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Raphael Pallitsch verließ den Nanjing Cube mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil der siebte Platz bei einem WM-Rennen sein bisher größter Erfolg ist und damit auch der Lohn für die harte Arbeit im Winter, mit der er seine Hallensaison bestens vorbereitet hat. Dass er als Außenseiter zwei Kontrahenten im Finale hinter sich lassen konnte, ist ein Pluspunkt. Am Punkt X war Pallitsch allerdings noch derartig in Hochform, dass darin das weinende Auge begründet ist. Nach dem Zieleinlauf schwang das Gefühl mit, dass an diesem Sonntagabend chinesischer Zeit noch mehr drinnen gewesen wäre – ohne den unfeinen Körperkontakt mit dem Weltmeister.
Mehr als noch der siebte Endplatz imponierte die mutige und entschlossene Laufweise Raphael Pallitschs (Union St. Pölten) im mit neun Läufern bestückten Finale. Nach einigen Positionskämpfen und taktischen Entscheidungen entschloss sich der Burgenländer im drittletzten Umlauf, nach einer Verschärfung mit Überholmanövern gegen Neil Gourley und Mariano Garcia, sogar den in diesem Moment führenden Jakob Ingebrigtsen, der leicht verwundert kurz seinen Kopf nach rechts drehte, vor der fünftletzten Kurve zu attackieren. „Es war verrückt, zu diesem Zeitpunkt habe ich mich bombastisch gefühlt“, so der 35-Jährige.
Auf der Außenbahn kam er allerdings nur neben und nicht vor den Norweger, beim Einbiegen in die Kurve verteidigte der Olympiasieger von Tokio 2020 seine Spitzenposition, in dem er den Körperschwerpunkt geschickt nach rechts verlagerte und dem Österreicher, wie man im Motorsport sagen würde, die „Tür zuschmiss“. Letztendlich kam der Österreicher mit einer Zeit von 3:41,01 Minuten ins Ziel, in den letzten beiden Runden konnte er seine Positionen gegen Samuel Pihlström und Adrian Ben nicht halten.
Pallitsch verlor nach dem nicht sehr sensiblen Körperkontakt, aber wohl im Rahmen des Erlaubten, kurz Kontrolle und Rhythmus und wurde ziemlich weit nach außen gedrängt. Die Folge waren etliche Positionsverluste in einem heiklen Moment, in dem vorne nun die Post abging. Der Burgenländer fühlte sich vom Superstar unfair behandelt: „Er hat mich weit über Gebühr gestoßen. Das hat dazu geführt, dass ich die starke Position und mein Momentum verloren habe und mein Rennen war dadurch zerstört.“ Ein von der ÖLV-Delegation eingebrachter Protest wurde vom Wettkampfgericht abgewiesen, wie der ÖLV mitteilte.
Es sei zwar verwegen zu sagen, eine Medaille wäre drin gewesen, fügte Pallitsch hinzu, dennoch fühle er angesichts des Verlaufs eine leichte Enttäuschung über Platz sieben. „Es war trotzdem eine starke Leistung und der siebte Platz bei einer WM ist ein Wahnsinnserfolg für mich.“ Wie Leichtathletik-Journalist Olaf Brockmann auf seiner Facebook-Seite schrieb, ist das das beste Abschneiden eines österreichischen Läufers in der Geschichte von Hallen-Weltmeisterschaften. Bei den Läuferinnen hat Stephanie Graf dreimal eine Top-Sechs-Platzierung geschafft.

Nach seinem starken Vorlauf am Freitag, als er Position zwei hinter Jakob Ingebrigtsen belegte (siehe RunUp.eu-Bericht), ging der Österreicher ohne Druck in seinen ersten Endlauf bei Weltmeisterschaften. Pallitsch entschied, eine aktive Rolle im Renngeschehen zu übernehmen. Hinter dem US-Duo platzierte er sich gleich nach dem Start auf Position drei und hielt sich lange im Mittelfeld. Als Ingebrigtsen vor Rennmitte die Führung übernahm, kam Bewegung in die Gruppe und das Feld sortierte sich neu, wobei Pallitsch kurz ins Hinterfeld zurückfiel und wieder aktiv werden musste, um einige Kontrahenten auf der Außenbahn zu überholen. „Ich habe mich immer wieder durchsetzen müssen. Es war sehr unrhytmisch, ein Rennen mit sehr viel Dynamik“, so der ÖLV-Rekordhalter. Es sind auch Erfahrungswerte, die er vor diesem Premieren-Hallen-WM-Finale nicht so häufig machen konnte.
Auch wenn im Vergleich zu den Olympischen Spielen von Paris 2024 in Nanjing nicht die komplette Weltelite am Start war, ist das Abschneiden des Burgenländers ein absolutes Highlight seiner bisherigen Karriere. ÖLV-Leistungssportkoordinatorin Beate Taylor lobte den 35-Jährigen für ein „sehr couragiertes Rennen“ und ein „sensationelles Ergebnis“. Mit ins Lob einbezog sie auch Österreichs zweite Teilnehmerin, Caroline Bredlinger (LT Bgld Eisenstadt), die im 800m-Vorlauf am Freitag eine gute Leistung zeigte, den Sprung ins Halbfinale aber verpasste (siehe RunUp.eu-Bericht).
Seit einigen Jahren dominiert Jakob Ingebrigtsen die 1.500m-Szene, doch seit seinem Olympiasieg als 20-Jähriger im Sommer 2021 in Tokio gelang ihm kein globaler Titel mehr. Und so war die Goldmedaille in einer Zeit von 3:38,79 Minuten eine Premiere, die erste bei Weltmeisterschaften. Unter dem Hallendach musste er sich 2022 in Belgrad mit einer anbahnenden Corona-Infektion im Körper dem Äthiopier Samuel Tefera geschlagen geben. Ein halbes Jahr später überrumpelte ihn der unfassbare Schlussspurt von Jake Wightman im WM-Finale von Eugene. 2023 war Josh Kerr im Schlussspurt der Stärkere, so gab es auch in Budapest nur WM-Silber für Ingebrigtsen. Bei den Olympischen Spielen von Paris ging er über diese, seine Lieblingsdistanz, gar leer aus.

So dürfte der Norweger mit absoluter Zufriedenheit zurück nach Europa reisen, auch wenn er vor einigen Wochen in einem Interview gegenüber der britischen Tageszeitung „The Telegraph“ meinte, Laufen sei ein Outdoor-Sport und er daher automatisch die Hallensaison geringschätzte. In Nanjing äußerte der Skandinavier auch Kritik an seinen Hauptkontrahenten, die die Hallen-WM ausließen – so fehlte das komplette Olympia-Stockerl. „Wären wir nicht alle froh, wenn sie hier wären?“, fragte er bereits nach dem Vorlauf nicht ohne Provokation.
Im Finale hatte der Norweger aus der Position des haushohen Favoriten heraus einen klaren Plan. Er ging das Rennen nicht zu konservativ an und platzierte sich in der Mitte. Nach rund 650 Metern übernahm er mit der gewohnten Verschärfung und unter dem lauten Jubel von den Tribünen die Führung, die er de facto nie wieder abgab, auch wenn die Lichtschranke nach exakt 1.000m Raphael Pallitsch einen Hauch vor ihm „blitzte“.
Entschieden war das Rennen jedoch nicht frühzeitig. Anfangs der Schlussrunde hingen Hallen-EM-Bronzemedaillengewinner Isaac Nader, Neil Gourley und Luke Houser im Rücken des Superstars. Doch ausgerechnet Nader ging das Benzin aus und so entstand eine kleine Lücke zugunsten Ingebrigtsens. Der Portugiese finishte in 3:39,58 Minuten auf Rang vier, er verbuchte nur die sechstschnellste Schlussrunde. Ein paar schnelle Schritte aus der letzten Kurve heraus sicherten Ingebrigtsen die Goldmedaille, auf den letzten 100 Metern war er der Schnellste im Feld.
Neil Gourley, der die schnellste Schlussrunde verzeichnete, holte in 3:39,07 Minuten die Silbermedaille, bei der Hallen-EM vor zwei Wochen in Apeldoorn ist er noch leer ausgegangen. Für den 30-jährigen Schotten ist es seine erste Medaille auf globaler Ebene, nachdem er vor zwei Jahren schon einmal Zweiter bei einer Hallen-EM war, ebenfalls hinter Ingebrigtsen. „Ich bin sehr glücklich, auch weil es mir gelungen ist, die Scharte der Hallen-EM auszuwetzen. Ich hatte einen klaren Plan und der hat funktioniert.“ Es ist erst die zweite Hallen-WM-Medaille in dieser Disziplin, eigentlich eine Stärke der Briten, nach David Strang 1993 in Toronto.
Der gefürchtete Endspurt des Amerikaners Houser, mit dem er im Vorlauf bestach, führte den 23-Jährigen zu Bronze in 3:39,17 Minuten. Für den US-Amerikaner, der seine besten Wettkämpfe seiner Karriere allesamt in diesem Winter in seiner Heimat absolviert hat und damit der Weltöffentlichkeit noch nicht sehr bekannt ist, ist die Bronzemedaille die mit Abstand größte Leistung seiner bisherigen Laufbahn. „Es ist ein wahr gewordener Traum“, jubelte er – auch wenn er selbst die Medaille nicht als Überraschung einordnen wollte.

Der Sieg im 1.500m-Lauf war der zweite erfolgreiche Auftritt Jakob Ingebrigtsens in Nanjing. Tags zuvor gewann er den 3.000m-Lauf, die erste Hallen-WM-Goldmedaille seiner Karriere. Damit schaffte er ein Doppel, das bis dato einzigartig war: Nur Haile Gebrselassie schaffte bei den Hallen-Weltmeisterschaften 1999 in Maebashi, die bis dato einige Hallen-WM in Ostasien, dieses Kunststück. „Natürlich ist das ein besonderer Erfolg. Ich finde es sehr schwierig, sich selbst mit der Geschichte und früheren Leistungen zu vergleichen“, meinte Ingebrigtsen. „Ich fokussiere mich lieber auf mich und darauf, mit weiterhin zu verbessern.“
Der WM-Titel über 3.000m am Samstagabend chinesischer Zeit entstammte einem hochinteressanten Wettkampf und einem spannenden Duell mit Berihu Aregawi aus Äthiopien. Der Norweger, hinsichtlich den 1.500m-Finals tags darauf an einem nicht allzu schnellen Wettkampf interessiert, setzte sich überraschend noch im ersten Renndrittel an die Spitze, um zu verhindern, dass das Tempo zu schnell wird. Die Durchgangszeit von 2:46,22 Minuten von Getnet Wale dürfte ihm entgegengekommen sein. Die Äthiopier übernahmen just Augenblicke vorher die Führung, ihr Bester, Aregawi, lauerte weiterhin im Hinterfeld. Der zweite Kilometer, zum Schluss mit dem Kenianer Cornelius Kemboi an der Spitze, war mit einer Zeit von 2:36,62 Minuten folgerichtig deutlich schneller.
Es war der Auftakt für ein faszinierendes Finale. Ingebrigtsen lag 700 Meter vor dem Ziel etwas eingebaut auf der Innenbahn. Er nutze eine Lücke ,um nach außen zu wechseln und setzte zum Überholmanöver an. Es war höchste Zeit, denn der Australier Ky Robinson hatte an der Spitze beschleunigt. Im selben Atemzug übernahm Aregawi die Initiative und stürmte in die Führungsposition, der Norweger folgte. Der 24-Jährige, der seinen Halbmarathon-Aufbau für Lissabon für die Hallen-WM-Teilnahme abgebrochen hatte, diktierte nun das Geschehen und ließ den Norweger eingangs der letzten Runde nicht vorbei.
Mit dem schnellsten 100m-Abschnitt des gesamten Rennens verteidigte der Äthiopier auch auf der Gegengerade die Führung. Damit zwang er den 24-jährigen Europäer bis an dessen Grenzen. Ingebrigtsen, über diese Distanz bereits viermal Hallen-Europameister, wartete geduldig bis zur Schlussgerade, scherte aus der Kurve heraus aus und überholte seinen Kontrahenten kurz vor der Ziellinie. Mit einer Zeit von 7:46,09 Minuten hatte er am Ende die Oberhand gegenüber Aregawi mit seiner Zeit von 7:46,25 Minuten.
Für den Äthiopier ist die Silbermedaille ein bekanntes Gefühl, es ist seine bereits vierte auf globaler Ebene. Zweimal musste er sich bei Crosslauf-Weltmeisterschaften nur Jacob Kiplimo geschlagen geben, bei den Olympischen Spielen 2024 von Paris war im 10.000m-Lauf Joshua Cheptegei der etwas bessere.
Historisch ist die Bronzemedaille von Ky Robinson in einer Zeit von 7:47,09 Minuten, es ist die erste für Australien in dieser Disziplin bei Hallen-Weltmeisterschaften. Der 23-Jährige setzte sich in den letzten Atemzügen gegen den US-Amerikaner Sam Gilman durch, dem der vielleicht noch sensationellere Medaillengewinn um eine Zehntelsekunde durch die Finger glitt. Abgesehen von Aregawi konnten keine afrikanischen Teilnehmer in die Spitze laufen und so freuten sich auch Dylan Jacobs aus den USA und der Ire Andrew Coscoran, der im 1.500m-Vorlauf am Tag davor das Duell gegen Raphael Pallitsch verloren hatte, über Top-Sechs-Platzierungen.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © ÖLV / Sona Maleterova, © Sona Maleterova / World Athletics