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Die Läuferinnen und Läufer stehen entlang der Avenue des Champs-Élysées, als warteten sie nicht auf ein Rennen, sondern auf eine Offenbarung. Dann der Start. Im Abstand von wenigen Minuten geraten ganze Blöcke an Läufer:innen in Bewegung, ein leises Rollen, das…


Die Läuferinnen und Läufer stehen entlang der Avenue des Champs-Élysées, als warteten sie nicht auf ein Rennen, sondern auf eine Offenbarung. Dann der Start. Im Abstand von wenigen Minuten geraten ganze Blöcke an Läufer:innen in Bewegung, ein leises Rollen, das sich durch die Boulevards schiebt. Es ist, als beginne die Stadt selbst zu atmen – und zwar schneller als gewöhnlich.
Wer den Marathon in Paris verfolgt, begreift schnell, dass diese Stadt nicht gleichmäßig reagiert. Es gibt Straßen, die wirken wie vergessen: lange, graue Abschnitte, auf denen nur das rhythmische Auftreten der Schuhe zu hören ist, das trockene Klatschen auf Asphalt. Dort läuft man beinahe allein, obwohl tausende Menschen gleichzeitig unterwegs sind.
Und dann wieder diese eruptiven Orte: gegen Ende der Trocadéro, ein Brennpunkt aus Stimmen, Fahnen, Kameras. Hier ist Paris laut, überwältigend, fast überfordert von sich selbst. Die Läufer:innen werden durch ein Spalier aus Begeisterung getragen, als wären sie Figuren in einem Film, der gerade seinen Höhepunkt erreicht.
Es ist dieser Wechsel – zwischen Einsamkeit und Exzess –, der den Pariser Marathon so eigentümlich macht. Man läuft durch zwei Städte gleichzeitig: die stille und die überschäumende.
An der Spitze des Rennens, irgendwo jenseits dessen, was der gewöhnliche Blick erfassen kann, formiert sich früh eine kleine Gruppe. Afrikanische Dominanz wird erwartet, wie immer. Doch dann geschieht etwas, das man später vielleicht als Wendepunkt erzählen wird.
Ein Italiener läuft vorne, wenn auch mit äthiopischen Wurzeln. Yeman Crippa, ein Name, der in Europa längst Gewicht hat. Er war schon Europameister über 10.000 Meter (2022) und im Halbmarathon in Rom 2024. Im Marathon hatte er noch nicht endgültig angeschrieben. Er läuft nicht spektakulär, nicht mit jener aggressiven Leichtigkeit, die man von den Favoriten kennt. Er läuft präzise, kontrolliert, beinahe stoisch.
Paris soll an diesem Tag ihm gehören. Während andere zerfallen, bleibt er in Front. Kilometer für Kilometer, Schritt für Schritt. Als er schließlich nach 2:05:18 Stunden auf der Avenue Foch ins Ziel läuft, ist es kein lauter Sieg. Es ist ein freudvoller, europäischer Triumph. Einer, der zeigt, dass auch in einer globalisierten Disziplin, die von Afrikaner:innen dominiert wird, Platz ist für andere Geschichten. Erst vor wenigen Wochen zeigte er in Neapel seine bestechende Form, als er in 59:01 Minuten italienischen Rekord im Halbmarathon gelaufen war. Yemans Geschichte ist eine, die in den Wirren des Eritrea-Äthiopien-Kriegs begann. Er verlor beide Elternteile und verbrachte seine frühen Jahre in einem Waisenhaus. Dort wurde er, zusammen mit seinen älteren Brüdern Nekagenet und Kelemu von dem italienischen Ehepaar Roberto und Luisa Crippa adoptiert. Yemaneberhan, wie sein voller Vorname lautet, lebt heute in Montagne, einem kleinen Ort im Trentino und wird von Massimo Pegoretti trainiert sowie vom Trentiner Gianni Demadonna gemanagt.

Bei den Frauen lief alles lange auf ein taktisches Abwarten hinaus: Eine Fünfergruppe passierte die Halbmarathonmarke noch geschlossen, getragen von einem gleichmäßigen Rhythmus und der stillen Präzision der Tempogestaltung. Doch dann, in der zweiten Hälfte, verschob Shure Demise, angeführt von ihrem Pacemaker, die Statik des Rennens – kein explosiver Angriff, eher ein unaufhaltsames Beschleunigen, das die anderen rätselnd zurückließ. Mit einer zweiten Hälfte in 1:08:57 Stunden und einer Siegerzeit von 2:18:34 Stunden pulverisierte sie den Streckenrekord und machte aus einem offenen Rennen eine Demonstration ihrer Klasse.
Ein besonderer Blick gilt der Finnin Alisa Vainio, die als Sechste nach 2:21:35 Stunden ins Ziel kam – und damit einmal mehr ihre bemerkenswerte Konstanz unter Beweis stellte. Seit Anfang Dezember war es bereits ihr dritter Marathon (2:20:48, Valencia / 2:20:39, Sevilla – finnischer Rekord) auf Klasseniveau, ein Rhythmus, der im Hochleistungsbereich fast kühn wirkt und zugleich von einer außergewöhnlichen physischen wie mentalen Robustheit zeugt. Was immer ihre Beweggründe sind – ob Suche nach dem perfekten Rennen oder bewusste Annäherung an die Distanz –, diese dichte Folge an Wettkämpfen wirkt wie eine intensive, beinahe schon forschende Auseinandersetzung mit den 42,195 Kilometern, bei der jeder Lauf ein weiteres Kapitel einer noch nicht abgeschlossenen Geschichte schreibt.

Es gibt an diesem Tag eine Besonderheit, die zunächst irritiert. Keine Becher. Keine klappernden, achtlos weggeworfenen Plastikgefäße, die sich sonst an den Verpflegungsstellen türmen. Stattdessen kleine Flaschen – und die klare Aufforderung an die Läuferinnen und Läufer, eigene Systeme mitzuführen.
Was zunächst wie eine Einschränkung wirkt, erweist sich als erstaunlich funktional. Die Übergaben verlaufen ruhiger, konzentrierter. Kein Gedränge, kein hektisches Greifen. Viele haben sich vorbereitet, tragen ihre Softflasks, trinken in kleinen, kontrollierten Schlucken.
Es ist ein Bild, das sich einprägt: der Marathon als Ort der Disziplin nicht nur im Laufen, sondern auch im Umgang mit Ressourcen. Man könnte sagen, es ist ein Hinweis auf die Zukunft. Weniger Abfall, mehr Eigenverantwortung. Und, überraschend, kaum Widerstand. Die Läufer:innen nehmen es an – vielleicht, weil sie ohnehin gewohnt sind, sich anzupassen.
Der Marathon führt vorbei an all dem, was Paris ausmacht: breite Boulevards, rhythmusbrechende Tunnel, die Seine, die in ruhigem Gleichmut fließt. Und immer wieder diese Übergänge – von Licht in Schatten, von Lärm in Stille.
Im Ziel sieht man Läufer:innen, die stehen bleiben, die Hände auf den Knien, als wollten sie prüfen, ob der Körper noch ihnen gehört. Andere lachen, laut und unkontrolliert. Eine Frau hebt die Arme, schaut in den Himmel, als hätte sie dort eine Antwort gefunden. Paris nimmt sie alle auf. Für einen Moment scheint es, als würde die Stadt selbst den Atem anhalten.

Der Schneider Electric Paris Marathon 2026 ist ein Ereignis der Extreme. Groß, überwältigend, recht gut organisiert – und doch voller Brüche. Zwischen leeren Straßen und überfüllten Plätzen, zwischen individueller Einsamkeit und kollektiver Ekstase entfaltet sich ein Rennen, das mehr ist als Sport.
Der Sieg von Yeman Crippa verleiht dem Ganzen eine zusätzliche Dimension: ein europäisches Zeichen in einem globalen Wettbewerb. Kein Umbruch, aber ein leises Verschieben der Gewichte.
Die neue Verpflegungsstrategie ohne Becher wirkt zunächst unspektakulär, könnte aber langfristig zu den entscheidenden Innovationen zählen. Sie zeigt, dass auch ein Marathon dieser Größe bereit ist, sich zu verändern – und dass Veränderung nicht immer Widerstand erzeugt.
Und doch bleibt ein ambivalenter Eindruck. Paris ist großartig, keine Frage. Aber es ist auch distanziert. Nicht jede Straße gehört dem Lauf, nicht jeder Moment wird getragen. Vielleicht liegt genau darin die Wahrheit dieses Marathons: Er ist kein durchgehendes Fest, sondern ein Wechselspiel. 57.430 Finisher freuen sich über den größten Marathon in Europa, der nur vom New York City Marathon 2025 (59.226) übertroffen wird.
Paris läuft. Und während es läuft, zeigt es sich – nicht perfekt, aber lebendig.
Autor: Johannes Langer
Bild: © SIP / Johannes Langer