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sub-4: Kipyegon strebt nach sporthistorischem Moment

Faith Kipyegon strebt mit Unterstützung ihres Hauptsponsors am Donnerstag in Paris danach, in eine neue Dimension des Leistungssports vorzudringen: die weibliche sub-4-Meile.
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Ein abenteuerlicher Versuch einer sporthistorischen Leistung steht vor der Tür: Faith Kipyegon will in Paris eine Meile unter vier Minuten laufen. Bis zur Ankündigung hat noch niemand öffentlich darüber nachgedacht, dass eine sub-4-Meile bei den Frauen überhaupt möglich sei. Im Jahr 2025. Die sportwissenschaftliche Kompetenz ihres Sponsors Nike soll der Athletin Flügel verleihen. Selbst wenn die anvisierte Ausnahmeleistung gelingen sollte, würde sie nicht als offizieller Weltrekord anerkannt werden. Unter anderem sollen rotierende, männliche Tempomacher zum Einsatz kommen.

Was würde eigentlich Sir Roger Gilbert Bannister zu Faith Kipyegons Ambitionen sagen? Jene englische Lauflegende, die 2018 im Alter von 88 Jahren verstorben ist. Bannister machte sich aus sporthistorischer Sicht unsterblich, als er, trainiert vom aus Wien vor dem Zweiten Weltkrieg geflüchteten Franz Stampfl, am 6. Mai 1954 auf der Leichtathletikanlage der University of Oxford als erster Mensch der Welt eine Meile in unter vier Minuten absolviert hat. 71 Jahre ist das her, es war der Höhepunkt eines Strebens nach exakt diesem Meilenstein in der Geschichte des Laufsports. Noch heute ist dieser Augenblick sporthistorisch bedeutend.

Nach einer fast absurd anmutende Zielsetzung strebt Faith Kipyegon, dabei hat der Wettlauf Richtung Horizont der sub-4-Mile bei den Frauen eigentlich noch gar nicht begonnen. Fast sechs Jahrzehnte ist es mittlerweile her, dass im 1.500m-Lauf der Frauen die Schallmauer der vier Minuten gefallen ist. Kipyegon ist seit zwei Jahren die einzige Läuferin, die unter 3:50 Minuten gelaufen ist – zweimal hat sie den Weltrekord verbessert, er steht bei 3:49,04 Minuten. Aufgestellt vor einem Jahr in Paris. Doch dieses Mal muss sie 109,334 Meter mehr schaffen und will trotzdem unter vier Minuten bleiben. Was sich rein mathematisch schwierig ausgeht, schließlich bräuchte sie eine Weltrekordleistung im 1.500m-Lauf plus eine hochgerechnete Sprint-Weltrekordzeit für die Restdistanz. Die offizielle Konvertierung der Weltrekordleistung im 1.500m-Lauf auf die Meilen-Distanz landet bei einer Zeit über 4:07 Minuten.

„No Woman is Limited“

Das Projekt erinnert stark an das „Breaking2“-Projekt um Eliud Kipchoge im Marathon vor acht Jahren. Damals begleitete Nike sein Aushängeschild mit wissenschaftlicher Unterstützung in ein inszeniertes Rennen auf der Rennstrecke in Monza mit dem Plan, die Marathon-Distanz in unter zwei Stunden zurückzulegen. Nur 26 Sekunden fehlten letztendlich, zwei Jahre später schaffte Kipchoge in Wien dieses Ziel, nicht mehr mit dem US-Unternehmen als Hauptantreiber der Inszenierung.

Der Marathonstar ist auch ein Inspirator für seine Landsfrau, die sich stark an die Botschaften der legenden Lauflegende orientiert. Sie wolle eine Inspiration für junge Leute mit ihren sportlichen Träumen sein und ganz besonders für alle Frauen. Ihre sportlichen Höchstleistungen sollen den Bereich des Möglichen abstecken, was Sportlerinnen zu leisten imstande sind. Dafür will sie mit einer ultimativen Form von sportlicher Leistung, so wie die heutige Inszenierung sein soll, Grenzen im Kopf verschieben und generell begeistern.

Eine Inspiration

In ihre Gedanken Einblick gibt eine Aussage, welche in einem Pressetext zitiert wurde: „Ich bin dreifache Olympiasiegerin, hab WM-Titel gewonnen. Ich dachte, was nun? Warum nicht über die Grenzen hinaus denken? Ich hab mir gesagt: Wenn ich an mich glaube und mein Team an mich glaubt, kann ich es schaffen.“ Ihre Stellung in der Öffentlichkeit soll Träumen Flügel bereiten, sagte sie in kenianischen Medien: „Meine Botschaft an Mädchen, besonders an die jungen wie meine eigene Tochter Alyn, lautet: Limitiert euch nicht!“

Erste Berichte über diese wissenschaftlich begleitete Initiative „Breaking4“ wurden erst im April publik. Laut eines Berichts von „Runner’sWorld“ traut das Team von Wissenschaftler*innen im Hintergrund der Athletin eine Meilenzeit von 3:59,37 Minuten zu.

Supermoderne Ausstattung

Für den Ausrüster ist die Initiative selbstredend ein Marketinginstrument. Kipyegon wird ein neues Paar elitärer Wettkampfschuhe tragen. Der Victory Elite FK soll die größte Schaumstoffeinlage in der Zwischensohle in der Geschichte von legitimierten Bahn-Wettkampfschuhen kombiniert mit einem verringerten Gesamtgewicht von nur 85g (laut Reuters) haben. In deren Entwicklung hat die 31-Jährige ihre Wünsche und ihre Erfahrungen in Zusammenarbeit mit den Forscher*innen einarbeiten lassen.

Ob damit aber ein Quantensprung gelingen kann wie mit der Einführung der neuartigen Superschuhe im Vorfeld des Kipchoge-Versuchs, sei alleine durch die Unvergleichbarkeit des Marathonlaufs mit einer Meile auf der Bahn mit Fragezeichen verbunden. Außerdem wird Kipyegon ein neues, aerodynamisch verbessertes Rennoutfit tragen und von mehreren Tempomachern vor und hinter sich über die gesamte Distanz unterstützt werden. Möglicherweise sollen sie zu Rennmitte wechseln, so wie bei der INEOS 1:59 Challenge mit Eliud Kipchoge 2019 in Wien. (Quelle: Outsideonline)

Begleitet wird das Breaking-4-Projekt von einer zweiteiligen Dokumentation von Nike gemeinsam mit „Box to Box Films“, die Einblicke in das Leben und Training der Läuferin gewährt. Das Rennen an sich ist Hauptprogrammpunkt eines inszenierten Abends im Stade Charléty, wo vor knapp einer Woche das Diamond-League-Meeting von Paris über die Bühne gegangen ist.

Eine Ausnahmeerscheinung

Faith Kipyegon selbst ist die Inhaberin des Meilen-Weltrekords. Er steht bei einer Zeit von 4:07,64 Minuten. Die Kenianerin übernahm ihn im Juli 2023 beim Diamond-League-Meeting in Monaco von Sifan Hassan und verbesserte den ehemaligen Weltrekord der Holländerin um fast fünf Sekunden! Nun müsste sie noch einmal über siebeneinhalb Sekunden von dieser recht hochwertigen Weltrekordleistung abkürzen – eine enorme Zielsetzung.

Elliott Hill, Präsident und CEO von Nike, bezeichnet Kipyegon als Athletin, die einmal pro Generation auftritt, und hat Vertrauen in sie: „Breaking4 ist genau die Art von Traum, den wir möglich machen wollen, sowohl für Profis als auch für Freizeitsportler*innen. Keine andere Marke bietet ein solches Maß an Expertise, Innovation und Support wie die Teams von Nike. Zusammen mit Faith durchbrechen sie Grenzen. Sie kombinieren modernste Sportwissenschaft mit revolutionären Schuh- und Bekleidungsinnovationen, um ihr zu helfen, ein wahrhaft historisches Ziel zu erreichen.“ An Paris hat die Kenianerin beste Erinnerungen: Sie wurde in der französischen Hauptstadt nicht nur Olympiasiegerin, sondern lief hier auch ihren ehemaligen 5.000m-Weltrekord und ihren aktuellen 1.500m-Weltrekord.

Zweifel an Realisierbarkeit

Obwohl Kipyegon die Vorzeigeathletin im Mittelstreckenlauf ist und auf unfassbare Erfolge wie auch Laufzeiten in beispielloser Konstanz verweisen kann, rufen die Pläne Zweifel in der Fachwelt hervor. Am deutlichsten reagierte Robert Johnson, erfahrener Laufsport-Journalist und Co-Founder der beliebten und hochkompetenten Plattform „Let’sRun.com“, indem er wenige Tage nach der Ankündigung folgende Schlagzeile wählte: „Sorry, Leichtathletik-Fans, Faith Kipyegon wird die vier Minuten über die Meile nicht unterbieten. Können wir bitte in der Realität leben und nicht im La-La-Land?“ Sie werde der Vier-Minuten-Marke nicht einmal nahe kommen, argumentiert er trotz seiner hohen Wertschätzung der Klasse der Athletin. Unterstützung bekommt er von einer Ende Mai veröffentlichten Studie im „Journal of Applied Physiology“, in der das Forscher*innenteam schreibt: „Laut unseres Wissens gibt es zurzeit keine weibliche Athletin, die die physiologischen Fähigkeiten besitzt um eine Meile unter vier Minuten zu laufen.“ Allerdings sehen die Wissenschaftler*innen in vielen Faktoren Potenzial, den gegenwärtigen Meilen-Weltrekord deutlich zu verbessern.

Autor: Thomas Kofler
Bild: © Unsplash / Steven Lelham – Symbolbild

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