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Sifan Hassans erster Streich

Ihre Dominanz in der Schlussrunde genügte für Sifan Hassan, sich in einem unspektakulären 5.000m-Lauf die erste Olympische Goldmedaille ihrer Karriere zu holen. Zwei weitere könnten folgen.
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Wie authentisch ihr „Ich kann es nicht glauben!“ – irgendwie ein Standardsatzerl – nach dem Sieg im 5.000m-Lauf war, ist schwer einschätzbar. Sensation ist der Titel keiner, Aufsehen erregend aber deshalb, weil Sifan Hassan nur zwölf Stunden zuvor den Vorlauf über 1.500m bestritt und dort unerwartet viel Energie reinlegen musste, weil sie eingangs der Schlussrunde zu Sturz gekommen war (siehe RunAustria-Meldung). Dass sie den Vorlauf überstand und am Abend genug Energie hatte, die versammelte Weltklasse-Konkurrenz über 5.000m locker zu besiegen, ist tatsächlich eine große Leistung. „Ich habe am Morgen alles reingelegt und fühlte mich irgendwie müde. Ich hätte nie gedacht, dass ich heute Olympiasiegerin werde. Ich hatte Angst, dass dieser Sturz mir die Goldmedaille gekostet hat.“ Vielleicht war sie der Auftakt zu etwas ganz Außergewöhnlichem in den Tagen Tokios.

Furiose Schlussrunde

Vielleicht bezog sich das „Ich kann es nicht glauben!“ darauf, dass Sifan Hassan auf ihrem zwölfeinhalb Runden langen Weg zu Gold keine großen Herausforderungen nehmen musste. Die Konkurrenz meinte es gnädig mit ihr und gestaltete ein Rennen, in dem sie einfach nicht anders konnte, als mit ihren Fähigkeiten auf der Schlussrunde alle anderen zu düpieren. Um eingehüllt in die niederländische Nationalflagge zu Boden zu fallen und im leisesten Olympischen Stadion der Welt einen Raum für noch intensivere Stille zu suchen. Dass Weltmeisterin Hellen Obiri sie auf den letzten 400 Metern nicht besiegen könnte, war vorher klar. Das Fragezeichen im mit Spannung erwarteten Dreikampf um Gold war jenes, wie die Schlussrunde von Gudaf Tsegay ausfiel, die ebenfalls zu den Weltbesten im 1.500m-Lauf gehört. Er war im Vergleich zu Hassan zahnlos. Die Holländerin umrundete das Stadion nach dem Glockenton in 57 Sekunden, Obiri in knapp unter 59, Tsegay in fast 59,5. Große Unterschiede! Entscheidende.

Die RunAustria-Lesetipp: Der RunAustria-Bericht über das 3.000m-Hindernisfinale der Männer

Die langen Schritte des Soufiane El Bakkali

Niemand forderte Hassan konsequent

Während Tsegay im Alter von 24 Jahren wie Hassan ihre erste Olympische Medaille gewann, muss sich Obiri Fragen gefallen lassen. Ein hohes Niveau der Kritik freilich, doch wer jahrelang bei jeder Gelegenheit medial davon spricht, dass alles auf den Olympiasieg im 5.000m-Lauf ausgerichtet ist, wird innerlich mit Silber sicherlich nicht zur Tagesordnung übergehen. Auch wenn sie nach dem Rennen sagte: „Ich weiß, dass Sifan auf der letzten Runde stark ist. Ich habe versucht, mitzugehen. Aber ich konnte nichts machen, ich habe alles gegeben. Silber ist eine außergewöhnliche Errungenschaft!“

Augenscheinlich wollte und/oder konnte Obiri bei 28°C. Lufttemperatur, einer Luftfeuchtigkeit von 83% und nasser Bahn nicht mehr Risiko gehen. Vielleicht wäre die Gefahr, dann nicht einmal Silber zu gewinnen und gänzlich leer auszugehen, zu groß gewesen, im Vergleich zur Chance auf die Silbermedaille von Rio 2016 (damals hinter Landsfrau Vivian Cheruiyot, als die Kenianerinnen mit einem eindrucksvollen Tempolauf Almaz Ayana entnervten) noch einen draufzusetzen. Obiris Versuch war jener, immer wieder an die Spitze zu gehen und einmal zu beschleunigen und dann das Rennen wieder einbremsen zu lassen. Es war unrhythmisch, doch für eine Wirkung fehlten die harten Passagen. Hassan lief fast das gesamte Rennen an neunter und zehnter Position Seite an Seite mit U23-Europameisterin Nadia Battocletti, die eisern die Innenbahn hielt und die prominente Gesellschaft zu genießen schien.

Ein Monolog als Reaktion auf den Sieg

Sehnsüchtig warteten die Obiri-Fans zumindest auf eine Tempoverschärfung in der drittletzten oder vorletzten Runde. Sie kam nicht. Als Hassan 400 Meter vor dem Ziel beschleunigte, schob sich die nunmehr fünfköpfige Spitzengruppe ganz eng zusammen. Die Kenianerin wusste, was auf sie zukam. Sie versuchte dagegenzuhalten, es blieb beim Versuch. Hassan übernahm 240 Meter vor dem Ziel die Führung, 40 Meter davor hatte sie Tsegay überholt. Bis ausgangs der Kurve hatte Obiri noch Kontakt, doch das angestrengte Gesicht der Kenianerin verriet früh, dass sie nur noch Silber verteidigen konnte. Hassan, die eine Zeit von 14:36,79 Minuten verbuchte, faselte sich in einen langen Monolog des Selbstgesprächs. Ihre Art, ihre Welt der Emotionen in Balance zu bringen.

Bestleistung für Battocletti, japanischer Rekord für Hironaka

Die Klassenunterschiede, die im 15-köpfigen Feld herrschen mussten, wurden an diesem Tag nicht sichtbar. Obwohl das Tempo unrhythmisch war, war es im Durchschnitt so moderat, dass das Feld vergleichsweise ewig kompakt blieb. Auf drei Kilometern knapp über bzw. knapp unter drei Minuten folgte der vierte in 2:57 Minuten. Ejgayehu Taye verbrachte die meiste Zeit an der Spitze des Feldes, am Ende wurde sie Fünfte und hatte nicht wirklich eine Medaillenchance. Im Gegensatz zu Agnes Tirop, die gar nicht so weit hinter Tsegay ins Ziel kam.

Dieses Tempo, das für die Weltklasse als moderat gilt, eignete sich für die erweiterte, um trotz der schwierigen Bedingungen zur Höchstleistung aufzulaufen. Battocletti krönte eine glänzende Saison mit einem fabelhaften Entwicklungssprung mit Rang sieben als zweitbeste Europäerin und einer Steigerung der persönlichen Bestleistung, aufgestellt im Vorlauf am Freitag, um neuneinhalb Sekunden. Den italienischen Rekord von Roberta Brunet aus dem Jahr 1996 verfehlte sie um nicht einmal zwei Sekunden. Besser war in der Olympischen Geschichte in dieser Disziplin erst eine Landsfrau. Brunet, die in Atlanta Bronze gewann. Ebenfalls aus dem Ergebnis heraussticht der neue japanische Landesrekord der jungen Ririka Hironaka in einer Zeit von 14:52,84 Minuten, 0,42 Sekunden schneller als Kayoko Fukushi im Jahr 2005.

Kurze Zeit, die Batterien aufzuladen

Für Sifan Hassan lautet die Devise nun: Ruhetag: Am Freitag steht das 1.500m-Finale an (sofern sie die Halbfinalläufe am Mittwoch übersteht), am Samstag jenes über 10.000m. Die Konkurrenz wird sich in persona von Faith Kipyegon bzw. Letesenbet Gidey (und möglicherweise anderen) vermutlich ungemütlicher verhalten als jene über 5.000m, die ihr unter dem Strich ein ideales Rennen lieferte. Sie ist die erst zweite europäische 5.000m-Olympiasiegerin seit der Eventpremiere 1996 nach Gabriela Szabo aus Rumänien, die 2000 triumphierte und die erste europäische Medaillengewinnerin seit damals (Die Irin Sonia O’Sullivan gewann bei gleicher Gelegenheit Silber). Den Stift der Geschichtsschreibung hat Hassan aber noch nicht abgelegt.

Ergebnis Olympischer 5.000m-Lauf der Frauen in Tokio

Gold: Sifan Hassan (Niederlande) 14:36,79 Minuten
Silber: Hellen Obiri (Kenia) 14:38,36 Minuten
Bronze: Gudaf Tsegay (Äthiopien) 14:38,87 Minuten

  1. Agnes Tirop (Kenia) 14:39,62 Minuten *
  2. Ejgayehu Taye (Äthiopien) 14:41,24 Minuten
  3. Senbere Teferi (Äthiopien) 14:45,11 Minuten
  4. Nadia Battocletti (Italien) 14:46,29 Minuten **
  5. Yasemin Can (Türkei) 14:46,49 Minuten
  6. Ririka Hironaka (Japan) 14:52,84 Minuten ***
  7. Selamawit Teferi (Israel) 14:54,39 Minuten
  8. Karissa Schweizer (USA) 14:55,80 Minuten
  9. Lilian Rengeruk (Kenia) 14:55,85 Minuten
  10. Elise Cranny (USA) 14:55,98 Minuten *
  11. Karoline Bjerkeli Grövdal (Norwegen) 15:09,37 Minuten
  12. Andrea Seccafien (Kanada) 15:12,09 Minuten

* neue Saisonbestleistung
** neue persönliche Bestleistung
*** neuer japanischer Landesrekord

Olympische Spiele von Tokio 2020

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