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Mahiedine Mekhissi sagt „Adieu“

Er war einer der polarisierendsten Leichtathleten der letzten Zeit. Ein „Enfant Terrible“ und selten Sympathieträger. Doch seine Erfolge sprechen für sich – er war auch einer der Besten seiner Ära und ist hochdekoriert. Mit 37 hat Mahiedine Mekhissi nun keine Lust mehr.
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„Es war ein außergewöhnliches Abenteuer“, sagte Mahiedine Mekhissi (früher besser bekannt unter dem Doppelnamen Mekhissi-Benabbad) der „L’Équipe“. Der 37-Jährige wählte ein Exklusivinterview in der Mittwochs-Ausgabe der bekanntesten französischen Sportzeitung, mit der er jahrelang eine Hassliebe hegte, für die Ankündigung seines Rücktritts vom Leistungssport. „Ich höre auf, weil ich keine Lust mehr habe“, sagte er. Nach vier Jahren, durchzogen von Verletzungen und Beschwerden, sei das Training mehr Qual als Vergnügen. „Es ist Zeit, aufzuhören und mit meinem Leben etwas anderes anzufangen.“ Direkte Worte, wie immer.

Fünf EM-Titel, drei Olympische Medaillen

Für Frankreichs Leichtathletik bedeutet dieser Rücktritt einen enormen Verlust. Denn Mahiedine Mekhissi war einer der erfolgreichsten Leichtathleten Europas der letzten Epoche und ein Medaillengarant bei Großereignissen. Fünfmal gewann er EM-Gold, viermal in seiner Spezialdisziplin, dem 3.000m-Hindernislauf (2010, 2012, 2016 und 2018), dazu der Titel 2014 in Zürich über 1.500m mit Wut im Bauch und einer gewaltigen Schlussrunde. Sein Höhepunkt, wie er in der „L’Équipe“ festhält: „Ich war am Boden und erreichte ein einmaliges Level.“ Auf der Mittelstrecke wurde er 2013 in Göteborg auch Hallen-Europameister.

Zweimal gewann er ein Diamond-League-Meeting, einmal ein Golden-League-Meeting. Letzteres zeigt, wie lange die Karriere des Franzosen angedauert hat. Die größten Erfolge auf globaler Ebene gelangen ihm jedoch bei Olympischen Spielen. 2008 in Peking musste er sich nur hauchdünn dem Kenianer Brimin Kipruto geschlagen geben und gewann die Olympische Silbermedaille. Dieser Erfolg war eine Überraschung und bedeutete den Durchbruch. Auch 2012 in London, als die kenianische Hindernislauf-Legende Ezekiel Kemboi Gold holte, gewann er Silber. Bei den Spielen 2016 erbte der Franzose die Bronzemedaille, nachdem der in die Jahre gekommene Kemboi auf Protest des französischen Verbandes hin wegen Übertretens der inneren Bahnbegrenzung disqualifiziert wurde. Bei Weltmeisterschaften gewann Mekhissi 2011 und 2013 jeweils Bronze.

Europarekord steht vor zehntem Geburtstag

Seine besten Wettkämpfe bestritt er Anfang des letzten Jahrzehnts. Viermal blieb er im 3.000m-Hindernislauf unter 8:05 Minuten, 13mal unter 8:10 Minuten. Auf europäischem Parkett war er Zeit seiner Karriere ungefährdet, er war der einzige Europäer, der auf der globalen Ebene mit den Kenianern an der Spitze mitlaufen konnte. Bis der US-Amerikaner Evan Jager Mitte des letzten Jahrzehntes in die Weltklasse aufstieg, war er jahrelang der einzige Nicht-Kenianer, der die afrikanischen Spezialisten fordern konnte. Mekhissi ist der einzige Athlet weltweit, der drei Olympische Medaillen im 3.000m-Hindernislauf gewinnen konnte. Auch seine vier EM-Goldmedaillen in ein und derselben Disziplin sind ein Rekord, den er sich mit den Speerwerfern Janis Lusis (UdSSR) und Steve Backley (Großbritannien) sowie dem britischen Hürdensprinter Colin Jackson teilt.

Sein beim Heimmeeting in Paris 2013 aufgestellter Europarekord von 8:00,09 Minuten bedeutet heute noch Platz 14 in der ewigen Bestenliste, vor Olympiasieger und Weltmeister Conseslus Kipruto. Das Unterbieten der Schallmauer von acht Minuten ist das wichtigste Ziel, dass Mekhissi in seiner Karriere nie erreichte. In der ewigen europäischen Bestenliste hält er vier der besten sechs Zeiten, auf ähnlichem Niveau agierte nur sein Vorgänger als Europarekordhalter und Landsmann Bouabdellah Tahri. Zwölf der besten 21 Hindernislauf-Leistungen der französischen Leichtathletik-Geschichte gehören ihm, Tahri hält sieben.

Achillessehnen-OP der Anfang vom Ende

Nach dem EM-Titel 2018 in Berlin endete die große Zeit des Mahiedine Mekhissi. Anfang 2019 musste er sich einer Operation an der Achillessehne unterziehen und verpasste fast ein gesamtes Wettkampfjahr. Mekhissi verließ den 3.000m-Hindernislauf und versuchte auf den längeren Distanzen im Straßenlauf Fuß zu fassen, was wohl nicht in der Qualität seiner Vorstellungen gelang. Der Auftritt beim 1.500m-Lauf im Rahmen des Hallenmeetings in Miramas vor elf Monaten bleibt der letzte Wettkampf in der langen Karriere des Ausnahme-Hindernisläufers, der Zeit seiner Laufbahn verschiedene Gesichter zeigte.

Das „Enfant Terrible“

Mahiedine Mekhissi wurde am 15. März 1985 als Sohn algerischer Einwanderer in Reims geboren. Eine Grundschullehrerin bemerkte sein läuferisches Talent und legte den Kontakt zum Leichtathletik-Verein, erzählt sein Wikipedia-Artikel. Es war der erste Schritt zur Profikarriere, die die skizzierten Erfolge eines Athleten brachte, der nie unter zu geringem Selbstbewusstsein litt. „Ich will nicht arrogant seien, aber ich glaube, ich kann mit den Größten der französischen Leichtathletik an einem Tisch sitzen“, sagte er der „L’Équipe“. Und: „Ich habe meine Spuren hinterlassen. Je mehr Zeit vergehen wird, desto größer wird mein Bewusstsein, dass das außergewöhnliche Leistungen waren. Es ist nicht einfach, immer wieder Medaillen zu gewinnen.“

Die französische Website des TV-Senders „Eurosport“ blickt auf den kometenhaften Aufstiegs Mekhissis 2008 zurück, ein Jahr nach dem Vorlauf-Aus bei der WM in Osaka. Während der Athlet den historischen Erfolg feierte, nährte auch der zweifelhafte Ruf seines Trainers den Dopingverdacht gegen den Athleten, wie Eurosport schreibt. Die „L’Équipe“ habe damals über eine Leistung, „die mehr Fragen aufwarf als Begeisterung auslöste“ geschrieben. Es war der Beginn eines distanzierten Verhältnisses zwischen der streitbaren und eigenwilligen, oft von energischen Emotionen angefachte Persönlichkeit des Athleten und der Öffentlichkeit.

Neben seinen großen sportlichen Erfolgen werden auch Skandale, die sein Image als „Bad Boy“ formten, in Erinnerung blieben. Nach seinem ersten EM-Titel 2010 in Barcelona schubste er wenige Augenblicke nach Zielankunft das Maskottchen zu Boden. 2011 lieferte er sich beim Meeting in Monaco direkt hinter der Ziellinie vor laufenden Kameras eine Schlägerei mit Landsmann Mehdi Baala. Beim zweiten EM-Triumph 2012 in Helsinki rammte er neuerlich das Maskottchen, unter dem Kostüm steckte ein 14-jähriges Mädchen. Bei den Europameisterschaften in Zürich, wo er sein drittes EM-Gold gewonnen hätte, riss er sich Anfangs der Zielgerade das Trikot vom Leib und wurde regeltechnisch korrekt disqualifiziert, weil er die Ziellinie mit nicht korrekt befestigter Startnummer überquerte. Bei den Olympischen Spielen 2016 monierte er mit der Zielankunft unsympathisch und überheblich den Regelverstoß von Kemboi, der am grünen Tisch auch zugunsten des Franzosen ausgelegt wurde, indem er drei Finger in die Höhe streckte.

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