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Mitten im August riecht der Asphalt nach Sommer. Die Morgen sind kühl bis warm, die Abende noch lange genug. Für Brina und Matthias beginnt jetzt die vielleicht entscheidende Phase der Vorbereitung – jene vier Wochen, in denen das Fundament schon steht und der Wettkampf noch weit genug entfernt ist, um keine Nervosität zu erzeugen. Einen möglichen Weg zeige ich in diesem Artikel an zwei Beispielen. Brina und Matthias bereiten sich mit mir als ihren Trainer auf die 10K beim Jedermannlauf am 5. Oktober vor.
Es ist die Zeit, in der sich die Form verdichtet, unmerklich, Tag für Tag. Das ist die Formschmiede, denn in dieser Phase geht es nicht mehr um Aufbau, sondern um Feinschliff. Wer jetzt clever trainiert, wird im Oktober glänzen – wer es übertreibt, wird im Oktober müde sein.
Brina läuft seit über zwanzig Jahren, und man merkt es an jedem Schritt. Für sie bedeutet diese Phase vor allem Kontrolle. Kontrolle, um nicht zu viel zu wollen, Kontrolle, um nicht immer in ein gleichförmiges „Mitteltempo“ zu verfallen. Einer meiner Leitsprüche für das Training dieser Distanzen lautet: „Die langsamen Läufe sind deine Versicherung, die schnellen dein Kapital“. Wem es gelingt, die Balance zu halten, zahlt am Wettkampftag aus beiden Konten ein.
Brina liebt die harten Einheiten, das Brennen in den Beinen, den glasklaren Blick, wenn der Puls hoch ist. Doch jetzt, mitten im August, lernt sie, das andere Extrem zu schätzen: Läufe, bei denen der Atem ruhig bleibt und das Tempo fast nebensächlich wirkt. In dieser Ruhe liegt die Kraft für das, was kommt.
Matthias hat andere Baustellen. Ihm fällt es schwer, langsam zu laufen, weil er jedes Mal das Gefühl hat, Zeit zu verschwenden. Aber die letzten Monate haben ihm gezeigt, dass genau diese Zurückhaltung ihn stärker macht. Von mir erhielt der den Tipp: „Dein Körper muss wissen, dass er sich erholen darf, sonst will er dir am Wettkampftag nichts mehr geben.“
In dieser Phase arbeitet Matthias an der Fähigkeit, in den schnellen Einheiten die Zügel loszulassen – und am nächsten Tag wieder ganz ruhig zu werden. Er erkennt, dass das Wechselspiel aus Belastung und Erholung kein Luxus ist, sondern die eigentliche Essenz seines Trainings.

Es gibt keine dramatischen Höhepunkte. Kein „letztes Training“ vor dem Startschuss. Es ist ein gleichmäßiges Auf und Ab von Belastung und Erholung, das sich trotz kleiner Blockbildungen fast wie eine Wellenbewegung anfühlt. Die harten Tage fordern, die ruhigen geben zurück.
Brina spürt, wie sie von Woche zu Woche müheloser ins Wettkampftempo findet. Matthias merkt, dass die lockeren Läufe ihm ein neues Gefühl von Leichtigkeit geben.
In meinem Trainingskonzept ist das Ziel dieser Wochen „frisch zu bleiben und gleichzeitig die spezifische Rennhärte aufzubauen. Das ist ein schmaler Grat – aber wenn man ihn trifft, fühlt es sich im Rennen fast leicht an.“
Die Hitze ist in diesem Jahr kein bloßer Hintergrund, sondern eine eigene Trainingspartnerin. Läufe am frühen Morgen, wenn die Luft klar ist, wechseln sich mit Abendeinheiten ab, in denen der Asphalt noch warm glüht. Beiden zwingt das eine neue Achtsamkeit auf. Manchmal heißt es, eine Einheit zu kürzen oder den Fokus zu verschieben. Anpassungsfähigkeit und ein gewisser Grad an Flexibilität sind Teil der Form. Wer stur bleibt, trainiert nur seinen Kopf, nicht seinen Körper.
In diesen Wochen hängen bei Brina und Matthias noch keine Medaillen um den Hals, neuen Bestzeiten sind Zukunftsmusik und es gibt keinen Grund, eine Sektflasche zu öffnen. Aber beide verbindet etwas anderes: das Gefühl, dass ihr Training ein klares Ziel hat, dass es geordnet ist, von Woche zu Woche sinnvoll aufeinander aufbaut.
Brina fühlt, dass sie bereit wäre, jetzt schon schnell zu laufen – und weiß, dass sie es nur hin und wieder muss. Matthias spürt, dass das Unter-50 Minuten-Ziel für den Zehner plötzlich nicht mehr nur eine Hoffnung ist, sondern eine greifbare Möglichkeit.
Diese Phase ist unspektakulär. Aber genau deshalb ist sie so gefährlich – man unterschätzt leicht, wie wertvoll sie ist. Und so laufen sie weiter: Brina präzise, Matthias geduldiger als früher. Zwischen langsam und schnell, jetzt im August. Vier Wochen, die unscheinbar wirken – und doch die Grundlage für den Moment sind, in dem es darauf ankommt.

Hier kommen vier beispielhafte Trainingseinheiten. Das ist kein starres Schema, sondern gezielte Reize, eingebettet in ein Gesamtkonzept.
Sie sind bewusst so gehalten, dass sie sowohl Brina (PB 39:45min) als auch Matthias (Ziel sub50min) in ihrer jeweiligen Leistungszone ansprechen, ohne konkrete Tempo-Vorgaben – das würde man in der persönlichen Feinabstimmung anpassen.
Ziel: Schwellen anheben, Wettkampftempo & -rhythmus festigen.
Aufwärmen: 15–20 min locker, 3 Steigerungen.
Hauptteil: Mehrere Wiederholungen über 1000 m, im Bereich knapp über dem geplanten 10K-Tempo, mit großzügiger Trabpause (2–3 min).
Auslaufen: 10–15 min locker.
Tipp: Etwas schneller als im geplanten Rennen, aber kontrolliert. Das Tempo soll fordern, nicht zerstören.
Ziel: Laufökonomie, mentale Rennhärte.
Aufwärmen: 15 min locker.
Hauptteil: 20–30 min in einem Tempo, das „fest, aber nachhaltig“ wirkt – etwas langsamer als 10K-Rennpace.
Auslaufen: 10 min locker.
Tipp: Hier baust du die Brücke zwischen Ausdauer und Speed. Wer das Tempo beherrscht, findet im Rennen schneller hinein und kann es länger halten.
Ziel: Kraftausdauer, Lauftechnik, Schrittökonomie.
Aufwärmen: 20 min locker.
Hauptteil: 8–10× 45–90 Sekunden bergauf in gutem Rhythmus, zügig, aber nicht sprintend.
Bergab locker traben als Pause.
Auslaufen: 15 min locker.
Tipp: Hügelläufe dürfen nicht zu steil sein, die Grundzüge einer ökonomischen Lauftechnik müssen erhalten bleiben. Aber sie sind ein wichtiges Krafttraining für Läufer*innen – sehr spezifisch.
Ziel: Wettkampfsimulation, Tempo- & Rhytmusgefühl, mentale Stärke am Ende.
Aufwärmen: 10–15 min locker.
Hauptteil: 40–50 min im welligen Gelände, Wechsel aus lockeren und zügigen Abschnitten (Dauer je 2–5 min).
Letzte 5–7 min: Kontinuierlich auf 10K-Tempo steigern.
Tipp: Die letzten Minuten entscheiden oft über das Ergebnis des Laufs. Hier trainierst du, wie du am 5. Oktober gegen Ende noch zulegen kannst.
Autor: Johannes Langer
Bilder: © SIP / Johannes Langer