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Seit heute untersteht die österreichische Bevölkerung erneut restriktiven Verhaltensregeln (ob das als Lockdown zu bezeichnen ist, sei dahingestellt), die das menschliche Grundrecht der Freiheit mit der Begründung, diese Strategie sei notwendig, um die Pandemie rund um SARS-Cov-2 einzudämmen und eine…


Seit heute untersteht die österreichische Bevölkerung erneut restriktiven Verhaltensregeln (ob das als Lockdown zu bezeichnen ist, sei dahingestellt), die das menschliche Grundrecht der Freiheit mit der Begründung, diese Strategie sei notwendig, um die Pandemie rund um SARS-Cov-2 einzudämmen und eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, stark beschneiden. Diese politisch verordneten Verhaltensregelungen haben straffe Auswirkungen auf das alltägliche Leben und die Freizeitgestaltung. Die Sportausübung wurde im Kontext seit einiger Zeit steigender Zahlen nicht negativ auf das neuartige Coronavirus getesteter Menschen in Österreich und ganz Europa erheblich eingeschränkt und ist grundsätzlich nur noch als „Einzelsport“ gestattet. Das heißt, Kontaktsportarten wurden für alle Freizeitsportler in eine Pause geschickt.

Es gibt wenig Positives, das aus Sicht des Sports der neuen Verordnungen im Vergleich zum Lockdown im Frühjahr zu entnehmen ist – selbst im Rahmen eines vernünftigen Verhaltens rund um die Gesundheitskrise, das vorauszusetzen ist. Wie damals ist Laufen – nur im Freien – weiterhin gestattet und zwar in Kleingruppen von maximal sechs Personen aus maximal zwei verschiedenen Haushalten – unter Einhaltung von Sicherheitsabständen. Kinder und Minderjährige, gegenüber denen eine Aufsichtspflicht besteht, unterstehen dieser Limitierung nicht. De facto heißt dies aber, dass das Vereinsleben und -training zum Erliegen kommt und gemeinsames Laufen in Gruppen praktisch schwer umsetzbar ist. Sportausübung im geschilderten Rahmen ist trotz Ausgangssperre rund um die Uhr möglich, sie gilt als Möglichkeit zur körperlichen und psychischen Erholung, wie die Bundessportorganisation Sport Austria auf ihrer Website formuliert, als Ausnahme.
Sportminister Werner Kogler hob bei der Bekanntgabe der neuen Spielregeln für den Sport die Leichtathletik als Beispiel für eine sichere Ausübung von Sport im Freien hervor. Spitzensport ist mit Kontakteinschränkungen, reduzierten Gruppen im Training besser praktikabel als im Frühjahr, weil die Sportanlagen weder outdoor noch indoor (theoretisch, denn es drohen Schließungen von Turnhallen und Trainingsmöglichkeiten, die der öffentlichen Hand gehören) für Spitzensportler (in diesem Fall alle Personen mit einer ÖLV-Lizenz oder entsprechendem Leistungsnachweis) geschlossen werden. Nur mit laufenden Testungen und laufender medizinischer Betreuung kann Gruppentraining im professionellen Sport aufrecht erhalten werden, wie der Österreichischer Leichtathletik-Verband (ÖLV) auf seiner Website mitteilt.
siehe: Aktualisierte FAQs zu den Auswirkungen auf den Sport auf der Website von Sport Austria
Da sich regelmäßiger Sport, insbesondere im Ausdauerbereich, über die vergangenen Jahrzehnte als starker Pfeiler für die Verbesserung der gesellschaftlichen Gesundheit und in langfristiger Folge für die Steigerung der Lebens- und Gesundheitsqualität nicht nur im gesellschaftlichen Wissen, sondern auch in der medizinischen Präventionsempfehlung und Therapie etabliert hat, werfen den Sport betreffende Einschränkungen im Kontext des Wissensvorsprungs in der Pandemiebekämpfung im Vergleich zur schwieriger einschätzbaren Situation im Frühling konkrete Fragestellungen auf. ASKÖ-Präsident Hermann Krist hat laut einer APA-Aussendung bereits vor zwei Wochen deutliche Worte an die Politik gerichtet, die offenbar in der Entscheidungsfindung um politische Lösungen der Situation, wegen der politischen Ferne vielleicht auch nicht überraschend, nicht ins Gewicht gefallen sind: „Ich weiß schon, dass es schwer ist für regierende Politiker einen kühlen Kopf zu bewahren und die wirklichen Expertinnen und Experten zu Wort kommen zu lassen. (…) Sportaktivität im organisierten Sport unter Anleitung von ausgebildeten und erfahrenen Trainerinnen und Trainern fördert nachweislich die Gesundheit und damit das Immunsystem der Menschen.“ Krist forderte damals, aus gesundheitlichen Gründen auf Sportaktivität und Sportveranstaltungen zu setzen anstatt sie einzuschränken und sprach sich für einfache, verständliche und machbare Maßnahmen aus, die einerseits den positiven Wirkungen von Sport auf die Gesundheit und die Wirtschaft gerecht werden und andererseits den Vereinen das finanzielle Überleben sichert. In der politischen Kommunikation bemängelte er Orientierungslosigkeit, Angstmacherei und fehlende Klarheit in der Argumentation.
Etliche Fachleute und Trainer, wie zum Beispiel Andreas Vojtas Coach Wilhelm Lilge in besonderer Deutlichkeit, werfen der Bundesregierung vor, den Vorteil von regelmäßiger Sportausübung für die individuelle wie gesamtgesellschaftliche Gesundheit mit den aktuellen Bestimmungen völlig zu negieren, obwohl der Sport gleichzeitig im Infektionsgeschehen und beim Verursachen mit positivem Ergebnis registrierter Menschen eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Tatsächlich sind die positiven Auswirkungen von sportlicher Bewegung nicht nur auf die körperliche Gesundheit und zugunsten der präventiven Bekämpfung von zahlreichen schwerwiegenden Erkrankungen, die Gesundheitssysteme belasten, in zahlreichen wissenschaftlichen Studien bewiesen, sondern auch über die Stärkung des Immunsystems durch regelmäßige körperliche Betätigung herrscht wissenschaftliche Einigkeit. Aktuelle wissenschaftliche Befunde zu COVID-19 tendieren in Richtung der Erkenntnis, dass Menschen mit gestärktem Immunsystem Attacken durch dieses Virus effektiv abwehren können.
Auch wenn der flächendeckende Lockdown im Frühjahr in ganz Europa nicht zu einem Sportverdruss geführt hat, insbesondere nicht beim Laufsport, was diverse Umfragen und Studien zeigen (siehe RunAustria-Bericht: Laufen im Pandemie-Herbst), hat die österreichische Regierung ähnlich wie Regierungen in anderen europäischen Ländern durch die neuesten Restriktionen wahrlich keine PR-Botschaften für gesundheitsfördernden Sport, insbesondere als wichtiger Faktor zur Stärkung des Immunsystems kurz vor Beginn der Virensaison, kommuniziert, obwohl gleichzeitig das Mahnmal anderer viraler Infekte im Winter, die Ressourcen des Gesundheitssystems verbrauchen könnten, die für die Behandlung von COVID-19-Patienten gebraucht werden mögen, regelmäßig konstruiert wird. Auch aus anderen gesundheitlichen Gründen ist Sport in Zeiten von gesellschaftlichen Restriktionen bedeutend. Die US-amerikanische Plattform RunRepeat hat in einer Umfrage unter fast 20.000 Menschen aus 140 Ländern festgestellt, dass mehr als jeder Dritte der Befragten seit Beginn der Pandemie an Gewicht zugelegt hat, mehr als jeder Vierte sogar beträchtlich.
Mit Ausnahme des Spitzensports (auch hier gilt die Beschreibung ambitionierte Sportler mit Vereinszugehörigkeit) sind Sportveranstaltungen seit heute vorerst grundsätzlich verboten. Das heißt einerseits, dass etwa die Staatsmeisterschaften im Marathonlauf am 13. Dezember in Wien mit maximal 200 Aktiven durchführbar bleiben, sofern ein striktes COVID-19-Präventionskonzept erarbeitet und umgesetzt wird. Andererseits freilich können Laufveranstaltungen nicht mehr stattfinden. Das betrifft nicht nur jene Laufevents, die für die kommenden Wochen geplant gewesen wären, sondern auch alle anderen. Denn die Nachwirkungen dieses Verbots strahlen auf die Zukunft aus. Das Veranstaltungsverbot ist insbesondere ein negatives Signal für alle Laufveranstalter, die in den Gedanken und Planungen für ihre zukünftigen Events starke Hygiene- und Sicherheitskonzepte erarbeiten und bereit sind, umzusetzen – was nicht selten mit beachtlichen Investitionen auch finanzieller Natur verbunden ist. Und das, obwohl Sportveranstaltungen im Freien mit entsprechenden Konzepten nicht als problematisch gelten. Die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) zählt wöchentlich COVID-19-Cluster in Österreich und ordnet die Fälle prozentuell gesellschaftlichen Bereichen zu. Auf den Sport lassen sich in Phase vier (seit 1. September) 0,9% aller Cluster und 1,5% aller Clusterfälle zuordnen. In den letzten drei Wochen (KW 41-43) ist der Anteil sogar noch geringer: im Schnitt 0,7% aller Cluster und 0,83% aller Clusterfälle. Die Verhinderung dieser Cluster, so fern sie gelingen, wird also auch im optimistischen Fall statistisch eine sehr geringe Auswirkung auf das Infektionsgeschehen haben.
Quelle: AGES, epidemologische Abklärung COVID-19
In diese Kerbe schlägt auch Jürgen Kessing, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), der sich in Deutschland seit Wochenbeginn ähnlich weitreichenden Restriktionen für den Sport wie hierzulande ausgesetzt sieht und von einer „harten Entscheidung“ für alle Sportvereine, insbesondere im Amateurbereich, spricht. „Gerade der Sport in Deutschland hat bewiesen, dass es aufgrund guter Hygienekonzepte im Spitzen- und Breitensport möglich ist, auch in Coronazeiten Sport zu treiben und einen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu leisten. Deshalb müssen wir auch künftig mit guten Umsetzungs- und Hygienekonzepten überzeugen“, fordert er in einer Stellungnahme auf der Verbandswebsite. Der DLV habe im Spätsommer eine Vorreiterrolle übernommen, der Optimismus auf eine Durchführung der Hallensaison der Leichtathletik im Winter ist Kessing noch nicht abhanden gekommen. Ähnlich äußert sich Sport Austria-Präsident Hans Niessl, der Präventionskonzepte im österreichischen Sport lobt und in einer Aussendung von letzter Woche betont, dass keine problematischen COVID-19-Clusterbildungen in Österreich auf den Sport zurückzuführen sind. „Maßnahmen, die es den Vereinen immer schwieriger machen, der Bevölkerung Sport anzubieten, führen in weiterer Folge zu Bewegungsmangel“, befürchtet er. „Das kann nicht das Ziel der Bundesregierung sein.“ Niessl fordert daher, Präventionskonzepte unter wissenschaftlicher Begleitung laufend zu adaptieren anstatt Teilnehmer- und Zuschauerzahlen immer stärker zu limitieren.
Härter als den Laufsport als natürliche Outdoor-Sportart trifft es alle Sportangebote im Rauminneren wie etwa Fitnessstudio – durchaus auch bei Läufern im Winter beliebt, Tanz- und Yogastudios oder Schwimmbäder. Sie müssen geschlossen bleiben, auch hier wurden alle Einrichtungen unabhängig von Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen über einen Kamm geschert. Fitnessstudios erleben ohnehin düstere Zeiten, wie eine Umfrage von RunRepeat unter fast 11.000 Abonnenten von über 5.000 Studios weltweit ergab: 69% sind bis Mitte August 2020 nicht wieder in jenes Fitnessstudio zurückgekehrt, das sie vor der Pandemie regelmäßig besucht hatten, über die Hälfte haben ihr Abonnement bereits beendet oder denken dies zu tun. Fast jedes vierte Fitnessstudio in den USA und mehr als jedes fünfte in weiteren Ländern, die in einer weiteren RunRepeat-Umfrage berücksichtigt wurden, haben seit dem Beginn des Frühjahrs-Lockdowns nicht wieder geöffnet.
So hart die Zeiten für Indoor-Sportangebote sind: Den Sinn einer strikten Trennung zwischen Aufenthalt im Rauminneren bzw. im Freien im Kontext von COVID-19 und der Verbreitung des Virus über Aerosole demonstriert eine Simulation der spanischen Tageszeitung „El Pais“ zum Infektionsgeschehen im Rauminneren bei vorhandener oder nicht vorhandener Lüftungsmöglichkeit. Sie zeigt allerdings auch auf, mit welchen gezielten Maßnahmen Bewegungsangebote im Rauminneren das Risiko von Infektionen jeglicher Art deutlich verringern können und promotet eine Verlagerung der Angebote an die frische Luft. Diese Einschätzung, die auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen der University of Colorado errechnet wurde, entlastet Sport im Freien massiv als Gefahr für COVID-19-Infektionen, da Luftbewegungen Aerosole sehr schnell verdrängen und auflösen. Unter Berücksichtigung der gesundheitlichen Vorteile ergibt sich insgesamt ein Appell für Sport in vernünftigem Rahmen und Ausmaß – nicht trotz, sondern besonders in Zeiten wie diesen.
Quelle: El Pais (englisch)