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Nie zuvor hat eine Läuferin einen Halbmarathon ohne Unterstützung männlicher Tempomacher so schnell absolviert wie Agnes Ngetich am Sonntagvormittag in Kopenhagen. Die Kenianerin dominierte gemäß ihrer Stellung aus Topfavoritin und lief bei nicht einfachen äußeren Bedingungen eine Zeit von 1:05:15 Stunden. Ihre Landsfrau Veronica Loleo und Florence Niyonkuru aus Ruanda mit einem Landesrekord komplettierten das Siegerbild. Aus österreichischer Sicht hatte auch Julia Mayer Grund zur Freude: Ihr gelang als erster Österreicherin ein Halbmarathon unter 1:11 Stunden – ohne spezifischer Vorbereitung und bei schwierigen Bedingungen.
Rekorde läuft man nie im Vorbeigehen, Rekorde sind immer ein Ereignis! So auch am gestrigen Sonntag in Kopenhagen, als Julia Mayer den WM-Halbmarathon in einer Zeit von 1:10:54 Stunden auf einem guten 38. Platz beendete und damit ihren eigenen österreichischen Halbmarathonrekord um 15 Sekunden verbesserte. Nach ihrer starken Vorstellung beim EM-Marathon in Birmingham gut einen Monat vorher und einer beachtlichen Leistung beim Wörthersee Halbmarathon im Rahmen von Kärnten Läuft nur zwei Wochen später ist der Rekord keine Sensation – sie hatte ihn, obgleich aufgrund der Jahresplanung nicht in Topform, augenscheinlich in den Beinen.
Sie nahm ihn gerne mit – auf ihrem strukturierten Weg Richtung Valencia Marathon am 6. Dezember. „Ich freue mich über den österreichischen Rekord, besonders aufgrund der Bedingungen. Das stimmt mich wirklich sehr positiv. Es zeigt, dass bei besseren Verhältnissen noch einiges mehr möglich ist“, analysierte die Niederösterreicherin, die wenige Tage zuvor noch den Vienna Night Run gewonnen hatte.

Der Kontext mag erklären, warum Mayer noch viel deutlicher als beim EM-Marathon eine zurückhaltende Taktik zu Rennbeginn wählte, um in den Rhythmus zu kommen und ein Gefühl für den Wettkampf zu bekommen. Diese Zeit wollte sie sich bewusst nehmen, was aber dazu führte, dass sie nach fünf Kilometern auf Position 69 liegend nicht einer der kleinen Mittelfeldgruppen lag – und daher in der Folge teilweise alleine, teilweise in Kleingruppen, aktiv gegen den Wind arbeiten musste. Und dieser blies ordentlich durch die Straßen der dänischen Hauptstadt.
Auch wenn die 33-Jährige erst im letzten Viertel schneller wurde, gelang ihr bereits vorher eine sukzessive Verbesserung ihrer Position. „Platz 38 ist für mich ein gutes Ergebnis“, schätzte sie ein – 105 Athletinnen kamen in die Wertung. Beim WM-Marathon 2025 in Tokio belegte sie Rang 33, beim EM-Halbmarathon 2024 in Rom Rang 35, vor drei Jahren bei der Premiere der Straßenlauf-WM in Riga Rang 32.
An der Spitze des Rennens gelang Agnes Ngetich eine Galavorstellung in 1:05:15 Stunden, womit sie satte 50 Sekunden zwischen sich und den Rest des Feldes legte. Für die 25-Jährige war es nach dem Triumph bei der Crosslauf-WM zu Jahresbeginn der bereits zweite WM-Titel im laufenden Jahr – und sie verbesserte den so genannten „Women’s Only World Record“, also den Weltrekord für reine Frauenrennen, ihrer Landsfrau und abwesenden Titelverteidigerin Peres Jepchirchir um eine Sekunde. Ngetich, neben der sich in Mutterschaftspause befindlichen Beatrice Chebet aktuell der kenianische Star im Straßenlauf (Marathon ausgenommen), hält nun drei Weltrekorde.
Um den aktuellsten zu brechen, benötigte die neue Weltmeisterin ein flottes Tempo von Anfang an. Daher setzte sich die Favoritin früh zu einem Alleingang ab und hatte, trotz der windigen Verhältnisse, zur Halbzeit des Rennens eine knappe halbe Minute Vorsprung auf die Verfolgerinnengruppe, nach 15 Kilometern fast eine Minute. „Mein Coach hat an mich geglaubt und gesagt, dass ich es schaffe. Dass ich Weltmeisterin werden würde. Ich bin überglücklich“, sagte die Siegerin, die ihren Erfolg ihrer Mutter widmete.
Beim New York City Halbmarathon im März war ein ambitionierter Alleingang massiv schief gegangen. Damals ging ihr das Benzin aus und sie fiel von der alleinigen Führungsposition bis auf Platz 13 zurück. Dieses Mal ging alles glatt! „100 Meter vor dem Ziel habe ich erkannt, dass sich der Weltrekord ausgehen könnte. Also habe ich alles gegeben.“ Sie hätte befürchtet, den Weltrekord knapp zu verpassen, sagte sie gegenüber Race News Weekly. Die Zeitnehmung stoppte aber gerade noch rechtzeitig für den Weltrekordbonus von World Athletics in Höhe von 50.000 US-Dollar (das entspricht rund 43.500 Euro).
Hinter Ngetich freuten sich zwei Athletinnen über den größten Erfolg ihrer Laufbahnen. Veronica Loleo gewann in einer Zeit von 1:06:05 Stunden die Silbermedaille bei ihrem Debüt im kenianischen Nationaldress. „Ich habe nicht mit der Medaille gerechnet. Daher bin ich überglücklich“, freute sie sich und widmete das Silber ihrer Familie. Die 28-Jährige ist in den letzten Monaten bereits zwei Halbmarathons unter 1:06 Stunden gelaufen – in Valencia und Berlin, jeweils als Wettkampf-Dritte.

Dritte wurde in Kopenhagen Florence Niyonkuru, die in einer Zeit von 1:06:08 Stunden ihren eigene Landesrekord für Ruanda um über eine Minute verbesserte und damit einen historischen Erfolg für ihr Heimatland feierte. „Der Wind war sehr kalt, ein hartes Rennen. Daher bin ich sehr glücklich mit der Medaille“, sagte sie. Die 25-Jährige blickt auf eine tolle Saison zurück: Sie holte die Silbermedaille bei den Afrikameisterschaften im 10.000m-Lauf und die Bronzemedaille bei den Commonwealth Games über dieselbe Distanz.
Wenngleich in der Einzelwertung knapp neben dem Stockerl, schnitt das Team aus den USA in Dänemark am zweitbesten hinter Kenia ab. Emma Hurley steigerte sich um über eine Minute auf eine Zeit von 1:06:23 Stunden und ist nun die Nummer drei der US-Bestenliste im Halbmarathon. Als Wettkampf-Fünfte führte sie ein US-Trio mit Weini Kelati (1:06:35) und Jessica McClain (1:06:53) an, erst dahinter folgte mit Ftaw Zeray die beste Äthiopierin. Immerhin rettete Äthiopien Team-Bronze.

Landesrekorde gab es auch für Fatima Ezzahra Birdaha aus Marokko (Neunte in 1:07:33) und, angesichts gänzlich fehlender internationaler Bekanntheit, sensationellerweise für Jadyn Keeler. Die 23-jährige Kanadierin steigerte sich in ihrem erst zweiten Halbmarathon um vier Minuten auf eine Zeit von 1:08:03 Stunden und pulverisierte als Wettkampf-16. den sechseinhalb Jahre alten kanadischen Halbmarathonrekord von Andrea Seccafien um eineinhalb Minuten. Außerdem für Dolshi Tesfu (Eritrea, 1:09:34), Sheyla Elogio Paucar (Peru, 1:09:42), Julia Paternain (Uruguay, 1:10:42), Viviana Aroche Lopez (Guatemala, 1:10:53) – und natürlich Julia Mayer in einer Zeit von 1:10:54 Stunden.
Aus europäischer Sicht war der WM-Halbmarathon aber eine ziemliche Enttäuschung. Das ist wohl auch dem EM-Marathon von Birmingham geschuldet. Denn so hatte die europäische Laufelite einen anderen Saisonhöhepunkt, während sich die Athletinnen von den anderen Kontinenten verstärkt auf die Straßenlauf-WM fokussierten.
Nur das Team aus Frankreich, das auf auf den EM-Marathon der Frauen komplett verzichtet hatte, schaffte es in der Nationenwertung der Frauen unter die Top-Ten (6.). Mit Chloé Herbiet gelang gerade einmal einer Europäerin der Sprung in die Top-20 – freilich in keiner schlechten Zeit von 1:08:44 Stunden. So hoch war nämlich das Niveau bei diesem WM-Rennen, in dem auch die Top-Nationen nur maximal drei Teilnehmerinnen stellen durften.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © ÖLV / DECA, © Dan Vernon / Gaelle Mobuchon / World Athletics