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Wenn der Sommer mittrainiert

Marathon-Vorbereitung in der Sommerhitze. Laufcoach Johannes Langer begleitet Sophia auf ihrem ambitionierten Weg zum Wörthersee Marathon am Ende des Sommers.
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Sophia ist keine Profiläuferin, aber eine, die es ernst meint. Am 27. September will sie beim Wörthersee Marathon ihre 3:13 Stunden aus dem Frühjahr bestätigen – nicht mit einem Wunder, sondern mit einem klug aufgebauten Sommer. Doch genau dieser Sommer schickt Hitze, schwere Beine und irgendwann sogar einen Totenkopf per WhatsApp. Was wie ein Hilferuf klingt, wird zum Ausgangspunkt einer Trainingsgeschichte über frühe Morgenstunden, Hitzereize, kluge Kühlung, Ernährung, Regeneration – und die Kunst, Belastung nicht nur auszuhalten, sondern in Form zu verwandeln.

Eines Morgens schickt mir Sophia einen Totenkopf.

Nicht irgendeinen. Einen dieser kleinen digitalen Totenköpfe, die auf WhatsApp fast freundlich aussehen, als wären sie für Menschen gemacht worden, die noch nie bei 30 Grad einen langen Lauf mit Endbeschleunigung absolviert haben.

Zuvor hatte ich ihr geschrieben: „Wie läuft das Training?“ Zurück kam: ☠️

Als Trainer lernt man, solche Zeichen ernst zu nehmen. Vor allem, wenn sie von Läuferinnen kommen, die normalerweise nicht viel Theater machen. Sophia ist keine, die nach jedem schweren Dauerlauf ihr sportliches Testament formuliert. Sie trainiert konsequent, organisiert ihren Alltag, läuft ihre Einheiten, schaut auf ihre Daten und weiß ziemlich genau, dass Marathontraining nicht immer nach Leichtigkeit aussieht.

Trotzdem fragte ich: „Alles okay?“ Sie antwortete: „Ja. Nur die Hitze. Es fühlt sich alles brutal schwer an.“ Damit war die Lage geklärt. Kein Drama. Kein Einbruch. Nur Sommer.

Sophia will am 27. September den Wörthersee Marathon laufen. Ihr Ziel ist nicht laut, aber anspruchsvoll: Sie möchte ihre 3:13 Stunden aus dem Frühjahr bestätigen. Für eine engagierte Läuferin, die kein Profi ist, ist das eine starke Marke. Noch dazu auf einer Strecke, die nicht einfach nur flach dahinläuft, sondern durch ihre vielen Wellen immer wieder den Rhythmus verändert. Der Wörthersee Marathon ist kein Marathon, bei dem man sich blind in ein Tempo hineinlegt und hofft, dass es bis ins Ziel trägt. Er verlangt muskuläre Stabilität, ökonomisches Berganlaufen, kontrolliertes Bergablaufen und die Fähigkeit, nach jeder Welle wieder in den eigenen Rhythmus zurückzufinden.

Genau deshalb wird der Sommer für Sophia zum entscheidenden Trainingsblock. Nicht für ein Wunder, sondern für Stabilität. Nicht für eine heroische Leistungssteigerung, sondern für die Bestätigung auf hohem Niveau. 3:13 Stunden auf einer welligen Strecke bedeuten: Die Form muss stimmen, aber auch die Steuerung. Die Beine müssen nicht nur schnell sein, sondern widerstandsfähig. Der Kopf muss nicht nur motiviert sein, sondern geduldig.

Denn der Sommer verändert nicht den Trainingsplan auf dem Papier, aber er verändert alles, was der Körper daraus macht. Ein Tempo, das im April kontrolliert wirkt, kann im Juli plötzlich so aussehen, als hätte jemand heimlich den Sauerstoff aus der Luft genommen. Der Puls steigt früher, die Beine werden schwerer, das subjektive Belastungsempfinden nimmt zu. Der Körper muss nicht nur laufen, sondern gleichzeitig Wärme loswerden. Blut wird zur Haut transportiert, um Kühlung zu ermöglichen. Die Schweißrate steigt. Flüssigkeit und Elektrolyte gehen verloren. Die Herzfrequenz driftet nach oben. Und irgendwann steht Sophia nach einer Einheit da und schickt einen Totenkopf.

Ich schrieb ihr: „Ideal wäre jetzt ein Höhentraining auf 1.800 bis 2.300 Metern.“ Das war natürlich nur mäßig tröstlich, weil die 34-jährige Grafikerin den heurigen Urlaub schon ziemlich stark verbraucht hat. Es war aber fachlich korrekt.

In dieser Höhe wäre vieles einfacher. Die Luft ist kühler, die Nächte sind besser, die langen Läufe weniger brutal. Gleichzeitig setzt die Höhe einen zusätzlichen Reiz. Der Sauerstoffpartialdruck ist reduziert, der Körper muss effizienter arbeiten, langfristig können Anpassungen im Sauerstofftransport und in der Ausdauerleistungsfähigkeit entstehen. Genau deshalb fahren Spitzenläufer:innen im Sommer gern in Höhenlagen wie in den Oberengadin. Nicht weil es dort schöner ist, obwohl das auch vorkommen soll. Sondern weil man dort Qualität trainieren kann, ohne vom Asphalt gegrillt zu werden.

Sophia ist aber nicht in St. Moritz. Nicht im Kühtai. Nicht in Livigno. Sophia ist daheim – Krems liegt im Donautal auf 203m und nicht in einer höhenwirksamen alpinen Landschaft.

Also schrieb ich: „Wenn du nicht in die Höhe kannst, nutz die Hitze. Aber kontrolliert.“ Das ist der entscheidende Satz. Hitze ist nicht automatisch der Feind. Sie ist ein zusätzlicher Trainingsreiz. Wie jeder Reiz kann sie nützen oder schaden. Es hängt von Dosierung, Zeitpunkt und Ziel der Einheit ab.

Hitzetraining kann Anpassungen auslösen, die für den Marathon wertvoll sind. Das Plasmavolumen kann zunehmen, wodurch das Herz-Kreislauf-System stabiler arbeitet. Die Schweißreaktion setzt früher ein und wird effizienter. Die Hautdurchblutung verbessert sich. Die Körperkerntemperatur steigt bei Belastung weniger schnell. Der Organismus lernt, Wärme besser zu regulieren. Für eine Läuferin wie Sophia bedeutet das: Sie kann auch unter schwierigen Bedingungen ökonomischer bleiben.

Manche Effekte erinnern in ihrer praktischen Bedeutung an das Höhentraining. Nicht, weil Hitze und Höhe dasselbe wären. Höhe wirkt vor allem über den reduzierten Sauerstoffdruck. Hitze wirkt über Thermoregulation, Kreislaufbelastung, Blutvolumen und Flüssigkeitshaushalt. Aber beide Reize zwingen den Körper, effizienter zu werden. Beide können die Ausdauerleistung unterstützen, wenn sie klug eingesetzt werden. Und beide können überfordern, wenn man sie mit Ehrgeiz verwechselt.

Für Sophia heißt das: Die Hitze bekommt ihren Platz. Aber sie bekommt nicht die Kontrolle. Die Qualitätseinheiten läuft sie sehr früh.

Wenn im Plan 3 mal 5 Kilometer im Rhythmus für den Marathon stehen, dann ist das keine Einheit für 17 Uhr auf einer aufgeheizten Strecke. Wenn Sophia ihre 3:13 Stunden bestätigen will, braucht sie Einheiten, die den Marathon vorbereiten – nicht Einheiten, die nur beweisen, dass sie leiden kann. Marathonpace muss sich unter kontrollierten Bedingungen einschleifen. Der Schritt soll rund bleiben, die Atmung ruhig, der Puls erklärbar.

Und weil der Wörthersee Marathon wellig ist, geht es nicht nur um das reine Tempo. Es geht um Rhythmuskompetenz. Sophia muss lernen, auf den leichten Anstiegen nicht gegen die Strecke zu arbeiten, sondern die Intensität zu halten. Bergauf darf das Tempo kurz nachgeben, ohne dass die Einheit schlechter wird. Bergab darf sie nicht bremsen und nicht überziehen. Die Wellen verlangen eine Läuferin, die nach Gefühl, Puls und Ökonomie steuert – nicht nur nach der Anzeige auf der Uhr.

Also baut sie im Sommer bewusst profilierte Läufe ein: lockere Dauerläufe über wellige Strecken, längere Läufe mit kontrollierten Anstiegen, Marathonpace-Abschnitte auf leicht coupiertem Gelände. Nicht jede Einheit muss flach und messbar perfekt sein. Umgekehrt muss sie sich aber auch nicht auf einen steilen Berg kämpfen. Manche Einheiten müssen der Realität des Wettkampfs ähnlich werden. Der Körper soll die kleinen Rhythmuswechsel kennen, bevor sie am Wörthersee kommen.

Also läutet der Wecker. Sehr früh.

Sophia steht um 5:10 Uhr auf. Eine Zeit, zu der der Tag noch nicht sicher ist, ob er beginnen möchte. Sie trinkt, isst je nach Einheit eine kleine Portion Kohlenhydrate, zieht die vorbereiteten Schuhe an und läuft los, bevor die Sonne verhandelt. Die Luft ist kühler, die Strahlung geringer, die thermische Drift verzögert. Der Körper kann arbeiten, ohne sofort in den Kühlmodus gezwungen zu werden.

Dieser frühe Rhythmus verändert alles. Wer morgens trainieren will, muss abends früher schlafen. Das klingt einfach, ist aber für viele die härteste Einheit des Sommers. Sophia merkt schnell: Ein guter Morgen beginnt nicht mit dem Wecker. Er beginnt am Vorabend.

Um 21:30 Uhr wird der Tag heruntergefahren. Tasche richten. Flasche vorbereiten. Kleidung bereitlegen. Licht reduzieren. Keine schweren Mahlzeiten. Kein endloses Scrollen. Keine zweite Folge einer Serie, die nur deshalb verlockend wirkt, weil man eigentlich schon schlafen sollte.

Schlaf wird zum Bestandteil des Trainings. Nicht als Wellness, sondern als physiologische Notwendigkeit. In der Nacht laufen Reparaturprozesse ab. Glykogenspeicher werden aufgefüllt. Das Nervensystem beruhigt sich. Hormonelle Abläufe stabilisieren sich. Wer im Sommer hohe Umfänge läuft und den Schlaf kürzt, verlangt vom Körper Anpassung, gibt ihm aber zu wenig Gelegenheit dazu.

Die lockeren Einheiten bekommen eine andere Funktion. Manche davon dürfen wärmer sein. Nicht in der Mittagshitze und nicht als Mutprobe, aber bewusst als leichter Hitzereiz. Ein ruhiger Dauerlauf bei höheren Temperaturen, kurz genug, niedrig genug in der Intensität, gut hydriert vorbereitet – das kann sinnvoll sein. Der Körper lernt dabei, mit Wärme umzugehen, ohne dass die Qualität des Trainings zerstört wird.

Nach zehn bis vierzehn Tagen solcher kontrollierten Reize kann sich etwas verändern. Der Puls steigt weniger hektisch. Das Schwitzen beginnt früher, aber wirksamer. Die Belastung fühlt sich nicht mehr ganz so fremd an. Sophia wird nicht hitzeresistent. Niemand wird das. Aber sie wird hitzekompetenter.

Natürlich reicht Anpassung allein nicht. Man muss auch kühlen. Vor dem Training kann es helfen, kühl zu starten: leichte Kleidung, kühle Getränke, Schatten, keine unnötige Vorbelastung. Während längerer Einheiten zählen einfache Maßnahmen: Wasser über Kopf und Oberkörper, Trinkpunkte, Brunnen, helle Kleidung, schattige Routen. Verdunstungskälte ist unspektakulär, aber wirkungsvoll.

Nicht alles, was sich kühl anfühlt, senkt auch die Körperkerntemperatur. Ein kaltes Tuch im Nacken oder ein Kühlband kann das thermische Empfinden verbessern. Das ist nicht wertlos, weil das Belastungsgefühl eine große Rolle spielt. Aber es ersetzt keine kluge Steuerung. Menthol kann über Kälterezeptoren im Mundraum Frische signalisieren und die subjektive Belastbarkeit verbessern. Doch genau darin liegt auch die Gefahr: Der Körper ist nicht automatisch kühler, nur weil sich der Kopf so fühlt. Sophia nutzt solche Dinge daher nicht als Trick, sondern mit Vorsicht.

Der zweite große Hebel ist Ernährung. Wer im September 3:13 Stunden laufen will, darf im Juli nicht essen, als wäre Training eine Nebensache. Sophia muss nicht kompliziert essen. Aber passend. Vor Qualitätseinheiten braucht sie verfügbare Kohlenhydrate. Nach dem Training braucht sie Flüssigkeit, Natrium, Kohlenhydrate und Eiweiß. Nicht irgendwann, sondern bald.

Der Sommer macht Fehler sichtbarer. Wer zu wenig trinkt, merkt es am Puls. Wer zu wenig Natrium zuführt, merkt es an Kopfschmerzen, schweren Beinen, Konzentrationsproblemen oder an diesem eigenartigen Gefühl, dass der Körper nicht richtig „anspringt“. Salzränder auf der Kleidung sind keine Auszeichnung, sondern eine Information.

Sophia plant daher ihre Versorgung. Vor langen Läufen ist sie hydriert. Während langer Einheiten gibt es Flüssigkeit und Kohlenhydrate. Danach wird nicht nur Wasser getrunken, sondern auch Elektrolyte ersetzt. Denn Flüssigkeit muss nicht nur in den Körper hinein, sie muss dort auch bleiben können.

Ihre Teller werden einfacher und besser: Reis, Kartoffeln, Pasta, Gemüse, Obst, Joghurt, Eier, Fisch, Hülsenfrüchte, gutes Öl, ausreichend Eiweiß. Keine Askese. Keine Diätromantik. Zum Glück begleitet sie ihr Lebenspartner öfter mit dem Rad. Was aber noch wichtiger ist: Andreas ist ein hervorragender Hobbykoch und er schaut auf „seine“ Sophia. Marathontraining braucht Energie. Wer Qualität laufen will, braucht Kohlenhydrate. Wer muskulär stabil bleiben will, braucht Eiweiß. Wer bei Hitze trainiert, braucht Flüssigkeit und Natrium. Das ist nicht glamourös. Aber es funktioniert.

Nach harten Einheiten stellt sich die Frage: Kühlen oder Wärme?

Auch hier gibt es keine Religion. Nach intensivem Krafttraining kann sofortige Kälte ungünstig sein, weil bestimmte Entzündungs- und Signalprozesse für Muskelaufbau und Kraftentwicklung gebraucht werden. Nach einer harten Ausdauereinheit in der Hitze kann Kühlung dagegen sehr sinnvoll sein: kühle Dusche, kühles Bad, Beine beruhigen, Kreislauf entlasten, Flüssigkeit und Elektrolyte zuführen.

Und dann gibt es noch die Sauna. Sie klingt nach Widerspruch, ist aber im richtigen Kontext ein kluger Reiz. Direkt nach einer Ausdauereinheit kann eine dosierte Sauna den thermischen Stimulus verlängern. Das kann Hitzetoleranz, Plasmavolumen und Schweißanpassung unterstützen. Aber Sauna ist keine Tapferkeitsprüfung. Kurz beginnen. Kreislauf beachten. Danach sauber rehydrieren. Der Körper soll sich anpassen, nicht kapitulieren.

Einige Wochen nach dem Totenkopf schreibt Sophia wieder. Diesmal kein Symbol: „Heute zweieinhalb Stunden. Früh. Wellig. Letzte halbe Stunde kontrolliert schneller. War gut.“ Das ist keine große Nachricht. Aber im Marathontraining sind die wirklich guten Nachrichten selten laut. Sie zeigen, dass ein System funktioniert. Der Puls bleibt stabiler. Die Beine halten länger. Die Energie kommt zurück. Die Hitze ist noch da, aber sie bestimmt nicht mehr alles. Und die Wellen verlieren ihren Schrecken, weil sie nicht mehr als Störung empfunden werden, sondern als Teil des Plans.

Genau darum geht es auf dem Weg zum Wörthersee Marathon. Sophia muss im Sommer nicht jeden Tag glänzen. Sie muss ankommen in einem Rhythmus, der sie stärker macht. Früh aufstehen. Früh schlafen. Qualität in die kühlen Stunden legen. Hitze dosiert als Reiz nutzen. Welliges Gelände nicht meiden, sondern gezielt einbauen. Trinken planen. Ernährung ernst nehmen. Nach Belastungen klug regenerieren. Und den Unterschied verstehen zwischen einem schlechten Training und einem Training, das nur unter schweren Bedingungen stattgefunden hat.

Ihre 3:13 Stunden aus dem Frühjahr sind keine zufällige Zahl. Sie sind ein Beweis, dass sie es kann. Der Herbst verlangt nun etwas anderes: Bestätigung. Stabilität. Reife. Die Fähigkeit, einen Sommer nicht nur zu überstehen, sondern ihn in Form zu verwandeln – und am Wörthersee auch dann ruhig zu bleiben, wenn die Strecke nicht ganz ruhig ist.

Der Marathon am Wörthersee beginnt nicht erst am 27. September. Er beginnt an einem heißen Sommermorgen, als Sophia einen Totenkopf schickt. Und danach trotzdem weitertrainiert.

Nicht härter als nötig.
Aber konsequenter als zuvor.

Autor: Johannes Langer
Bild: © SIP / Johannes Langer

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