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WADA-Bericht: Harte Kritik an IAAF, Unterstützung für Coe

Als Richard Pound begleitet von Richard McLaren und Günter Younger am Donnerstagnachmittag in Unterschleissheim nahe München die Bühne der Präsentation des zweiten Teil des WADA-Berichts der Ermittlungen rund um den Korruptions- und Dopingskandal zwischen dem Leichtathletik-Weltverband IAAF und dem russischen…

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Als Richard Pound begleitet von Richard McLaren und Günter Younger am Donnerstagnachmittag in Unterschleissheim nahe München die Bühne der Präsentation des zweiten Teil des WADA-Berichts der Ermittlungen rund um den Korruptions- und Dopingskandal zwischen dem Leichtathletik-Weltverband IAAF und dem russischen Leichtathletikverband ARAF betrat, war die Spannung vor den neuen Erkenntnissen und den ans Tageslicht gebrachten, skandalösen Tatsachen greifbar. Am Ende des Tages bleibt ein leichtes Gefühl der Fassungslosigkeit über die Vorgänge im Weltverband einer der bedeutendsten Sportarten der Welt über Jahre, der tief sitzende Schock blieb aber aus. Denn viel Neues konnte der ehemalige WADA-Präsident nicht vorbringen, dafür bestätigte er aber zahlreiche Spekulationen und Verdachtsmomente, die der IAAF bereits seit der Präsentation des ersten Teils Anfang November in Genf angelastet wurden. Den versprochenen „Wow-Faktor“ konnte Pound nicht liefern, vielleicht, weil in der Zwischenzeit viele Meldungen und Verdachtsmomente den Weg in die Öffentlichkeit bereits gefunden haben. Was aber noch bedeutender ist, ist der Fakt, dass der WADA-Bericht längst nicht alle Fragen beantworten konnte – denn andere nationale Verbände außer dem russischen kamen gar nicht bis kaum vor.

Die abscheulichen Machenschaften der Regierung Diack

Die WADA-Kommission sparte nicht mit Kritik an der IAAF und unterstellte ihr ein komplettes Versagen in der Anti-Doping-Arbeit. Der ehemalige und offensichtlich allmächtige Präsident Lamine Diack war die hauptverantworliche Person innerhalb des Verbandes, die Verschwörung und Korruption ermöglicht und organisiert habe. Er habe einen kleinen Kreis innerhalb der Weltleichtathletik geschaffen, der als illegale Führungsstruktur außerhalb der IAAF agierte.
Auch wenn Lamine Diack das Epizentrum der korrupten Machenschaften der IAAF war, der 89-seitige Bericht der WADA-Kommission schonte den Weltverband keineswegs. „Dieser Skandal ist nicht ein Diack-Problem, er ist ein IAAF-Problem. Der einzige Weg, weiterzukommen, ist es, diesen Fakt zu akzeptieren. Die IAAF hat die Durchführung der Vorgänge nicht verhindert und muss deshalb zur Verantwortung gezogen werden“, heißt es im Bericht. Damit widerspricht der WADA-Bericht auch der Äußerung Coes des Vortages, als er sagte, dass es keine Vertuschung in der IAAF gab. „Akzeptiere dies. Es gab jede Menge Vertuschung, Verzögerung usw. Du kannst die Geschichte nur überwinden, wenn du das akzeptierst“, richtete sich Pound direkt an den Coe.

Doping, Korruption und Erpressung
Liliya Shobukhova, der symbolische Dopingfall aus Russland, könnte bald ihr sportliches Comeback geben. © Getty Images
Liliya Shobukhova, der symbolische Dopingfall aus Russland, könnte bald ihr sportliches Comeback geben. © Getty Images
Der Dopingfall Lilya Shobukhova wurde nicht nur aufgrund ihrer Schilderungen in der TV-Dokumentation „Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht“ zum Symbolfall. Der zweite Teil des WADA-Berichts bietet nun neue Details abscheulicher Vorgänge an. In einem jahrelangen Hickhack ging es um Schmiergeldzahlungen, Erpressung und Vertuschung im großen Stil. Dabei wurde der russische Verband teilweise von der IAAF erpresst.
Auch wenn der WADA-Bericht vorwiegend die korrupten Beziehungen zwischen der IAAF und dem russischen Verband behandelte, es ist bekannt, dass die IAAF auch mit anderen Landesverbänden auf korrupter Basis agierte und Dopingfälle vertuschte. So flog der Dopingfall der türkischen Olympiasiegerin Asli Cakir Alptekin (1.500m) erst auf, weil die Türkin und ihr Ehemann die Serie an Schutzgeld-Zahlungen an einen der Söhne von Lamine Diack stoppten. Wie aus dem WADA-Bericht herausging, wurde Alptekin von Khalid Diack erpresst und schließlich entgegen mündlicher Vereinbarungen von der IAAF hintergangen, was in einer achtjährigen Sperre endete.

Missachtung der Whistleblower

Eine Rüge bekam die IAAF auch aufgrund der gleichgültigen Behandlung der beiden Whistleblower Yuliya und Vitaly Stepanov, die einen maßgeblichen und entscheidenden Anteil an der Enttarnung der Dopingpraktiken in Russland und der Korruption im Leichtathletik-Weltverband haben. Die IAAF müsse die beiden aus Russland Geflüchteten unterstützen und nicht vernachlässigen. Allerdings haben die Stepanovs in einem kürzlich geführten TV-Interview mit der ARD bemängelt, dass weder die IAAF noch die WADA sich bei ihnen gemeldet hätten.
Gute Kritiken erhielt die Maßnahme zur Einführung des biologischen Blutpasses in der Leichtathletik. Denn die WADA-Ermittlungen kommen zum Ergebnis, dass es Russland offensichtlich hervorragend verstand, das alte Doping-System aus den Angeln zu heben, nicht jedoch die Daten der Blutpässe zu vertuschen. Wäre die IAAF zu jener Zeit nicht korrupt gewesen (Über 22 Millionen Euro sollen insgesamt aus Russland auf IAAF-Konten geflossen sein, Anm.), wäre der Skandal um systematisches Doping im größten Land der Welt bereits Ende des vorigen Jahrzehnts aufgeflogen.

WM- und Olympia-Vergaben zur eigenen Bereicherung

Offenbar hat die IAAF-Riege um Lamine Diack in den letzten Jahren keine Gelegenheit ausgelassen, um große finanzielle Mittel für den Leichtathletik-Weltverband – und vermutlich auch für die eigene Tasche – zu lukrieren. Fünf Millionen US-Dollar sollen die Bewerber aus Doha an Papa Massata Diack, dem aktuell von der Interpol gesuchten Sohn Lamines, überwiesen haben, um die Zusage für die Weltmeisterschaften 2019 zu erhalten. Die Bewerbung aus Eugene, dem Standort des Sportartikel-Giganten Nike, beschwerte sich damals, diese finanziellen Mittel nicht zur Verfügung zu haben, überstand diese unfairen Verhältnisse jedoch schadlos, weil Eugene die WM 2021 auf höchst verdächtige Weise zugesprochen bekam, noch längst bevor ein Bewerbungsverfahren dafür initiiert wurde. „Es gibt viele Gründe für die Annahme, dass sich ehemals führende Personen des Leichtathletik-Weltverband im Rahmen von WM-Vergaben persönlich bereichert haben“, heißt es im WADA-Bericht. Pound ordnete der IAAF an, die Beziehungen mit den Veranstaltern der WM 2013 in Moskau aufzuarbeiten. Außerdem fordert die WADA, jede WM-Vergabe seit 2009 zu überprüfen. McLaren sagte dazu bei der Pressekonferenz: „Wir haben Informationen, aber keine stichhaltigen Beweise. Deshalb wollen wir weitere Untersuchungen. Es liegt in den Händen der IAAF, hier aufklären zu wollen.“

Skandal um Olympia-Vergabe

Eine der wenigen wirklichen Überraschungen der Pressekonferenz war, dass die korrupten Vergabe-Mechanismen der IAAF die Leichtathletik offenbar überstiegen. So soll sich die Istanbuler Olympia-Bewerbung von 2020 geweigert haben, einen Zuschuss von rund fünf Millionen US-Dollar als Sponsorleistung an den Leichtathletik-Weltverband oder an die Diamond League zu zahlen. Da die japanische Bewerbung von Tokio die Summe überwies, verlor Istanbul die Unterstützung durch Lamine Diack – und damit eine mitentscheidende Stimme im Vergabe-Verfahren.

Sebastian Coe mit dem zweiten Teil des WADA-Berichts in den Händen. © Getty Images
Sebastian Coe mit dem zweiten Teil des WADA-Berichts in den Händen. © Getty Images
Tadel und Lob für Sebastian Coe

Mit seiner Anwesenheit setzte der neue IAAF-Präsident ein Zeichen: Er hörte sich sämtliche Anschuldigungen gegen seinen Verband und seine Person vor Ort an und demonstrierte damit, dass er vor der monumentalen Herausforderung seinen Lieblingssport wieder auf Vordermann zu bringen, nicht davon laufen möchte. Wie stark Coes Position nach der geplatzten Bombe um diesen Skandal sein wird, wird in Kürze abschätzbar sein. Zumindest scheint der Brite, der in Vergangenheit sicherlich nicht fehlerfrei agierte, nichts Aktives dagegen unternommen zu haben, dass der Skandal ans Licht gekommen ist.
Einige der verbalen Attacken der WADA trafen Coe direkt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der im IAAF-Council saß, diesen Umfang von Doping-Praktiken in der Leichtathletik und die Tatsache, dass der Verband nichts dagegen unternommen hat, nicht mitbekommen haben will“, sagte Pound bestimmt. Coe hatte in den vergangenen Tagen die Erklärung abgegeben, dass er zu jener Zeit als OK-Chef der Olympischen Spiele 2012 in London seinen vollständigen Fokus auf diese Aufgabe gelegt und sein Amt im IAAF-Council auf sekundärer Ebene ausgeführt habe.
Richard Pound wird sich im Vorfeld genau überlegt haben, mit welchem Fazit er seine Einschätzung gegenüber den regierenden IAAF-Präsidenten beenden wird. Denn damit gibt der in der Sportwelt geschätzte Kanadier die Richtung vor. Und er entschied sich dafür, Coe zu unterstützen, was angesichts des Inhalts der beiden WADA-Berichte als Überraschung aufgefasst werden kann. „Es ist ein verdammt langer Weg, um die Reputation der Leichtathletik wieder in Ordnung zu bringen und es bedarf harter, konsequenter Arbeit, um dieses Ziel zu schaffen. Ich kann mir keine andere Person vorstellen als Lord Coe, der diese Unternehmung anführen könnte. Wir drücken ihm alle die Daumen“, lautete der vielleicht wichtigste Aussage des Nachmittags für all jene, die an die Zukunft der Leichtathletik denken. Denn damit hat die Welt Anti Doping Agentur dem Leichtathletik-Weltverband vor versammelter Weltöffentlichkeit das Vertrauen ausgesprochen – pradoxerweise trotz der dunklen Vergangenheit, die wie ein Damokles-Schwert über der Gegenwart und über Sebastian Coe hängt. Da Pound sicher nicht unüberlegt diesen Spagat wagte, ist davon auszugehen, dass die Unterstützung Coes gezielte Taktik ist – vielleicht gibt es wirklich keinen Besseren, die Leichtathletik aus dem tiefen Tal zu holen. Denn alle, die Coe jetzt zum Rücktritt bewegen wollen, müssen sich klar vor Augen halten, dass dies nur sinnvoll ist, einen Nachfolger zu bestimmen, wenn dieser mit besseren Fähigkeiten die internationale Leichtathletik rehabilitieren kann. Eines ist unabhängig davon klar: Coe wird einiges er- und aufklären müssen über seine Rolle in den vergangenen Jahren.

„Wir werden unseren Weg weitergehen!“

Unmittelbar, nachdem Coe die Unterstützung der WADA öffentlich ausgesprochen erhielt, begann für den Briten der sicherlich unangenehme, aber obligatorische Gang vor die Öffentlichkeit. „Ich bin der unabhängigen WADA-Kommission sehr dankbar. Sie hat gewissenhaft gearbeitet.“ Mit diesen Worten begann der 59-Jährige praktisch jedes Interview. „Das Wichtigste ist, dass dieser Bericht uns hilft, die Komplexität der Herausforderung zu verstehen, der wir uns stellen müssen. Die Veränderungen, die ich anstrebe, stehen im Einklang mit dem Bericht und den Empfehlungen, die dort gegeben werden. Wir haben bereits eine Menge verändert, auch in der Führungsspitze. Das ist die Ausgangsbasis, uns dieser Herausforderung stellen zu können, verantwortlich zu agieren und reaktionsfähig zu sein. Wir müssen in der Lage sein, Leute in unserem Sport zur Verantwortung zu ziehen und selbst zur Verantwortung gezogen zu werden. Wir werden unseren Weg weitergehen“, kündigte der Brite an.

Einiges an Zuspruch

Wie der WADA-Bericht selbst auch, äußerte sich WADA-Präsident Craig Reedie besorgt, über die immer noch fehlenden Antworten auf die im Sommer von der ARD und der britischen Tageszeitung „Sunday Times“ formulierten Anschuldigungen der über verdächtigen 12.000 Bluttests der rund 5.000 Athleten in den Jahren 2001 und 2012. Diesbezüglich fordern sowohl Pound als auch Reedie Antworten, wobei sich Pound in seiner Präsentation klar auf die Seite des Leichtathletik-Weltverbandes stellte und die Art und Weise der getätigten Anschuldigungen, welche von den australischen Anti-Doping-Experten Michael Ashenden und Robin Parisotto gestützt wurden, zurückwies. Reedie äußerte den Wunsch einer intensiveren Zusammenarbeit mit der IAAF in Zukunft.
Phil Jones, Vorsitzender des australischen Leichtathletikverbandes Athletics Australia, mixte in einem ersten Statement Unterstützung für Sebastian Coe mit Forderungen an ihn: „Das Vertrauen sämtlicher Stakeholder in der Leichtathletik, vor allem die Athleten, Verbände und Fans, sind durch die Existenz dieser im WADA-Bericht als ,illegalen Führungsstruktur’ der ehemaligen IAAF-Spitze bezeichnete Kreis ausgebeutet worden. Athletics Australia ist jedoch überzeugt, dass die Ermittlungserkenntnisse den Wendepunkt für den Leichtathletik-Weltverband und dessen Führungsebene darstellt. Wir gehen weiterhin unermüdlich gegen Doping in der Leichtathletik vor und fordern dies auch von der IAAF. Wir wollen noch vor Rio 2016 Taten sehen! Athletics Australia ist derselben Ansicht wie Richard Pound, dass Sebastian Coe genau der richtige Mann für diese schwere Aufgabe ist.“ Unterstützende Worte für den unter Beschuss stehenden, zweifachen Olympiasieger gab es auch vom US-amerikanischen Leichtathletikverband USATF.
Keine Unterstützung bekam Coe vom Präsidenten des Deutschen Leichtathletikverbandes DLV, Clemens Prokop, der an die Leichtathletik-Welt mit dem Wunsch eines außerordentlichen IAAF-Kongresses appellierte: „Die Korruptionsvorwürfe gegen die alte IAAF-Führung wiegen so schwer und haben die Glaubwürdigkeit des Weltverbandes so nachhaltig erschüttert, dass ein Zeichen des Aufbruchs von einer außerordentlichen Mitgliederversammlung gesetzt werden sollte.“ Versöhnliche Töne kommen – wie bereits in den letzten Wochen – auch aus Russland. Vadim Zelichenok, vorübergehend Präsident des russischen Leichtathletikverbandes ARAF, versprach: „Der Report betrifft die alte Führung der russischen Leichtathletik. Unsere vordringliche Aufgabe ist es jetzt, die Fehler zu korrigieren. Russland unternimmt alles für einen Neuanfang.“ Weder der Österreichische Leichtathletikverband ÖLV noch der Schweizer Leichtathletikverband Swiss Athletics haben bis Freitagmittag auf ihren Websites Stellung zu der Präsentation des zweiten Teils des WADA-Berichts genommen.
Der zweite Teil des WADA-Berichts zum Nachlesen

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