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ÖLV-Rekordteam beim großen Saisonhöhepunkt

Von Montag bis Sonntag gehen in Birmingham die Leichtathletik-Europameisterschaften über die Bühne. Österreichs Leichtathletik glänzt mit starker Beteiligung.
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24 Athletinnen und Athleten in rot-weiß-rot – so groß war ein österreichisches Nationalteam bei Europameisterschaften erst einmal, vor 72 Jahren in Bern. Die Aufwärtstendenz der heimischen Leichtathletik findet darin also seine Fortsetzung, wenngleich Medaillengewinne dieses Mal schwierig erscheinen. Gleich sieben Läuferinnen und Läufer sind in Birmingham dabei, drei davon beim letztmals im klassischen Rahmen stattfindenden EM-Marathon. Der ganz spezifische Voraussetzungen mit sich bringt.

24 heimische Leichtathletinnen und Leichtathleten haben die sportliche Qualifikation für die Europameisterschaften in Birmingham geschafft, darunter sieben auf den Laufdistanzen:

Julia Mayer (Marathon)
Eva Wutti (Marathon)
Andreas Vojta (Marathon)
Lisa Redlinger (5.000m)
Tobias Rattinger (3.000m-Hindernislauf)
Raphael Pallitsch (1.500m-Lauf)
Caroline Bredlinger (800m)

Der mit Abstand erfahrenste aus diesem Kreis ist Andreas Vojta (team2012.at), der bereits zum achten Mal an Europameisterschaften teilnimmt – und damit gemeinsam mit drei Kollegen Rekordteilnehmer ist. Birmingham ist allerdings sein erster EM-Marathon. Raphael Pallitsch (Union St. Pölten) ist zum dritten Mal dabei, wobei die erste EM-Teilnahme in seine erste Karriere fällt – ebenso Julia Mayer (DSG Wien), die bei ihrer dritten Teilnahme die dritte Distanz in Angriff nimmt. Tobias Rattinger (LAC BMD Amateure Steyr) hat EM-Erfahrung von Rom 2024, Caroline Bredlinger (LT Bgld Eisenstadt), Lisa Redlinger (TS Lustenau) und Eva Wutti (Club RunAustria) feiern ihr Freiluft-EM-Team.

„Erfreuliche Entwicklung“

„Das EM-Team spiegelt sehr schön den Trend wider, der sich momentan in Österreich abzeichnet: die Spitze wird in manchen Disziplinen breiter. (…) Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung, der interne Konkurrenzkampf beflügelt“, schreibt die in Mutterschutz befindliche ÖLV-Leistungssportkoordinatorin Beate Taylor in einem Statement. „Ich wünsche all unseren EM-Starter:innen, dass die Formkurve weiterhin nach oben zeigt und sie in Birmingham ihre Ziele erreichen.“

„Ich freue mich besonders, dass so viele unserer Athlet:innen zum Schluss über die Weltranglistenpunkte ins Feld gerutscht sind“, betont ÖLV-Teamleiter Hannes Gruber. Der Verband verfolgte die Strategie, möglichst viele Athlet:innen ins System einzuspeisen. „Ich sehe das als wichtiges Signal, dass wir an sie glauben.“ Administrativ ergab das viel Organisationsarbeit: Gleich 14 verschiedene Ankunfts- und 15 verschiedene Abflugdaten plante der ÖLV ein. Geflogen wird in Kleingruppen aus Wien, München und Zürich. Für Gruber ist Birmingham fast ein Heimspiel, er war bereits zu zwei Hallen-Weltmeisterschaften und einer Hallen-EM in der englischen Großstadt.

RunUp.eu-TV-Tipp: Der ORF überträgt die Leichtathletik-Europameisterschaften zur Gänze. Besonders erfreulich: Die Vormittagsessions und die Marathonläufe werden in ORF 1 ausgestrahlt, die Abendsessions in ORF Sport+. Auch Eurosport überträgt live aus Birmingham.

Wer nicht dabei ist

Vier ÖLV-Athletinnen und -Athleten verzichten auf ein Antreten, darunter Europameisterin Victoria Hudson, die in der Babypause ist. Marathonrekordhalter Aaron Gruen (ProTeam Vienna) fokussiert sich nach dem Rückschlag beim Vienna City Marathon auf einen komplett neuen Marathon-Aufbau im Herbst und priorisiert daher die Teilnahme an der Straßenlauf-WM im September in Kopenhagen im Halbmarathon. Mario Bauernfeind (ÖBV Pro Team) hat seinen Start beim EM-Marathon abgesagt, weil er nach einer anstrengenden Frühjahrssaison mit zwei Marathons in Linz und Prag im Training noch nicht wieder wie gewünscht in die Gänge gekommen ist.

Knapp an einer Qualifikation vorbei geschrammt sind Lena Millonig (ULC Riverside Mödling) und Kevin Kamenschak (ATSV Linz LA). Die 3.000m-Hindernisläuferin war in München 2022 und Rom 2024 Teil des Teams, dieses Mal reichte ihre Position im „Road to Birmingham“ knapp nicht. Bitter: Während Millonig drei Leistungen unter zehn Minuten aufweisen kann, ist die als letzte ins Feld gerutschte Italienerin Gaia Colli im Qualifikationszeitraum nicht unter zehn Minuten gelaufen. Doch das ist im Qualifikationssystem nicht ausschlaggebend, die 26-jährige Italienerin profitierte von den satten Bonuspunkten von gleich zwei nationale Meisterschaftsrennen und Platzierungspunkten beim dritten Resultat. „Bei Lena hat leider der Ausreißer nach oben gefehlt“, analysiert Gruber. Mit dem Staatsmeistertitel erntete sie zwar 50 Bonuspunkte, bei den beiden weiteren Leistungen fehlten diese aber.

Noch enger verpasste Kevin Kamenschak sein EM-Debüt. Allerdings kam der Oberösterreicher erst nach einer Reihe von Absagen in die Nähe des Schleudersitzes. Dann hatte er allerdings Pech, denn der Italiener Sebastiano Parolini erhielt den letzten Startplatz vor dem punktgleichen Österreicher. Der Grund: Parolinis Topleistung im Qualifikationszeitraum, ein 3.000er in der Halle, war minimal besser als die Topleistung Kamenschaks bei den Staatsmeisterschaften im Rahmen der Track Night Vienna. Der 22-Jährige muss sich nun mit einem Startplatz bei der Straßenlauf-WM in Kopenhagen im 5km-Straßenlauf zufrieden geben.

Auch Neo-Österreicher Cass Elliott (DSG Wien) verpasste die angestrebte EM-Qualifikation für den 800m-Lauf letztlich relativ knapp.

Das Stadion

Die Wettkämpfe gehen im Alexander Stadium über die Bühne, als Sitz des britischen Leichtathletik-Verbandes (UK Athletics) ein bedeutender Ort für die britische Leichtathletik. Das Stadion war mehrfach Gastgeber von Diamond-League-Meetings und wurde für die Commonwealth Games 2022 temporär vergrößert. Nun finden rund 18.000 Zuschauer:innen Platz. „Angeblich ist der Ticketverkauf gut gelaufen. Es ist ein kleines Stadion, aber mit einer tollen Atmosphäre“, erwartet Gruber.

Die Marathonläufe finden in den Innenstadt mit Start und Ziel auf dem Victoria Square statt. „Gott sei Dank droht uns dieses Mal nicht die große Hitze wie bei vielen der letzten internationalen Großereignisse“, fügt der ÖLV-Teamleiter an.

Ein Marathon wie noch nie

Die Marathonläufe in Birmingham sind die letzten im Rahmen von Freiluft-Europameisterschaften, zukünftig setzt European Athletics voll auf die Straßenlauf-Europameisterschaften, die 2025 ihre Premiere in Belgien gefeiert haben. Die Marathon-Entscheidungen werden speziell: Erstens wird auf einem 5km-Rundkurs gelaufen, zweitens auf einem sehr welligen Kurs mit 86 Höhenmetern pro Runde (mal acht) und drittens starten die Männer gestaffelt 40 Minuten nach den Frauen, was zu einer größeren Dichte auf der winkligen Strecke führen könnte. „Die Felder werden sich vermischen, es ist ein sehr unruhiger Wettkampf zu erwarten“, so Gruber. Der erfahrene Funktionär sieht den Vorteil der größeren Spannung und für das Publikum („Es wird die Hölle los sein, wahrscheinlich die beste Stimmung bei einem EM-Marathon ever!“), genauso aber auch die Herausforderung.

Dementsprechend ist er froh, dass Team Austria in der alphabetischen Reihenfolge an der Verpflegungsstation gut sichtbar ganz vorne steht. Denn es kann gut sein, dass Vojta zeitgleich mit einer Landsfrau zeitgleich den Getränketisch ansteuert.

Das Comeback des Jahres

Überraschend wird auch Jakob Ingebrigtsen in Birmingham dabei sein. Der sechsfache Europameister hat sich nach einer von verletzungsgeplagten Saison 2025, die mit einer wenig erfolgreichen WM-Teilnahme aus dem Stegreif in Tokio geendet hatte, im Winter an der Achillessehne operieren lassen. Der Norweger trainierte zuletzt fleißig in St. Moritz und hat entschieden, am 5.000m-Lauf teilzunehmen. In sozialen Medien schrieb er vielsagend: „Wenn man auf die perfekte Vorbereitung, perfekte Voraussetzungen und das perfekte Timing wartet, wird man das ganze Leben warten.“ Wettkämpfe seien großer Antrieb, deswegen wolle er unbedingt dabei sein. „Ich bin gesund. Daher gibt es keinen Grund, nicht zu laufen. Europameisterschaften, wo ich so viele goldene Erinnerungen gesammelt habe, sind die perfekte Bühne für meine Rückkehr.“

Interessant: Die europäische Jahresbestenliste führt Ingebrigtsens schwedischer Trainingspartner Andreas Almgren an, der in Birmingham jedoch nur in der Entry List des 10.000m-Laufs steht. Als Titelverteidiger hat Ingebrigtsen wie auch im 1.500m-Lauf einen Fixplatz. Auf der Mittelstrecke wird er jedoch nicht dabei sein. Dass Niels Laros, der eine Achillessehnenverletzung auskurieren muss, und Josh Kerr ebenfalls nicht antreten, nimmt dem 1.500m-Lauf gleich drei seiner europäischen und globalen Topstars. Der große Name im Feld ist nun Isaac Nader, der in Tokio Weltmeister wurde, in dieser Saison sein Potenzial aber noch nicht voll abrufen konnte. Zu den prominenten Ausfällen zählt auch Yann Schrub auf den Langstrecken, der Franzose hatte bis dato eine bärenstarke Saison gezeigt, die aber von einem Ermüdungsbruch unterbrochen wurde.

Hodkingson plötzlich in der Rolle der Herausforderin

Die wohl spannendste Laufentscheidung dieser Titelkämpfe wird der 800m-Lauf der Frauen. Intendiert als große Bühne für Lokalmatadorin Keely Hodgkinson ist plötzlich Audrey Werro in der Favoritenrolle. Ein besonderes Zeichen dafür ist auch, dass nicht die Engländerin, sondern die Schweizerin zur Auftaktpressekonferenz von European Athletics eingeladen wurde.

Werro bestach im Juni gleich mit zwei Leistungen unter 1:54 Minuten – und damit unterhalb von Hodgkinsons britischen Rekord. Im direkten Duell liegt die 22-Jährige zwar mit 1:8 gegen Hodgkinson hinten, das einzige Duell in dieser Saison in Stockholm gewann jedoch sie. Die Schweizerin hat die EM noch dazu als bestmögliche Gelegenheit für einen neuen 800m-Weltrekord ausgerufen. Zu diesem faszinierenden Duell kommt noch der ehemalige 400m-Hürdenstar Femke Broeders-Bol, die in ihrer ersten 800m-Saison nach Edelmetall greift.

Neben Werro geht für die Schweiz ein weiterer Medaillenkandidat ins Rennen. Dominic Lobalu, vor zwei Jahren Champion im 10.000m-Lauf, führt die Entry List im 5.000m-Lauf an und ist auch über die doppelte Distanz gemeldet. Deutsche Medaillenhoffnungen im Laufbereich gibt es in den 3.000m-Hindernisläufen mit dem Duo Frederik Ruppert und Karl Bebendorf bei den Männern sowie Gesa Krause und Lea Meyer bei den Frauen, sowie in den Marathonläufen, u.a. mit WM-Silbermedaillengewinner Amanal Petros, Samwel Fitwi und München-Champion Richard Ringer. Domenika Mayer hat ihren Start im starken deutschen Marathonteam der Frauen aus gesundheitlichen Gründen abgesagt, auch Mohamed Abdilaahi, auf dem Papier Medaillenkandidat sowohl im 5.000m- als auch 10.000m-Lauf, ist nach Problemen am Fuß nicht rechtzeitig fit geworden.

Stars aus Frankreich und Italien

Ein weiterer Hauptprotagonist in den Laufdisziplinen könnte Jimmy Gressier sein. Der Franzose versucht das Doppel auf den beiden Langdistanzen 5.000m und 10.000m. Über die längere Distanz kommt es zum spannungsgeladenen Duell mit Yemaneberhan Crippa, der nicht in seiner nunmehrigen Hauptdisziplin Marathon, sondern im 10.000m-Lauf an den Start geht.

Der Italiener gewann bei den letzten beiden Europameisterschaften je eine Goldmedaille: in München über 10.000m, in Rom im Halbmarathon. Seine Landsfrau Nadia Battocletti ist zwei Jahre nach ihren zwei EM-Goldmedaillen von Rom wieder die Favoritin auf beiden langen Strecken, bisher konnte sie in ihrer Freiluftsaison allerdings nicht überzeugen.

Erste EM in Großbritannien

1.645 Athlet:innen aus 49 Nationen starten in 50 Disziplinen an den 27. Europameisterschaften in Birmingham. Die zweitgrößte Stadt in Großbritannien ist zum ersten Mal Austragungsort von Leichtathletik-Europameisterschaften. Noch mehr überrascht, dass mit Großbritannien einer der größten und führenden Nationalverbände Europas noch nie Ausrichter von Freiluft-Europameisterschaften war. Große Erfahrung hat Birmingham als Ausrichter von Hallen-Großereignissen: die Weltmeisterschaften 2003 und 2018 sowie die Europameisterschaften 2007.

Autor: Thomas Kofler
Bild: © European Athletics

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