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Pallitsch erreicht mit Spitzenspurt WM-Halbfinale

Raphael Pallitsch hat sich im WM-Vorlauf über 1.500m in Tokio punktgenau als Sechster für das Halbfinale qualifiziert. Ihm gelang das „Rennen schlechthin.“
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ÖLV-Rekordhalter Raphael Pallitsch hat bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Tokio das Halbfinale erreicht und damit einen großen persönlichen Erfolg gefeiert. Der Österreicher beendete seinen Vorlauf in einer Zeit von 3:42,40 Minuten auf dem sechsten Platz und belegte damit einen der sechs Halbfinalplätze, die in jedem der vier Vorläufe ausgefochten wurden. Schlüssel für diesen Erfolg war eine geduldige taktische Umsetzung des Rennens und ein fantastischer Schlussspurt.

12,55 Sekunden. Diese Zeitspanne maß die offizielle Zeitmessung bei Raphael Pallitsch (Union St. Pölten) zwischen der Zwischenzeit bei 1.400m und der Ziellinie beim WM-Vorlauf heute morgen japanischer Zeit im Olympiastadion von Tokio. Kein anderer der 60 teilnehmenden Athleten hat einen schnelleren Split in der Statistik. „Es ist natürlich immer ein offenes Fragezeichen, ob ein Schlussspurt in einem Wettkampf dann auch im optimalen Ausmaß gelingt. Aber ich lege in meinem Trainingsalltag einen großen Fokus darauf, auf den letzten Wettkampfmetern so schnell wie möglich zu sein“, betonte der Burgenländer im Telefonat mit RunUp.eu.

Ruhe vor dem Sturm

Es mag stimmen, dass der Österreicher im langsamsten der vier Vorläufe steckte und daher in solchen Rahmenbedingungen tendenziell schnellere Schlussspurts möglich sind. Aber relevant ist der Fakt, dass Pallitsch den schnellsten innerhalb seines Vorlauf hatte. 0,16 Sekunden schneller als Adrian Ben und 0,21 Sekunden schneller als Nuno Pereira – der Spanier und der Portugiese kamen vor und hinter Pallitsch ins Ziel. Eine Viertelsekunde schneller als die Vorlauf-Besten Cole Hocker aus den USA, seines Zeichens Olympiasieger und ein bekannt schneller Spurter, der Deutsche Robert Farken, der Brite Neil Gourley sowie der Kenianer Timothy Cheruiyot. „Ich habe schnell durchgezählt und wusste auf der Zielgerade genau, dass ich noch zwei Positionen gewinnen müsste. Daher war mir schon vor Überqueren der Ziellinie klar, dass ich im Halbfinale bin“, so Pallitsch.

Dieser tolle Schlussspurt von 12,55 Sekunden als Krönung eriner glänzenden Schlussrunde aus seiner Sicht erlaubte dem Österreicher, der bereits gegen Ende der Gegengerade und in der letzten Kurve summiert drei Positionen gutgemacht hatte, auf der Zielgerade noch von Position acht auf Position sechs zu stürmen – und damit das Sehnsuchtssziel zu erreichen. „Es ist immer ein bisschen Glück dabei, dass auf der Innenbahn das Loch aufgeht. Ich hatte so viel Energie, dass ich mir sogar überlegt habe, außen zu attackieren“, schilderte der Österreicher. „Aber heute hat mich mein Renninstinkt zu den richtigen Entscheidungen geführt. Die Geduld während des Rennens war ebenfalls maßgeblich für das Gelingen. Wie von mir prognostiziert.“ Ein Aufstieg ins Halbfinale war dem Burgenländer bei der WM 2023 in Budapest und bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris noch verwehrt geblieben, der Jubel nach dem Zieleinlauf dementsprechend groß.

© ÖLV / Sonia Maleterova

Selbes mentales Setting

Aus der Kombination beider Gründe bezeichnete Pallitsch diesen Wettkampf als seinen von der taktischen Perfektion her besten. Zwangsläufig erinnerte er an den Vorlauf bei den Europameisterschaften von Rom vor 15 Monaten, als der Österreicher mit noch knapperem Vorsprung auf den Nächstplatzierten als Sechster ins Finalfeld gerutscht und ihm dort eine große Steigerung gelungen war, die ihn auf Rang sechs nur unweit der Medaillen platziert hatte. In Tokio steht morgen Abend japanischer Zeit erst einmal der Halbfinallauf an, in den der Österreicher als Underdog, aber mit dem exakt selben mentalen Setting geht wie in den heutigen Vorlauf. „Wenn sich meine Chance ergibt, muss ich 100% da sein!“ Und dank seines Schlussspurts von heute warnt er die Konkurrenz: „Wer sich spielt, muss damit rechnen, dass ich im Finale dieselben Haxen wie heute habe.“

Die enorme Dichte weltweit hat den Vorlauf bereits zur großen Herausforderung gemacht. Das maximiert sich natürlich im Halbfinale der 24 Besten, die auf zwei Läufe aufgeteilt werden. Pallitsch läuft wieder gegen Hocker, Farken, Gourley und Ben, vielleicht ein gutes Omen. Es werde ein intensiver Kampf um die Positionen und die Positionierung im Rennen, aber dank der hohen Dichte sei dies mittlerweile auch in den Vorläufen schon Gang und Gebe, so der 35-Jährige.

Etliche Sensationen

Im Halbfinale nur Zuschauer sind einige hochkarätige 1.500m-Athleten, die auf die negative Seite etlicher Überraschungen fielen. Bereits im ersten Vorlauf scheiterte Azzedine Habz als Siebter. Der 32-jährige Franzose, zweifacher Hallen-EM-Medaillengewinner von Apeldoorn, hat in diesem Jahr zwei Diamond-League-Rennen gewonnen und war als Weltjahresbester nach Japan gereist. Wenige Minuten später erwischte es den Briten Elliot Giles, im Pallitsch-Vorlauf blickte das australische Ausnahmetalent Cameron Myers bei dessen globalem Debüt bei den Erwachsenen als Achter durch die Finger. „Man sieht, dass bei dieser hohen Dichte auch Topathleten scheitern, wenn sie nicht die optimale Tagesverfassung erwischen oder nicht in Topform sind. Es ist nicht einfach, eine Topform über den kompletten Sommer zu halten. Die Differenz zwischen einer Finalteilnahme und einem Vorlaufaus ist heutzutage einfach gering. Viele haben sich vielleicht auch von den Bedingungen überraschen lassen und sie unterschätzt“, mutmaßte Pallitsch. „Obwohl die Sonne nicht gescheint hat, war die gefühlte Temperatur auch zu dieser Tageszeit schon über 40°C.“

© Dan Vernon for World Athletics

Doch der sportliche Schock schlechthin ereignete sich im letzten Vorlauf. Jakob Ingebrigtsen, der aufgrund von Problemen mit der Achillessehne in diesem Jahr noch keinen Freiluft-Wettkampf bestritten hat, flog bei seinem Saisondebüt als Achter durchs Raster. Dem Norweger, der äußerst passiv agierte, fehlte in der Schlussphase seines Wettkampfs der Punch. Als Achter war er in einer Zeit von 3:37,84 Minuten am Ende recht chancenlos. Jake Wightman, der Ingebrigtsen 2022 im WM-Finale von Eugene im Kampf um Gold besiegt hatte, dagegen lief als Führender ins Ziel. Auch der Schotte blickt auf eine lange Verletzungsgeschichte zurück.

Damit muss Ingebrigtsen weiterhin auf seinen ersten WM-Titel im 1.500m-Lauf warten und erlitt just in jenem Stadion, in dem ihm als Olympiasieger 2021 der erste ganz große Wurf gelungen ist, eine massive Niederlage. Er leckt nun seine Wunden bis zum Vorlauf über 5.000m, den er als Titelverteidiger angehen wird.

Weitere Vorlauf-Entscheidungen in Tokio

Superstar Faith Kipyegon hat das Finale über 1.500m der Frauen souverän erreicht. Die Kenianerin setzte sich im Halbfinale heute Abend japanischer Zeit in einer Zeit von 4:00,34 Minuten als Siegerin ihres Laufs durch und hat am Dienstag japanischer Zeit beste Chancen auf ihren vierten WM-Titel alleine in dieser Disziplin. Viel schwieriger war die Aufgabe für Freweyni Hailu aus Äthiopien, die in der Anfangsphase zu Sturz kam und dennoch als Dritte ins Ziel lief. Im zweiten Halbfinale wurde die Italienerin Marta Zenoni, ursprünglich Sechste, disqualifiziert und die Deutsche Nele Weßel, im Ergebnis abgeschlagen, per Juryentscheidung in das Finale aufgenommen. Die Irin Sarah Healy profitierte und rückte nach.

Bereits in den Vorläufen schied die Britin Laura Muir, vor vier Jahren in diesem Stadion Olympia-Medaillengewinnerin, genauso wie Japans Hoffnung Nozomi Tanaka aus. Die äthiopische Medaillenkandidatin Diribe Welteji verlor erwartungsgemäß ihr Startrecht. Ihr werden Unregelmäßigkeiten bei einer Dopingkontrolle vorgeworfen.

Die Sensation in den Vorläufen des 3.000m-Hindernislaufs der Männer betraf Kenneth Rooks. Der US-amerikanische Olympia-Medaillengewinner von Paris 2024 war unerwartet chancenlos und muss im Finale am Montagabend japanischer Zeit zuschauen. Mit Dijlali Bedrani (Frankreich) und Daniel Arce (Spanien) sind auch zwei der besten Europäer nicht mehr im Rennen. Vom deutschen Trio erreichten Diamond-League-Gesamtsieger Frederik Ruppert und Niklas Buchholz das 15-köpfige Finale, Karl Bebendorf blieb als Sechster des ersten Vorlaufs knapp hängen. Geordie Beamish aus Neuseeland qualifizierte sich trotz eines spektakulären Sturzes.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © ÖLV Sonia Maleterova

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