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Fast zwei Stunden und zehn Minuten lang hatten die Athleten Zeit, eine Wettkampfentscheidung herbeizuführen. 42,195 Kilometer Wegstrecke durch die japanische Hauptstadt. Am Ende reichten ein paar Quadratzentimeter Tartanbahn im Tokioter Nationalstadion und der Wimpernschlag von 0,03 Sekunden, um den Unterschied zwischen WM-Gold und WM-Silber sichtbar zu machen. Freilich erst nach Auswertung des Fotofinishs. Mit dem buchstäblich allerletzten Schritt des Marathons schob sich Alphonce Felix Simbu noch an Amanal Petros vorbei und gewann das historische WM-Gold für Tansania. Genauso historisch wäre der Triumph für Deutschland gewesen, selbst WM-Silber ist das statistische Hoch. Mit Europameister Iliass Aouani schaffte es noch ein zweiter Europäer auf das Stockerl. Aaron Gruen beendete sein Debüt im rot-weiß-roten PUMA-Dress des Österreichischen Leichtathletik-Verbandes auf Platz 52.
„Es war das härteste Rennen, das ich je gelaufen bin“, keuchte Aaron Gruen (ÖBV Pro Team), nachdem er mit einer Zeit von 2:22:07 Stunden auf Position 52 von 66 Finishern das Ziel im Olympiastadion von Tokio erreicht hatte. Es war seine Premiere für den ÖLV, nachdem er seit gut einem Jahr in Besitz der österreichischen Staatsbürgerschaft ist. Es sei eine Ehre gewesen, in den Nationalfarben Österreichs anzutreten. Rein sportlich hielt sich sein Stolz in Grenzen: „Ich habe alles gegeben, aber bei Kilometer 22 war es so, als ob jemand den Lichtschalter abgedreht hätte. Es ging nur mehr ums Überleben, Kilometer für Kilometer, von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation. Mit der Position bin ich zufrieden, aber es war nicht mein Tag.“

Die optimale Vorbereitung, die er neuerlich betonte, konnte er nicht in den Wettkampf transferieren. „Es wäre leicht gewesen, heute aufzugeben. Aber bei einer WM läuft man auf jeden Fall ins Ziel!“ Motiviert hätten ihn auch die unzähligen Zuschauer*innen am Streckenrand, die die Bedeutung des Marathonsports in Japan unterstrichen. Wie im Marathon der Frauen tags zuvor bei den Frauen säumte wieder eine unglaubliche Anzahl von Zuschauer*innen den Streckenrekord und haben trotz der frühen Tageszeit an diesem japanischen Feiertag den WM-Entscheidungen eine besondere Atmosphäre verliehen.
Gruen startete ähnlich konservativ ins Rennen wie Julia Mayer bei den Frauen (siehe RunUp.eu-Bericht). Zur Halbzeit lag der Österreicher an 65. Stelle. Doch im Gegensatz zu seiner Landsfrau gelang ihm auf der zweiten Hälfte keine nennenswerte Aufholjagd, Positionsverbesserungen hatten großteils Aufgaben zwischenzeitlich besser platzierter Athleten als Begründung. So fiel am Ende Platz 52 in die Wertung.
Für den 25-jährigen Gruen, der in Boston lebt und an der Harvard Medical School studiert, war der Marathon in Tokio der vierte seiner Karriere. Beim diesjährigen McKirdy Micro Marathon Ende März in der Nähe von New York hat er in einer Zeit von 2:09:53 Stunden den österreichischen Rekord von Peter Herzog übernommen. Als letzter Österreicher bisher war Lemawork Ketema bei Weltmeisterschaften im Marathon am Start – und zwar 2019 in Doha.
Höhepunkt des WM-Marathons war der spannendste Zieleinlauf in der Geschichte von Weltmeisterschaften. Ein interessantes Ausscheidungsrennen im letzten Renndrittel, welches Folge eines eher ereignisarmen Rennverlaufs davor war, reduzierte die Spitzengruppe auf das Trio Amanal Petros aus Deutschland, Iliass Aouani aus Italien und Alphonce Felix Simbu aus Tansania. Der davor federführend an der Spitze agierende Titelverteidiger Victor Kiplangat hatte bei Kilometer 38 unerwartet und plötzlich den Kontakt zur Spitzengruppe verloren, sein ugandischer Landsmann Abel Chelangat, am Ende Fünfter, etwas später.
Noch beim Hineinlaufen ins Stadion waren die drei Medaillanspiranten quasi gleich auf. Dann übernahm Petros die Initiative und führte eingangs der Zielgerade im Stadion. Er sah bereits wie der sichere Sieger aus, doch Simbu spurtete mit all seinem Wettkampfherz auf der Außenseite noch vorbei und durchbrach das Zielband um drei Hundertstelsekunden vor dem Deutschen. Beide wurden mit einer Zeit von 2:09:48 Stunden gewertet. Es ist der engste Zieleinlauf der WM-Geschichte. 2001 lag eine Sekunde zwischen Gezahegne Abera aus Äthiopien und Simon Biwott aus Kenia bei der Entscheidung im kanadischen Edmonton.

„Ich habe die Goldmedaille auf den letzten drei Metern verloren. Aber so ist der Sport, so ist das Leben. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man. Ich freue mich sehr für Simbu“, gab sich Petros als fairer Verlierer. Die Silbermedaille feierte er mit einem Tänzchen vor dem Publikum. Der 29-Jährige dachte in seinem Statement an seine Mutter, die er seit seiner Flucht nach Deutschland nicht mehr gesehen hat. „Sie wird sehr, sehr stolz sein, wenn sie morgen in der Früh hört, dass ich Zweiter geworden bin.“
Es ist Deutschlands erst zweiter Medaillengewinn im 20. WM-Marathon der Männer nach der Bronzemedaille von Waldemar Cierpinski bei der WM-Premiere 1983 in Helsinki, damals für die DDR. Mit Richard Ringer erreichte ein zweiter deutscher Läufer ein gutes Resultat: Nach Platz zwölf bei den Olympischen Spielen fiel für den Ex-Europameister dieses Mal Position 13 in die Wertung. „Mein persönliches Ziel habe ich leider nicht erreicht“, sagte der 36-Jährige enttäuscht. Er hatte auf eine Top-Acht-Platzierung abgezielt, um sich die Förderung vom Deutschen Olympischen Sportbund zu sichern. „Das ist mir heute nicht gelungen, schade. Ich freue mich aber sehr für Amanal.“
Simbu jubelte über die allererste WM-Goldmedaille für sein Heimatland Tansania – und entsprechend über einen historischen Erfolg für den Laufsport im ostafrikanischen Land. Der 33-Jährige hat sich bereits einen Namen als starker Meisterschaftsläufer gemacht. 2016 belegte er beim Olympischen Marathon von Rio Platz fünf, fünf Jahre später wurde er in Sapporo Olympia-Siebter. Bei Weltmeisterschaften gelang ihm die Bronzemedaille 2017 in London und nun Gold in Tokio. In einer Zeit von 2:09:48 Stunden war er um drei Sekunden schneller als vor acht Jahren bei damals viel, viel besseren Bedingungen.
Tansania ist die 79. Leichtathletik-Nation in der Geschichte von Weltmeisterschaften, die eine WM-Goldmedaille gewinnt. Der Marathon-Sieg durch Alphonce Simbu ist die dritte WM-Medaille überhaupt für das südliche Nachbarland von Kenia. Damit hat der 33-Jährige 66% der WM-Medaillen für sein Land geholt.
In der Schlussphase spielte Italiens Marathonteam auch ohne Yemaneberhan Crippa mit zwei Top-Sechs-Platzierungen eine gewichtige Rolle. 22 Jahre nach der letzten italienischen Marathon-Medaille bei Weltmeisterschaften durch den späteren Olympiasieger Stefano Baldini lief Iliass Aouani, im April bei den neuen Straßenlauf-Europameisterschaften Marathon-Sieger, in einer Zeit von 2:09:53 Stunden ebenfalls zu Bronze – wie Baldini 2001 und 2003 sowie Gelindo Bordin 1987 in Rom. Besser schnitt nur Vincenzo Modica 1999 in Sevilla mit Silber ab. „Ich habe mich zwei Monate lang im Höhentrainingslager in St. Moritz auf das nächste physische Level gebracht. Nun bin ich überglücklich, es war ein langer und sehr harter Tag“, sagte der in wenigen Tagen 30-Jährige, der in Marokko auf die Welt kam und mit seiner Familie seit dem zweiten Lebensjahr in Italien lebt. Zwischenzeitlich trainierte Aouani in den USA, seit einigen Jahren lebt und trainiert er in Ferrara.

Sein Landsmann Yohanes Chiappinelli, der bei der letzten Verpflegungsstation an seiner Flasche vorbeigriff, komplettierte als Sechster das starke italienische Resultat. Haimro Alame war als Vierter Bester aus dem starken israelischen Team, der Vize-Weltmeister von 2023, Maru Teferi, spielte überraschend früh im Wettkampf keine Rolle. Die US-Farben hielt Clayton Young hoch, der als Neunter in die Top-Ten kam. Dieselbe Platzierung hatte er im Olympischen Marathon von Paris erreicht.
So erfreulich der Marathon für die europäischen Läufer und für den Premieren-Weltmeister aus Tansania verlief, desto desolat war das Ergebnis für die ostafrikanischen Laufhochburgen Äthiopien und Kenia. Beide Nationen verpassten die Top-Ten klar. Das äthiopische Debakel begann mit der Aufgabe von Tesfaye Deriba zur Halbzeit. Wenig später stiegen auch Tadese Takele, der Mann mit der schnellsten Vorzeit, und Deresa Geleta aus. Nicht viel besser gelang der Marathon dem kenianischen Team mit Platz 16 und Platz 22 durch Kennedy Kimutai und Vincent Ngetich.
Der vermeintlich aussichtsreichste Europäer, Emile Cairess aus Großbritannien, musste ein Jahr nach seinem starken vierten Platz bei den Olympischen Spielen ebenfalls aufgeben.
Ser-Od Bat-Ochir aus der Mongolei ist in seiner Heimat eine Legende. Der fast 44-Jährige, der mit seiner sechsten Olympia-Teilnahme von Paris bereits einen Rekord aufgestellt hatte, nahm zum zwölften Mal an einem WM-Marathon teil. Der in Japan lebende Läufer erreichte den 65. Platz in einer Zeit von 2:30:09 Stunden. Einzig 2023 in Budapest, wo er kurz nach dem Start die Führung übernommen hatte, kam er nicht ins Ziel. Am besten schnitt er 2011 in Daegu als 19. ab. Nur die Geher Joao Vieira aus Portugal (14) und Jesus Angel Garcia aus Spanien (13) haben mehr WM-Teilnehmen in einer Einzeldisziplin als der Mongole.
Noch soll nicht Schluss sein: „Das war mein 94. Marathon, vielleicht schaffe ich die 100. Jeder Marathon ist ein Fight für meinen Körper. Aber ich werde versuchen, bei den nächsten Olympischen Spielen dabei sein“, sagte er nach dem heutigen Rennen.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Mattia Ozbot for World Athletics, © ÖLV / Sonia Maleterova, © Dan Vernon for World Athletics