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Superstar El Bakkali von Geordie Beamish überrumpelt

Ein irrer Endspurt im 3.000m-Hindernislauf der Männer brachte die nächste Riesensensation bei den Laufentscheidungen der WM 2025 in Tokio: durch Geordie Beamish.
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Eigentlich war eine Goldmedaille im Laufbereich der Männer bei den Weltmeisterschaften fix. Eigentlich. Haushoch war die Favoritenrolle von Soufiane El Bakkali im 3.000m-Hindernislauf der Männer, zu dominant war der Marokkaner in den letzten Jahren in Meisterschaftsrennen. Doch selbst Legenden sind nicht vor Fehler gefeit. Der zweifache Olympiasieger und zweifache Weltmeister unterschätzte eine wahnsinnig außergewöhnliche Schlussrunde von Geordie Beamish, der binnen 300 Metern von Position elf aus zur Goldmedaille stürmte. Am Ende eines Rennens, an das man sich lange erinnern wird.

Soufiane El Bakkali ist ein Mann, der weiß, wie man Erfolge feiert. Etliche emotionale Regungen, religiöse Gesten und patriotische Handlungen zierten die letzten Jahre. In jenem Umfeld, in dem er sich wohlfühlt: jubelnd hinter der Ziellinie in der Arena. Gelegenheiten gab es in letzter Zeit etliche: Tokio, Eugene, Budapest, Paris. Fast drei Jahre lang hat El Bakkali jeden Wettkampf gewonnen, den er bestritten hat. Gegen die Besten der Konkurrenten. Dass er zu Saisonende 2024 und zu Saisonbeginn 2025 zweimal besiegt wurde und „nur“ Platz zwei in Diamond-League-Entscheidungen belegte: geschenkt! Im Meisterschaftsrennen erschien der 29-Jährige unschlagbar.

Diese Prognose, die eine überwiegende Mehrheit in der Szene vorfand, stützte sich auf die breiten Fähigkeiten des hoch aufgeschossenen Marokkaners. Er ist siegfähig in ganz schnellen Rennen, dreimal ist er bereits unter acht Minuten gelaufen. Aber besonders stark ist er in Meisterschaftsrennen, bei denen die Schlussrunde eine hohe Bedeutung hat. Sein letzter Wassergraben ist ein Gedicht. Mehrfach hat er hier seine Rennen für sich entschieden und die Konkurrenz mti Stilistik und Effizienz degradiert. Noch besser ist nur sein Beschleunigungsschritt nach dem letzten Hindernis. Unnachahmlich, oft eine ganze Klasse besser als bei seinen Gegnern.

© Mattia Ozbot for World Athletics

Der vermeint sichere Sieg

In Tokio kam es anders. Nicht alles, wieder war der letzte Wassergraben überzeugend. Er zog vorbei am führenden Weltrekordhalter Lamecha Girma, der schon so viele direkte Duelle gegen den Marokkaner genau in dieser Rennphase verloren hat. Nichts konnte mehr schief gehen. Eigentlich. Das letzte Hindernis – und jetzt die schnellen Schritte. Doch, genau diese kamen dieses Mal nicht. Als ob er sich ob seiner Überlegenheit zu sicher gewesen wäre, als er den bereits erschöpften Girma als nicht mehr gefährlich eingestuft hatte. War dieser auch nicht: Der Weltrekordhalter, der im Olympischen Finale von Paris so schwer gestürzt war, musste sich mit Platz sechs zufrieden geben. Doch dann war es plötzlich für den schier Unschlagbaren zu spät, er konnte seinen Schlussspurt nicht wieder 100%ig aufnehmen. Sieben Hundertstelsekunden. Silber. Eine ungewohnte Farbe.

Überrascht auf den letzten Metern

Sekundenlang lag der besiegte Favorit auf der Bahn, Gesicht nach oben, aber von der Hand verdeckt. Die Finger trockneten Tränen in den Augen. Dann stand der Dominator der letzten Jahre auf und hämmerte sich mit seiner rechten Faust zweimal wuchtig gegen den Kopf. Ein Symbol des Ärgers über sich. Und des Bewusstseins, dass er diese Goldmedaille leichtfertig verspielt hatte. „Es ist sehr schwierig für mich, dieses Resultat zu akzeptieren“, sagte er später, wieder gefasst.

Er gratulierte dem Sensationssieger Geordie Beamish fair: „Das war nicht das Ergebnis, das ich wollte. Aber der Sport hat heute gewonnen. Und ich werde hart arbeiten, mir diesen Titel zurückzuholen.“ Vielleicht wurde der Marokkaner auch dafür bestraft, dass er bei 28°C und 73% Luftfeuchtigkeit nicht selbst mehr für ein schnelleres Tempo gesorgt hatte. Seine Endzeit von 8:33,95 Minuten ist ein Beweis dafür, dass in der Schlussrunde noch mehr Kontrahenten ihre Chance suchen konnten als üblich. Weil sie dieses Tempo 2.600 Meter lang mitgehen konnten.

Ergebnis 3.000m-Hindernislauf der Männer, WM 2025 in Tokio
Gold: Geordie Beamish (Neuseeland) 8:33,88 Minuten
Silber: Soufiane El Bakkali (Marokko) 8:33,95 Minuten
Bronze: Edmund Serem (Kenia) 8:34,56 Minuten

 
4. Samuel Firewu (Äthiopien) 8:34,68 Minuten
5. Salaheddine Ben Yazide (Marokko) 8:35,16 Minuten
6. Lamecha Girma (Äthiopien) 8:35,60 Minuten
7. Nicolas-Marie Daru (Frankreich) 8:35,77 Minuten
8. Ryuji Miura (Japan) 8:35,90 Minuten
9. Daniel Michalski (USA) 8:37,12 Minuten
10. Ruben Querinjean (Luxemburg) 8:37,49 Minuten
11. Ahmed Jaziri (Tunesien) 8:39,30 Minuten
12. Frederik Ruppert (Deutschland) 8:39,83 Minuten
13. Jean-Simon Desgagnes (Kanada) 8:39,96 Minuten
14. Getnet Wale (Äthiopien) 8:41,23 Minuten
15. Niklas Buchholz (Deutschland) 8:42,81 Minuten

Turbulenzen im Vorlauf

Die Story von Überraschungsweltmeister Geordie Beamish, 2024 in Glasgow bereits etwas weniger überraschend Hallen-Weltmeister im 1.500m-Lauf, ist auch eine einzigartige. Im Vorlauf krachte der Neuseeländer nach einem Sturz auf die Bahn, ein Gegner trat ihm versehentlich aufs Gesicht, als er den Sturz am Boden abzufedern versuchte. Unbeeindruckt vom Spektakel des Sturzes richtete er sich auf, holte das Feld ein und qualifizierte sich ohne Regelhilfe sportlich für das Finale. Der Sturz war nicht etwa in der Anfangsphase passiert, sondern eingangs der letzten Runde.

Nach diesem gut 300 Meter langen Husarenritt bestritt er das Finale seelenruhig, lief fast immer auf Position elf. Nach 2.300 Metern tappte er einmal erst als 15. in die Lichtschranke, 16 Läufer waren am Start. Dann ertönte die Glocke, die die letzte Runde ankündigte. Beamish war zurück auf seiner elften Position, aber er hatte nur eine Sekunde Rückstand auf den zu diesem Zeitpunkt fünftplatzierten El Bakkali und zwei Sekunden auf den zu diesem Zeitpunkt führenden Dan Michalski aus den USA, Trainingspartner des im Vorlauf überraschend gescheiterten Olympia-Silbermedaillengewinners Kenneth Brooks. Der 30-jährige Amerikaner hatte mit einem frühzeitigen Vorstoß seine Chance gesucht und lag noch bis zum Ende der Gegengerade der letzten Runde auf Medaillenkurs, dann wurde er auf Rang neun durchgereicht.

Eine Schlussrunde für die Ewigkeit

300 Meter vor dem Schluss lag Beamish 1,2 Sekunden hinter El Bakkali. Die Close-Ups der TV-Kameras zeigten den Vorstoß des Marokkaners vorne. Im Schatten dessen attackierte hinten der 28-jährige Ozeanier und lief plötzlich nicht mehr weit hinter El Bakkali. Als Sechster bog er in die Kurve ein, wie der Topfavorit absolvierte er den Wassergraben außen perfekt und mit Schwung. Doch El Bakkali hatte über den Wassergraben den Abstand zum späteren Sieger wieder auf acht Zehntelsekunden vergrößert. Dennoch absolvierte Beamish die letzte Kurve bereits als Vierter und lancierte jetzt das Finale seines bemerkenswerten Angriffs. Mit einem Split von 13,70 Sekunden für die letzten 100 Meter, Hindernis inklusive, überrumpelte Beamish den designierten Sieger dermaßen, dass er am Ende in 8:33,88 Minuten als Sieger feststand.

Legendär, wie der Neuseeländer sich mit einer Jubelpose vor die Fankurve stellte, als wäre dies der normalste Erfolg aller Zeiten. Im Interview nach dem Rennen klang es freilich anders: „Das ist ganz schön unreal, was da passiert ist. Ich habe einfach alles gegeben. Ich kann es gar nicht glauben. Das Publikum war außer sich. Ich habe visualisiert zu gewinnen und 200 Meter vor dem Ziel hab ich gemerkt, dass es heute klappen könnte.“

Der Sensationstriumph ist die Krönung einer eigentlich verpatzten Saison, in der sich der Neuseeländer mit einer Knöchelverletzung und einer Stressreaktion im Oberschenkel plagte. Dennoch gelang die WM-Qualifikation und erst in ruhigen Sommermonaten baute er seine Form für Tokio auf, wie „Runner’s World“ berichtete.

Vom Quereinstieg zu Gold

Diese Gold-Geschichte von Geordie Beamish, der eigentlich George heißt, aber von niemandem so genannt wird, wäre nicht so besonders, wäre der 1996 in Hastings auf der Nordinsel Neuseelands geborene Athlet eigentlich gar kein Hindernisläufer. Er war Mittelstreckenläufer und als solcher ging er 2016 in die USA, um an der Northern Arizona University in Flagstaff zu studieren. Sporadisch trainierte er auch Hindernisse. Nach dem Wechsel zum On-Team nach Colorado kamen sein Trainer Dathan Ritzenhein und er auf die Idee, den Hindernislauf mit Ernsthaftigkeit auszuprobieren. Dort sah das Duo bessere Chancen, auf internationalem Terrain um Medaillen mitlaufen zu können.

Als kompletter Quereinsteiger lief er 2023 in den USA einige beachtliche Rennen und qualifizierte sich auf Anhieb für die Weltmeisterschaften in Budapest, wo er als Fünfter verblüffte. Bei den Spielen in Paris scheiterte er jedoch im Vorlauf, nachdem bei der Generalprobe in der Diamond-League der erste Hindernislauf unter 8:10 Minuten gelungen war. Das alles gehört nach dem Triumph in Tokio nun der Vergangenheit an.

Die Schlussrunde der Besten

  • 57,16 Sekunden – Geordie Beamish (Sieger)
  • 58,43 Sekunden – Soufiane El Bakkali (Zweitplatzierter)
  • 58,87 Sekunden – Edmund Serem (Drittplatzierter)
  • 58,93 Sekunden – Salaheddine Ben Yazide (Fünftplatzierter)
  • 59,24 Sekunden – Samuel Firewu (Viertplatzierter)
  • 59,75 Sekunden – Nicolas-Marie Daru (Siebtplatzierter)
  • 59,92 Sekunden – Ryuji Miura (Achtplatzierter)
  • 60,48 Sekunden – Lamecha Girma (Sechstplatzierter)
  • 61,60 Sekunden – Robin Querinjean (Zehntplatzierter)
  • 61,99 Sekunden – Daniel Michalski (Neunplatzierter)

Die letzten 100 Meter der Besten

  • 13,70 Sekunden – Geordie Beamish (Sieger)
  • 13,90 Sekunden – Edmund Serem (Drittplatzierter)
  • 14,28 Sekunden – Samuel Firewu (Viertplatzierter)
  • 14,47 Sekunden – Salaheddine Ben Yazide (Fünftplatzierter)
  • 14,53 Sekunden – Nicolas-Marie Daru (Siebtplatzierter)
  • 14,57 Sekunden – Soufiane El Bakkali (Zweitplatzierter)
  • 15,49 Sekunden – Ruben Querinjean (Zehntplatzierter)
  • 15,71 Sekunden – Lamechia Girma (Sechstplatzierter)
  • 15,73 Sekunden – Ryuji Miura (Achtplatzierter)
  • 16,44 Sekunden – Daniel Michalski (Neuntplatzierter)

Schadensbegrenzung für Kenia

Jahrelang war Kenia im 3.000m-Hindernislauf unschlagbar. Tokio 2025 war die erste große Bühne für jenen Mann, der den kenianischen Laufsport wieder dahin bringen könnte. Edmund Serem, amtierender Junioren-Weltmeister und noch keine 18 Jahre alt, jubelte im Nationalstadion der japanischen Hauptstadt in einer Zeit von 8:34,56 Minuten über die Bronzemedaille. Mit dem zweitbesten Schlussspurt im Feld hatte er sich gerade so noch an Samuel Firewu aus Äthiopien vorbeigekämpft. „Das Finale mit all diesen Legenden zu laufen, war unglaublich, eine großartige Erfahrung. Ich hatte die Power im Finale, um diese Medaille zu erreichen“, sagte der nun jüngste WM-Medaillengewinner aller Zeiten. Serem bezeichnete den großen Eliud Kipchoge als seinen Mentor, sein großer Bruder Amos Serem ist ebenfalls ein Hindernisläufer.

Diese Bronzemedaille hatte für den kenianischen Verband noch eine nicht zu übersehende Bedeutung. Sie ist nämlich die erste bei den Männern am bereits vierten Wettkampftag in Tokio. Sowohl im 10.000m-Lauf als auch im Marathon war Kenia bei den Männern nämlich leer ausgegangen – wie bereits vorab erwartet sind es die kenianischen Läuferinnen, die in Tokio fleißig Edelmetall sammeln. Bevor Emmanuel Wanyonyi noch im 800m-Lauf die Bühne betreten wird.

© Ross Turteltaub for World Athletics

Kein Happyend für Japan

Die von Beamish gelobte Atmosphäre im ausverkauften Nationalstadion hatte einen Grund: Ryuji Miura, der als Dritter der Weltjahresbestenliste mit Medaillenchancen ins Rennen ging. Die Unterstützung war enorm, bei der kleinsten Regung, beim kleinsten Anzeichen aktiv zu werden, brandete sofort ein Jubelsturm auf den Tribünen auf. Dabei lief der Lokalmatador „unjapanisch“ ruhig.

Als der 23-Jährige sich in der letzten Runde in Position für den Kampf um die Medaillen brachte, gab es kaum ein Halten mehr. Doch genau das ist auch ein Anzeichen, wie enorm der Druck auf den Schultern des kleinen Miura gewesen sein muss. Als Dritter bog er hinter El Bakkali und Girma auf die Zielgerade. Doch nach dem letzten Hindernis kam er aus dem Tritt und der Ofen war aus: Rang acht am Ende. Konsterniert und mit steifem Blick schaute Miura sekundenlang Richtung Oberrang, die Enttäuschung unübersehbar.

Enttäuschend verlief der Wettkampf auch für die Europäer, von denen der siebtplatzierte Franzose Nicolas-Marie Daru, einer der europäischen Aufsteiger der Saison, noch der Beste war. Frederik Ruppert, der frisch vom Diamond-League-Gesamtsieg in Zürich nach Tokio reiste, spielte in der entscheidenden Phase keine Rolle, nachdem er in der ersten Rennhälfte bei nicht allzu hohem Tempo einige Zeit in Führung gelegen war. Mit Platz zwölf in einer Zeit von 8:39,83 Minuten blieb der weit unter den Erwartungen.

Historisches Laufgold

Erstmals seit 1987 ging WM-Gold im 3.000m-Hindernislauf an einen nicht in Afrika geborenen Athleten. Die Goldmedaille von Geordie Beamish ist die siebte für Neuseeland bei Weltmeisterschaften, die ersten sechs wurden ausnahmslos in Wurfdisziplinen erreicht, alleine vier durch Kugelstoß-Legende Valerie Adams. Der letzte neuseeländische Läufer mit einem globalen Titel war Mittelstreckenlegende John Walker bei den Olympischen Spielen von Montreal 1976 im 1.500m-Lauf. Am Tag nach Beamishs Sensation folgte durch Hamish Kerr im Hochsprung der Männer die achte WM-Goldmedaille in der neuseeländischen Leichtathletik-Geschichte.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Ross Turteltaub, Mattia Ozbot for World Athletics

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