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Ohne Schuh, ohne Chance – Pech für ÖLV-Team in Lagoa

Nach einer Anfangsphase zum Vergessen für Kevin Kamenschak und wegen einer Verkühlung bei Tabea Schmid war kein österreichisches Topergebnis bei der Crosslauf-EM drin.
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Das vierköpfige österreichische Nationalteam muss ohne Topergebnis von den Crosslauf-Europameisterschaften heimreisen. Kevin Kamenschak erlebte einen Wettkampf zum Vergessen und war nach doppeltem Pech in der Anfangsphase chancenlos. Tabea Schmid war aufgrund einer Erkältung nicht auf ihrem besten energetischen Niveau und verlor in der Schlussrunde entkräftet gut 20 Positionen. Auch Marcel Tobler wurde nach starker Startrunde durchgereicht. Die Nachwuchsklassen waren die Bühne für die kommenden europäischen Talente. Das dritte Junioren-Gold durch Innes FitzGerald sticht heraus.

Eigentlich hätte Kevin Kamenschak, als Staatsmeister und U23-EM-Achter des Vorjahres österreichischer Hoffnungsträger bei den diesjährigen Crosslauf-Europameisterschaften, nach wenigen Wettkampfminuten entnervt hinschmeißen können. Das Werk des Teufels hatte sich gegen ihn gerichtet – so mag die subjektive, aus der Emotion stammende, Erstemotion vielleicht gewesen sein. Trotz eines Sturzes und mit nur einem Wettkampfschuh an seinen Füßen kämpfte sich der Linzer aber durch – das allein verdient Anerkennung. Dass er, von Tränen der Enttäuschung übermannt, sich direkt aus dem Zielbereich verzog und Ruhe suchte, war nach diesem völlig missglückten Crosslauf-Tag mehr als verständlich.

RunUp.eu-Lesetipp: Der Bericht über die Rennen der Allgemeinen Klasse

Ein Rennen zum Vergessen

Im typischen Getümmel einer Anfangsphase eines Crosslauf-EM-Rennens bekam Kamenschak gleich zwei Ellbogen von Kontrahenten am eigenen Leib zu spüren. Dann, nach rund 300 Metern, als die Strecke sich verengte, wurde der Österreicher in die Streckenbegrenzung gedrängt, blieb mit dem Arm hängen und prallte unsanft zu Boden.

Voller Adrenalin rappelte er sich auf, versuchte sich gleich wieder gut ins Rennen zu beißen und sich mit ein paar Positionsverbesserungen zu motivieren, was angesichts der dichten Kurvenpassage eine besondere Herausforderung war. Bei einem Überholmanöver stieg ihm ein Kontrahent auf die Ferse und Kamenschaks linker Spikeschuh löste sich von seinem Fuß. „Es ist alles sehr schnell gegangen“, schilderte er. „In diesem Moment habe ich mit meinem Rennen gedanklich abgeschlossen.“

Mit großen Schmerzen

Der 21-Jährige entschied sich in der Sekunde, den Wettkampf mit nur einem Schuh fortzusetzen. „Ich habe noch nie ein Rennen aufgegeben und das wollte ich beibehalten“, erklärte er. Sein einziges DNF in der Statistik stammt von einer Tempomacher-Aufgabe für Julia Mayer bei den 10km-Meisterschaften 2022 in Attnang-Puchheim, als er 100 Meter vor dem Ziel über die Gitter sprang, um der Siegerin ihr Siegerfoto zu gönnen.

Ohne Schuh kämpfte er auf dem Kurs im Stadtpark von Lagoa natürlich mit stumpfen Waffen, bei jedem Schritt fehlte ihm im Vergleich zu all seinen Kontrahenten der Halt und der notwendige Komfort. Folgerichtig agierte der Oberösterreicher weit unter seinen Möglichkeiten, das Rennen war für ihn enorm kraftraubend und schmerzhaft.

© ÖLV / Erik van Leeuwen

„Es ging mir nur mehr darum, das Rennen zu Ende zu laufen. Es hat so weh getan, vor allem bergab waren die Schmerzen groß. Es hat sich angefühlt, als würde ich barfuß über Legosteine spazieren.“ Gerade als Gedanken, das Rennen doch vorzeitig zu beenden, aufgrund der Schmerzen zu Rennmitte intensiver wurden, entdeckte er beim Vorbeilaufen seinen linken Schuh, stoppte am Streckenrand und zog ihn wieder an. Der Wettkampf war freilich nicht mehr zu retten, aber Kamenschak vollendete ihn und ließ seinen Emotionen der Enttäuschung direkt nach dem Zieleinlauf reichlich Raum und Zeit. Das statistische Resultat nach 5.960 Metern: Position 65 unter 74 Finishern in einer Zeit von 19:47 Minuten. Exakt zwei Minuten hinter dem Sieger.

Tabea Schmid von Erkältung ausgebremst

Auch Tabea Schmid (ULC Riverside Mödling) war in Lagoa nicht von Glück verfolgt. Sie kam mit einer Erkältung an der Algarve an. Sie versuchte, mit viel Ruhe und Schlaf sich so viele verfügbare Kräfte wie möglich für den Wettkampf zu konservieren, trat aber nicht mit 100% ihrer Energie an. Trotzdem ging sie couragiert ins 4.450 Meter lange Rennen der Juniorinnen und hielt sich an ihr Vorhaben, sich gleich in der Anfangsphase im 96 Läuferinnen umfassenden Feld taktisch gut zu positionieren. In ihrem letzten internationalen Rennen in der Altersklasse U20 lief die 19-Jährige zwei Runden lang konstant zwischen den Positionen 25 und 30.

© ÖLV / Erik van Leeuwen

Doch in der dritten und letzten Runde spürte Schmid die Folgen der Verkühlung. „Ich habe versucht, das Beste daraus zu machen und bin gut in den Wettkampf gekommen. Bei einem Anstieg in der letzten Runde war dann aber der Ofen aus und ich musste einige Kontrahentinnen ziehen lassen“, erzählte sie nach dem Rennen. Mit einer Zeit von 16:07 Minuten erreichte sie letztendlich den 51. Platz und lag in diesem dichten, großen Mittelfeld des Wettkampfs nur gut eine halbe Minute hinter einem Top-Ten-Platz. Dennoch gewann sie der EM-Teilnahme viel Positives ab: „Es war ein richtig cooles Erlebnis und ein durch die vielen Kurven und das ständige Auf und Ab extrem interessantes Rennen.“

Überlegene Goldmedaillengewinnerin in der Juniorinnenklasse wurde die Britin Innes FitzGerald. Die 19-jährige WM-Teilnehmerin von Tokio 2025 im 5.000m-Lauf holte diesen Titel bereits zum dritten Mal in Folge, dabei distanzierte sie die weiteren Medaillengewinnerinnen Lucie Paturel aus Frankreich und Emma Hickey aus Irland um über eine halbe Minute. Neuer Junioren-Europameister im Crosslauf ist Willem Renders aus Belgien.

Harter Kampf für Tobler

Als chronologisch Letzter des vierköpfigen ÖLV-Teams ging Marcel Tobler, Österreichischer Crosslauf-Meister auf der Kurzstrecke, in den spannenden Wettkampf der Männer. Der 24-Jährige warf sich zu Beginn mutig ins Geschehen und lief in der Anfangsphase des Rennens, als die Favoriten noch nicht aufs höchste Tempo drückten, auf der fünften Position. Damit hielt er sich in der Startrunde aus nervenaufreibenden Positionskämpfen im vorderen Mittelfeld heraus und ging als 19. in die zweite von fünf Runden. „Ich war selbst überrascht, wie weit vorne ich mich einsortieren konnte. Die ganze erste Runde hat sich alles sehr gut und sehr kontrolliert angefühlt“, erzählte Tobler nach dem Rennen.

© ÖLV / Erik van Leeuwen

Das Gefühl jedoch täuschte und änderte sich ab der zweiten Runde schlagartig ins Gegenteil. „Die Oberschenkel haben sich kraftlos angefühlt. Jede Kurve, jeder Anstieg kostete viel Energie. Es war ab diesem Zeitpunkt ein einziger Kampf bis ins Ziel.“ Position für Position wurde der Österreicher zurückgereicht und lief als 63. in einer Zeit von 24:16 Minuten über die Ziellinie. Erklärung für den Leistungsabfall hatte er direkt nach der Zielankunft keine: „Ich wollte eine bessere Leistung zeigen und bin grundsätzlich besser drauf. Aber heute hat es nicht sein sollen.“

Hartes Rennen für Nicole Bauer

Nicole Bauer ging im 5.960 Meter langen U23-Rennen der Frauen an den Start und beendete dieses in einer Zeit von 22:19 Minuten auf Rang 54. Wie sie bereits im Vorfeld befürchtet hatte, entsprachen die Herausforderungen dieser Strecke nicht ihren Stärken. „Es war ein sehr anspruchsvolles Rennen für mich. Ich war von Beginn an mitten im Gerangel um die Positionen. Diese vielen Rhythmuswechsel liegen mir nicht so und waren extrem kraftraubend. Die letzten beiden Runden waren ziemlich hart, ich bin froh, wie ich mich ins Ziel gekämpft habe“, lautete das Fazit der Niederösterreicherin.

© ÖLV / Erik van Leeuwen

Gold in der Altersklasse U23 ging an Maria Forero aus Spanien vor Ilona Mononen aus Finnland und Pia Schlattmann aus Deutschland. In der Allgemeinen Klasse der Frauen konnte die Italienerin Nadia Battocletti ihren Titel aus dem Vorjahr verteidigen. Sie setzte sich nach 7.470 Metern in einer Zeit von 24:52 Minuten klar vor der Britin Megan Keith und der Türkin Yasemin Can durch.

Hattrick für Fitzgerald

In der Altersklasse U20 der Mädchen gelang Innes FitzGerald das Kunststück, diesen Titel bereits zum dritten Mal zu gewinnen. In ihrem letzten Juniorinnenjahr dominierte das britische Lauftalent, das sich heuer für die Weltmeisterschaften von Tokio qualifizieren konnte, nachdem sie bei den Junioren-Europameisterschaften von Tampere zweimal Gold gewonnen hatte (3.000m und 5.000m), den Wettkampf in Lagoa nach Belieben. Sie beendete ihn nach 4.450 Metern und 14:35 Minuten.

Nach einer kurzen Aufwärmphase im Rennen mit der Deutschen Julia Ehrle an der Spitze übernahm die 19-Jährige noch in der ersten von drei Runden das Kommando und baute bald einen deutlichen Vorsprung aus. „Ich wollte eine frühe Vorentscheidung, um vor Überraschungen auf diesem hügeligen und weichen Kurs gewappnet zu sein“, erklärte die nun dreifache Junioren-Europameisterin im Crosslauf und bekannte: „Ich liebe den Crosslauf!“ Drei Junioren-EM-Goldmedaillen im Crosslauf gelangen bisher bei den Mädchen nur ihrer Landsfrau Stephanie Twell sowie Jakob Ingebrigtsen, der in jungen Jahren gleich viermal Junioren-Europameister war.

© Maja Hitij / Getty Images for European Athletics

Hinter der Siegerin gab es einen überraschenden Zieleinlauf. Weder Berglauf- Junioren-Welt- und Europameisterin Ehrle, die gerne ihren vierten Platz aus dem letzten Jahr verbessert hatte, noch die Schwedin Carmen Cernjul, die bei den diesjährigen Junioren-Europameisterschaften stark performt hatte, gewannen die Medaillen. Lucie Paturel überraschte sich mit der Silbermedaille in einer Zeit von 15:07 Minuten selbst. Noch unerwarteter kam die Bronzemedaille der erst 16 Jahre alten Emma Hockey aus Irland in 15:10 Minuten. Cernjul wurde Vierte, die Schweizerin Shirin Kerber erreichte das Ziel vor Ehrle als Neunte. In der Nationenwertung belegte das deutsche Team hinter Großbritannien, Spanien, Schweden und Holland Rang fünf. Die Schweiz erreichte Position neun.

Endlich Gold für Griggs

Vor Freude strahlend und eine irische Flagge hinter den Rücken gespannt lächelte Nicholas Griggs nach dem U23-Rennen in die Kamera. Es war der große Tag des vielfachen Medaillengewinners in diversen Altersklassen und auf unterschiedlichen Distanzen, der sich ein vorzeitiges Geschenk zum 21. Geburtstag am Donnerstag machte. Zum zweiten Mal nach einem Junioren-EM-Titel im 3.000m-Lauf vor vier Jahren gewann er die Goldmedaille, nachdem er im letzten Jahr das Duell mit dem Briten Will Barnicoat, dieses Mal als 14. chancenlos, verloren hatte. Es war die bereits vierte Crosslauf-EM-Medaille in Folge für Griggs (17:47 Minuten), der gleich doppelten Grund zur Freude hat. Das irische Team gewann klar vor Frankreich und Spanien die Goldmedaille in der Nationenwertung, in der Deutschland Fünfter wurde. Keine irische Athletin und kein irischer Athlet hat zuvor jemals vier Crosslauf-EM-Medaillen im Einzel gewonnen, nicht einmal die zweifache Crosslauf-Europameisterin Fionnuala McCormack (Mädchenname: Britton).

© Maja Hitij / Getty Images for European Athletics

In einem ausgesprochen starken U23-Feld waren die weiteren Medaillengewinner nicht unbedingt vorherzusehen. Aurélien Radja (17:59) und Pierre Boudy (18:03) sorgten für zwei französische Medaillen, während Joel Ibler Lillesö aus Dänemark, amtierender U23-Europameister im 10.000m-Lauf, als Vierter ebenso wie die fünftplatzierte spanische Hoffnung, Jaime Migallon, ohne Medaille blieb. Stefan Nillessen, 2024 Olympia-Finalist im 1.500m-Lauf und U23-Europameister in dieser Disziplin, ging als Sechster ebenfalls leer aus. Der Schweizer Nino Freitag wurde Elfter, der amtierende Junioren-Weltmeister im 3.000m-Lauf, Andreas Fjeld Halvorsen, blieb wie das komplette norwegische Nationalteam in diversen Klassen am gestrigen Sonntag als 18. weit unter seinem Wert.

Zwei faszinierende Duelle

Ein spannendes Duell lieferten sich Willem Renders aus Belgien und Oscar Gaitan im U20-Rennen der Männer. Es gipfelte auf den letzten Metern. Renders war den Großteil des Rennens in Führung, doch Gaitan überholte ihn auf der letzten längeren Geraden vor der Zielkurve. Damit schien das Rennen entschieden, doch Renders konterte über die kleine Kuppe hinauf zur extrem kurzen Zielgerade noch einmal und hatte in einer Zeit von 13:11 Minuten die Nase vorne. Aloise Abraham gewann die Bronzemedaille für Frankreich, während das hochgelobte norwegische Team ein Debakel erlebte. Belgien dominierte die Nationenwertung vor Großbritannien und Spanien, die Schweiz belegte Rang sechs, Deutschland Rang neun. Der Schweizer Matthieu Bührer fuhr als Achter eines von drei Top-Ten-Ergebnissen für Swiss Athletics an diesem Tag ein.

© Maja Hitij / Getty Images for European Athletics

Das Duell um Gold in der Altersklasse U23 der Frauen lautete Maria Forero aus Spanien und Ilona Mononen aus Finnland. Die beiden mussten sich vor einem Jahr in dieser Reihenfolge noch der Britin Phoebe Anderson geschlagen geben, dieses Mal diktierten sie das Geschehen. Erst auf der Zielgerade fiel die Entscheidung: Forero, 2022 schon einmal Crosslauf-Europameisterin in der Altersklasse U20, siegte nach 5.960 Metern in einer Zeit von 19:59 Minuten fünf Sekunden vor der finnischen Hindernisläuferin, die ihre dritte Crosslauf-U23-EM-Medaille in Folge gewann.

Der Kampf um die Bronzemedaille war eine rein deutsche Angelegenheit. Pia Schlattmann jubelte in einer Zeit von 20:23 Minuten zwei Sekunden vor Lisa Merkel, im Vorjahr war sie als Vierte noch knapp leer ausgegangen. Kira Weis komplettierte als 14. das hervorragende Abschneiden des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, der sich in der Nationenwertung punktegleich mit Frankreich und vier Punkte vor Spanien mit der Silbermedaille zufrieden geben musste. Die drittbeste Französin war als Neunte deutlich vor Weis im Ziel, was ausschlaggebend war.

Autor: Thomas Kofler
Quelle: Österreichischer Leichtathletik-Verband
Bilder: © ÖLV / Erik van Leeuwen, © Maja Hitij / Getty Images for European Athletics

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