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Eine vermaledeite Hundertstelsekunde. Das kleinste Berechnungsmaß im Laufsport. Sie machte den Unterschied zwischen den Positionen fünf und sechs sowie Position sieben. Sechs Läufer aus dem Halbfinallauf von Tokio erreichten das WM-Finale, welches am Mittwochabend Ortszeit auf dem Programm steht. Der siebtplatzierte Österreicher nicht – im Gegensatz zu Neil Gourley aus Großbritannien und Tshepo Tshite aus Südafrika, die einen Hauch vor Pallitsch ins Ziel gelaufen sind. Tshite profitierte von der Disqualifikation von Olympiasieger Cole Hocker. Auch der ÖLV-Rekordhalter rückte eine Position auf, an der Dramatik mit der Hundertstelsekunde änderte das aber nichts, weil auch der Brite nur 0,01 Sekunden schneller war als Pallitsch. Noch im vergangenen Jahr war eine Hundertstelsekunde ausschlaggebend dafür, dass Pallitsch das EM-Finale von Rom erreicht hatte. Eine Nuance, damals wie heute. Nur mit konträrem Ausgang.
Es benötigte einiges an Zeit, um die vielen Emotionen und Gedanken zu sortieren, einzuordnen und zu verarbeiten. „Ich habe gespürt, dass meine Auftritte hier in Tokio ein großer Erfolg sind. Aber genauso habe ich gespürt, wie hauchdünn ich an einem noch durchschlagender Erfolg in meiner Laufbahn vorbeigeschrammt bin“, schilderte Pallitsch im Telefonat mit RunUp.eu seine emotionale Achterbahnfahrt in der Zeitspanne seit dem Zieleinlauf am Montagabend japanischer Zeit. Freilich war der 35-Jährige als Außenseiter ins Rennen gegangen, freilich der Aufstieg vom Vorlauf ins Halbfinale schon eine beachtliche Leistung und überzeugender Beleg für seine konzeptionell hervorragende Arbeit und Entwicklung in den letzten Jahren – auch die Finalteilnahme bei den Hallen-Weltmeisterschaften 2025 von Nanjing und der sechste Platz bei den Europameisterschaften 2024 von Rom gehören dazu.
Aber der Spitzensportler in Pallitsch sah die Chance auf etwas ganz Großes. Und daher war die Enttäuschung enorm. Die schnellen Schritte in seinem Endspurt, der zu den besten im Feld gehört, waren der Schlüssel dafür, dass er ganz nahe an die Finalqualifikation herangekommen ist. „Trotz der vielen Rückschläge im Laufe des Jahres habe ich gemerkt, wie rasant und gut sich meine Form entwickelt. Daher war mir bewusst, dass ich hier in Tokio auf meinen Toplevel performen kann.“ Und so quälten ihn naturgemäß Fragen, was er denn hätte besser machen können – für diese eine Hundertstelsekunde mehr.

„Vielleicht in der Positionierung in der vorletzten Runde. Aber selbst das wäre keinesfalls eine Garantie gewesen, dass ich am Ende weiter vorne gelandet wäre“, so seine Analyse. In der Anfangsphase musste der Österreicher geistesgegenwärtig dem gestürzten Kanadier Foster Malleck ausweichen und rasch ein Loch zulaufen, ein Argument, im Mittelteil des Rennens kurz auf Ruhe anstatt auf kräfteraubende Positionskämpfe zu setzen. Aufgrund des Rennverlaufs mit recht langsamem Auftakt und einer enormen Steigerung im Verlaufe der Schlussphase wäre in der Gestaltung der Schlussrunde nichts anderes möglich gewesen, meint Pallitsch. Der Schlussspurt musste den Erfolg bringen, er funktionierte energetisch, es fehlte ein Wimpernschlag. 3:36,94 Minuten gingen für den Österreicher in die Statistik. Mit 3:36,93 Minuten nennt man sich in Tokio Finalteilnehmer.
In Paris der gefeierte Held, in Tokio der „böse Bube“. Weil er Robert Farken auf der Zielgerade behindert hat, disqualifizierte das Wettkampfgericht Olympiasieger Cole Hocker nach dem Halbfinale. Während sein Management die Entscheidung schwer kritisierte und als „amateurhaft“ einstufte, äußerte der Athlet zwar seine Enttäuschung über die Disqualifikation, richtete seinen Blick aber bereits auf die 5.000m-Vorläufe.
Hocker erarbeitete sich mit körperlichem Einsatz eine Lücke zwischen Robert Farken und Stefan Nillessen. Die beiden höher eingeschätzten Europäer brachen im Schlussspurt ein und verloren deutlich an Speed, beide schieden aus. Der Deutsche sagte in Interviews in deutschen Medien, dass er sich zwar behindert gefühlt hätte, aber auch ohne den Zwischenfall keine Chance auf eine Top-Sechs-Platzierung gehabt hätte. Daher war er überrascht, dass er am Grünen Tisch ins Finale aufgenommen wurde. BBC-Kommentator Steve Cram, eine Mittelstreckenlegende, sah die Disqualifikation Hockers aufgrund des Ellbogeneinsatzes als legitim an.
Neil Gourley diktierte diesen Mittelteil, erst 500 Meter vor dem Ziel wurde das Rennen schnell, schneller, richtig schnell. Die sportliche Dichte im Feld erlaubte es, dass trotz zweier gestürzter Athleten (der Italiener Federico Riva wurde am grünen Tisch ins Finalfeld aufgenommen, Anm.) die Gruppe während der ganzen Schlussrunde noch eng beieinander lag. Und weil die dort Führenden entlang der Ziellinie versuchten, mit dem Maximum an Haushalten der Kräfte eine Top-Sechs-Position zu sichern, während das Hinterfeld in Sieben-Meilen-Stiefeln angespurtet kam und auf einige einbrechende Athleten traf, fächerte sich das Feld über die halbe Breite der neun Laufbahnen im Nationalstadion auf. Die Abstände im Ziel dementsprechend gering: 0,16 Sekunden lagen zwischen Rang zwei und Rang acht, Hocker noch in der ursprünglichen Wertung.
„Ich konnte meinen Endspurt nicht so initiieren, wie es ideal gewesen wäre. Klar, wäre ich alleine gespurtet, wäre ich freier und auch schneller gewesen“, so Pallitsch. Das gehöre aber in so einen Wettkampfgeschehen zu den taktischen Herausforderungen dazu. Als Pallitsch losspurtete, musste er zweimal eine kleine Richtungsänderung vornehmen, weil Konkurrenten in der Enge des Geschehens ähnliche Ideen hatten. „Am Ende war irgendwie auch keine Lücke da, aber da lautete die Devise: Augen zu und durch. Wäre der Wettkampf zehn Meter länger gewesen, wäre ich im Finale.“

Das denkbar knappe Aus im Halbfinale von Tokio hinterließ Pallitsch nicht nur aufgrund des Wettkampfgeschehens nachdenklich. Es stehen große Überlegungen an. Drei Jahre lang hat er seine volle Tatkraft investiert, sich in seiner zweiten Karriere den Kindheitstraum einer Olympia-Teilnahme zu erfüllen. Die Saison 2025 war nach dessen Realisierung die Draufgabe, Pallitsch spürte die mögliche Weiterentwicklung, die ihm auch gelang. Er ist sich sicher: Noch ist das Ende der Fahnenstange im sportlichen Bereich auch mit bald 36 Jahren nicht erreicht. „Ich kann vielleicht eine hohe 3:30er Zeit laufen, ich kann globale Finals erreichen. Mir macht in der Trainingsarbeit, das Streben mich zu verbessern nach wie vor Freude. Die Motivation ist zu 100% da, bis Los Angeles 2028 durchzuziehen“, beteuert er.
Gleichzeitig fließen andere Überlegungen hinein, er knüpft die Fortführung seiner Karriere an die Bedingungen eines professionellen Umfelds. „Die Zukunftsfrage hängt davon ab, ob ich Sponsoren, Geldgeber, Partner finde, die den Weg mit mir gehen und eine Konstellation mit mir gemeinsam gestalten, in der ich voll professionell als Sportler arbeiten kann und die mir auch eine finanziell bessere Perspektive verleiht als ich sie jetzt habe“, so Pallitsch. Dann erweitere sich sein zeitlicher Horizont jedenfalls bis zu den Olympischen Spielen 2028.
Er schätzt die Förderungen, die er von Verband und Verein bekommt – sie ermöglichten die Finanzierung aufwändiger Trainingslager im Ausland, die in der Szene aber Gang und Gebe sind. Darüber hinaus war auch private Opferbereitschaft gefragt. Der österreichische Sport liefert für Pallitsch, der durch die jahrelange Pause und das Comeback praktisch wie ein Quereinsteiger in den Leistungssport ist, keine passende Struktur für zusätzliche finanzielle Unterstützung. Natürlich war Pallitsch bewusst, dass eine Final-Teilnahme in Tokio und eine durchaus realistische Top-Ten-Platzierung ihn in eine andere Ausgangsposition in der Förderstruktur gebracht hätte.
Diese Herausforderung will der Burgenländer nun in Absprache mit seiner Lebenspartnerin Lisa, die ihn stets bei seinen Karriereträumen unterstützt hat, angehen. „Ich bin überzeugt, dass in mir noch mehr drin ist. Vielleicht war Tokio 2025 nicht meine letzte Chance auf ein großes, globales Finale.“ Der heimischen Leichtathletik – und ganz besonders dem Laufbereich – würde das bestimmt guttun.

Das 1.500m-Finale der Männer ist für Mittwoch um 15:20 Uhr mitteleuropäischer Zeit angesetzt. Mit Jakob Ingebrigtsen und Shootingstar Phanuel Koech, die beide im Vorlauf ausgeschieden sind, sowie Cole Hocker fehlen dort drei große Namen der Szene. Wie in der gesamten Saison hinterließ der junge Niels Laros in Vor- und Halbfinallauf einen starken Eindruck und ist wohl mit Titelverteidiger Josh Kerr der aussichtsreichste Kandidat auf WM-Gold.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © ÖLV / Sonia Maleterova, © Mattia Ozbot for World Athletics