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Vor 100 Jahren: „Der fliegende Finne“ Paavo Nurmi in Wien

Am heutigen Samstag vor genau 100 Jahren erreignete sich eine Sportsensation in Wien. „Der fliegende Finne“ Paavo Nurmi begeisterte 40.000 Zuschauer auf der Hohen Warte.
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Heute vor 100 Jahren: die Leichtathletik-Sensation von Wien!
Paavo Nurmi, zu diesem Zeitpunkt bereits achtmaliger Olympiasieger, startete am 19. September 1926 erstmals auf der Hohen Warte und erhielt von 40.000 Zuschauern bei seinem 3.000m-Sieg in 8:27,6 Minuten stehende Ovationen. Das Rennen fand vor dem Fußball-Länderspiel gegen Ungarn (2:3) statt. Der finnische Wunderläufer wurde gefeiert. Die Fußballer verdammt. Die „Arbeiter-Zeitung“ urteilte: „Eine neue klägliche Blamage des Professionalismus – Nurmi reißt die Geschäftemacher heraus!“

RunUp, Samstag, 19. September 2026

Kommt er, kommt er nicht? Bis zuletzt umschweiften die Ankunft des Laufstars aus dem Hohen Norden Zweifel. Schon im Mai 1926 blühten in den Wiener Zeitungen erste Spekulationen auf, ob Paavo Nurmi, zu diesem Zeitpunkt bereits im Crosslauf und auf der Bahn zwischen 1500 m und 10.000 m bei Olympia acht Mal vergoldet (drei Siege in Antwerpen 1920, fünf in Paris 1924) und der größte Läufer der Geschichte, vielleicht in Wien läuft. „Kommt Nurmi nach Wien?“, fragte die „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung“ bereits am 17. Mai 1926 und ergänzte, „ein Wiener Start Nurmis wäre jedenfalls eine große Attraktion, geeignet, unserer Leichtathletik mit einem Schlag die schon längst nötigen Impulse zu versetzen.“

Ende August wurde ein Start Nurmis als fix vermeldet (wie im „Wiener Journal“ und der „Illustrierten Kronen Zeitung“). Demnach sollte Nurmi gegen den deutschen Rekordläufer Dr. Otto Peltzer am 18. und 19. September zwei Rennen bestreiten. Erwartungen, die in den Blättern tags darauf gedämpft wurden. Selbst am 17. September wurde noch bang gefragt: „Kommt Nurmi?“ („Sport-Tagblatt“), was auch bezweifelt wurde: „Da er tausend Dollar pro Start verlangt, glauben wir nicht daran“ („Die Stunde“).

Paavo Nurmi – „der fliegende Finne“

Paavo Nurmi war der erste Star in der Geschichte des Laufsports und ist heute eine Sportlegende. Der Finne gewann bei den Olympischen Spielen 1920, 1924 und 1928 insgesamt neun Gold- und drei Silbermedaillen und stellte in seiner Laufbahn nicht weniger als 24 Weltrekorde in unterschiedlichen Disziplinen auf. Bis heute hat keine Leichtathletin oder kein Leichtathlet mehr Medaillen bei Olympischen Spielen gewonnen.

Der aus Turku stammende Nurmi, bekannt als „der fliegende Finne“, war in seiner Erfolgszeit in ganz Europa und auch in Nordamerika der gefragteste Läufer und ein echter Star. Von den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles, wo er seine Karriere mit Marathon-Gold krönen wollte, wurde er ausgeschlossen, weil das IOC der Ansicht war, dass er mit Werbeauftritten für ein Medikament gegen den damals vorherrschenden Amateur-Status verstoßen habe.

24 Vorverkaufsstellen in Wien

Dann aber am 18. September die ersehnte Bestätigung: „Nurmi kommt!“ („Der Tag“), „Große Leichtathletik-Sensation auf der Hohen Warte“ („Illustrierte Kronen Zeitung“), „Der größte Läufer der Welt in Wien“ („Sport-Tagblatt“), „Wien wird Sonntag seine Sensation haben!“, schreibt die „Neue Freie Presse“ und listet 24 Vorverkaufsstellen für das Auftreten Nurmis auf der Hohen Warte auf – von der Drogerie Wallace im 1. Bezirk bis zum Café Goldener Engel im 21. Bezirk.

Der 29 Jahre alte Finne, hieß es, soll über 3.000m in einem Vorgaberennen gegen die besten Österreicher starten, „weil das Laufen sonst gar zu uninteressant wäre“ („Arbeiter-Zeitung“), ein Rennen gegen Ludwig Deckardt, Henry Bruhnen (der freilich deutscher Staatsbürger war), Hans Kantor, Franz Tuschek und Rudolf Haidegger. Der Lauf wurde vor dem Fußball-Ländermatch gegen Ungarn angesetzt.

Fußball, Verdis „Aida“, Boxen und Nurmi

Womit das Stadion Hohe Warte in seiner Geschichte um eine Facette reicher werden sollte. Die Döblinger Arena war damals schon Schauplatz nicht nur großer Fußballspiele, sondern auch bedeutender Boxkämpfe (wie 1923 zwischen dem Franzosen George Carpentier und dem Briten Arthur Townley vor 15.000 Fans –Carpentier K.o.-Sieger in der 2. Runde) oder legendärer Opern-Aufführungen (1924 Verdis „Aida“ mit 900 Mitwirkenden vor 25.000 Zuschauern) gewesen.

Jetzt also Nurmi! Das Rennen war übrigens an einem für die Wiener Geschichte denkwürdigen Sonntag angesetzt, an dem nämlich auch das Lueger-Denkmal gegenüber der Universität enthüllt wurde. Stolz berichtete tags darauf die Stadt, dass beide Veranstaltungen bei den Massen von Besuchern hier und dort auch verkehrstechnisch gut bewältigt worden seien.

„Nurmi auf dem Weg zu seinem täglichen Morgentraining“. – In: „Wiener Bilder“, 30. September 1928, Seite 6. © ÖNB/ANNO
Parker, Charles: „Paavo Nurmi, der Wunderläufer“. – In: „Neue Freie Presse“, 19. September 1926, Seite 18 © ÖNB/ANNO
„Nurmi auf der Hohen Warte“. – In: „Illustriertes Sportblatt“, 25. September 1926. © ÖNB/ANNO

„Im Herzen kein Platz für Frauen und Mädchen

„In fieberhafter Eile“, so hieß es, habe die Vienna die Laufbahn auf der Hohen Warte herrichten lassen, der Start Nurmis, auf dem Papier noch Amateur, sei nur möglich geworden, da er seine „Forderung von 1.000 Dollar pro Start auf die Hälfte reduziert“ habe („Die Stunde“). Nurmi soll offiziell übrigens nur die Reisespesen und der finnische Verband 500 Dollar erhalten haben („Sport-Tagblatt“). Ein zweiter Start Nurmis war zu diesem Zeitpunkt noch ungewiss.

In allen Zeitungen war der „Sensationsstart des Wunderläufers“ ein großes Thema, möglichst detaillierte Informationen wurden schnell gesammelt, auch die „Neue Freie Presse“ gab „einige Maße“ Nurmis zum Besten – vom „Halsumfang (38,10 cm)“, über die „Brust, normal (96,52 cm), Brust, gespannt (106,68 cm)“ bis hin zur „Wade (41,91 cm)“. Das „Neue Journal“ beleuchtete das Herz Nurmis und wusste zu berichten: „Für Frauen und Mädchen ist kein Platz darin.“

Der Finne wurde zu diesem Thema auch zitiert: „Sie stören beim Training.“ Bei der Ankunft des „fliegenden Finnen“ auf dem Franz-Josefs-Bahnhof spielten sich laut „Sport-Zeitung“ „erregte Szenen“ ab, „die Photographen gerieten in Aufregung“, auf Bildern sind Massen der Fans zu sehen, die auf dem Bahnsteig den scheuen Paavo Nurmi begrüßen.

„Sportliche Sensation ersten Ranges“

Dann das Rennen auf der Hohen Warte! Die Zeitungen überschlugen sich in ihren Berichten über Nurmi, der „ohne besondere Anstrengung“ am 19. September 1926 die 3.000 m in 8:27,6 Minuten gewann, er lief „wie eine Maschine und überholte alle Vertreter Österreichs, die bis zu 400 Meter Vorgabe erhielten“. 40.000 (!) Zuschauer waren auf der Hohen Warte. „Der Riesenbesuch war hauptsächlich dem Start Nurmis zu danken“, wusste „Die Stunde“.

Der Finne wurde gefeiert, die Fußballer, die gegen Ungarn mit 2:3 verloren, von vielen Medien verdammt, wie etwa von der „Arbeiter-Zeitung“: „Eine neue klägliche Blamage des Professionalismus – Nurmi reißt die Geschäftemacher heraus!“ Die Zuschauer feierten den Olympiasieger „mit großem Enthusiasmus“, brachten ihm „große Ovationen“ dar („Der Tag“). Für die „Illustrierte Kronen Zeitung“ erfüllte Nurmi bei seinem überhaupt ersten Auftritt in Wien „die höchsten Erwartungen. Sein Auftreten war eine sportliche Sensation ersten Ranges.“ Nurmi aber bemängelte, dass „er in Europa noch niemals auf einer so schlechten Bahn“ gelaufen sei.

„Laufstil gemahnt an flachen Flug“

Für den „Sachverständigen“, so die „Neue Freie Presse“, sei Nurmis Laufstil eine „Offenbarung“ gewesen: „Sein Laufstil gemahnt an einen flachen Flug – womit er sich alle Sympathien im Flug eroberte.“ „Nurmi kam – sah und siegte“, titelte das „Neue Wiener Journal“, der Laufstil sei von „federnder Leichtigkeit“. Alle Blätter bewunderten Nurmi, „seinen wunderbaren Athletenkörper, maschinengleich bei seiner Arbeit, der Lauf fast übermäßig federnd“ („Reichspost“). „Wie ein Motor durchmaß Nurmi die Runden“, „mähte wie eine Dampfwalze die kleinen Widersacher trotz bis zu 400 Meter reichenden Vorgaben nieder“, alles bei „geringer Armarbeit und gerade gehaltenem Oberkörper“ („Wiener Morgenzeitung“).

3.000m in 8:27,6 – mit der Uhr in der Hand

Nurmi habe beim Lauf seine „berühmte Uhr in der rechten Hand“, gehalten, „federnd leicht läuft er ins Ziel, derselbe Schritt, dieselbe Haltung, wie er begonnen hat und die Zuschauer scheren sich einen Pfifferling darum, ob dieser wunderbare Nurmi 500 Dollars bekommt oder 1.000 oder gar nichts…“  („Wiener Sonn- und Montagszeitung)“. Nurmi als Naturerlebnis, der in 8:27,6 Minuten gewann, also nur 7,2 Sekunden hinter seinem im Juli 1926 erzielten Weltrekord von 8:20,4 Minuten. Im offiziellen Wiener Ergebnis hieß es weiter: 2. Deckardt 200 Meter Vorgabe, 20 Meter zurück, 3. Haidegger 200 Meter Vorgabe, 50 Meter zurück.

Gleich nach diesem 3.000m-Lauf wurde ein zweites Nurmi-Rennen für den folgenden Dienstag, also nur zwei Tage später, angekündigt. Wieder auf der Hohen Warte, am 21. September 1926 ein Weltrekordversuch über 5.000m, bei dem die Zwischenzeit über drei englische Meilen genommen werden sollte. Eine Distanz, die vom Leichtathletik-Weltverband damals als offizielle Weltrekord-Strecke geführt wurde. Das Meeting sollte abends bei Scheinwerferbeleuchtung stattfinden.

Freut euch am Montag, 21. September auf Teil zwei des Rückblicks auf die historischen Auftritte von Paavo Nurmi vor 100 Jahren in Wien: „Weltrekord verkündet, aber nie anerkannt!“

Ein Jahrhundert: Die Lauflegende in Österreich

Der Text fußt auf Durchsicht folgender Zeitungen aus dem Archiv „ANNO – Austrian Newspapers Online“ der Österreichischen Nationalbibliothek, Jahrgänge 1926 bis 1928: Arbeiter-Zeitung, Arbeiterwille, Das interessante Blatt, Das Kleine Blatt, Der Tag, Die Neue Zeitung, Die Stunde, Grenzbote, Illustrierte Kronen Zeitung, Linzer Tagespost, Neue Freie Presse, Neues Wiener Journal, Prager Tagblatt, Reichspost, Sport-Tagblatt, Tages-Post, Tiroler Anzeiger, Weltblatt, Wiener Bilder, Wiener Morgenzeitung, Wiener Sonn- und Montags-Zeitung.

Autor: Olaf Brockmann
Bilder: © ÖNB/ANNO

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