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Warum Frauen beweisen müssen, dass sie Frauen sind

Alle Teilnehmerinnen an den Frauen-Bewerben der Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Tokio im September müssen einen genetischen Geschlechtstest vorweisen.
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In der Bemühung, die Integrität des Frauensports zu schützen, hat der Leichtathletik-Weltverband verpflichtende genetische Geschlechtstest für die Teilnehmerinnen an den Frauenbewerben der Weltmeisterschaften in gut einem Monat in Tokio eingeführt. Damit beschreitet World Athletics als zweiter Weltverband nach World Boxing, der auf die Ereignisse bei den Olympischen Spielen 2024 rund um Imane Khelif reagierte, einen Weg mit neuen Ansätzen für ein komplexes Thema, das die Frage nach Fairness bereits lange begleitet.

Einmal pro Karriere – und alle, die in Tokio an den Weltmeisterschaften in der Frauen-Kategorie teilnehmen wollen, sofort – müssen in einem genetischen Geschlechtstest die Abwesenheit des SRY-Gens am Y-Chromosom nachweisen. Und damit den Beweis erbringen, eine Frau laut biologischer Definition und nicht laut subjektiver Identifikation zu sein. Diese systematische Überprüfung fordert der Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) nun von den nationalen Mitgliedsverbänden und in weiterer Folge von allen Athletinnen, wird sich gleichzeitig pro Test finanziell an den Kosten beteiligen. Bekanntgegeben hat World Athletics den Entschluss, der eine weitere Etappe in der polarisierenden Entwicklung der genaueren Definition, wer im Frauensport startberechtigt ist, darstellt, am 30. Juli. In Kraft treten wird die Regel mit 1. September. Sie mag beispielgebend für andere Sportarten sein, vielleicht auch ein Anstoß für tiefgreifende Veränderungen im Sport.

Zum Schutz des Frauensports

World Athletics schreitet in der Präsidentschaft von Sebastian Coe im Bemühen, die Frauen-Kategorie durch Biologie zu definieren, mit Entschlossenheit voran. Der Brite betont: „World Athletics ist überzeugt von der Philosophie, den Frauensport zu schützen und seine Integrität zu stärken. Das ist wirklich wichtig, um mehr Frauen für den Sport zu begeistern. Daher sagen wir: Im Spitzensport müssen Frauen, die in der weiblichen Kategorie an den Start gehen, biologische Frauen sein.“ Für ihn und das gesamte World Athletics Council sei glasklar: Geschlecht könne Biologie nicht übertrumpfen.

Der SRY Test sei extrem verlässlich, falsche Resultate seien nahezu auszuschließen, beteuert World Athletics. Außerdem legt das an die Aussendung von World Athletics angehängte Dokument nahe, dass bereits bekannte DSD-Athletinnen (Difference of Sex Development) weiter an der Frauen-Kategorie teilnehmen können, sofern sie nachweisen können, dass ihr Testosteronlevel niedriger als 2,5nmol pro Liter Blut ist.

Der Entschluss von World Athletics ist auch unter dem Gesichtspunkt spannend, dass der internationale Sport laut eines Berichts der Presseagentur AP erwartet, dass der regulierte Zugang zur Frauenkategorie im Profisport auf der Agenda der neuen IOC-Präsidentin Kirsty Coventry steht.

Ethische Brisanz

Die Brisanz ergibt sich aus den faktischen Beobachtungen: DSD-Athletinnen (Differences in Sex Development) agieren in der Frauen-Kategorie überlegen, da sie aus genetischen Gründen signifikante Vorteile gegenüber Frauen haben. World Athletics befürchtet negative Auswirkungen auf die Motivation junger Frauen, eine Karriere im Spitzensport anzustreben und ihre Träume zu verwirklichen. Aufgrund der gesellschaftlichen Vorbildfunktion des Spitzensports für eine gesundheitsfördernde Lebensweise habe das Thema höchste Relevanz. Gleichzeitig wären DSD-Athletinnen aber in der Männer-Kategorie, oder „offenen Kategorie“, chancenlos. In diese Kluft stoßen jene, die die Regel als Verstoß gegen die Menschen- und individuellen Freiheitsrechte sehen – und Diskriminierung von DSD-Athletinnen orten.

Eine zweite wichtige Frage ist jene nach der Ethik, schließlich seien die bei Geschlechtstests ermittelten genetischen Informationen zutiefst persönlich und müssten nun zwangsläufig vor Verbänden offengelegt werden. Ein in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) zitierter Schweizer Medizinethiker, Jürg Streuli, verweist darauf, dass in der Schweiz DNA-Tests nur aus medizinisch relevanten Gründen zum Einsatz kommen dürfen – und diese Perspektive fehle bei World Athletics.

Difference in Sex Development

Laut Schätzungen der Vereinten Nationen ist rund 1,7% der Weltbevölkerung nicht eindeutig einem der beiden traditionellen Geschlechter zuordenbar. In den Ausprägungen der Abweichungen gibt es unterschiedliche Varianten. Generelle Aussagen darüber, ob der höhere Testosteron-Anteil tatsächlich in jedem Fall zu einem Leistungsvorteil im Frauen-Wettkampf führt, sind daher möglicherweise gar nicht möglich. World Athletics versuchte dies mit einer nicht unumstrittenen Studie zu belegen, die auf dem Weg zum CAS-Urteil 2019 wohl entscheidend war.

Das Gesicht der DSD-Athletinnen

Die hohe Bedeutung, die die internationale Leichtathletik der optimierten Definition über die Teilnahmemöglichkeit an Frauen-Wettkämpfen schenkt, ist untrennbar mit dem Namen Caster Semenya verbunden. Ebenso wie die dadurch aufgekommenen rechtlichen und ethischen Debatten darüber. Die intersexuelle Südafrikanerin, bei der Geburt als Mädchen definiert und so erzogen, sei laut World Athletics – und so steht es in diversen Medienberichten der letzten Zeit auch klar formuliert – biologisch ein Mann. Dem widerspricht Semenya mit gegenteiligen Äußerungen. Sie sei eine Frau!

Semenya musste sich bereits nach ihren beeindruckenden Einstieg in den Spitzensport und dem Gewinn der WM-Goldmedaille in Berlin 2009 einem überstürzten Geschlechtstest unterziehen, weshalb der Leichtathletik-Verband über viele persönliche Informationen über sie verfügt. Semenya dominierte über viele Jahre den 800m-Lauf der Frauen und gewann drei WM-Titel und zwei Olympische Goldmedaillen. Viele Kontrahentinnen äußerten den Eindruck der fehlenden Chancengleichheit, der sich sportwissenschaftlich allgemein stützen lässt, mit immer lauterem Unmut, dennoch wird dieser Aspekt nach wie vor aus der Szene heraus recht tabuisiert.

Daher führte World Athletics sportwissenschaftlich gestützte Obergrenzen für Testosteron als Zugangsbeschränkungen zur Frauen-Kategorie ein, womit die Karriere von Semenya, die sich im Rechtskampf mit dem südafrikanischen Staat und Menschenrechtsorganisationen im Rücken weiterhin kampfeslustig zeigt, endete. Weitere davor international erfolgreiche Läuferinnen aus Afrika verschwanden von der Bildfläche. Dieses Vorpreschen von World Athletics führte zu gerichtlichen Prozessen, die Semenyas Leben seit Jahren begleiten und einzelne Teilerfolge wie den aktuellen brachten. Sie aktivierten aber eine Dynamik im internationalen Sport, die zu weiteren Schritten führt. Während der Sport mit dem Schutz des Frauensports argumentiert, muss er sich gegen Argumente wehren, Menschen- und Persönlichkeitsrechte zu missachten und eine Minderheit zu diskriminieren. Die Südafrikanerin selbst verweigerte eine Hormontherapie, die ihr eine in der Theorie mögliche Rückkehr in den Profisport der Frauen erlaubt hätte. In der Männer-Kategorie oder einer „offenen Kategorie“ wäre sie freilich startberechtigt.

CAS-Urteil von 2019 hält

Der Oberste Internationale Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne hat 2019 in einem bahnbrechenden Urteil World Athletics faktisch zugestimmt. Der Schutz des Frauensports und die Stärkung dessen Integrität mit all den global gesellschaftlichen Vorbildwirkungen sei so bedeutend, dass dafür notwendige Diskriminierungen in einem verhältnismäßigen Rahmen blieben, um die Fairness in der Frauen-Leichtathletik zu verteidigen, hieß es damals im Urteilsspruch.

Vor wenigen Wochen urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg unter Anwesenheit der Klägerin Caster Semenya allerdings, dass diese in ihren Hearings vor dem Schweizer Bundesgericht, das das CAS-Urteil bestätigte, rechtlich nicht mit voller Fairness behandelt wurde, weil der Wert ihrer Persönlichkeitsrechte nicht ausreichend gerichtlich geprüft wurde. Womit sich Schweizer Gerichte wohl noch einmal mit ihrem Fall auseinandersetzen müssen. Die gegenwärtige Regel von World Athletics wird vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte allerdings nicht infrage gestellt – und damit inhaltlich auch das CAS-Urteil nicht.

Laut Informationen der britischen Nachrichtenagentur Reuters strebt Caster Semenya kein Comeback an. Es gehe ihr nicht um den Sport, es gehe ihr um den Kampf für die Einhaltung der Menschenrechte. Die 34-Jährige arbeitet mittlerweile als Trainerin.

Autor: Thomas Kofler
Bild: © Pixabay / Arek Socha – Symbolbild

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