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Josh Kerr ist ein kantiger Sportler. Eine Maschine auf der Bahn, ein Mann der lauten Worte abseits der Wettkämpfe, einer, der den Fokus absolut halten kann. Das Aushängeschild von Brooks erreichte beim Diamond-League-Meeting in London den vorläufigen Höhepunkt seines sportlichen Wirkens. Gut eineinhalb Jahre alt war der in Edinburgh geborene Athlet zum Zeitpunkt der Meilen-Sternstunde von Hicham El Guerrouj, der nun das Etikett „Weltrekord“ abhanden gekommen ist.
Kaum hatte Josh Kerr am Nachmittag des 18. Juli die Ziellinie des Meilenrennens im Rahmen des Diamond-League-Meetings überquert und den neuen Meilenrekord auf eine Zeit von 3:42,66 Minuten zementiert, schrie der Schotte alles, was an Emotionalem in seinem erschöpften Körper drin war, begleitet von einer mächtigen Jubelgeste in einer lauten Gefühlsregung heraus.
Es war geschafft, das Prunkstück ist gelungen. Lange hatte Kerr diesen Moment konsequent und minutiös vorbereitet, nun gebührt ihm die breite Anerkennung. Einer der ältesten Weltrekorde im Laufsport, jener der marokkanischen Lauflegende Hicham El Guerrouj (dem noch der Weltrekord im 1.500m-Lauf bleibt), ist gefallen. Josh Kerr blieb 0,47 Sekunden unter der 27 Jahre alten Meilen-Bestleistung des späteren Stars der Olympischen Spiele 2004. 3:43,13 Minuten, die passionierten Laufsportfans kennen diese Zahlen auswendig – sie müssen neue einlernen: 3:42,66!
„Es ist überwältigend. Ich habe den enormen Hype natürlich gespürt und ihn in meine Vorbereitungsarbeit transferiert. Ich wusste, dass ich eine Zeit unter 3:43 Minuten intus haben würde. Beinahe hätte ich den Weltrekord im Finale verloren, die Ziellinie konnte nicht schnell genug kommen“, schilderte Kerr nach dem Rennen.
Ihm sei es ein Anliegen, seine Spuren in der britischen Leichtathletik nachhaltig zu hinterlassen und damit auch die historischen Leistungen der britischen Mittelstreckenstars früherer Tage um Sebastian Coe oder Steve Cram zu pulverisieren. Dafür wurden alle verfügbaren Kräfte gebündelt: „Das heutige Resultat ist die Folge all der harten Arbeit. Ich bin sehr glücklich, dass in meinem Umfeld alle an einem Strang ziehen. Ich bin nur der Körper, bei all der Arbeit hinter den Kulissen kommt viel Expertise und Tatkraft zusammen. Jeder in meinem Team hat an dieser Leistung seinen Anteil.“

Am 7. Juli 1999 im Stadion Olimpico in Rom war ein für die damalige Zeit beachtliches Preisgeld von 50.000 US-Dollar für den Weltrekord im Meilenrennen ausgelobt. Hervorragend angelaufen von den Tempomachern hatte Hicham El Guerrouj an diesem Sommerabend Konkurrenz bis auf die Zielgerade. Der Kenianer Noah Ngeny heftete sich dem marokkanischen Star an die Fersen und zwang ihm in einem intensiven Schlussspurt dazu, die absolute Höchstleistung aus seinem Körper zu kitzeln. Am Ende gelang in einer Siegerzeit von 3:43,13 Minuten eine Verbesserung des damaligen Weltrekords um weit über eine Sekunde. Auch Ngeny, heute noch mit gewaltigem Abstand kenianischer Rekordhalter über die Meile, blieb ebenfalls über eine Sekunde unter dem damaligen Weltrekord – a Race for Ages, wie die treffende englische Beschreibung lautet.
Kerr dagegen dominierte bei seinem Weltrekordrennen, lief für ihn ungewohnt aggressiv hinter den Tempomachern – was schließlich die Grundvoraussetzung für einen Weltrekordangriff ist – und distanzierte seinen stärksten Kontrahenten Yared Nuguse ab Anfang der letzten Runde deutlich. Der 27-Jährige, immerhin US-Rekordhalter über die Meile, hatte keine Chance mehr und verlor im letzten Umlauf fast drei Sekunden. In 3:45,69 Minuten rettete er Platz zwei, immerhin noch eine Sekunde vor Jake Heyward aus Großbritannien und Robert Farken, der in 3:46,82 Minuten mit einem neuen spektakulären deutschen Meilenrekord glänzte. In direkter Konkurrenz zum neuen Weltrekord war dies in London nur eine Randnotiz, im Prunkstück der wirtschaftlich angeschlagenen britischen Leichtathletik standen die heimischen Stars im Zentrum der Aufmerksamkeit. Und sogar eine Keely Hodgkinson wurde an diesem Nachmittag von Josh Kerr völlig überstrahlt.
Kleine nette Randnotiz: Kerr erhielt dieselbe Weltrekordprämie wie Hicham El Guerrouj vor 27 Jahren, nämlich 50.000 US-Dollar (umgerechnet rund 44.000 Euro) – ein Fakt, der dem Schotten sauer aufstieß. Gegenüber dem „Daily Mirror“ bezeichnete er diesen Umstand als „lächerlich“. Angesichts dessen, was er in acht Jahren Profidasein finanziell investiert habe, fühle er keine entsprechende Wertschätzung bei einer solchen Summe. Diese ist übrigens von World Athletics bei Diamond-League-Meetings für Weltrekordleistungen standardisiert.
Josh Kerr hatte den Angriff auf den Weltrekord über die Meile in der britischen Hauptstadt PR-wirksam schon seit Monaten angekündigt und mehrere Medienberichte über ihn dafür genutzt, sich und seine Ambitionen zu promoten. Im März startete er öffentlichkeitswirksam das „Project 222“ in Anlehnung an die Meilenzeit von 3:42 Minuten – oder eben 222 Sekunden. Gegenüber „Runner’s World“ sagte er damals: „Das ist einer der wichtigsten Weltrekorde in der Leichtathletik. Ich bin an einem Punkt in meiner Karriere, an dem ich großartige Medaillen gewonnen und die Konstanz über viele Jahre an der Spitze bewiesen habe. Es ist Zeit für mich, einen ganz besonderen historischen Moment anzukündigen. Und ich tue das nicht leise, weil ich denke, dieser Weltrekord verdient großen Respekt!“ Kerr legte sich selbst drei Grundkriterien auf: Der Weltrekordversuch müsse erstens bei einem regulären Meeting stattfinden, zweitens in Großbritannien und drittens der Höhepunkt seiner Wettkampfsaison sein, auf den alle Entscheidungen ausgerichtet waren.
Monatelang schuftete Kerr im Trainingslager in der Höhe von New Mexico, am bekannten Standort in Albuquerque. Dabei unterstützte ihn sein Sponsor Brooks auf sportwissenschaftlicher Seite und mit innovativen Produkten. In seinem Schlafzimmer wurde eine Höhenkammer installiert.
Die Erwartungshaltung erreichte die Dimensionen eines modernen Gladiators, der eine Arena, in diesem Fall das Olympiastadion in London, dafür nutzen wollte, um Weltruhm zu erreichen. 60.000 begeisterte Fans wurden Augenzeugen im Stadion und feuerten ihren Helden lautstark an – trotz der laut BBC mit Abstand höchsten Ticketpreise der gesamten Diamond-League-Saison. An Selbstvertrauen und Selbstüberzeugung hatte es dem Briten bisher nie gemangelt, auf seiner Seite stehen aber beachtliche Erfolge wie der WM-Titel 2023 im Duell mit seinem Dauerrivalen Jakob Ingebrigtsen. Auch zwei Olympische Medaillen im 1.500m-Lauf darf er sein Eigen nennen, dazu der Hallen-WM-Titel im 3.000m-Lauf in seiner schottischen Heimat vor zweieinhalb Jahren.
Doch der Meilen-Weltrekord des seit vielen Jahren in den USA lebenden und trainierenden 28-Jährigen ist der vorläufige Höhepunkt einer erstaunlichen Karriere eines polarisierenden Typen in der Szene, der mit seinem Charakter und seinem markanten Auftreten die Zuschauer:innen fesseln kann. Und wenige Tage nach dem großen Erfolg war die aufreizende Lockerheit zurück in seiner Stimme. Im Podcast bei Citius Mag sagte er laut der italienischen Sportzeitung „Gazzetta dello Sport“: „Ich habe schon viel schwierigere Wettkämpfe bestritten. Meine Beine kannten den Rhythmus des Rennens, somit war es ein Vergnügen, das sich verhältnismäßig leicht angefühlt hat. Auf mentaler Ebene war ich perfekt vorbereitet – ich musste es nur auf die Ziellinie bringen.“ Auf die Frage nach dem großen Warum des Projekts antwortete er: „Ich mache das für die Träume meines achtjährigen, eigenen Ichs.“
London war dank Josh Kerr so schon eine Big-Party für den britischen Sport. Aber eigentlich hatte der Veranstalter auf ein doppeltes Feuerwerk gehofft. Keely Hodgkinson hatte sich bereits zu Saisonbeginn das Meeting in der britischen Hauptstadt ausgesucht, um den ältesten Weltrekord der Leichtathletik, jenen von Jarmila Kratochvilova im 800m-Lauf der Frauen, zu brechen. Dieses Ziel hatte sie unmittelbar nach ihrem Hallen-Weltrekord im Februar öffentlich angekündigt und die Überzeugung geteilt, die Fähigkeiten für eine neue Weltrekordzeit mitzubringen.
Doch der Formaufbau der 24-jährigen Engländerin gelang nicht nach Wunsch, die Olympiasiegerin gewann den Wettkampf zwar in einer Zeit von 1:56,21 Minuten, blieb aber deutlich über ihrem britischen Rekord. „Ich fühle gemischte Emotionen. Ich versuche, das Positive zu betonen. Es waren ein paar harte letzte Wochen, in denen wenig nach Plan lief. Aber ich bin stolz darauf, wie ich diese Situationen gemeistert habe“, sagte sie nach dem Rennen.

Dabei könnte der Erfolg dennoch wertvoll für das Selbstbewusstsein sein. Selbst wenn über zwei Sekunden auf die Weltjahresschnellste Audrey Werro, Hodgkinsons voraussichtliche Hauptrivalin bei den Heim-Europameisterschaften von Birmingham, fehlten, war es der erste Saisonsieg der diesjährigen Hallen-Weltmeisterin in der Freiluftsaison – im wohlgemerkt bereits dritten Saisonrennen. In einem durchaus engen Zweikampf ließ sie Femke Broeders-Bol aus Holland und Tsige Duguma, 2024 hinter der Britin Olympia-Silbermedaillengewinnerin, hinter sich.
Nach dem Husarenstück von London stellt sich zwangsläufig die Frage, ob Josh Kerr auch El Guerroujs Weltrekord im 1.500m-Lauf brechen könnte (3:26,00). Sein Trainer, Danny Mackey, beantwortete sie im Interview mit der US-Plattform „Let’sRun.com“: „Ich habe großes Vertrauen darin, dass Josh 3:25 laufen kann.“ Auf einen Zeitpunkt wollte er sich nicht festlegen, der nächste Höhepunkt für den Schotten sind die gegenwärtig laufenden Commonwealth Games, also ein Meisterschaftsrennen. In Glasgow erwartet den Schotten dabei ein echtes Heimspiel – noch vertrauter als in London.
Für eine Sensation sorgte der US-Amerikaner Brandon Miller im 800m-Lauf der Männer. Der 24-Jährige pulverisierte seine persönliche Bestleistung und feierte in einer Zeit von 1:42,19 Minuten seinen ersten Sieg bei einem Diamond-League-Event. Dabei verpasste der Olympia-Teilnehmer von Paris 2024 die US-Jahresbestzeit von Jungstar Cooper Lutkenhaus lediglich um einen Hauch, seine Siegerleistung lag nur 1,3 Sekunden über dem Weltrekord. Wie er der Plattform „Citius Mag“ erzählte, habe er am Morgen des Wettkampftages sich den Weltrekordlauf von David Rudisha auf derselben Bahn vor 14 Jahren genau angeschaut und sich davon inspirieren lassen.

Auch der zweitplatzierte irische Dauerbrenner Mark English bestach mit einer neuen persönlichen Bestleistung. Der 33-Jährige blieb in 1:42,97 Minuten erstmals in seinem Leben unter 1:43 Minuten, aber hinter dem irischen Rekord des dieses Mal siebtplatzieren Cian McPhillips zurück. Lokalmatador Max Burgin musste sich in 1:43,30 Minuten mit Platz drei zufrieden geben, eine Hundertstelsekunde später lief Emmanuel Wanyonyi schwer geschlagen als Vierter ins Ziel. Der Kenianer hatte erst acht Tage zuvor einen neuen Weltrekord im 1.000m-Lauf aufgestellt (siehe RunUp.eu-Bericht), auf den letzten 200 Metern ging dem Favoriten aber die Luft aus und er musste sich überrumpeln lassen.
Der 3.000m-Lauf der Frauen war eine Angelegenheit der Australierinnen. Jessica Hull gewann in einer Zeit von 8:24,69 Minuten vor ihrer Landsfrau Rose Davies, mit Linden Hall und Georgia Griffith rangierten zwei weitere Australierinnen in den Top-Sieben. Dritte wurde die Irin Sarah Healy in persönlicher Bestzeit von 8:25,63 Minuten.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Marta Gorczynska for Diamond League AG, Dan Vernon for Diamond League AG