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Welterbe Hauptallee

Ausgezeichnet! Die Prater Hauptallee in Wien, Österreichs beliebtester Ort zum gemeinsamen Laufen, hat eine unvergleichliche Geschichte. Jetzt ist sie als globale „Landmark“ ins World Athletics Heritage aufgenommen worden.
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Dieser Artikel stammt aus unserer Frühling/Sommer-Ausgabe 2022

Ausgezeichnet! Die Prater Hauptallee in Wien, Österreichs beliebtester Ort zum gemeinsamen Laufen, hat eine unvergleichliche Geschichte. Jetzt ist sie als globale „Landmark“ ins World Athletics Heritage aufgenommen worden.

Selbst wenn Sie in der Prater Hauptallee alleine laufen wollen, schaffen Sie es nicht. Irgendjemand läuft dort fast immer. An 365 Tagen im Jahr und beinahe zu jeder Uhrzeit. Laufen & Hauptallee, das sind Synonyme. Zwischen Praterstern und Lusthaus ist das Laufen die vorherrschende Fortbewegungsart. Als Läuferin oder Läufer fühlt man sich hier einfach zuhause. Die Hauptallee ist wie das Wohnzimmer einer großen WG, der urbane Dorfplatz der Laufcommunity. Alleine relaxen oder zusammen große Partys feiern, alles läuft.

Gemeinsam laufen hat in der Prater Hauptallee viele Facetten. Eine Verabredung zum Joggen, eine kleine Trainingsgruppe, jeden Mittwoch die Frauenlauftrainings mit dreistelligen Teilnehmerinnenzahlen, jeden Dienstag die VCM-Trainings, an Wochenenden diverse Läufe bis hin zu den jährlichen Großevents Vienna City Marathon, Österreichischer Frauenlauf und Business Run. Eliud Kipchoge brachte die völlig flache und von 2.500 Kastanienbäumen gesäumte Allee international ins Rampenlicht. Gemeinsam mit seinen 41 Pacemakern und angefeuert von einer riesigen Zuschauermenge hat er hier 2019 die Marathondistanz in 1:59:40,2 Stunden zurückgelegt.

Die Hauptallee ist jener Ort in Österreich, an dem mehr gelaufen wird als irgendwo sonst. Viel mehr. Täglich und stündlich entstehen hier Endorphine, Laktat und Emotionen. Millionen Kilometer und Milliarden Schritte wurden auf der 4,3 Kilometer langen Geraden schon zurückgelegt. Die Rechnung für diese Summe, die niemand exakt beziffern kann, beginnt bereits vor 200 Jahren. Schon 1822 fand die erste Laufveranstaltung auf der Prater Hauptallee statt. Das „Wiener Lauferfest“ wurde 25 Jahre lang immer am 1. Mai ausgetragen. Es war ein Wettrennen von Bediensteten der Adeligen über ca. 9–10 Kilometer vom heutigen Praterstern bis zum Lusthaus und zurück mit der Routenführung in einem Bogen entlang des heutigen Heustadlwassers. Es soll ein großes Spektakel gewesen sein. „Das Publikum reiht sich so dicht als möglich zu den beiden Seiten, fast eine Stunde lang, den Laufweg hinan (…). Das Gewühl wird gegen 7 Uhr, wo der Lauf beginnt, ungeheuer, und ich glaube, dass mehr als 30.000 Menschen sich eingefunden hatten“, so eine Beschreibung aus dem Jahr 1836.

Interessierte haben diese Geschichte des Laufparadieses gekannt, aber sehr viele waren es nicht. Die Auszeichnung der Prater Hauptallee mit der World Athletics Heritage Plaque am 6. April 2022 änderte das. Als „Home to runners and running events since 1822“ wurde sie als globale „Landmark“ ins Welterbe der Leichtathletik aufgenommen, feierliche Präsentation im Wiener Rathaus inklusive.

Die Welterbe-Plakette des Leichtathletik Weltverbandes wurde bis Jahresbeginn 2022 nur 71 Mal vergeben. Zu den Preisträgern zählen Sportgrößen wie Jesse Owens, Emil Zatopek und Grete Waitz. Bedeutende Veranstaltungen und Orte können ebenso ausgezeichnet werden, etwa das Letzigrund Meeting in Zürich und das ISTAF in Berlin. Ein Expertengremium legt strenge Maßstäbe an und verleiht die Plaque für einen „herausragenden Beitrag zur weltweiten Geschichte und Entwicklung des Sports“. Aus Österreich gibt es zwei weitere Träger der Plaque: das Mehrkampfmeeting Götzis, wo zum ersten Mal die 9.000 Punkte im Zehnkampf übertroffen wurden, und der aus Wien stammende Trainer Franz Stampfl, der Roger Bannister zur ersten Meile unter vier Minuten coachte.

Entstanden sind die Idee und das Konzept im Sommer 2021 im Team des Vienna City Marathon. Das Mitglied der World Athletics Heritage, Leichtathletik-Journalist Olaf Brockmann, brachte den Antrag ein und begleitete den Verleihungsprozess. Ernst Woller, Präsident des Wiener Landtages und begeisterter Marathonläufer, brachte das Thema an die richtigen Stellen in der Stadt Wien.

Jetzt ist sie da, die Plaque. Direkt in der Hauptallee soll sie angebracht werden, gemeinsam mit einer Freiluft-Ausstellung entlang der ganzen Allee. Die Welterbe-Auszeichnung ist eine Aufwertung für den Laufsport und ein Geschenk für alle, die in der Hauptallee laufen und dort veranstalten. Sie erzählt die unvergleichliche Geschichte des Laufens in Wien. Denn die Kontinuität über zwei Jahrhunderte hinweg an einem Ort ist außergewöhnlich.

Das Wiener Lauferfest von 1822 bis 1847 war der Höhepunkt einer schon davor bestehenden Laufkultur. Das Wettrennen entstand aus dem Berufsstand der „Laufer“. Das Kaiserhaus und viele Adelige hielten sich Bedienstete, die bei Kutschenfahrten vorausliefen, ihren Herrschaften in der Stadt den Weg freimachten und bei nächtlichen Fahrten für Beleuchtung sorgten. Allein der kaiserliche Hof beschäftigte zur Zeit Maria Theresias 14 Läufer. Im 18. Jahrhundert ist eine zunftähnliche Berufsvereinigung entstanden. Junge Läufer hatten als Prüfung einen „Freilauf“ zu absolvieren. Eine 18 Kilometer lange Strecke musste in 1 Stunde und 12 Minuten zurückgelegt werden, also mit einer Geschwindigkeit von vier Minuten pro Kilometer. In Polizeiakten wird von 26 Läufern und 3.000 Zuschauern bei einem der Freiläufe berichtet.

Als erstrebenswert galt der Beruf des Laufers nicht unbedingt. „Diese Unglücklichen (…) halten diese Anstrengung nur drei oder vier Jahre aus und sterben gewöhnlich an der Auszehrung. Ermüdung und Krankheit sind aus ihren hageren Gesichtszügen zu erkennen“, heißt es in einer Schilderung aus dem Jahr 1801. Erste Wettrennen sind bereits in der Regierungszeit Kaiser Karls VI. (1711-1740) belegt, also jedenfalls vor 1740. Mit dem Jahr 1822 rückte dabei der Prater mit dem „Lauferfest“ in den Mittelpunkt des Geschehens.

Es gab damals keinen „Sport“ und keine Berichterstattung über „Sport“, wie wir es heute kennen. Dieses Konzept ist erst Jahrzehnte später entstanden. Vom Lauferfest wurden Siegerzeiten zwischen 30 und 48 Minuten berichtet – beide Marken sind nicht ganz glaubwürdig. Einen Vergleich im Sinn von Rekord- oder Bestenlisten gab es nicht. Das Lauferfest fand sich zwar auf den Titelseiten von Zeitungen, aber es wurden nicht die Sieger vorgestellt. Vielmehr berichtete man über Spenden für einen Witwen- und Waisenfonds, die bei dem Lauf aufgebracht wurden, und es wurden philosophische Überlegungen zum Lauf des Lebens angebracht.

Im Vorfeld der bürgerlichen Revolution von 1848 wurde das Lauferfest immer stärker als „widerliche Menschenhetze“ kritisiert, als Ausdruck des Luxus und feudaler Spaß der Adeligen auf Kosten des von ihnen abhängigen Dienstpersonals. Der Beruf des „Laufers“ hatte keine praktische Notwendigkeit mehr, sondern war zum Statussymbol geworden. Österreich hielt länger als andere Länder daran fest. Zudem gab es Manipulationen wegen Wetteinsätzen. Das letzte Lauferfest fand 1847 statt. Mit Entscheidung vom 3. April 1848 wurde die weitere Durchführung verboten.

Bemerkenswert: Drei Jahre nach dem Ende des Lauferfests schrieb die in Wien erscheinende Zeitung „Ost-Deutsche Post“ in Zusammenhang damit über die „athemlosen Erneuerer der olympischen Spiele“ – 46 Jahre bevor die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit im Jahr 1896 tatsächlich stattgefunden haben.

Die Laufgeschichte der Hauptallee stand jedoch erst am Anfang. Von der Sause für die Adeligen bis zum modernen Sport lässt sich keine direkte Linie ziehen. Erst gegen 1900 begann der moderne Laufsport durch Einfluss aus England in Wien und Österreich Fuß zu fassen. Ein Beispiel ist der 1919 ins Leben gerufene Staffellauf „Quer durch Wien“. Dieses heute fast vergessene Event war sehr populär. Bis zu 1.500 Teilnehmende liefen kurze Abschnitte von wenigen hundert Metern für ihre Staffelteams. Männer wie Frauen nahmen teil, was nicht selbstverständlich war. Die Strecke führte meist vom Westbahnhof in den Prater. Das Finale ging dabei auf der Hauptallee in Szene, Zieleinlauf war am WAC-Platz. „Quer durch Wien“ fand nach mehreren Unterbrechungen zuletzt im Jahr 1966 statt.

Die Hauptallee und der Prater boten und bieten beste Bedingungen für Laufveranstaltungen auf und neben der asphaltierten Straße. Beispiele für historische Bewerbe sind der „Praterpreis“ 1921-1925 und „Rund um das Heustadlwasser“ 1933-1943. Reynaldo Gorno, der Marathon-Olympiazweite von Helsinki 1952, siegte 1953 bei einem 25-km-Lauf mit Start und Ziel auf der Spenadlwiese in südamerikanischer Rekordzeit vor Österreichs damaligem Rekordläufer Adolf „Dolfi“ Gruber.

Der dreifache Marathon-Olympiateilnehmer Gruber wurde später in der Hauptallee zur Institution. Er begann ab 1977 hier regelmäßig Läufe zu organisieren. Unter seiner strengen Ägide fand oftmals jede Woche ein Bewerb statt. Mit Einsatz und rauem Charme hat er versucht, das Laufen auch außerhalb des Leistungssports populär zu machen. Das Bewusstsein dafür, dass Laufen gut für Körper, Geist und Gefühlslage ist, entstand erst schrittweise. Dazu haben auch Initiativen wie der „Nationale österreichische Fit-Lauf und Fit-Marsch“ beigetragen, der ab dem 26. Oktober 1971 für mehrere Jahre immer am Nationalfeiertag bis zu 150.000 Menschen in Bewegung brachte. Ein Schauplatz dieser Aktion war selbstverständlich auch die Prater Hauptallee.

Diese Geschichte und die Bedeutung bis heute sind die Grundlage für die Verleihung der World Athletics Heritage Plaque. Hin und zurück, über die ganze Länge und auf Teilabschnitten, schnurgerade oder mit Ausschweifungen in das umliegende ehemalige Augebiet der Donau – die Hauptallee ist der Ort einer einmaligen Laufgeschichte. Als Welterbe der Leichtathletik ist sie ein perfekter Ort, um die eigene Laufgeschichte zu starten oder fortzusetzen. Egal ob alleine oder gemeinsam, denn unter Gleichgesinnten sind Sie auf jeden Fall.

Autor: Andreas Maier
Bilder: VCM | Jenia Symonds

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