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Nadja sagte es zuerst. Das war typisch. Julian dachte es vermutlich schon länger, aber Nadja sagte es. Sie saßen nach dem 10K_CityRun in Salzburg nebeneinander, die Beine schwer, die Medaille noch um den Hals, die Uhr längst ausgewertet, obwohl beide so taten, als spiele die Zeit keine große Rolle.
„Fünfundsechzig Minuten“, sagte Nadja.
„Solide“, sagte Julian.
„Ja“, sagte Nadja. „Aber unter sechzig wäre schöner.“
Julian sah sie an. „Am 4. Oktober?“
„Jedermannlauf.“
„Volksgarten.“
„Sub 60.“
„Gemeinsam?“
„Gemeinsam!“
So beginnen manchmal große Projekte. Nicht mit einem Manifest, nicht mit einer dramatischen Ansage, sondern mit einem halben Lächeln, verschwitzten Schuhen und einem Ziel, das plötzlich im Raum steht. Zehn Kilometer unter einer Stunde. Für viele Läufer:innen ist das eine magische Grenze. Nicht, weil man danach ein anderer Mensch wäre. Sondern weil man auf dem Weg dorthin einer wird, der regelmäßiger trainiert, bewusster läuft und lernt, den eigenen Körper besser zu verstehen.
Für Nadja und Julian ist der Juli der Anfang. Noch nicht die Zeit der großen Tempoeinheiten. Noch nicht die Phase, in der jede Sekunde zählt. Der Juli ist die Zeit des Fundaments. Eine Zeit, in der der Sommer lang ist, die Abende hell bleiben und man nach einem Arbeitstag noch das Gefühl haben kann, ein zweites, kleineres Leben zu beginnen – eines in Laufschuhen.
Beide haben im Frühjahr beim 10K_CityRun in Salzburg ungefähr 65 Minuten gebraucht. Das heißt: Sie können laufen. Sie haben eine Basis. Sie wissen, wie sich zehn Kilometer anfühlen. Aber fünf Minuten schneller zu werden ist kein Geschenk, das der Körper einfach aus Höflichkeit überreicht. Man muss ihn darum bitten. Regelmäßig, geduldig, klug.
„Also laufen wir jetzt einfach schneller?“, fragte Julian beim ersten gemeinsamen Trainingslauf im Juli.
Nadja schüttelte den Kopf. „Ich glaube, genau das wäre der Fehler.“
Und damit lag sie ziemlich richtig.
Der Juli verlangt eine andere Logik. Wer Anfang Oktober schneller laufen will, muss im Juli nicht jeden Lauf schneller machen. Im Gegenteil. Der Körper braucht zunächst mehr Stabilität, mehr aerobe Sicherheit, mehr Gewöhnung an regelmäßige Belastung. In den Trainingswissenschaften spricht man gerne von polarisiertem Training. Das klingt komplizierter, als es ist: Der Großteil des Trainings wird bewusst locker absolviert, einige wenige Reize sind gezielt schneller. Dazwischen liegt jener Bereich, in dem viele Freizeitläufer:innen zu häufig unterwegs sind – nicht locker genug, um besser zu ökonomisieren, und nicht schnell genug, um einen klaren Trainingsreiz zu setzen.

Für Nadja und Julian bedeutet das: Die kommenden vier Wochen sollen nicht heldenhaft werden, sondern vernünftig. Drei Laufeinheiten pro Woche bilden den Kern. Wer sich gut fühlt, ergänzt eine kurze Stabi-Einheit oder eine lockere Bewegungseinheit am Rad, im Wasser oder beim Wandern. Aber der wichtigste Auftrag lautet: Rhythmus finden.
Der Sommer macht es nicht immer leicht. Im Juli ist die Hitze mehr als nur eine Randnotiz. Sie ist ein Trainingspartner mit eigenem Charakter. Manchmal unfair, manchmal zäh, manchmal erstaunlich hilfreich. Bei hohen Temperaturen steigt die Herzfrequenz, der Körper muss mehr Energie in die Kühlung investieren, und ein Tempo, das im Oktober angenehm wirkt, kann im Juli plötzlich wie eine kleine Anmaßung erscheinen. Deshalb gilt: Nicht die Uhr allein entscheidet. Gefühl, Atmung, Puls und Erholung zählen mindestens ebenso.
„Wenn wir bei 30 Grad nach Pace laufen, sind wir doch verrückt“, sagte Julian.
„Oder Anfänger“, sagte Nadja.
„Das ist hart.“
„Aber wahrscheinlich richtig.“
Im Juli dürfen die lockeren Läufe wirklich locker sein. Ein Tempo, das einem leicht fällt. Ein Tempo, das nicht beweisen will, sondern vorbereitet. Genau dort entstehen die Anpassungen, die später entscheidend werden: bessere Sauerstoffversorgung der Muskulatur, ökonomischere Herzarbeit, stabilere Sehnen und Gelenke, mehr Vertrauen in längere Belastungen. Wer diese Grundlage auslässt, baut das Ziel auf Sand.
Der Juli beginnt daher unspektakulär. Ein lockerer Dauerlauf von 35 bis 45 Minuten. Ein zweiter Lauf mit abschließenden Steigerungen – etwa sechs Mal 20 Sekunden flott, aber nicht sprinten. Dazwischen zwei Minuten gehen oder traben. Und am Wochenende ein längerer Lauf über eine Stunde. Das ist keine Zauberei. Aber gute Trainingsentwicklung ist selten Zauberei. Sie ist meistens Wiederholung, nur besser organisiert.
In weiteren Wochen kommt ein spielerischer Reiz dazu: ein Fahrtspiel. Zum Beispiel sechs Mal zwei Minuten flott, dazwischen zwei Minuten locker. Die schnellen Abschnitte sollen nicht wehtun, sondern munter machen. Es geht nicht darum, sich zu zerlegen. Es geht darum, dem Körper zu zeigen: Da gibt es noch andere Gänge. Und man kann sie einlegen, ohne dass gleich Rauch aus dem Motor steigt.
Nadja mochte diese Einheit sofort. „Das fühlt sich nicht so nach Training an.“
„Was ist es dann?“, fragte Julian.
„Ein bisschen wie Fangen spielen mit sich selbst.“
Julian überlegte. „Ich verliere meistens gegen mich.“
„Dann hast du ja einen guten Gegner.“
In der nächsten Woche darf der längere Lauf ein wenig wachsen. Vielleicht 60 bis 65 Minuten. Nicht mehr. Wer im Juli zu schnell steigert, bezahlt im August mit müden Beinen oder kleinen Beschwerden. Gerade für Läufer:innen, die ein klares Ziel vor Augen haben, ist Zurückhaltung eine unterschätzte Fähigkeit. Der Körper liebt Steigerung, aber er hasst Überrumpelung.
Dazu passt eine einfache Stabi-Routine zweimal pro Woche: Wadenheben, Seitstütz, Hüftheben, Kniebeugen mit eigenem Körpergewicht, Fußgymnastik. Zehn bis fünfzehn Minuten reichen. Nicht alles, was wirkt, muss spektakulär aussehen. Vieles, was später bei Kilometer acht hilft, beginnt auf einer Matte im Wohnzimmer. Und in einem günstigen Fall am nächsten Tag bei ein paar Übungen aus dem Lauf-ABC, lockeren Steigungsläufen und koordinativen Läufen.
In der vierten Woche ist dann eine kleine Konsolidierung angedacht. Kein großes Mehr, kein unnötiger Ehrgeiz. Ein ruhiger Dauerlauf, ein Fahrtspiel oder ein Lauf mit kurzen Steigerungen, ein längerer Lauf. Wer sich frisch fühlt, kann am Ende eines lockeren Laufs vier Mal 100 Meter sauber und flott laufen, um die Koordination zu schulen. Nicht maximal. Eher so, als würde man dem Körper eine Erinnerung schicken: So fühlt sich leichtes Tempo an.
Denn genau darum geht es im Juli: Leichtigkeit vorbereiten. Nicht die 60 Minuten erzwingen, sondern die Bedingungen schaffen, unter denen sie im Oktober möglich werden. Nadja und Julian müssen jetzt nicht beweisen, dass sie 5:50 pro Kilometer laufen können. Sie müssen beweisen, dass sie vier Wochen regelmäßig trainieren können, ohne müde, grantig oder verletzt zu werden.
Auch die äußeren Bedingungen werden Teil des Plans. Früh laufen, wenn möglich. Schatten suchen. Trinken nicht vergessen. Nach heißen Einheiten nicht stolz sein, wenn man völlig leer ist, sondern klug genug, rechtzeitig zu regenerieren. Der Sommer belohnt jene, die ihn nutzen, nicht jene, die gegen ihn kämpfen.
„Also ist Juli die Geduldsprobe?“, fragte Julian.
„Eher die Vertrauensprobe“, sagte Nadja.
„Worin?“
„Dass langsam nicht falsch ist.“
„Und dass wenig manchmal genug ist?“
„Genau.“
Am Ende dieser ersten vier Wochen sollen Nadja und Julian nicht erschöpft sein. Sie sollen das Gefühl haben, in Bewegung gekommen zu sein. Sie sollen wissen: Wir haben begonnen. Wir haben einen Rhythmus. Wir haben den Sommer nicht verträumt, aber auch nicht gegen uns verwendet. Die Form ist noch nicht da, aber sie hat eine Adresse bekommen.
Der Jedermannlauf am 4. Oktober ist noch weit weg. Und genau das ist gut. Denn Ziele, die noch weit weg sind, erlauben es uns, vernünftig zu beginnen. Im August wird das Training konkreter. Im September wird es spezifischer. Im Oktober wird abgerechnet. Aber der Juli ist der Monat, in dem die Geschichte ihren Ton findet.
Nadja und Julian laufen an einem warmen Abend nebeneinander her. Kein Tempo, das in irgendeiner Tabelle Eindruck machen würde. Kein heroischer Kampf. Nur zwei Menschen, die ein Ziel teilen und langsam begreifen, dass genau darin bereits Kraft liegt.
Unter 60 Minuten. Noch ist es nur eine Zahl. Aber im Juli beginnt sie, eine Richtung zu werden.
Autor: Johannes Langer
Bild: © Johannes Langer