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Während Äthiopien und Kenia in der Kujawi Pomorze Arena von Torun ein historisches Waterloo erlebten, feierten Europas beste Läuferinnen und Läufer beeindruckende Erfolge. Der 17-jährige Cooper Lutkenhaus aus den USA schrieb im 800m-Lauf Geschichte. Die Lauf-Highlights des Wochenendes kompakt zusammengefasst.
Im Medaillenspiegel der Hallen-Weltmeisterschaften 2026 in Torun sucht man drei der bedeutendsten Leichtathletik-Nationen vergeblich: Kenia, Äthiopien und Deutschland. Die beiden ostafrikanischen Laufhochburgen waren auf keinem Siegerfoto der sechs Laufbewerbe vertreten, mehr als die vierten Plätze von Jacob Krop (Kenia, 3.000m), Aleshign Baweke (Äthiopien, 3.000m) und Nigist Getachew (Äthiopien, 800m) standen nicht zu Buche. Die 800m-Hallen-Weltmeisterin von 2024, Tsige Duguma, verpasste die Titelkämpfe aufgrund von Problemen mit dem Visum. So musste sich die erfolgsverwöhnte afrikanische Leichtathletik mit einer Bronzemedaille für Algerien und Senegal trösten.
Dieses Abschneiden ist eine historische Sensation, selbst wenn wie gewöhnlich in der Hallensaison Topstars wie Faith Kipyegon oder Emmanuel Wanyonyi, beide Olympiasieger, fehlten, dazu Beatrice Chebet, die in Mutterschaft ist. In den bisherigen 20 Ausgaben gewannen afrikanische Athletinnen und Athleten immer mindestens eine Medaille in den Laufdisziplinen, in den letzten 19 Ausgaben war es immer mindestens eine in Gold, seit 31 Jahren immer mindestens zwei Goldene.
Folgerichtig verpassten die beiden afrikanischen Nationen auch Top-Ten-Plätze im Placing Table klar, Äthiopien war mit 17 Punkten noch etwas besser als Kenia mit zwölf. Ein ganz anderes, neues Bild in der internationalen Einordnung!
Insgesamt standen die Hallen-Weltmeisterschaften wie alle jüngeren Großereignisse ganz im Zeichen der US-Distanz. In den Laufdisziplinen hat sich der Aufschwung der europäischen Nationen nicht nur fortgesetzt, sondern rasant beschleunigt. Die Erfolge sind gigantisch: Fünf der sechs Laufentscheidungen hatte europäische Siegerinnen und Sieger, dazu kamen fünf weitere Medaillen.
In der sportlich wohl herausforderndsten Entscheidung sicherte sich Josh Kerr zum zweiten Mal Hallen-WM-Gold im 3.000m-Lauf. Im schnellsten WM-Rennen seit Haile Gebrselassie vor 29 Jahren besiegte der Schotte im „Duell der Giganten“ Cole Hocker, amtierender Freiluft-Weltmeister im 5.000m-Lauf – der gefürchtete Schlussspurt des Amerikaners, der zu Beginn der letzten Runde bei Kerr-Führung nur auf Position sechs lag, zündete zu spät. Bei den Olympischen Spielen von Paris 2024 hatte Hocker Kerr überraschend im Kampf um Gold besiegt. Im Vorfeld erinnerte der 28-jährige Schotte die Öffentlichkeit aber nachdrücklich daran, dass er glaube, er sei der Beste der Welt auf seinen Distanzen. Er lieferte den Beleg!

In Torun trennten die beiden 0,14 Sekunden. Immerhin schob sich Hocker im letzten Wimpernschlag des Rennens noch am Franzosen Yann Schrub vorbei, der sich mit Bronze ein passendes Geburtstagsgeschenk zum 30er am Tag davor organisierte. Der ehemalige Crosslauf-Europameister holte die einzige Medaille an einem für die französische Leichtathletik enttäuschendem Wochenende. Es ist nicht so, dass Frankreich in den letzten Jahren bei Hallen-Weltmeisterschaften abräumte, schlechter lief es jedoch zuletzt vor 18 Jahren.

Gleich bei ihrer ersten Hallen-WM-Teilnahme schnappte sich Nadia Battocletti die Goldmedaille im 3.000m-Lauf. Sie übertrumpfte Jessica Hull aus Australien gut 100 Meter vor dem Ziel und jubelte dank eines überlegenen Schlussspurts über ihre erste globale Goldmedaille in einer Zeit von 8:57,64 Minuten. Es ist die erste Goldmedaille in dieser Disziplin für einen europäischen Verband seit Olga Yegorova aus Russland vor 25 Jahren, eine später überführte Dopingsünderin.
Nachdem ihre Freudentränen getrocknet waren, lobte sie sich für ihren Auftritt: „Es war ein heißer Tanz, aber in den kritischen Momenten habe ich das Beste aus mir herausgeholt. Es ist ein Traum!“ Der italienische Verband adelte sie in seinem Bericht mit der Einschätzung, Battocletti würde in ihrer Karriere alles richtig machen. Die Athletin beschwichtigte, sie sei aufgrund des Ramadans und des Prüfungsstresses an der Universität in den letzten Wochen gar nicht in Topform angereist.

Ihre Goldmedaille leistete einen wesentlichen Beitrag zum erfolgreichsten Abschneiden des italienischen Teams in der Geschichte von Hallen-Weltmeisterschaften. Noch vor Hull sicherte sich Emily Mackay aus den USA die Silbermedaille, auch für sie der größte Erfolg ihrer Karriere.
Hull war die einzige Läuferin in den Tagen von Torun, die zwei Medaillen holte. Am Tag darauf stürmte sie zu einem ozeanischen Hallenrekord von 3:59,45 Minuten im 1.500m-Lauf und sicherte sich wie schon bei den Olympischen Spielen von Paris die Silbermedaille. Noch besser war lediglich Keely Hodgkinsons Teamkollegin Georgia Hunter Bell aus Großbritannien, die ihrer Favoritenrolle in einer Zeit von 3:58,53 Minuten gerecht wurde. „Eine süße Erleichterung“, fand die 32-Jährige, die erst seit wenigen Jahren als Profi unter der Regie von Erfolgstrainer Trevor Painter arbeitet. Nach Olympia-Bronze über 1.500m und WM-Silber in Tokio über 800m feierte sie ihren ersten globalen Erfolg.

Die Bronzemedaille sicherte sich die Amerikanerin Nikki Hiltz, Hallen-Europameisterin Agathe Guillemot blieb trotz eines tollen französischen Hallenrekords von 3:59,71 Minuten knapp ohne Edelmetall. „Ich bin in der Form meines Lebens. Daher habe ich ein weinendes und ein lachendes Auge“, sagte die 26-Jährige der „L’Équipe“. Nur Fünfte wurde am Ende die Äthiopierin Birke Haylom, die sich mit einem waghalsigen Tempo von der zweiten Runde an verspekulierte und eingangs der letzten Runde von Hunter-Bell und Co. geschluckt wurde.

Ihrer Favoritenrolle gerecht wurde Olympiasiegerin Keely Hodgkinson, die bei ihrer – aus Verletzungsgründen – ersten Hallen-WM-Teilnahme Gold gewann. Und das im standesgemäßen Alleingang vom ersten bis zum letzten Meter sowie in deutlicher Überlegenheit und einer Riesenzeit: 1:55,30 Minuten, das ist 1,6 Sekunden schneller als beim bisherigen Meisterschaftsrekord von Ludmila Formanova aus dem Jahr 1999 und die zweitschnellste 800m-Zeit in der Halle hinter ihrem eigenen vor einem Monat aufgestellten Hallen-Weltrekord (1:54,87). Nach dieser Galavorstellung mit einer beeindruckenden zweiten Rennhälfte zeigte sie eine weitere singuläre mit der 4x400m-Staffel mit dem laut Medienberichten schnellsten Split im gesamten Feld, allerdings ohne Medaillengewinn.
„Wir haben eine tolle Trainingsgruppe“, sagte die 23-Jährige gegenüber „Athletics Weekly“, nachdem sie gemeinsam mit Stabhochspringerin Molly Caudery und Trainingspartnerin Georgia Hunter-Bell den britischen Gold-Hattrick binnen weniger Minuten gefeiert hatte. „Georgia und ich arbeiten sehr hart und puschen uns in jeder Trainingseinheit gegenseitig. Das ist großartig, ich bin ihr richtig dankbar für die Freundschaft, die Rivalität und unser Training.“

Bestechend lief auch Audrey Werro, die mit einem phänomenalen letzten Hunderter ihren Schweizer Hallenrekord auf eine Zeit von 1:56,64 Minuten verbesserte und sich mit Silber ihre erste bedeutende Medaille im Erwachsenenbereich verdiente. Die fast 22-Jährige setzte sich mit einer tollen zweiten Rennhälfte gegen die Konkurrenz um Silber klar durch und schob sich damit auf Rang fünf der ewigen europäischen Hallen-Bestenliste. Bronze gewann Addison Wiley aus den USA, auch für sie der größte Erfolg ihrer bisherigen Karriere. Die 21-Jährige ließ der äthiopischen Hallen-WM-Silbermedaillengewinnerin von Nanjing 2025, Nigist Getachew, keine Chance im Kampf um die Medaille. Dahinter sorgte die Australierin Hayley Kitching mit Platz fünf für eine Sensation.

Für die größte Sensation des Wochenendes im Laufbereich sorgte der ehemalige 800m-Hallen-Weltmeister Mariano Garcia als neuer Indoor-Weltmeister im 1.500m-Lauf. Der 28-Jährige gewann jedoch nicht aufgrund seines Schlussspurts, sondern führte das Feld konstant von der zweiten Runde an in erst gemächlichen Tempo an, das er in einen Steigerungslauf führte.
Top-Favorit Isaac Nader, Weltmeister von Tokio, lag vor der letzten Runde in optimaler Position, doch von vorne hatte Garcia den besseren Schlussspurt und sicherte sich die Überraschung in 3:39,63 Minuten. Nie zuvor hat ein Athlet bei Hallen-Weltmeisterschaften Gold auf beiden Mittelstrecken geholt, Garcias 800m-Gold liegt vier Jahre zurück, in seinem mit Abstand besten Wettkampfjahr. Nun krönte er auf Anhieb seine erste Saison, in der er den vollen Fokus auf die längere Mittelstrecke legt. Hinter Nader, der zwar seine Bronzemedaille von Nanjing upgradete, aber enttäuscht von dannen zog, gewann Adam Spencer aus Australien Bronze: „Unglaublich!“

2012 bei den Hallen-Weltmeisterschaften von Istanbul schrieb Mohammed Aman Geschichte: Im Alter von 18 Jahren und 61 gewann er Hallen-WM-Gold im 800m-Lauf, als bis dato jüngster Athlet der Meisterschaftsgeschichte. Der von der Bildfläche des Spitzensports verschwundene Äthiopier ist nun abgelöst: Cooper Lutkenhaus, der im vergangenen Sommer mit Platz zwei bei den Trials und in der aktuellen Hallensaison schon für Furore sorgte, ist erst 17 Jahre und 93 Tage alt – und nun Hallen-Weltmeister im 800m-Lauf. Der bisher jüngste WM-Medaillengewinner war laut dem „Canadian Running Magazine“ die kubanische Hochsprunglegende Javier Sotomayor, der damals 1985 vier Tage älter war als der US-Boy gestern.
Der junge Amerikaner, seit einigen Monaten mit einem Profivertrag von Nike ausgestattet, gewann das Duell um Gold gegen den leicht favorisierten Eliott Crestan aus Belgien in einer Zeit von 1:44,24 Sekunden mit 0,14 Sekunden Vorsprung. Damit erreichte er die schnellste Zeit bei Hallen-Weltmeisterschaften seit der kenianisch-dänischen 800m-Legende Wilson Kipketer 1997 in Paris. Bereits im Halbfinale bestach Lutkenhaus mit einer Zeit von 1:44,29 Minuten, die ihn allerspätestens in die Mit-Favoritenrolle hievte. Im Finale übernahm er zur Halbzeit die Führung von Crestan und wehrte dessen Konterversuche beim Glockenton zur letzten Runde sowie entlang der Zielgerade ab.

Während der Teenager aus Texas jubelte, musste der Belgier wie schon vor einem Jahr mit Silber Vorlieb nehmen. „Ich fühle eine leichte Enttäuschung. Aber Coopers Beschleunigung war sehr stark“, lobte Crestan seinen um neun Jahre jüngeren Kontrahenten. „Er ist ein unglaubliches Talent und könnte der neue Rudisha werden.“ Bronze ging an Mohamed Attaoui aus Spanien, da half dem viertplatzierten Peter Bol aus Australien selbst ein ozeanischer Kontinentalrekord für Hallenrennen nicht. Der 32-Jährige wurde wie bei den Olympischen Spielen 2021 Vierter und bliebt ohne globale Medaille. Dass der Kroate Marino Bloudek und der bis dato praktisch unbekannte Japaner Allon Tatsunami Clay auch im Finale waren, zählte zu den Überraschungen der Titelkämpfe.
Trotz der Abwesenheit von Emmanuel Wanyonyi und Marco Arop herrschte ein hohes Niveau. Die polnische Hoffnung Maciej Wyderka verpasste trotz einer Zeit von 1:44,59 Minuten das Finale. Das ist eine Sekunde schneller als die bisher beste Zeit in der Geschichte von Hallen-Weltmeisterschaften, die nicht für den Finaleinzug gereicht hat. Ähnlich ging es der Italienerin Eloisa Coiro, die im Halbfinale mit einer Leistung von 1:59,33 Minuten scheiterte. Bisher hatte eine Zeit unter zwei Minuten immer zum Einzug ins Finale bei Hallen-Weltmeisterschaften gereicht.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Dan Vernon for World Athletics, © Christel Saneh for World Athletics