Newsletter Subscribe
Enter your email address below and subscribe to our newsletter


Klein, aber fein – so könnte man das ÖLV-Team, welches am Wochenende bei den Straßenlauf-Weltmeisterschaften in Kopenhagen im Einsatz ist, durchaus bezeichnen. Julia Mayer, Aaron Gruen und Timo Hinterndorfer starten am Sonntag im Halbmarathon, bereits einen Tag vorher ist Lisa Redlinger im 5km-Lauf im Einsatz. Die internationale Konkurrenz ist auf hohem Niveau, die individuellen Ziele der vier heimischen Athletinnen und Athleten durchaus auch, wenngleich die WM nicht für alle der Saisonhöhepunkt ist. ÖLV-Teamleiter Hannes Gruber traut seinem Team starke Leistungen zu und hält zwei nationale Rekorde auf der schnellen Strecke in der dänischen Hauptstadt bei guter Tagesform und entsprechendem Rennverlauf als durchaus realisierbar.
Gerade einmal ein Monat ist der fordernde EM-Marathon in Birmingham alt, in dem Julia Mayer (DSG Wien) ihren bisher größten internationalen Erfolg gefeiert hat: Platz zehn, das historisch beste Abschneiden einer österreichischen Marathonläuferin der EM-Geschichte in einer angesichts der selektiven Strecke beachtlichen Zeit von 2:28:23 Stunden. Mit dem Thema „Pause“ freilich haben sich die Athletin und ihr Trainer Vincent Vermeulen viel weniger intensiv beschäftigt als mit der EM-Vorbereitung, außer dass man sie bewusst kurz hielt. Nach drei Tagen Entspannung am Strand von Barcelona reisten die beiden weiter nach Font-Romeu, wo in der Höhenlage der Pyrenäen bereits das Training wieder aufgenommen wurde. Im Visier: der Valencia Marathon am 6. Dezember.
Die Straßenlauf-WM 2026 ist die zweite ihrer Art. 2023 feierte dieser Event seine Premiere in Riga, die ursprüngliche zweite Ausgabe 2025 in San Diego in Kalifornien musste ersatzlos gestrichen werden. Fast 500 Athletinnen und Athleten aus 85 Nationen sind an den WM-Eliterennen beteiligt. Auf allen Distanzen bietet der Veranstalter auch Massenstarts für Freizeitläufer:innen mit insgesamt sage und schreibe 65.000 Laufbegeisterten. Der beliebte und traditionelle Kopenhagen Halbmarathon ist in die WM integriert und geht am Sonntag, 20. September parallel zur WM-Entscheidung über die Bühne.
Bereits vor der EM erzählte die 33-jährige Niederösterreicherin in einem ausführlichen Gespräch mit RunUp.eu von einem neuen Niveau im Training. Dies bestätigte Vermeulen am vergangenen Montag im Rahmen eines Pressetermins des Österreichischen Leichtathletik-Verbandes (ÖLV) im neuen „Julia Mayer Performance Center“ im VILA VITA Pannonia in Pahmhagen im Burgenland im Gespräch mit RunUp-Redakteur Claus Funovits: „So wie wir jetzt trainieren, was Julia jetzt alles umsetzen kann, das wäre vor einem Jahr noch undenkbar gewesen.“ Die körperliche und auch mentale Anpassung über die letzten Jahre habe nach Plan so gefruchtet, dass man nun – mit den Olympischen Spielen 2028 als übergeordnetem Ziel – das Next Level ansteuert.

Die kurze Pause nach dem EM-Marathon in Birmingham, dem großen Saisonziel für den Sommer, erklärt der Trainer genau mit diesem Argument. Seine Athletin stecke die Wettkampfbelastungen so gut weg, so dass ein früher Einstieg in die Vorbereitung auf den Valencia Marathon im Dezember möglich war. „Wir haben uns unmittelbar nach dem EM-Marathon deshalb für ein Höhentraining entschieden, weil wir dort nicht so intensiv trainieren müssen und trotzdem den gewünschten Trainingseffekt erzielen“, erklärte Vermeulen.
Das Team ist seiner Philosophie, Unmengen an Daten zu messen, auszuwerten und zu analysieren, nicht nur treu geblieben, sondern hat sie noch intensiviert. Man messe alles, was nur gemessen werden könne, und alle Daten fließen in die Analyse ein, so der in der Ramsau lebende, gebürtige Holländer.
Seine Athletin hat dank des gelungenen Marathonzyklus inklusive des EM-Marathons aktuell nicht nur ein hohes Niveau, sondern auch sehr viel Selbstvertrauen. Den Marathon in Birmingham bezeichnet sie als besten Wettkampf, den sie je gelaufen sei. Nun planen Vermeulen und sie gezielt etliche Wettkämpfe, um mehr Wettkampf-Routine zu bekommen. In den kommenden Wochen stehen mehrere Halbmarathons auf dem Programm, in denen Mayer üben soll, situativ bewusster und besser auf Wettkampfsituationen zu reagieren. Dabei werde nicht jeder Wettkampf absolutes Vollgas sein, aber das Duo wisse, dass Mayer hohe Belastungen nun gut verträgt – vor der WM 2025 sei so eine Vorgehen noch unmöglich gewesen, merkte der Coach an.

So ist der WM-Halbmarathon in Kopenhagen, das gibt Mayer ehrlich zu, nicht das ultimative Saisonziel für sie – das ist der Marathon in Valencia! Dennoch will sie sich konkurrenzfähig präsentieren, schließlich sei sie noch nie in einem so starken Halbmarathonfeld gelaufen. Ohne sich von anderen Läuferinnen beeinflussen zu lassen, möchte sie sich allein auf sich und ihr Tempogefühl konzentrieren. Gibt ihr Körper nach den ersten Rennminuten positive Signale, stehe einer Attacke ihres eigenen ÖLV-Rekords im Halbmarathon von 1:11:09 Stunden nichts im Wege. Die „Generalprobe“ dafür bei den Staatsmeisterschaften im Rahmen von Kärnten Läuft war jedenfalls vielversprechend (siehe RunUp.eu-Bericht).
Das Halbmarathonfeld der Frauen umfasst 121 Läuferinnen aus 56 Mitgliedsverbänden. Julia Mayer rangiert im Mittelfeld der Entry List. Dass 48 Läuferinnen in ihren Karrieren bereits unter 1:10 Stunden gelaufen sind, zeigt die Qualität im Feld. Favoritin ist der kenianische Star Agnes Ngetich. In die Rolle der Herausforderinnen schlüpfen ihre Landsfrau Lilian Rengeruk und die Äthiopierin Tsige Gebreselama. Beste nicht afrikanische Läuferin laut Papierform ist die US-Amerikanerin Weine Kelati.
Aus europäischer Sicht besonders interessant: Die Norwegerin Karoline Bjerkeli Grövdal feiert ihre Rückkehr auf die Wettkampfbühne und bestreitet ihren allerersten Wettkampf als Mutter.
Sechs Bewerbe stehen am Wochenende in Kopenhagen auf dem Programm, im Halbmarathon der Männer ist Österreich gleich doppelt vertreten. Aaron Gruen (ProTeam Vienna) feiert nach seiner Enttäuschung beim diesjährigen Vienna City Marathon sein Comeback auf der europäischen Wettkampfbühne. Schon im Frühling hatte er entschieden, der Straßenlauf-WM dem EM-Marathon den Vorzug zu geben.

Nach einer wohltuenden Pause nach dem VCM nahm der 27-jährige Student an der Harvard Medical School wieder ordentlich Schwung auf, wie er in einer im Rahmen des Pressetermins ausgestrahlten Videobotschaft verriet. „Die letzten Trainingswochen waren so gut wie nie – sowohl von der Pace als auch vom Gefühl her“, zeigte er sich optimistisch. Zuletzt sei ihm auch der Spagat zwischen Studium und Training gut gelungen. „Ich freue mich, in Kopenhagen zu zeigen, was ich im Training aufgebaut habe und hoffe auf ein sehr gutes Ergebnis.“
Ebenfalls mit Optimismus reist Timo Hinterndorfer (DSG Wien) in die dänische Hauptstadt. Der 22-Jährige plant, seinen U23-Rekord von 1:02:34 Stunden zu verbessern. „Ich freue mich sehr darauf, mich mit der Weltelite zu messen. Ich bin optimistisch, dass ich eine gute Gruppe erwische und ein gutes Rennen zeigen kann“, so Hinterndorfer. Im Sommer habe er gezielt einen Schwerpunkt auf das Bahntraining gesetzt, um seine Wettkampfpace auf kürzeren Distanzen zu steigern. „Nun freue ich mich aber auf den Straßenlauf“, betonte der Wiener.

Hinterndorfer zieht bereits vor dem Höhepunkt ein zufrieden stellendes Fazit seiner Saison, die persönliche Bestleistungen auf allen Distanzen von 3.000m bis zum Halbmarathon mit sich brachte. Er sehe eine gute Entwicklung in seinem Training, das er immer wieder leicht angepasst, aber nie radikal verändert hat. Kopenhagen war in allen Gedanken immer das große Ziel, wie der amtierende Staatsmeister am Montag nachhaltig unterstrich: „Der Halbmarathon ist meine Distanz, meine Stärke!“ Im Gegensatz zu den Bahnrennen, bei denen vom ersten Schritt an Vollgas gelaufen wird, taugt ihm die Strategie, sich in einen Straßenlauf hineintasten zu können. Leider sei der Halbmarathon international nicht so bedeutend wie andere Disziplinen, bedauert der 22-Jährige.
Angeführt wird das nicht weniger als 142 Athleten aus 61 Nationen umfassende Feld vom Kenianer Nicholas Kipkorir aus Kenia, der mit einer Vorleistung von 58:08 Minuten ins Rennen geht. Prominentester Name im Feld ist jedoch Joshua Cheptegei aus Uganda, der die Weltrekorde im 10.000m- und 5.000m-Lauf hält. Auch die stärksten Europäer, Andreas Almgren aus Schweden, und Yemaneberhan Crippa aus Italien dürften Medaillenchancen haben. Der stärkste US-Amerikaner ist auch im Spitzenfeld dabei, Connor Mantz.
Bereits am Samstagnachmittag steht für Lisa Redlinger (TS Lustenau) der Wettkampf im 5km-Straßenlauf auf dem Programm. Die EM-17. von Birmingham auf der äquivalenten Distanz auf der Bahn fasst ihren ÖLV-Rekord von 15:34 Minuten ins Auge und würde diese Leistung vom diesjährigen Vienna 5K in Kopenhagen gerne verbessern. „Die letzten Wochen sind sehr gut verlaufen. Ich konnte konstant trainieren, gute Einheiten absolvieren und bin mit der Vorbereitung sehr zufrieden“, zeigt sich die 23-jährige Vorarlbergerin zuversichtlich. „Ich möchte von Beginn an ein hohes Tempo anschlagen. Mein großes Ziel ist es, meinen österreichischen Rekord zu unterbieten und eine Top-Platzierung zu erreichen.“

Beides sind realistische Ziele, denn Redlinger hat sich seit dem Rekordlauf im Rahmen des Vienna City Marathon im Laufe der Saison merklich gesteigert. Und auch eine gute Platzierung scheint im Bereich des Realistischen, denn in der Entry List ist die Österreicherin überraschend weit vorne. Diese Positionierung täuscht aber etwas darüber hinweg, dass etliche international etablierte Läuferinnen am Start sind, die noch keine starke 5km-Straßenlaufzeit erreicht haben, aber sehr wohl im 5.000m-Lauf auf der Bahn überzeugend performt haben.
Im 5km-Straßenlauf der Männer fasziniert das Duell zwischen Jimmy Gressier aus Frankreich, der seit April in 12:51 Minuten den Europarekord hält, und Jakob Ingebrigtsen aus Norwegen, der noch nie einen 5km-Straßenlauf bestritten hat, zuletzt aber sowohl bei den Europameisterschaften als auch bei den World Athletics Ultimate Championships im 5.000m-Lauf auf der Bahn triumphierte.
Bei den Frauen ist ein afrikanischer Erfolg wahrscheinlich: Äthiopien schickt mit Likina Amebaw und Aleshign Baweke ein starkes Duo ins Rennen, Kenia kämpft mit Caroline Nyaga und Caroline Gitonga um Gold. Nicht am Start ist die Europas Nummer eins, Nadia Battocletti, die vor einer Woche mit einem 1.500m-Sieg beim Heimmeeting in Rovereto in unter vier Minuten ihre Wettkampfsaison beendet hat.
Auf der Straßenmeile kommen die Favoriten aus den USA, also aus dem Land, in dem diese Disziplin mit die größte Beliebtheit hat, und Äthiopien. Bei den Männern liegt die Favoritenrolle auf den Schultern von Yared Nuguse, bei den Frauen muss sich die Amerikanerin Addison Wiley mit gleich drei starken Äthiopierinnen und einer starken Kenianerin auseinandersetzen.
Autor: Thomas Kofler
Mitarbeit: Claus Funovits
Bilder: © ÖLV / wolf.amri, ÖLV / Sonia Maleterova, © MJK