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Jahrelang hat Femke Bol die 400 Meter Hürden auf europäischer Ebene dominiert. Mit 25 Jahren gehört sie bereits zu den erfolgreichsten Athletinnen der europäischen Leichtathletik-Geschichte. Die Ankündigung Mitte Oktober, ein neues Kapitel in ihrer Karriere aufzuschlagen und auf die 800m-Distanz zu wechseln, hat hohe Wellen in der Leichtathletik-Welt geschlagen (siehe RunUp.eu-Bericht). Nun ist es soweit: Am Sonntag erfolgt beim Meeting Metz Moselle Athlelor die Premiere auf jener Distanz, die nun ihr neues sportliches Zuhause bedeutet.
Dass ein internationales Leichtathletik-Ereignis der ganz besonderen Art bevorsteht, verrät bereits der prunkvolle Rahmen. Die Pressekonferenz im „Salon de Guise“ im historischen Rathaus von Metz, direkt vis-à-vis zur berühmten Kathedrale, kündigt Spektakuläres an. Hauptsächlich für Sonntag, wenn Superstar Femke Bol ihr mit Spannung erwartetes Debüt über 800m gibt. Aber auch heute. Denn die Holländerin nahm Platz und beantwortete mit viel Geduld die Fragen der interessierten Medienvertreter:innen. Es steht im doppeldeutigen Sinne schließlich Besonderes im Raum. Das RunUp war durch Olaf Brockmann vertreten.
Die 25-jährige, zweifache Weltmeisterin im 400m-Hürdensprint und Olympiasiegerin mit der Mixed-Staffel fühlte sich sichtlich wohl beim Medientermin. Kein Wunder, Metz ist vertrauter Boden für sie. „Ich habe hier in den vergangenen Jahren immer meinen Saisonauftakt gegeben. Ich liebe das Meeting, es herrscht eine fantastische Atmosphäre. Und mit dem Auto ist es eine leichte Anreise für mich.“ Sie freue sich sehr auf den besonderen Wettkampf, auch wenn sie eine gewisse Nervosität nicht leugnete. Dies sei eine perfekte Mischung, die die Motivation anheize.
Bol hält bereits zwei Meetingrekorde über 200 und 400 Meter. Auf die Frage von RunUp, ob sie am Sonntag das Meetingrekord-Triple schaffen möchte, winkte sie lächelnd ab. „Eines Tages“, antwortete sie diplomatisch. Wohl wissend, dass diese Trauben hoch hängen. Die ehemalige Hallen-Weltmeisterin und Olympia-Silbermedaillengewinnerin Tsige Duguma ist im Vorjahr in dieser Halle nämlich eine Zeit von 1:58,97 Minuten gelaufen. Schon eher wirkt da der holländische Hallenrekord im 800m-Lauf in Reichweite. Ester Goosens blieb 2001 in Stockholm um eine Hundertstel über der Zwei-Minuten-Marke.
Eine solche sportliche Bedeutung, wie es dieses Wochenende für die internationale Leichtathletik hat, ist die kleine Stadt im Dreiländereck im Nordosten Frankreichs, einen Steinwurf von den Grenzen zu Luxemburg und Deutschland entfernt, üblicherweise nicht gewohnt. Trotz der seit 2009 etablierten Durchführung des Hallenmeetings, welches der World Indoor Tour Silber angehört, also der zweithöchsten Meetingserie des Leichtathletik-Winters.
Es waren freilich schon Weltstars zu Gast, auch Femke Bol – und das bereits fünfmal. Doch ihre 800m-Premiere lenkt eine nie da gewesene Aufmerksamkeit auf das Meeting am Sonntag. Sie, die Ausnahmesportlerin und mit nur 25 lebende Legende der niederländischen Leichtathletik, die eine ganz besondere Geschichte zu schreiben gedenkt. Top-Niveau im 800m-Lauf mit dem Traum von Olympia-Gold nach jahrelangen eindrucksvollen Erfolgen im 400m-Hürdensprint mit zwei WM-Titeln und 30 Diamond-League-Meetingsiegen in Folge – ein Alleinstellungsmerkmal in der wichtigsten Meetingserie der Weltleichtathletik übrigens.
Ein halbes Jahr vor den Europameisterschaften von Birmingham als großes Jahresziel, wo etwa mit Olympiasiegerin Keely Hogdkinson, ihrer Landsfrau Georgia Hunter Bell und weiteren Talenten wie der Schweizerin Audrey Werro bemerkenswerte Konkurrenz auf europäischer Ebene zu erwarten ist, hat sich Bol den Ort des Einstiegs in das neue Abenteuer wohl bewusst ausgewählt. Metz gibt ihr die Bühne eines sanften Einstiegs, ohne gleich in ein Duell mit einer der Topstars zu müssen. Aber eine, die groß genug ist, die verdiente Aufmerksamkeit auch zu bekommen.
Das 800m-Starterfeld in Metz ist jedenfalls so zusammengestellt, dass ein Sieg der Niederländerin kein Wunder wäre. Aber es ist auch qualitativ gut genug, dass die 25-Jährige seriös gefordert sein wird. Ihre Hauptkontrahentin ist EM-Silbermedaillengewinnerin Gabriela Gajanova aus der Slowakei, am Dienstag zweite in Ostrava (siehe RunUp.eu-Bericht). Dazu kommen noch die Schweizerinnen Lore Hoffmann und Valentina Rosamilia, die Deutsche Smilla Kolbe und die Italienerin Marta Zenoni – alle mit Bestleistungen klar unter zwei Minuten. „Ich möchte das Rennen natürlich gewinnen!“, sagte Bol heute bestimmt. Aber das würde in diesem starken Feld nicht leicht sein, fügte sie an.
Die Niederländerin beginnt das neue Kapitel ohnehin voller Selbstbewusstsein. Angst, dass das Unternehmen schief gehen und sie ihre Entscheidung, die Disziplin zu wechseln, bereuen würde, habe sie ohnehin nicht, wie sie im Jänner dem niederländischen Fernsehsender „NOS“ in einem Interview sagte. Aber sie wolle sich genügend Zeit gönnen: „Ich lebe nicht in einer Märchenwelt. Es ist eine Illusion, dass ich auf Anhieb mit den Besten im 800m-Lauf mithalten kann und gewinnen werde.“
In einem ausführlichen Interview mit European Athletics Ende Oktober 2025 gab die 25-Jährige Einblicke in ihr Befinden: „Der Wechsel fühlt sich wirklich, wirklich gut an. Ich bin sehr aufgeregt, aber es ist auch beängstigend. Ich bin immer noch jung, mental, physisch extrem fit und ich fühle mich bereit für diese enorme Herausforderung.“ Sie freue sich auf neue Impulse, eine neue Art des Trainierens und Wettkämpfens. Sie sei stolz auf alle Errungenschaften, dennoch habe sie sich entschieden, „zu meinen Hürden Lebewohl zu sagen“.
Seit ihrer Ankündigung diskutiert die Szene darüber, auf welchem Niveau die Quereinsteigerin im Wettkampfjahr 2026 performen wird. Während sie selbst den Ball vernünftig flachhält, haben sich namhafte Trainer gemeldet, die baldigen Erfolg dank ihres Ausnahmetalents als realistisch einstufen. „Es sind so viele neue Komponenten!“, gibt die Athletin zu bedenken. „Bisher hatte ich immer eine Bahn für mich allein. Jetzt muss ich um Positionen kämpfen, mal vorne, mal hinten laufen. Ich muss erst lernen, mit der richtigen Taktik zu laufen. Es ist ein Lernprozess!“
Die Konkurrenz wappnet sich jedenfalls in der mentalen Herangehensweise. Audrey Werro traut ihr zu, vom ersten Tag an kompetitiv an der Spitze mitlaufen zu können. Die Schweizer Rekordhalterin freue sich bereits auf das erste gemeinsame Rennen, sagte sie im November gegenüber European Athletics.
Sie bringe herausragende körperliche Fähigkeiten mit, gab Bol in ihrem EA-Interview zu. Dennoch fühle sie sich wie eine Anfängerin, die nicht wisse, wie man einen 800m-Wettkampf bestreiten würde. „Ich bin noch nie weiter gelaufen als 600m in einem Wettkampf. Die letzten 200 werden also unbekanntes Territorium für mich.“
Man kann davon ausgehen, dass die Niederländerin mit ihrem Trainerteam das 800m-Debüt auf hohem Niveau vorbereitet hat, unter anderem bei einem Trainingslager im südafrikanischen Stellenbosch. Sie trainiere 55 bis 60 Kilometer pro Woche, über 20 mehr als früher. Außerdem hat sie gezielt an ihrer Schrittfrequenz gearbeitet und versucht, Tempogefühl anzueignen. „Ich will jeden Tag besser werden!“, verspricht sie. Sonntag ist der erste Schritt – ein wichtiger!
Autor: RunUp.eu / Olaf Brockmann
Bild: © Olaf Brockmann