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Tadesse Abraham: Vollprofi, Rekordhalter und Vorbild

Nach über 20 Jahren ist eine europäische Lauflegende abgetreten. Nach der Krönung beim Valencia Marathon absolvierte Tadesse Abraham noch drei Rennen in der Schweizer Heimat.
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Der Moment des Abschieds ist nicht zufällig gekommen. Er war genau geplant. Nicht nur Ort, sondern auch Leistung und Dramaturgie. Im Alter von 42 Jahren, nach zwei Jahrzehnten Laufsport mit Leistungsgedanken, zehn Jahre als Schweizer Spitzensportler, erfüllte sich Tadesse Abraham einen letzten sportlichen Traum: einen Marathon unter 2:05 Stunden. Er gelang zu Monatsbeginn in Valencia. Seine Karriere als Leistungssportler endete aber erst zwei Wochen später. Die drei finalen Wettkämpfe auf Schweizer Boden sind exemplarisch für eine Karriere, die von vielen richtigen Entscheidungen, Weitsicht und vollem Fokus geprägt war.

Ende März 2003 betrat Tadesse Abraham erstmals Schweizer Boden. Als Teilnehmer am Juniorenrennen der Crosslauf-Weltmeisterschaften in Lausanne. Ein Jahr später bestieg der junge Athlet als Teil der eritreischen Nationalmannschaft zum zweiten Mal einen Flieger Richtung Europa. Destination dieses Mal war Brüssel, das sportliche Ziel neuerlich das Juniorenrennen der damals noch jährlich ausgetragenen Crosslauf-WM. Ergebnis brachte er keines zustande, doch die Reise bleibt aufgrund einer lebensverändernden Entscheidung in Erinnerung. Tadesse Abraham setzte sich ab, um der Dienstpflicht im Militär in seiner Heimat zu entgehen und landete in Uster, eine Kleinstadt in der Nähe von Zürich. Im Zentrum der Schweiz, einem Land, dessen Sprache und Kultur dem jungen Sportler gänzlich fremd waren. Er kannte niemanden, dennoch wurde die Schweiz seine Heimat. Und er hatte viele sportliche Ziele aufgegeben, deren Realisierung ihm erst die Verleihung der Staatsbürgerschaft im Jahr 2014 ermöglichen sollte.

© SIP / Johannes Langer

Das Leben in der neuen Heimat

In einem Feature auf den Kanälen des Leichtathletik-Weltverbandes (World Athletics), veröffentlicht zum Weltflüchtlingstag 2021, blickte Tadesse Abraham auf seine ersten Tage in der Schweiz zurück. „Es war sehr seltsam und eine große Herausforderung. Da ich englisch sprach, fiel mir einiges leichter. Aber die Schweizer Bevölkerung antwortet dir nicht in englisch und besteht darauf, dass du ihre Sprache sprechen sollst. Heute verstehe ich das und weiß, wie wichtig das ist.“ Die Ausübung des Sports und die Vereinsstruktur haben ihm geholfen, in seiner neuen Heimat ein neues Leben aufzubauen und sich gleichzeitig zu integrieren. Dem LC Uster ist Abraham bis heute treu geblieben, auch weil er die Integrationshilfe durch den Verein sehr schätzt. Nun, zwei Jahrzehnte später, wird er oft als Paradebeispiel gelungener Integration beschrieben.

Die ersten Schritte waren allerdings alles andere als leicht, der junge Abraham erlebte eine schwierige Zeit. In den ersten Monaten im Flüchtlingscamp musste er sogar auf das Laufen verzichten. Also auf seine Leidenschaft. Gelernt hat er das Laufen wie so viele Athlet*innen in ostafrikanischen Ländern. Zehn Kilometer lang war Abrahams Schulweg pro Richtung, wie ein Feature über ihn auf der Website der UNHCR erzählt. Um schneller zu sein, bewältigte er ihn hin und retour im Laufschritt.

Abraham setzte einen Schwerpunkt auf das schnellstmögliche Erlernen der ihm unbekannten Sprache. Obwohl er bald im Schweizer Laufsport Fuß fasste, war seine Freiheit mit dem Status eines Flüchtlings eingeschränkt. Seine Leistung von 1:07:34 Stunden im Halbmarathon im Rahmen des Winterthur Marathon 2024 blieb allerdings nicht im Verborgenen. In der Schweiz nahm er in Folge an diversen Wettkämpfen teil, ab 2007 konnte er dank eines Reisedokuments zu verschiedenen Wettkämpfen im Ausland reisen. Zum Beispiel zum Berliner Halbmarathon 2009, wo ihm eine Zeit von 1:01:25 Stunden gelang. Oder zum Berlin Marathon 2010, wo er die 2:10-Stunden-Marke knackte. Er lebte im Kanton Zürich, schließlich zog er zu seiner Frau nach Genf. Und lernte französisch.

Tadesse Abraham

Geburtsdatum: 12. August 1982
Nationalität: schweizerisch
PB Marathon: 2:04:40 Stunden (Schweizer Rekord)
PB Halbmarathon: 59:53 Minuten

Erfolge:
Europameister im Halbmarathon 2016
EM-Silber im Marathon 2018
Olympia-Siebter im Marathon 2016
WM-Neunter im Marathon 2019
Fünfter Platz New York City Marathon 2017
Fünfter Platz Valencia Marathon 2024
Siege Zürich Marathon 2022 und Barcelona Marathon 2024

Die Schweizer Nummer eins

Eine wichtige Wendung erfuhr Abrahams Karriere durch die Einbürgerung zu Jahresbeginn 2014. Zehn Jahre musste er den Schweizer Gesetzen gemäß darauf warten, Ausnahmegenehmigungen sind selbst für erfolgreiche Sportler*innen bei unseren Nachbarn die absolute Ausnahme. Sie gelang rechtzeitig zu den Europameisterschaften 2014 in Zürich. Dort wurde er zwar „nur“ Neunter, gewann aber die Bronzemedaille in der Nationenwertung mit dem Schweizer Team. Von nun an war er als direkter Nachfolger von Viktor Röthlin das Aushängeschild des Schweizer Laufsports. 2016 wurde er Europameister im Halbmarathon und führte das Schweizer Team in Amsterdam sensationell zur Goldmedaille in der Nationenwertung. Kurz davor hatte er in Seoul Röthlins Schweizer Marathonrekord auf eine Zeit von 2:06:40 Stunden verbessert, damals – man mag es heute kaum mehr glauben – haarscharf am Europarekord vorbei. Nicht einmal zwei Monate nach dem EM-Titel brillierte Abraham als Siebter des Olympischen Marathons von Rio 2016.

Nicht alles sollte Abraham in weiterer Folge seiner Karriere gelingen. So musste er die Olympischen Marathons in Sapporo und Paris aufgeben. 2018 bei den Europameisterschaften gewann er Silber hinter dem Belgier Koen Naert. In der Hitze des WM-Marathons von Doha quälte sich der Schweizer in die Top-Ten. „Alter ist, und ich glaube das wirklich, nur eine Zahl, wenn dein Fokus voll auf dem Sport und der Vorbereitung von Wettkämpfen liegt und die Motivation hoch bleibt“, pflegte Abraham zu sagen und zitierte dabei den großen Eliud Kipchoge.

Eine der wichtigsten Augenblicke in der Karriere von Tadesse Abraham: 2016 wurde er Halbmarathon-Europameister in Amsterdam. © SIP / René van Zee

Ein Leben für den Sport

Tadesse Abraham gilt in der Szene als vorbildlicher Profi. Seinen sportlichen Zielen ordnet er sein gesamtes Leben unter, oft auch vermeintliche Kleinigkeiten. Die Anekdote, als er Österreichs Marathonrekordhalter Peter Herzog im Rahmen eines Wettkampfaufenthalts aufmunterte, im Hotel nicht in den Aufzug zu steigen, sondern die Treppen zu nehmen, zeigt das exemplarisch. Aufzüge seien eine schlechte Angewohnheit, Treppensteigen die für einen Profisportler adäquate Standardvariante, so der Läufer zum Läufer. Sie wirkte inspirierend auf den Salzburger, wie er einmal erzählte, weil er diese Aussage weiterdachte.

Auch seine mentale Stärke wird vielfach bewundert. Abraham zog jahrelang sein Ding durch, trainierte und lebte mit vollster Konsequenz und Disziplin – es gab mehr sportliche Erfolge als Rückschläge. Sein Glaube an sich und seine positive Einstellung prägten ihn, motivierten Kollegen und formten seine Karriere.

Abraham wird in diversen Medien als Familienmensch beschrieben. So stellte er sich auch selbst vor, als er vor einigen Jahren gleich zweimal beim Vienna City Marathon zu Gast war. Die Freizeit wird großteils in die Familie investiert. Das ist die eine Seite der Medaille, die andere sieht vor, dass Abraham gar nicht so häufig zu Hause war. St. Moritz wurde zu seiner zweiten Heimat, regelmäßig trainierte der Marathonläufer in der Höhe Äthiopiens nahe Addis Abeba oder im kenianischen Trainingszentrum in Iten. Wochenlang, monatelang. Höhentraining sieht er als grundsätzliche Essenz eines Marathonläufers seiner Klasse. Da er in der Höhenlage von 2.400 Metern geboren ist, gibt es bei ihm keine Anpassungsschwierigkeiten an die Bedingungen. Die familiären Herausforderungen dieses Lebensstils quittierte Abraham einst in Wien bei einer Pressekonferenz nüchtern-professionell: Das gehöre zu seinem Job dazu, seine Frau wisse das seit Beziehungsbeginn. Sie unterstütze ihn daher selbstverständlich.

In der Schweizer Lauf-Community verankert

Wie sehr Tadesse Abraham, den alle nur „Tade“ rufen, mit dem Schweizer Laufsport verbunden ist, zeigt nicht nur seine Stellung in der Schweizer Sportnation, sondern auch seine Liebe zu den Schweizer Volksläufen. Wenn sein enger Zeitplan, welcher an Wettkampfplanung in Kombination mit langen Trainingslagern gebunden war, es ihm erlaubte, war er gerne bei Schweizer Volksläufen am Start. Er präsentierte sich der Lauf-Community und dem Publikum, hielt Kontakt zu Veranstaltern und Lauffans. Egal ob in der Off-Season, in Topform, ob als Ersatz für eine Trainingseinheit oder als entspanntes Lauferlebnis nach einem großen Wettkampfziel.

So ist es kein verwunderliches, aber ein starkes Zeichen, dass Tadesse Abraham nicht am sportlichen Höhepunkt abgetreten ist. Beim Valencia Marathon realisierte er sein letztes großes Karriereziel und finishte einen Marathon in einer Zeit unter 2:05 Stunden (siehe RunUp.eu-Bericht). Die Zeit von 2:04:40 Stunden, neuer Schweizer Fabelrekord, wäre so schon besonders genug, im Alter von 42 Jahren ist sie eine Ausnahmeleistung, die gerade einmal die äthiopische Lauflegende Kenenisa Bekele überbieten kann. Renato Canova, italienischer Trainerguru, schickte im Forum von „Let’sRun.com“ die Behauptung nach, dass nur Abrahams Reisepass 42 Jahre alt sei, der Athlet selbst biologisch zwei oder drei Jahre älter sein könnte.

Zweimal startete Tadesse Abraham bei Österreichs größter Laufveranstaltung, 2019 wurde er Zweiter. © VCM / Jenia Symonds

Abschiedstournee in der Schweiz

Das war Abrahams krönender Abschied vom Marathon als Spitzensportler. Er genoss ihn sichtlich, auch die Standing Ovations bei seiner Ehrenrunde. Den Abschied vom Laufsport als Spitzensportler feierte der Schweizer bei drei Schweizer Traditionsläufen im Dezember: der Course de l’Escalade am 7. Dezember, dem Weihnachtslauf in Sion am 14. Dezember und tags darauf beim Zürcher Silversterlauf. Also auf der Bühne des Schweizer Laufsports, in dem die Karriere Tadesse Abrahams verwurzelt ist. In jenem Land, in dem Abrahams Leben verwurzelt ist.

Es ging ihm nicht um Spitzenleistungen, was angesichts der Belastungen des Valencia Marathon und der Vorbereitung auch widersinnig gewesen wäre. Es ging ihm gezielt darum, sich zu präsentieren. Bei der Course de l’Escalade in seiner Heimatstadt Genf belegte der „Local Hero“ sechs Tage nach dem Valencia Marathon Platz elf. 57.183 Laufbegeisterte hatten sich für den beliebten Volkslauf angemeldet und damit so viele wie noch nie.

Bei der Course de Noel in Sion belegte Abraham Platz 13 in einem beachtlich besetzten Elitelauf als Höhepunkt einer Veranstaltung, die über 9.000 Anmeldungen verzeichnete. In Zürich lief er zum Finale des Triples gemeinsam mit rund 23.000 angemeldeten Laufbegeisterten und erreichte das Ziel als Sechster. Es folgte eine spezielle Ehrenrunde, die sich die Schweizer Lauflegende mehr als verdient hatte – mit einer Krone auf dem Haupt und einer wehenden Schweizer Flagge in der Hand. Minutenlang war das Scheinwerferlicht auf ihn gerichtet, alle standen Spalier nur für ihn.

Alle drei Läufe wurden übrigens von Dominic Lobalu gewonnen: Bei der Course de l’Escalade im spannenden und engen Duell mit dem französischen Topläufer Jimmy Gressier, in Sion knapp vor dem Kenianer Boniface Kibiwott und in Zürich vor Matthias Kyburz, neben Abraham zweiter Schweizer Olympia-Starter im Marathon von Paris 2024.

Tadesse Abraham beim Valencia Marathon 2024. © SIP / Johannes Langer

Aushängeschild der Schweizer Top-Sportmarke

Eine weitere Verflechtung mit der Schweizer Laufszene gelang Anfang 2021 als Tadesse Abraham zur Schweizer Sportmarke On wechselte und das Aushängeschild des Unternehmens weit über die Inlandsgrenzen hinaus wurde. On schätzte den Routinier nicht nur aufgrund seiner sportlichen Leistungen und reichhaltigen Erfahrungen im Spitzensport. „Tade ist trotz all seiner Erfolge der gleiche Mensch geblieben: herzlich, authentisch und ehrlich“, sagte Olivier Bernhard, Mitbegründer von On, damals. Abrahams Erfahrungen und sein Wort hatten gemäß Unternehmensphilosophie in der Produktion und Entwicklung Gewicht.

In On-Laufkleidung und mit On-Schuhen unter den Füßen gelang dem Schweizer tatsächlich sein zweiter Frühling mit grandiosen Erfolgen: darunter Siege beim Zürich Marathon und Barcelona Marathon, einen Halbmarathon unter einer Stunde im Alter von 40 Jahren sowie der krönende Marathon-Abschluss in Valencia mit einer Zeit von 2:04:40 Stunden zwei weitere Jahre später.

Integration: ein Anliegen

Tadesse Abraham ist ein gelungenes Beispiel erfolgreicher Integration. Er spricht fünf Sprachen fließend, darunter „schwyzerdütsch“ und französisch, ist hervorragend integriert, mit einer Schweizerin verheiratet. Mit Senait hat er einen gemeinsamen Sohn, Elod. Senait ist in der Alpenrepublik aufgewachsen, hat wie ihr Mann eritreische Wurzeln. Kennengelernt haben sich die beiden beim Laufen, Senait lief auch Marathons – freilich mit anderen Ambitionen als Tadesse.

Die Schweizer Kultur und den Lebensstil hat er längst auch abseits der perfekten Rahmenbedingungen für eine professionelle Laufkarriere schätzen und lieben gelernt. Seine Geschichte und seine Erfahrung nutzt er, um in einem Projekt gemeinsam mit der Generali Versicherung, ein Sponsor Abrahams, Flüchtlingen bei der Integration in die Schweizer Kultur zu helfen. Außerdem ist er an Integrationsprojekten durch Laufsport beteiligt. Diese Flüchtlingsteams gibt es mittlerweile nicht nur in Genf, sondern auch in Zürich und Winterthur, wie Swiss Olympics berichtete. Wenn Tadesse Abraham auftritt, repräsentiert er die Schweiz.

Abraham war auch Mentor von Dominic Lobalu, der 2019 aus dem Südsudan flüchtend in der Schweiz Asyl angesucht hat und seit wenigen Monaten seine neue Heimat erfolgreich auf der internationalen Wettkampfbühne vertritt. Er half dem talentierten Läufer, in der Laufszene und in der Gesellschaft seiner neuen Wahlheimat Fuß zu fassen. Bald entwickelte sich zwischen den beiden aber eine sportliche Konkurrenzsituation bei etlichen Schweizer Volksläufen.

Dort hat Lobalu Abraham längst den Rang abgelaufen, was die rein sportliche Komponente betrifft. Vielleicht wird er irgendwann Abrahams Nachfolger als Nummer eins in der Schweizer Marathonszene. So, wie dieser einst in Röthlins Fußstapfen trat. Doch die Gesamtleistung Tadesse Abrahams, als Mensch und Sportler, hat ihren Fixplatz in den Annalen des Schweizer Laufsports längst und auf ewig reserviert.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © SIP / Johannes Langer, © SIP / René van Zee, © VCM / Jenia Symonds

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