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Am Ende musste Lisa Redlinger im TV-Interview mit dem ORF zugeben, dass sie weder mit der Platzierung noch mit der Zeit zufrieden sein könne. Der langsamste 5.000m-Endlauf der EM-Geschichte brachte große taktische Herausforderungen mit sich, besonders für auf dieser Bühne unerfahrene Läuferinnen wie die 23-Jährige. Die Vorarlbergerin beendete das Rennen nach 15:57,19 Minuten auf dem 17. Platz. An der Spitze wurde Nadia Battocletti ihrer Favoritenrolle gereicht.
Lisa Redlinger (TS Lustenau) war sicherlich nicht die einzige, die an diesem für Birmingham mit 28°C Lufttemperatur sehr sommerlichen Abend überrascht wurde. Ganz im Gegensatz zu den letzten drei Meisterschaftsentscheidungen in dieser Disziplin mit den prominenten Siegerinnen Sifan Hassan, Konstanze Klosterhalfen und Nadia Battocletti entwickelte sich kein flottes, sondern ein aufreizend langsames Rennen, dessen Gestaltung über eine Rennhälfte lang die Außenseiterinnen übernehmen durften. Das hatte vor allem den Grund, dass sich im Gegensatz zu den genannten Beispielen aus der jüngeren Vergangenheit keine Athletin mit dem Interesse fand, das Tempo hochzuhalten.
Und so dümpelte das geschlossene Feld mit teilweise 80-Sekunden-Runden Richtung einer immer spannenderen und engeren Entscheidung auf dem Schlusskilometer hin. Im Interview mit dem ORF dachte die Österreicherin im Nachgang des Rennens offen darüber nach, ob sie nicht doch – auch gegen der von ihrem Trainer Markus Hagmann ausgerufenen Taktik – hätte sollen früh an die Spitze gehen und ihr Tempo laufen. Dann wäre sie möglicherweise zumindest mit ihrer Zeit zufrieden, schätzte sie. Wusste aber: „Dann wären die anderen auch alle vorbeigelaufen.“
Das passierte ihr auch so, weil sie rund um die 4.000m-Marke, als die Post abging, irgendwo auf der Innenbahn im riesigen Feld feststeckte und nicht gleich auf die Geschehnisse reagieren konnte. Danach war der sprichwörtliche Zug abgefahren: „Da ich nicht von der Unterdistanz komme, zählt eine derartige Beschleunigung auf dem letzten Kilometer nicht zu meinen Stärken.“
Sie gab freilich zu: Mit so einem langsamen Tempo hatte das Team rund um Redlinger nicht gerechnet – und dabei gab es im Feld einige, die an einem höheren Tempo interessiert sein hätten müssen und am Ende durch die Finger schauten. Um den Fakt zu untermalen: Vor zwei Jahren war Siegerin Nadia Battocletti über eine Minute früher im Ziel als dieses Mal!

Dabei agierte Österreichs erste 5.000m-EM-Teilnehmerin seit Nada Pauer 2018 durchaus engagiert und zeigte sich, nachdem sich die Renngestaltung abzeichnete, immer wieder in guter Position und anfangs des Schlussdrittels sogar an der Spitze. Da aufgrund des langsamen Tempos („Es fühlte sich an wie ein Dauerlauf.“) zu dieser Zeit aber noch ein riesiger Block vorne lief – teilweise agierten die Athletinnen untypischerweise auf Bahn drei, stellte sich in der unruhigen Rennphase ein ständiger Wechsel der Positionen ein. Dass Läuferinnen mit deutlich mehr Erfahrung als die Österreicherin in ihrer ersten starken Saison und bei ihren ersten internationalen Meisterschaften bei den Erwachsenen das Gespür für den richtigen Moment wahrscheinlicher haben, liegt in der Natur der Dinge – und trennte dann in der zehnten und elften Runde die Spreu vom Weizen.

Auch wenn das Wunschergebnis am Ende nicht auf der Anzeigetafel stand – Lisa Redlinger hat in dieser Saison nachhaltige Spuren hinterlassen und mit der EM-Premiere einen ersten Höhepunkt ihrer Karriere geschafft, aus dem sie viel lernen kann. „Die Atmosphäre war richtig cool. Meine Eltern und Schwestern waren im Stadion, ich habe ihre Anfeuerungen mehrfach gehört“, erzählte sie. Nachdem der ÖLV-Rekord in diesem Rennen außer Reichweite blieb, war der Wunsch gleich nach dem Rennen groß, noch einen schnellen 5.000m-Lauf auf der Bahn in dieser Saison zu laufen. Einen Höhepunkt gibt es ja noch: Die Straßenlauf-Weltmeisterschaften von Kopenhagen in vier Wochen, selbe Distanz.

An der Spitze des Rennens wurde Nadia Battocletti ihrer Favoritenrolle gerecht. Die Italienerin ist bereits mit Olympia- und WM-Medaillen dekoriert und dominiert auf europäischem Niveau seit Jahren die längeren Laufstrecken, war in der bisherigen Freiluftsaison aber deutlich unter ihren Möglichkeiten geblieben. Daher überwog bei der 26-Jährigen auch die Erleichterung. „Ich habe mich heute stark gefühlt und bin sehr dankbar und glücklich“, sagte die in der Schlussrunde in einer eigenen Liga laufende Favoritin nach ihrem dritten Freiluft-EM-Titel, womit sie mit Lauflegenden wie Rosa Mota oder Sonia O’Sullivan gleichzog.
Hinter der nun dreifachen Freiluft-Europameisterin, die bereits am Freitagabend auch die Titelverteidigung über die doppelte Distanz anstrebt, sicherte sich die Spanierin Marta Garcia in 15:39,98 Minuten die Silbermedaille. Für die 28-jährige Ärztin aus Valladolid, vor zwei Jahren hinter Battocletti und der Norwegerin Karoline Bjerkeli Grövdal, die derzeit in Mutterschaftspause ist, Dritte, feierte in ihrem erst zweiten 5.000m-Rennen der Saison nach den spanischen Meisterschaften den bisher größten Erfolg ihrer Karriere. Es ist das drittbeste Abschneiden einer spanischen Läuferin bei Europameisterschaften im 5.000m-Lauf nach den beiden Titeln von Marta Dominguez in den Jahren 2022 und 2006.

Vor der Ära Battocletti hat Italien im 5.000m-Lauf der Frauen nie eine EM-Medaille gewonnen, nun gab es in Birmingham gleich zwei in einem Rennen. Denn es passierte genau das, was nur in so langsamen Rennen möglich ist: eine Sensation. Mit einem starken Finish spurtete die krasse Außenseiterin Micol Majori in einer Zeit von 15:40,65 Minuten zur Bronzemedaille – und damit zum mit Abstand größten Erfolg ihrer Karriere. „Es gibt keine Worte, die das beschreiben können. Die Medaille war ein Traum. Danke England, danke Birmingham!“, jubelte die 28-Jährige, die noch nie in ihrer Karriere unter 15 Minuten gelaufen ist. Sie meinte, es würde ihr viel bedeuten, gemeinsam mit Battocletti auf dem Siegerinnenfoto zu stehen: „Sie ist eine großartige Inspiration für alle italienischen Läuferinnen.“

Die weit höher eingeschätzten Sarah Healy aus Irland und Hannah Nuttall aus Großbritannien hatten im Endspurt gegen die Italienerin das Nachsehen. Und Maureen Koster, Europas Jahresschnellste, widerfuhr in der Schlussphase das, was für sie nach einem derartigen Rennen zu befürchten war. Die Holländerin, bekannt nicht die stärkste Finisherin, fiel auf Platz sechs zurück und erfuhr eine enorme Enttäuschung am Höhepunkt an ihrer bisher besten Saison mit gleich zwei starken Auftritten in der Diamond League und einer 5.000m-Bestzeit im Alter von 34 Jahren.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © ÖLV / @amri.sports, © Maja Hitij / Getty Images for European Athletics