Enter your email address below and subscribe to our newsletter

Raphael Pallitsch: Einsatz für jede Hundertstelsekunde

Im dichten 1.500m-Lauf der Männer erwartet Raphael Pallitsch bereits im Vorlauf ein Hundertstelkrimi. Enge Entscheidungen ist der Burgenländer gewohnt.
Weiterlesen

Share your love

Spitz auf Knopf! Das ist eine Formulierung, die Raphael Pallitsch gerne verwendet, wenn er über seine Meisterschaftsrennen im 1.500m-Lauf spricht. Seit Jahren ist das Niveau in dieser Disziplin der Leichtathletik enorm hoch, auch in Europa. In Birmingham fehlen freilich die Weltstars an der Spitze. Umso mehr rückt die enorme Dichte im Feld in den Vordergrund – auf bemerkenswertem Level.

Wenn Raphael Pallitsch im ÖLV-Dress im Einsatz ist, sind die Zahlen hinter dem Komma wichtig. Diese Minibruchteile der Sekunden sind nicht nur ein jahrelanger Begleiter bei Höhepunkten, sondern ein brutaler Scharfrichter, der Träume realisiert oder platzen lässt. Oft ist Glück ein Faktor, der die Kompetenz des Könnens und der Fähigkeiten im richtigen Moment ergänzt – oder eben nicht.

Der 36-Jährige hat ein ausgewogenes Verhältnis mit dem Hundertstelkrimi. In Rom 2024 fiel der Wimpernschlag auf die richtige Seite, Pallitsch erreichte den Endlauf und stürmte dort zum sechsten Platz – im Übrigen nur in kleinen Teilbereichen einer Sekunde entfernt von der Medaillensensation. Vor einem Jahr bei der WM in Tokio ein umgekehrtes Spiel: Ein Hauch fehlte zum Aufstieg vom Halbfinale ins WM-Finale – und damit zu einem sportlichen Traum. Es sind nur die zwei denkwürdigsten Beispiele von Pallitschs Beziehungen mit der zweiten Kommastelle hinter der vollen Sekunde – die Chancen stehen gut, dass in Birmingham eine weitere Episode dazukommt. Die Hauptfrage: im Positiven oder im Negativen?

Raphael Pallitschs EM-Fahrplan
Freitag, 14. August ab 13:05 Uhr (MEZ) – 1.500m-Vorläufe
Samstag, 15. August um 22:07 Uhr (MEZ) – 1.500m-Finale (bei Qualifikation)

„Die Dichte ist ein Wahnsinn!“

Es mag auf den ersten Blick verwundern, dass Österreichs erfolgreichster Bahnläufer der letzten Jahre trotz erfülltem Direktlimit und einiger prominenter Absagen für die Europameisterschaften „nur“ auf Position 19 der „Road to Birmingham“ und Position 20 der nach Saisonbestleistungen gereihten Entry List zu finden ist. Mit einer Zeit von 3:33,41 Minuten, nicht einmal eine halbe Sekunde über seinem eigenen ÖLV-Rekord, der ihn zur WM 2025 geführt hatte, und eben gerade einen Hauch unter dem EM-Limit.

Pallitsch ist dieses Niveau gewohnt, die Dichte ist schon seit einigen Jahren so hoch. Daher ist er dem Hundertstelkrimi gegenüber offen. „Das Feld liegt sehr eng beieinander, die Entscheidung in den Vorläufen wird sehr, sehr knapp. Natürlich: Ich will selbst beteiligt sein am Hundertstelkrimi!“ Mit dem Wunsch des Finaleinzugs logischerweise.

Gamechanger Budapest

Die Dichte ist auch der Grund, warum die Qualifikation nach einer von mehreren Beschwerden und Ausfällen durchzogenen – und damit alles andere als nach Wunsch verlaufenen – Saisonvorbereitung für den Olympia- und WM-Teilnehmer kein Selbstläufer war. Zwar lag der Österreicher in der „Road to Birmingham“ mit seinen Weltranglistenpunkten vermeintlich auf einem ausgezeichneten Weg, doch Ruhe kehrt nicht ein, wenn europaweit ein Limit nach dem nächsten fällt. „Rational war ich immer auf EM-Kurs. Aber man hat dann immer dieses Worst Case Szenario im Kopf. Und gleichzeitig ist es bei meinem Level ja auch mein Anspruch, die EM-Qualifikation aus eigener Hand abzusichern.“

© ÖLV / Sona Maléterova

Nach guten Wettkämpfen in Ostrava und Hengelo, aber ohne den gewünschten, großen Wurf, und nach dem aufgrund einer leichten Verletzung verpassten Start in Zagreb gelang Mitte Juli beim World Athletics Continental Tour Gold Meeting in Budapest mit Platz elf und einer Zeit von 3:33,41 Minuten das Direktlimit. „Mental war dieser Wettkampf der Gamechanger – aus der schwierigen Situation heraus die totale Selbstbestätigung.“ Aus der sich schwungvolle Emotionen ableiten: Perspektivisch geht bei der EM etwas!

Endlich konstant im Training

Hoffnung auf einen guten Saisonhöhepunkt gibt auch noch etwas anderes. Das Training im letzten Monat lief nach Plan. „Der komplette Gegenentwurf zu allem davor“, gibt er zu. Er habe nicht versucht, die im Frühling und Frühsommer verpasste Arbeit an der Grundlage nachzuholen, sondern alle Bereiche stärker zu trainieren. Gearbeitet hat er nach dem Wettkampf in Budapest in mehreren kürzeren Blöcken in der Höhe: In Kühtai, am Arlberg, dann wieder in Kühtai und zuletzt im italienischen Livigno. Besonderes Augenmerk: qualitatives Feilen an einem bestmöglichen Endspurt im Wettkampf.

Raphael Pallitsch bei der Hallen-EM 2025. © ÖLV / Sona Maléterova

Kritik am Format

Diese Qualität auf den letzten 200 Metern wird in einem Hundertstelkrimi der letztlich entscheidende Faktor. Face to Face, Mann gegen Mann, jeder am Limit. „Im hinteren Feld hoffen viele, dass die ersten 800 Meter des Vorlaufs möglichst langsam werden. Auch ich. Dann verlängert sich die Schonzeit zur persönlichen Grenze und neue Qualitäten nehmen größeren Einfluss in den Wettkampf. Ich bin guter Dinge, kann mich auf meine Erfahrung verlassen und weiß, dass ich immer besser performt hab als meine Entry-List-Position es angegeben hat. Das wird auch dieses Mal so sein!“

Grundsätzlich hängt vieles von der taktischen Rennentwicklung ab. Dass mit Jakob Ingebrigtsen, Josh Kerr und Niels Laros gleich drei Topleute gar nicht dabei sind, macht für Pallitsch keinen Unterschied. Er fürchtet, dass dadurch andere mit mehr Selbstbewusstsein agieren. Wenig Freude hat Pallitsch mit dem Wettkampfmodus bei der EM. „Mir fehlt das Verständnis, dass man bei diesem vorhersehbar ausgeglichenen Niveau 15 Leute in einen Vorlauf schickt, in dem sechs Finalplätze ausgefochten werden. Das wird ein irres Gemetzel!“ Er könne es eh nur nehmen, wie es kommt.

Raphael Pallitsch

Verein: Union St. Pölten
Disziplin: 1.500m
3. EM-Teilnahme (2x 1.500m)
„Road to Birmingham“: Position 19/30
PB: 3:32,96 Minuten (Ostrava 2025) (NR)
SB: 3:33,41 Minuten (Budapest)
Staatsmeistertitel 800m (outdoor): 4

© ÖLV / Sona Maléterova

Seine Wettkämpfe 2026:
Platz 6 – Irena Szewińska Memoriał in Bydgoszcz, 3:39,25 Minuten
Platz 8 – Ostrava Golden Spike, 3:52,54 Minuten (Meile)
Platz 9 – FBK Games in Hengelo, 3:35,15 Minuten
Platz 11 – Gyulai Istvan Memorial in Budapest, 3:33,41 Minuten
Staatsmeistertitel in Innsbruck, 4:06,31 Minuten

Mit Geduld und Geschick

„Wenn du außen startest, bist du das Glückskind. Ich kann jetzt schon sagen: Bekomm ich bei der Auslosung einen Start auf der Innenbahn, leg ich einen Traktorstart hin“, kündigt er an. „Dann bin ich zwar der Idiot, falls irgendwer gleich voll los hirscht. Aber andererseits kostet der Positionskampf viel zu viel Energie von der Innenbahn weg, wenn 15 Leute im Volltempo nach 100 Metern in die Kurve wollen.“ Kommt es so, ist Geduld Trumpf: „Wenn man hinten ist, ist es besser zu warten und so spät wie möglich zur Aufholjagd anzusetzen.“

Geduld ist auch in den nächsten Tagen geplant, denn Palltischs Vorlauf steht erst am Freitag – also am fünften von sieben Wettkampftagen – auf dem Programm. Das sei gar nicht so einfach, mit der ganzen EM-Atmosphäre vor Ort, den Fokus auf den Vorlauf zu halten – zumal viele Teamkolleginnen und -kollegen vor Ort ihre Wettkämpfe dann schon absolviert haben werden.

Am Dienstag bricht er nach England auf – und freut sich, dass er durch den späten EM-Start noch ein paar Trainingstage in Österreich zur Verfügung hat.

Pallitsch über den neuen Meilen-Weltrekord

Als Athlet und Trainer verfolgt Raphael Pallitsch die Laufszene sehr detailliert. Der große sportliche Höhepunkt der Saison gelang Josh Kerr mit dem Meilen-Weltrekord in London, gefolgt von einer eindrucksvollen Leistung bei den Commonwealth Games (siehe RunUp.eu-Bericht). „Kerr hat alles minutiös geplant, alles auf dieses Ziel ausgerichtet, alles ist ihm aufgegangen“, so der Österreicher. Er habe alles genau verfolgt, was der Schotte und sein Team dokumentiert haben, also öffentlich einsehbar ist. „Interessanter wäre, das beobachten und analysieren zu können, was sie nicht teilen. Die individuellen Geheimnisse in vielen Bereichen des Trainings und Alltags“, betont er.

Kerr könne eine konstante Entwicklung über Jahre nachweisen und verdiene massive Anerkennung für diese starke Leistung, so Österreichs Bester. Aber auch andere ,Global Player‘ imponieren ihm, zum Beispiel der junge Cameron Myers aus Australien. „Bei dem recht geringen Trainingsumfang im Verhältnis zu vielen starken Wettkämpfen über eine so lange Zeit komme ich nur zum Schluss: Der muss mit einem unglaublichen Talent ausgestattet sein.“

Die Abwesenheiten von Jakob Ingebrigtsen (der den 5.000m-Lauf bestreitet, als ersten Wettkampf nach der Achillessehnen-OP) und Niels Laros sind gesundheitlich begründbar. Dass Kerr auf seine Heim-EM freiwillig verzichtet, dafür fehlt dem ÖLV-Rekordhalter das Verständnis. „Der ist auf einem derartig hohen Niveau, zudem getrieben von überwältigenden Emotionen, die ihn tragen müssten. Normal wäre das eine Win-Win-Position für die EM.“

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © ÖLV / Sona Maléterova

Share your love