Verhandlungen zwischen dem Schweizer Leichtathletik-Verband (Swiss Athletics) und dem Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) für die Schweiz startberechtigt (siehe RunAustria-Story über die Lebensgeschichte von Dominic Lobalu). Die Europameisterschaften 2024 in Rom waren demnach der erste internationale Großevent, an dem der 25-Jährige mit Startberechtigung für den Schweizer Verband antrat. Er eröffnete mit der Bronzemedaille über 5.000m und vergoldete am Schlusstag seinen Wettkampf über die doppelte Distanz.

IOC bremst die Schweiz aus

Exakt ein Tag lag zwischen dem Goldtriumph Lobalus im Stadio Olimpico und einem Statement von Swiss Athletics, welches auf die Nachricht des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Lobalu die Starterlaubnis unter Schweizer Flagge zu verweigern, veröffentlicht wurde. Er solle eine Einladung für das prestigeträchtige Refugee Team des IOC erhalten, hieß es. Swiss Athletics habe die Entscheidung mit Verwunderung und Unverständnis zur Kenntnis genommen und sah den vollständigen Regelrahmen gegeben, dass Lobalu für die Schweiz startberechtigt sei, betonte man von Schweizer Seite. Der nationale Verband unseres Nachbarlandes formulierte vorerst unklar und diplomatisch: Das Ziel sei es, Lobalu in Absprache mit ihm eine erfolgreiche Olympia-Teilnahme zu ermöglichen. Der Satz ließ offen, unter welcher Flagge.

Am vergangenen Freitag vermeldete der Schweizer Leichtathletik-Verband, dass Lobalu in Paris nicht für die Schweiz an den Start gehen, der Athlet anstatt dessen die Einladung für das Olympics Refugee Team annehmen wird. „Auch wenn ich gerne für mein neues Heimatland angetreten wäre, freue ich mich über die Chance, an den Olympischen Spielen starten zu dürfen. Für mich geht ein Traum in Erfüllung“, wird er in einem von Swiss Athletics veröffentlichten Statement zitiert. „Ich bin all jenen Menschen ganz fest dankbar, die mich in den letzten Jahren auf meinem Weg begleitet, mich unterstützt und an mich geglaubt haben. Ich weiß, wo ich herkomme – und wo ich hingehöre. In Paris werde ich auch mit der Schweiz im Herzen laufen!“

IOC beruft sich auf fehlende Staatsbürgerschaft

Das IOC argumentiert damit, dass Lobalu nicht in Besitz der Schweizer Staatsbürgerschaft und damit laut Olympischer Charta in Paris 2024 nicht für die Schweiz startberechtigt sei. Damit ist dieser Fall ein Unikum, denn es kommen zwei wichtige Voraussetzungen zusammen. In kaum einem anderen Land weltweit ist die Erlangung der Staatsbürgerschaft in theoretisch wie praktischer Ausführung der Kriterien so schwierig wie in der Schweiz. Dort lebt der im Kindesalter von seiner Heimat Südsudan unter Verlust seiner engsten Familienmitglieder nach Kenia geflüchtete Lobalu seit 2019. Schweizer Medienberichte stellen fest, dass Lobalu frühestens 2031 einen Schweizer Pass bekommen könne.

Damals, bereits dem internationalen Flüchtlingsteam angehörig, setzte er sich nach einem Wettkampf in der Schweiz ab und beantragte Asyl. Damit hat er das Flüchtlingsteam, welches im Norden Kenias von der bekannten, ehemaligen Marathonläuferin Tesla Loroupe betreut wird und einen Stamm für das internationale Flüchtlingsteam bildet, bewusst verlassen und laut Schweizer Medien in Anschluss nicht mit an Kritik in Betreuungsfragen gespart. Somit dürfte die Freude über die Rückkehr ins Olympic Refugee Team tatsächlich begrenzt sein.

Der Schweizer Verband betont allerdings, dass Lobalu in Paris von seinem Schweizer Trainer Markus Hamann betreut wird und zudem auf ihm bekannte Personen aus dem Staff von Swiss Athletics in der direkten Betreuung vor Ort zählen kann. Lobalu hat laut der Schweizer Tageszeitung „Blick“ als anerkannter Flüchtling mit Asylberechtigung einen B-Ausweis, der ihm erlaubt, längerfristig in der Schweiz zu leben.

Eigene Regeln unter den fünf Ringen

Der zweite wichtige Punkt ist die Zustimmung des Nationenwechsels von Seite des Leichtathletik-Weltverbands. Dieser verzichtete sogar auf die gängige, dreijährige Schutzsperre für Starts an internationalen Meisterschaften. Auch, weil Swiss Athletics glaubhaft die Situation Lobalus darstellen konnte, dass weder Athlet noch der Verband vordergündig finanziellen Interessen verfolgen, den Nationenwechsel voranzutreiben. Diese Entscheidung gilt für Leichtathletik-Weltmeisterschaften und, da der Kontinentalverband sie übernahm, auch für Europameisterschaften. Bei Olympischen Spielen setzt aber das IOC den Regelrahmen. Damit entsteht folgender kurioser Spagat: Lobalu kann bei allen Rennen, egal ob Meisterschaften oder Meetings, unter Schweizer Flagge laufen, nur nicht bei den Olympischen Spielen.

In wie vielen Disziplinen Lobalu in Paris an den Start gehen wird, ist noch nicht endgültig gesichert. Im 5.000m-Lauf ist der Schweizer als Achter der „Road to Paris“ prächtig platziert. Das Olympia-Limit von 13:05,00 Minuten unterbot Lobalu beim schnellen 5.000m-Lauf in Oslo deutlich, um 14 Sekunden. Im 10.000m-Lauf verpasste der Europameister die Qualifikation über die Weltrangliste denkbar knapp, landete auf Platz 28 punktgleich hinter Jimmy Gressier aus Frankreich, der als 27. den letzten Startplatz inne hat. Eine endgültige Rangliste wird in den kommenden Tagen erwartet. Diese Ausgangsposition ist für Lobalu auch deshalb so bitter, weil das Qualifikationsprozedere für den 10.000m-Lauf durch die Integration von Ergebnissen aus dem Crosslauf durchaus auf umstrittene Art und Weise ergänzt wurde.

Plan B für den Traum der Medaille

Lobalu, so skizzieren Schweizer Medien seit Wochen, hätte eine klare Präferenz gehabt: nämlich ein Start für die Schweiz. Das lässt sich ohne viel Fantasie aus dem Zitat in der Newsmeldung auf der Website von Swiss Athletics auch herauslesen. Eine gute Vorbereitung auf die Olympischen Wettkämpfe, bei denen Lobalu durchaus Chancen auf Topplatzierungen hat, ist für ihn und sein Umfeld gesichert, wohl auf Basis von Gesprächen und Verhandlungen im Hintergrund.

Der 25-jährige On-Athlet, der in St. Gallen lebt und für den LC Brühl läuft, wird nun seinem Ursprungsplan treu bleiben und sich nach seinem Schweizer Meistertitel am Wochenende im 1.500m-Lauf im Höhentrainingslager von St. Moritz auf den Saisonhöhepunkt vorbereiten – also außerhalb des Olympic Refugee Teams. Diese professionelle Vorbereitung war dem Umfeld des Athleten laut Schweizer Medienberichten wichtig. Schließlich hat Lobalu schon vor Jahren öffentlich das Ziel ausgegeben, als erster Flüchtlingsathlet der Geschichte eine Medaille gewinnen zu wollen.

Der Schweizer Verband machte auch kein Geheimnis daraus, gegen die IOC-Entscheidung eine Revision eingelegt und für einen Start unter Schweizer Flagge plädiert zu haben. Letztendlich vergeblich.

Autor: Thomas Kofler
Bild: © Sports Media / On

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