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Zehn Sekunden liegen zwischen den Leistungen beim herbstlichen Marathon-Doppel Peter Herzogs mit dem Berlin Marathon und dem Valencia Marathon. Hat Ersterer seine Marathon-Euphorie wieder gänzlich entfacht, reiste der 37-Jährige gestern unentschieden aus Valencia zurück. Die Leistung von 2:12:18 Stunden lässt zwei Herzen in seiner Brust schlagen, Herzog trauert einer verpassten Chance nach. Für alle anderen österreichischen Topläufer hat sich die Reise nach Spanien jedenfalls nicht gelohnt.
Es sind zwei Gemüter, mit denen Peter Herzog (Union Salzburg LA) auf den gestrigen Valencia Marathon zurückblickt. Einerseits, das demütige. „Wenn mir vor zwei Jahren jemand gesagt hätte, dass ich wieder so gut drauf bin, dass ich zweimal binnen kurzer Zeit 2:12er Zeiten laufe, wäre ich extrem glücklich gewesen“, hat der Salzburger seine Leidenszeit mit einer Aneinanderreihung von Verletzungen und Erkrankungen nicht vergessen. Doch während er nach seiner österreichischen Jahresbestzeit von 2:12:08 Stunden in Berlin „megahappy“ war und bereits „am nächsten Tag voller Motivation auf den Valencia Marathon geblickt“ hat, war auch heute Morgen beim Telefonat mit RunUp.eu das zweite Gemüt präsent, jenes des Spitzensportlers. Und das trägt auch Ernüchterung in sich.
Der Grund dafür war, dass ein leichter grippaler Infekt am Wochenende vor Valencia seine gelungene Vorbereitung trotz familiärer und universitärer Herausforderungen torpedierte. „Ich muss echt ein bisschen aufpassen, dass ich mich nicht zu viel beim Jammern erwische“, gestand er. Zu sehr hatte er vor dem Infekt von einer Attacke auf seinen eigenen ÖLV-Rekord (2:10:06) geträumt. „Beim Halbmarathon hab ich gedacht: ,Ich bring das heute durch. Die Beine sind lockerer als in Berlin‘.“
Doch schon wenige Kilometer später spürte der Salzburger, dass die Kraft nicht reichen würde. Inwieweit die gesundheitliche Schwächung im Vorfeld schädigte, wollte Herzog weder vor noch nach dem Marathon beziffern. Jede*r, der den Marathon kennt, weiß: Sie hat sicherlich negativ auf den Energiehaushalt eingewirkt. „Das Gefühl des Energieschwunds ist langsam gekommen, aber bei Kilometer 30 hab ich geglaubt, ich muss stehen bleiben und ich komm nicht ins Ziel. Dort war ich dann völlig überrascht, noch 2:12 gelaufen zu sein. Der Einbruch des Tempos hat sich subjektiv viel extremer angefühlt“, schilderte der Pinzgauer.
Nun ist das Endresultat eine Zeit von 2:12:18 Stunden, seine fünftschnellste im Marathon, seine dritte 2:12er Zeit. Immer noch die siebtschnellste Marathonzeit der ÖLV-Geschichte, mit suboptimalen Voraussetzungen. „Ehrlich gesagt: Diese Leistung bedeutet mir nicht viel. Weil ich nicht zeigen konnte, was ich kann. 2:12 ist gut und nett, aber heutzutage zählen bei dieser Dichte 2:07er oder 2:08er Zeiten. Das ist für die Europäer das, was früher die 2:10 waren. Erstmals seit Jahren hatte ich im Gefühl, dass es an einem perfekten Tag in die Richtung unter 2:10 Stunden gehen kann. Und das ist es, was ich mir und allen zeigen wollte.“
Herzog reiste am Freitag, noch nicht wieder in Vollbesitz seiner Kräfte, nach Spanien. Aber er war bereit für den Valencia Marathon und fühlte sich am Sonntagmorgen an der Startlinie gut. Das Rennen entwickelte sich, eine große Gruppe lief den Halbmarathon in knapp unter 65 Minuten an. Mit einer Durchgangszeit von 1:04:51 Stunden lag Herzog auf Kurs sub-2:10 Stunden. Es schien trotz taktischem Risiko zu laufen, auch wenn die Gruppe nicht 100%ig harmonierte.
Doch die Verfassung des Österreichers reichte nicht, das Tempo bis zur Ziellinie durchzuhalten. „Es bringt jetzt nichts auf den Infekt hinzuschimpfen. Es ist so, wie es ist. Der Sommer war geil und hat mir gezeigt, wozu ich noch imstande bin. Berlin war ein absoluter Motivation. Ich habe Blut geleckt für eine Harakiri-Vorbereitung Richtung Valencia“, schilderte er. Aber: „Gestern fehlte das erfüllende Gefühl nach dem Marathon. Das Ergebnis ist nicht zufriedenstellend.“ In die Statistik geht übrigens Position 50 im Gesamtklassement des Valencia Marathon ein, so dicht war auch gestern das dortige Starterfeld.

Die Sehnsucht eines Marathons unter 2:10 Stunden begleitet Peter Herzog spätestens seit seinem ÖLV-Rekord im strömenden Regen von London vor vier Jahren. Damals fehlten sechs Sekunden. Er hat diese fehlenden Wimpernschläge bisher nicht aus seiner Vita streichen können. Mitten in der fantastischen Marathon-Vorbereitung auf den Sevilla Marathon 2022 begann mit einer muskulären Verletzung im hinteren Oberschenkel die schwierigste Zeit seiner Karriere mit einer Serie von Rückschlägen. Seit Jahresbeginn hat der Salzburger die Negativserie unterbrochen, es ging steil zurück in Sphären, die er von davor kannte. „Ich habe wieder Spaß am Laufen. Das ist natürlich auch nach gestern so. Ich bin mental in einer ganz anderen Verfassung als vor einem oder auch vor zwei Jahren. Und daran will ich auch anschließen“, so Herzog. „Aber jetzt brauch ich dringend eine Pause!“
Dass ein Teil seiner Gedanken der verpassten Chance von Valencia 2024, verbunden mit den idealen Marathon-Bedingungen, nachtrauert, ist nicht nur verständlich, sondern auch dem gemessen, dass der 37-Jährige weiß, dass viele Chancen auf einen Top-vorbereiteten Marathon in Kombination mit einer Top-Performance im Wettkampf vielleicht nicht mehr kommen. Er ist kein Profisportler mehr, Familie, das Studium der Sport- und Bewegungswissenschaft an der Universität Salzburg sowie die vielen Stunden im Auto nehmen einen wichtigen und prominenten Platz im Leben des Sportlers ein. Unter realistischen Vorzeichen, gibt Herzog zu, könne er schwer glauben, durch den Winter wieder auf ein so hohes Niveau im Training zu kommen, welches er vom Berlin Marathon Richtung Dezember sogar noch ein wenig steigern konnte. „Ich war am Limit die letzten Wochen!“

Auch am Tag nach einer weiteren Ernüchterung im Marathon mit einer Zeit von 2:18:27 Stunden rätselte Andreas Vojta (team2012.at) darüber, was ihn gestern nicht das umsetzen ließ, das er sich vorstellte. Bereits nach fünf Kilometern konnte er das Tempo einer großen Gruppe, die eigentlich gemacht für seine Vorstellungen gewesen wäre, nicht mehr mitgehen. Er erzählte von einem beengenden Gefühl im Atemrhythmus und von seltsamen Ausschlägen in der Herzfrequenz, die die Nachanalyse ergab. Unter drastischer Drosselung des Tempos fing sich der 35-Jährige wieder und lief weiter – allerdings jenseits des Tempos, das seinen Fähigkeiten entspricht. Er wolle über Ursachen nicht spekulieren, ein ärztlicher Check nach der Rückkehr nach Wien möge Klarheit schaffen.
So war der Valencia Marathon für Vojta kein Genuss, sondern 42,195 Kilometer Ernüchterung. Und die Fragezeichen darüber, warum der Niederösterreicher seine Leistungen im Halbmarathon im Marathon nicht umsetzen kann, werden deutlicher. „Ich bin extrem genervt, ganz freundlich ausgedrückt. Es ist das Gefühl, als hätte ich plötzlich das Laufen verlernt. Ich bin ja nicht irgendwo bei Kilometer 35 eingegangen, sondern gleich zu Beginn – in meinem vierten Marathon jetzt schon zum dritten Mal vor der Hälfte“, haderte er mit deutlicher Wortwahl. Wenn er denke, dass er in diesem Jahr zweimal einen Halbmarathon von vorne in 63 Minuten gelaufen sei und in Valencia trotz guter Vorbereitung das Durchgangstempo von 65 Minuten für den Halbmarathon nur wenige Kilometer halten konnte, sei er „angepisst“. Der angepeilte Fortschritt im Marathon ist für Vojta auf das Jahr 2025 vertagt.
Ähnlich wenig erfreulich verlief es für die weiteren Österreicher im Elitefeld des Valencia Marathon. Mario Bauernfeind (ÖBV Pro Team), in der heimischen Jahresbestenliste hinter Herzog Zweiter, konnte aufgrund einer kurzfristig eingetretenen Erkrankung gar nicht an den Start gehen. Markus Hartinger (LTV Köflach) stieg nach zwei Drittel der Distanz aus.
Dagegen freuten sich zwei Vereinskollegen von Andreas Vojta über neue persönliche Bestleistungen: Der ehemalige Staatsmeister Martin Mistelbauer finishte in einer Zeit von 2:23:22 Stunden, Lukas Gärtner in 2:28:49 Stunden.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © SIP / Johannes Langer