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Am Freitag fällt im Wiener Grand Hotel eine der brisantesten Entscheidungen der Sportgeschichte. Bleibt der russische Leichtathletikverband ARAF vom Leichtathletik-Weltverband suspendiert, was wohl einen Ausschluss der russischen Leichtathleten von den Olympischen Spielen zur Folge hätte, oder wird er rechtzeitig vor…
Am Freitag fällt im Wiener Grand Hotel eine der brisantesten Entscheidungen der Sportgeschichte. Bleibt der russische Leichtathletikverband ARAF vom Leichtathletik-Weltverband suspendiert, was wohl einen Ausschluss der russischen Leichtathleten von den Olympischen Spielen zur Folge hätte, oder wird er rechtzeitig vor dem großen Höhepunkt des Sportjahres 2016 rehabilitiert?
Nach einem am Mittwoch präsentierten Bericht der Welt Anti Doping Agentur stehen die Zeichen mehr denn je auf Olympia-Ausschluss. Aber der gesamte Kontext ist undurchsichtig und kompliziert, eine Prognose für eine delikate Entscheidung schwierig. Gewinnt am Ende die Konsequenz, die ein Mahnmal für den zukünftigen Kampf gegen Doping darstellt oder setzt sich die taktische Diplomatie durch? Entscheidend ist wohl der Bericht der IAAF-Taskforce um den norwegischen Anti-Doping-Experten Rune Andersen, der rechtzeitig vorgetragen und mit großer Spannung erwartet wird.. „Ich habe volles Vertrauen in Rune Andersen“, erklärt IAAF-Präsident Sebastian Coe und fügte an: „Wir haben eine ganz klare Haltung: Wenn Russland die Kriterien nicht erfüllt, ist es in Rio nicht dabei.“
IOC-Präsident Thomas Bach, dem eine freundschaftliche Beziehung zu Russlands Herrscher Vladimir Putin nachgesagt wird, hat bereits angekündigt, dass die Entscheidung alleine in den Händen der IAAF läge. Dessen seit zehn Monaten im Amt befindlicher Präsident Sebastian Coe steht unter großem Druck, die am Freitag gefällte Entscheidung entscheidet wohl auch über den weiteren Verlauf seiner sportpolitischen Karriere. Denn bei Amtseintritt war der kompromisslose und intensive Kampf gegen Doping eines seiner Hauptthemen. Einen Nicht-Ausschluss der russischen Leichtathleten von Olympia müsste er wohl entgegen großer Kritik argumentieren, auch wenn die Entscheidung natürlich nicht an seiner Person hängt.
23 Seiten lang ist der neueste Bericht der WADA, der rechtzeitig vor der Tagung des IAAF-Councils in der Bundeshauptstadt veröffentlicht wurde und den die WADA gemeinsam mit der britischen Anti Doping Agentur UKADA, aktuell offiziell verantwortlich für den Anti Doping Kampf in Russland, verfasst hat. Darin fällt kein positives Licht auf die osteuropäische Großmacht. 2.947 Dopingtests wurden zwischen 18. November 2015 und 29. Mai 2016 quer durch alle Sportarten durchgeführt, davon 1.810 abseits von Wettkämpfen. 655 waren IAAF-Tests, 455 führte die UKADA durch. Nicht weniger als 736 geplante Tests wurden abgelehnt oder abgesagt, 73 aus anderen Gründen nicht durchgeführt. Alleine in den Proben der UKADA befanden sich laut Angaben der britischen Online-Plattform Athletics Weekly 52 positive Resultate, 49 davon auf Meldonium. Eine nicht namentlich genannte russische Leichtathletin scheiterte bei einem Versuch, eine Urinprobe mit verstecktem, sauberen Urin zu manipulieren, zwei Athleten hätten die Wettkampfstätten fluchtartig verlassen, um einer geplanten Dopingkontrolle zu entgehen.
Außerdem berichteten Dopingkontrolleure, dass sie vom russischen Militär und bewaffneten Agenten eingeschüchtert worden und diese häufig als Beschützer von Athleten aufgetreten seien. Diesen Aspekt hatte auch Hajo Seppelt in seiner neuesten TV-Dokumentation „Geheimsache Doping – Showdown für Russland“ aufgearbeitet. Im Bericht äußerte die UKADA auch den Eindruck, dass russische Sportler unangekündigte Dopingkontrollen bei sich zu Hause nicht gewöhnt seien und erörterten, dass die russische Anti Doping Agentur RUSADA unvollständige Kontaktdetails von zahlreichen Athleten besitzt. Beim Durchlesen des WADA-Berichts entsteht der Eindruck einer generellen Verschleierungs- und Verkomplizierungstaktik von russischer Seite.
In der Zwischenzeit rüstet sich Russland für eine letzte Gegenoffensive – ein letzter Versuch eines erfolgreichen Einflusses auf die Entscheidungsträger des Leichtathletik-Weltverbandes, um einen Olympia-Ausschluss, den die meisten Experten für wahrscheinlich halten, doch noch zu umgehen. Gebetsmühlenartig wiederholte Gennady Aleshin in einer Botschaft auf der Website des Russischen Olympischen Komitees ROC, die westlichen Anschuldigungen hätten nichts mit einem objektiven Bild der Wahrheit zu tun. Dagegen habe man die 44 Kriterien der IAAF fleißig abgearbeitet. „Strukturelle Veränderungen im Verband machen eine Rückkehr ins alte System unmöglich. Wir haben Sanktionen gegen alle Sportler ausgesprochen, die in Dopingskandalen involviert waren. Und wir haben die rechtlichen und ideologischen Rahmenbedingungen für die Eliminierung von Doping aus dem russischen Sport geschaffen“, erklärt Aleshin. 190 Leichtathleten sollen demnach bei den Olympischen Spielen in Rio an den Start gehen, davor jeweils drei Kontrollen, welche von der IAAF durchgeführt und in Laboren der IAAF getestet werden sollen, ablegen – so der Vorschlag von russischer Seite. „Wenn russische Leichtathleten nach Rio reisen, dann ohne Schatten eines Generalverdachts“, lässt Aleshin wissen.
Unterdessen richten sich russische Leichtathleten, die bisher mit keinem Dopingskandal direkt in Verbindung geraten sind, via einer Videobotschaft an das Internationale Olympische Komitee. „Es ist das Recht eines jeden Athleten, die nicht direkt mit Doping in Verbindung gebracht werden, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Wir bitten herzlich, dass das IOC diesem Recht nachkommt.“ Einen offenen Brief mit dem selben Inhalt haben auch der nicht mehr aktive, zweifache Bob-Olympiasieger von Sochi, Alexander Zubkov, der vom ehemaligen Chef des Moskauer Anti Doping Labors Grigory Rodchenkov direkt des Dopings beschuldigt wird, und von Eiskunstläuferin Ekaterina Bobrova, die heuer tatsächlich des Meldonium-Missbrauchs überführt wurde, gezeichnet.
Während die Athleten die Hoffnung also noch nicht aufgegeben haben, bereitet der russische Sportminister Vitaly Mutko laut Informationen der britischen Nachrichtenagentur Reuters bereits rechtliche Schritte vor, falls die Entscheidung gegen eine Wiederaufnahme des russischen Leichtathletikverbandes fällt.