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Tobias Rattinger: Der sportlichste Arzt im EM-Team

Zwei Jahre nach seiner EM-Premiere in Rom unternimmt Tobias Rattinger seinen zweiten Versuch, in ein EM-Finale einzuziehen. Er kann das Ziel ohne Druck angehen.
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Tobias Rattinger lebt eine atypische Karriere: Als Spätzünder begann er erst nach Abschluss seines Medizinstudiums damit, seine vollen Fähigkeiten im 3.000m-Hindernislauf auszureizen und weiß bereits jetzt, dass seine Sportkarriere eher eine kurze sein wird. Zum zweiten Mal hat er sich für Europameisterschaften qualifiziert. Seine Träume lässt er in Realismus einfließen. Daher hält er sich den Sommer 2028 frei.

2024 hätte sein Höhepunkt sein sollen, Anfang Juni im Stadio Olimpico von Rom. EM-Debüt – in seinen Augen so etwas wie der persönliche Olymp! Tobias Rattinger hatte davor die Entscheidung getroffen, sich nach Abschluss seines Medizinstudiums an der Universität in Innsbruck eine Auszeit in der Ausbildung zu gönnen und eine Saison lang den vollen Fokus auf den Sport zu legen. Zu dieser Zeit war er bereits die klare Nummer eins im Land im 3.000m-Hindernislauf. „Als ich diese Entscheidung getroffen habe, war mir glasklar: Es wird meine letzte Saison. Einmal probieren, was geht – und dann Sportpension“, erzählt er.

Es kam anders. „Ich habe mich so stark steigern können, dass ich gewusst habe: Das kann noch nicht alles sein.“ So reifte in ihm der Gedanke zum Entschluss, es weiter mit Leistungssport zu probieren. „Mir ist bewusst, dass ich seither nie schneller gelaufen bin. Aber als Athlet bin ich gereift, hab mich verbessert und viel dazu gelernt. Die Entwicklung stimmt!“, beteuert er. Zwischen Rom 2024 und Birmingham 2026 steht eine aus gesundheitlichen Gründen komplett ausgefallene Saison 2025. Dennoch fühlt sich der Oberösterreicher ein großes Stück weiter als vor zwei Jahren.

Tobias Rattingers EM-Fahrplan
Donnerstag, 13. August ab 12:30 Uhr (MEZ) – Vorläufe, 3.000m-Hindernislauf
Sonntag, 16. August um 21:50 Uhr (MEZ): Finale, 3.000m-Hindernislauf (bei Qualifikation)

Der Traum eines jeden Sportlers

Die Fortsetzung seiner Karriere mit klarem Fokus auf den Sport hat ein großes sportliches Ziel als Hauptantriebsfaktor: die Olympischen Spiele 2028. Zwei Jahre vorher kann der 28-Jährige realistisch einordnen: „Ich weiß, dass es extrem schwierig für mich sein wird, dieses Ziel zu erreichen.“ Rattinger ist ein flammender Leichtathletik-Fan, verfolgt die Sportart mit Faszination von A bis Z. Seine Disziplin, seine Kontrahenten, mit denen er sich messen und mit denen er mithalten will, kennt er bestens.

Daher weiß er im Detail über die kollektive Entwicklung Bescheid. „Es ist immer wieder erstaunlich, was sich so alles in Europa tut. Die Dichte ist so groß, dass man mit einer Leistungssteigerung von zwei Sekunden gleich viel weiter vorne ist. Ich bin also nicht so weit weg vom großen Mittelfeld und sehe das Potenzial. Aber ich weiß halt auch: Es wird immer schwieriger, gegen die Professionalität der anderen anzukämpfen, wenn man selber vielleicht nur ein 90%iges Setting hat.“

Berufliche Karriere kurz in der Warteschleife

Daraus ergibt sich auch die Schlussfolgerung, dass die Olympia-Teilnahme 2028 eine große Herausforderung sein wird. Für die WM-Qualifikation 2027 wird ein Limit von 8:08 Minuten gefordert sein. „Mir ist bewusst, wie hoch die Trauben hängen werden. Aber solange ich eine kleine Chance sehe, treibt mich dieser Traum an“, so Rattinger. „Ich schaue aber in kleinen Etappen: von Jahr zu Jahr, von Ziel zu Ziel.“

Da eine Leistungssportkarriere nie sein universaler Traum gewesen sei, seien die Olympischen Spiele auch kein Lebenstraum, dessen Nicht-Erfüllung ihn belasten werden würde, betont er. Über den Horizont 2028 denkt er allerdings nicht hinaus. „Der nächste Schritt in meiner Ausbildung ist das Basisjahr als Mediziner, das ist nicht mit Spitzensport vereinbar. Ich lege jetzt den Fokus ein paar Jahre auf den Sport, weil ich ein gutes Gefühl habe, es mir Freude macht und die Entwicklung stimmt. Aber zu lange möchte ich von meinem Beruf als Arzt nicht wegbleiben. Denn medizinisches Wissen ist nur dann wertvoll, wenn man up-to-date bleibt“, erzählt er.

Tobias Rattinger bei der Track Night Vienna 2026. © ÖLV / Alfred Nevsimal

Mühsame Rückkehr

Es ist Halbzeit im Olympischen Zyklus, für Rattinger in Wahrheit weniger. Die komplette Saison 2025 fand ohne ihn statt. „Ich bin fast verzweifelt, weil es so lange gedauert hat, bis ich wieder in Tritt gekommen bin. Ich habe zwischendurch gezweifelt, ob ich wieder dorthin komme, wo ich schon einmal war“, blickt er auf eine schwierige Zeit zurück. Erst im Winter mit der Crosslaufsaison sandte der Körper ihm positive Signale und der Spaß am Laufen war zurück. Das Projekt EM-Qualifikation konnte starten.

Der Oberösterreicher trainiert häufig in der Trainingsgruppe von Raphael Pallitsch mit, oft ähneln sich Trainingsphasen und -zyklen, wodurch alle vom Miteinander in Trainingslagern profitieren, auch wenn Rattinger selbst für sein Training verantwortlich ist und großteils auch individuell trainiert. Gemeinsame Interessen verbinden, die Gruppe – oft in der Dreierkonstellation Pallitsch, Rattinger, Kamenschak – versteht sich auch in der Freizeit hervorragend. Im Jänner (Südafrika), März (Sierra Nevada) und Mai (St. Moritz) legte der Oberösterreicher drei Höhentrainingsblöcke mit jeweils einem Monat dazwischen zuhause ein und konnte – ganz im Gegensatz zu Pallitsch, mit dem er sehr erfolgreich ein spannendes Podcast-Projekt umsetzt – sehr konstant und gut trainieren, um eine hervorragende Basis für die Saison 2026 zu legen.

Die wichtigen Trainingseinheiten vor der EM absolvierte er daheim in Steyr, was angesichts der hohen sommerlichen Temperaturen nicht immer einfach war. „Ich habe zuletzt vor allem daran gearbeitet, auf den letzten zwei Wettkampfrunden kompetitiver zu werden“, erklärte er. Der Kick zum Schluss des Rennens sei nämlich nicht unbedingt seine Stärke.

Ein Spagat mit dem Beruf

Auf dem Weg nach Birmingham musste Rattinger einen weiteren nicht unwesentlichen Rückschlag akzeptieren. Entgegen seiner Hoffnungen wurde er nicht ins Bundesheer aufgenommen. Dass er als Spätzünder in Jugendjahren nie beim Heer war, war in Zeiten von Kürzungen kein Argument auf seiner Seite. Die „Übergangslösung“, essentieller Teil der Finanzierung der Karriere, lautet wie folgt: Rattinger arbeitet in Steyr als ärztlicher Mitarbeiter in der Praxis einer Hausärztin in reduzierter Teilzeit, aber mit maximaler Flexibilität, die ihm auch wochenlange Auslandsaufenthalte zu Trainingszwecken erlaubt. Zudem engagiert er sich im Verein LAC BMD Amateure Steyr sehr und verdient mit dem Verfassen von Trainingsplänen einen Zuschuss.

Der mehrfache Staatsmeister hätte gerne die EM-Qualifikation nach der gelungenen Saisonvorbereitung per Direktlimit erledigt. Bei seinem ersten Auftritt im Rahmen eines A-Meetings in Ostrava verhinderte ein Sturz am letzten Hindernis, dass er in die Nähe der geforderten 8:20,00 Minuten kam. Doch drei konstante Leistungen von 8:28 Minuten, allesamt auf unterschiedliche Weise zusammengekommen, reichten sicher, um über die Weltranglistenpunkte zur EM zu reisen.

„Klar, ich hätte gerne ein bisschen mehr gezeigt und eine schnellere Zeit stehen. Aber insgesamt bin ich mit der Saison sehr zufrieden, es hat viel gepasst“, zieht er eine Zwischenbilanz. Dieser Fakt lässt ihn auch glaubwürdig sagen: „Es ist ein sehr enges EM-Feld mit 34 guten Leuten, die es alle verdient haben dabei zu sein. Das Feld lässt viele Möglichkeiten zu. Das Ziel muss lauten, ins Finale zu kommen – aber da wollen alle hin. Ich bin sicherlich viel reifer und habe mehr Erfahrung als vor zwei Jahren. Doch wenn es nicht reichen sollte und ich nichts Grundlegendes falsch mache im Vorlauf, werde ich dennoch eine zufriedene Jahresbilanz ziehen.“

Tobias Rattinger

Verein: LAC BMD Amateure Steyr
Disziplin: 3.000m-Hindernislauf
2. EM-Teilnahme
„Road to Birmingham): Position 27/34
PB: 8:26,17 Minuten (Karlsruhe 2024)
SB: 8:28,25 Minuten (Decines)
Staatsmeistertitel: 5

© ÖLV / @amri.sports

Seine Wettkämpfe 2026:
Sieg – Vienna 5K, 14:21 Minuten
Platz 6 – Lange Laufnacht Karlsruhe, 8:32,42 Minuten
Platz 14 – Ostrava Golden Spike, 8:28,27 Minuten
Platz 6 – Track Night Vienna, 8:28,73 Minuten (Staatsmeistertitel)
Platz 9 – Meeting Est Lyonnais in Decines, 8:28,25 Minuten
Platz 3 – Staatsmeisterschaften im 1.500m-Lauf, 4:07,95 Minuten

Acht Finalplätze pro Vorlauf

Rattingers Birmingham-Rechnung ist einfach: Je 17 Läufer bestreiten einen Vorlauf, die besten Acht erreichen jeweils das Finale. Nur wenige spielen an der Spitze in einer anderen Liga. „Auf dem Papier müsste es einen deutschen Doppelsieg mit Ruppert und Bebendorf geben, dieses Duell wird sicherlich sehr spannend“, philosophiert er und erinnert sich an seinen ersten internationalen Auftritt im ÖLV-Dress bei der U23-EM 2019. Damals dominierte Ruppert die Schlussrunde und lief zu Gold. Sechs Jahre später brillierte der 29-jährige Deutsche mit einem Fabel-Europarekord deutlich unter acht Minuten und hat die Messlatte im europäischen Hindernislauf deutlich erhöht. Im direkten Duell mit seinem Landsmann liegt er aber, sage und schreibe, 1:7 hinten.

Im Sog der Deutschen verbesserten sich jedoch viele und das Niveau im Mittelfeld, zu dem sich auch der Österreicher zählt, ist höher als noch vor Jahren. Das macht den EM-Vorlauf zur Herausforderung. „Ich erwarte mittelschnelle Vorläufe. Denn die vorne sind so gut, dass sie ein flottes Tempo der anderen locker mitgehen können. Gleichzeitig hat es in dieser Saison so viele Stürze gegeben, das ist eine Folge der Kräfteverhältnisse in dieser Dichte. Dieses Risiko wollen die Favoriten sicherlich vermeiden – und die Gefahr ist höher, wenn das Tempo niedrig ist.“

Hoffnung auf einen schnelleren Vorlauf

Der 28-Jährige sieht für sich zwei plausible Möglichkeiten. Entweder er läuft im Vorlauf weit vorne oder ganz hinten, um in beiden Varianten sich seinen Laufweg frei wählen zu können, was dem Laufrhythmus über die Hindernisse dienlich ist. „Bei meinem Rennen in Lyon bin ich genau in der Mitte gelaufen. Da hab ich gesehen: Das ist nicht die Lösung.“

Für eine offensive Herangehensweise spricht, dass im 3.000m-Hindernislauf die Position ganz vorne keinen so großen Nachteil bringt wie in anderen Disziplinen, weil man dafür aus eigener Hand technisch sauber und ungestört über die Hindernisse laufen kann. „Hinten zu laufen, verspricht etwas Energie zu sparen. Man muss dann allerdings später mit Überholmanövern zur richtigen Zeit die Löcher harmonisch stopfen“, erklärt er.

Ihm wäre grundsätzlich ein schnellerer Vorlauf lieber, damit die Schlussrunde nicht eine ganz so hohe Gewichtung erfährt. Ganz besonders freut sich Rattinger, dass seine Freundin und seine Familie ihn im Alexander Stadium anfeuern werden. Vielleicht ist genau das der entscheidende Motivationskick, dass es bei der zweiten EM-Teilnahme mit dem ersten Finaleinzug klappt.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © ÖLV / @amri.sports, Alfred Nevsimal

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