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Wenn der (Spät)sommer mittrainiert, Teil 3

Es gibt diese Wochen im Marathontraining, in denen man nicht mehr besser werden muss. Man muss nur aufpassen, dass man nichts mehr kaputt macht.
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Zwei Wochen vor dem Wörthersee Marathon treffen sich Sophia und Ben noch einmal auf der Prater Hauptallee. Die Form ist da, die großen Ambitionen sind etwas leiser geworden – und aus zwei unterschiedlichen Marathonplänen ist längst ein gemeinsamer geworden. Bei 18 Kilometern mit kontrollierten Marathonpace-Blöcken testen sie nicht nur ihren Rhythmus für den 27. September. Sie merken auch, wie selbstverständlich sie inzwischen miteinander laufen. Und später, bei einem Kaffee im Lusthaus, wird klar: Vielleicht geht es bei dieser Geschichte längst nicht mehr nur um 42,195 Kilometer.

Zwei Wochen vor dem Wörthersee Marathon steht Sophia auf dem Parkplatz beim Stadion, gleich neben der Wiener Prater Hauptallee, und schaut auf ihre Uhr.

9:00 Uhr.
9:03 Uhr.

Die Sonne steht schon über den Bäumen, die Luft ist angenehm. September. Endlich wieder eine Jahreszeit, in der man beim Laufen nicht gegen einen geöffneten Backofen antritt.
9:05 Uhr.
Ben kommt über den Parkplatz.
„Ich weiß“, sagt er.
„Fünf Minuten?“
„Exakt.“
„Du entwickelst dich.“
Er grinst. „Das Training wirkt.“

Sophia muss lachen. Vor allem ist sie froh, dass sie diesen Termin gefunden haben. Der September hat die Arbeitswelt zurückgebracht: Termine, Projekte, E-Mails, Tage, die plötzlich wieder zu kurz sind. Ben hatte zuletzt wenig trainiert, manche Einheit verschwand zwischen Arbeit und Alltag. Sophia dagegen war fleißig gewesen. Viele gute Kilometer, lange Läufe, Marathonpace. Der Totenkopf aus dem Sommer war Geschichte.

Trotzdem hatten sich die Ambitionen bei beiden etwas verschoben.
Nicht aufgegeben.
Nur zurechtgerückt.
Sie wollten den Wörthersee Marathon gemeinsam laufen.

Ihre ursprünglichen Voraussetzungen waren unterschiedlich gewesen. Sophia hatte ihre 3:13 Stunden aus dem Frühjahr im Kopf, Ben eigene Vorstellungen. Doch je näher der 27. September kam, desto klarer wurde ihnen: Dieser Marathon musste kein Beweis ihrer Form werden. Er durfte ein gemeinsames Erlebnis sein. Als Coach hatte ich wenig dagegen. Wer nicht auf Bestzeit läuft, kann trotzdem sehr gut laufen und eine wunderbare Erfahrung sammeln.

Direkt am Wörthersee holten sich Ben und Sophia schon im Sommer das Gefühl für ihren gemeinsamen Marathonrhythmus. Die letzten Kilometer der Vorbereitung gehören jetzt nicht mehr dem Tempo – sondern dem Vertrauen in Form, Strecke und einander.
© SIP_JL

Für heute – genau zwei Wochen vor dem Marathon – hatte ich ihnen etwa 18 Kilometer aufgetragen. Die erste Hälfte ruhig. Danach „Marathon Paced Rhythm(MPR) – drei Mal zwei Kilometer in einem möglichen Marathontempo, dazwischen jeweils ein Kilometer locker.
Und einen Satz:
„Ihr müsst heute nicht zeigen, wie schnell ihr laufen könnt. Ihr müsst spüren, welches Tempo ihr lange laufen wollt.“

Sie laufen los.
Die Hauptallee ist fast zu perfekt. Gerade. Breit. Flach. Ein Laufband mit Geschichte. Die ersten Kilometer reden sie darüber, wie schnell aus sommerlichen Plänen wieder volle Kalender geworden sind.
„Im Juli dachte ich noch, im September bin ich in der Form meines Lebens“, sagt Ben.
„Und?“
„Jetzt bin ich in der Arbeitsform meines Lebens.“
Sophia lacht. „Ist auch eine Form.“

Nach etwa neun Kilometern wird das Gespräch kürzer.
Der erste Zweier beginnt.
Ben drückt auf seine Uhr.
„Also jetzt ernst?“
„Nein“, sagt Sophia. „Jetzt gefühlvoll.“
Sie finden den Rhythmus sofort. Nicht aggressiv, nicht hektisch. Die Schritte bleiben rund, die Arme locker, die Atmung kontrolliert.
Nach einem Kilometer schaut Ben auf die Uhr.
„Passt.“
Sophia nickt.

Nach zwei Kilometern nehmen sie Tempo heraus. Ein Kilometer locker. Dann wieder zwei Kilometer Marathonrhythmus. Beim zweiten Block läuft Sophia zunächst eine halbe Schrittlänge vorne. Wenig später laufen sie nebeneinander. Irgendwann wissen sie gar nicht mehr, wer das Tempo vorgibt.
Gemeinsam laufen sie anders als allein.
Nicht schneller.
Leichter.
Zwei Schritte finden denselben Takt. Einer zieht unmerklich an, der andere geht mit. Niemand muss etwas erklären.
„Schon komisch“, sagt Ben im lockeren Kilometer.
„Was?“
„Dass sich die Pace so normal anfühlt.“
„Tut sie auch.“
„Auf der Hauptallee.“
„Ja.“
„Auf den Kipchoge-Meilen.“
Jetzt lacht Sophia.
„Wir sollten uns nur nicht einbilden, dass der Wörthersee so ausschaut.“

Das wissen beide. Hier lief Eliud Kipchoge auf einer beinahe idealen Strecke unter zwei Stunden. Rund um den Wörthersee wartet etwas anderes. Vor allem die erste Hälfte am Südufer ist coupiert: kleine Anstiege, Gefälle, Rhythmuswechsel. Genug, um aus einer exakten Pace eine schlechte Idee zu machen.
„Am See laufen wir nach Gefühl, so wie sich die Beanspruchung anfühlt“, sagt Sophia.
„Nicht nach Ego“, sagt Ben.
„Das schreibst du dir auf die Hand.“
„Neben die Gels?“
„So groß, dass du es bei Kilometer dreißig noch lesen kannst.“

Der dritte Zweier wird der beste.
Nicht der schnellste.
Der beste.
Ihre Atmung bleibt ruhig. Ben merkt, dass er Reserven hat. Sophia merkt, dass sie nicht ziehen muss. Als die Uhr nach zwei Kilometern piepst, laufen beide automatisch weiter.
„He“, sagt Sophia.
„Was?“
„Fertig.“
Ben schaut auf seine Uhr.
„Schade eigentlich.“
Vielleicht ist das die beste Rückmeldung dieser Einheit.

Zwei Wochen vor dem Marathon lässt sich keine große Form mehr aufbauen. Die Arbeit ist getan. Jetzt gilt: Umfang reduzieren, Spannung behalten, erholen. Keine versäumten Kilometer nachholen. Keine neuen Schuhe, keine Ernährungsexperimente, keine letzte Heldentat.
Tapering ist manchmal schwerer als Training. Man muss weniger tun und trotzdem daran glauben, dass es mehr bringt.
Nach knapp 18 Kilometern stehen sie wieder beim Stadion. Ein paar Minuten lockern sie Waden und Hüfte, dann holen sie ihre Wechselkleidung aus den Autos.
Sophia kommt in Jeans und T-Shirt zurück. Ben in einem Hemd, das sichtbar schneller angezogen wurde als geplant.
„Kaffee?“, fragt er.
Sophia schaut Richtung Lusthaus.
„Unbedingt.“

Sie setzen sich draußen hin. Das Wetter ist zu schön, um sofort wieder in Termine zu verschwinden. Vor ihnen stehen Kaffee und Wasser, rundherum Menschen, die für diesen Sonntag offenbar keinen Trainingsplan haben.
Sophia nimmt einen Schluck.
„Was dürfen wir jetzt keinesfalls vergessen?“
Ben zählt an den Fingern ab.
„Nichts mehr nachholen.“
„Sehr gut.“
„Keine Experimente.“
„Noch besser.“
„Schuhe. Gels. Frühstück. Wettkampfkleidung.“
„Anreise.“
„Westbahn nach Klagenfurt.“
„Reservieren.“
„Und schlafen.“
Ben nickt. „Das könnte schwierig werden.“
„Vor allem, wenn du am Samstag bei den DJ-Sounds glaubst, taperinggerecht tanzen zu müssen.“
„Tanzen ist Aktivierung.“
„Sagt welche Studie?“
„Meine.“
Sie lachen.

Sie freuen sich längst nicht nur auf den Marathon. Auf Klagenfurt, den Runner’s Beach Club, den Shake-out Run, Yoga und Stretching am Nachmittag, auf DJ-Sounds und darauf, ein wenig das Tanzbein zu schwingen, obwohl am nächsten Morgen 42,195 Kilometer warten.
Dann ist es kurz still.
Nicht unangenehm.
Es ist diese Art von Stille, die entsteht, wenn zwei Menschen nicht mehr glauben, jede Pause mit Worten füllen zu müssen. Sophia schaut auf die Hauptallee. Vor einer Stunde sind sie dort nebeneinander gelaufen, jetzt sitzen sie nebeneinander am Tisch. Es fühlt sich erstaunlich selbstverständlich an.
Vielleicht war es im Sommer noch Zufall gewesen: Training, Wörthersee, Nachrichten über Hitze und Gels. Inzwischen ist es etwas anderes. Noch ohne Namen. Aber beide bemerken es. Ben dreht das Kaffeehäferl zwischen den Händen.
„Eigentlich schade, dass wir für unsere Treffen immer einen Trainingsplan brauchen.“
Sophia sieht ihn an.
„Dann lassen wir ihn halt einmal weg.“
Ben schaut auf.
Sie zögert kurz.
„Ich würde dich nämlich gern öfter sehen.“
Er sagt nichts.
„Auch abseits vom Laufen“, fügt sie hinzu.
Ben lächelt. Nicht sein übliches Grinsen. Ruhiger.
„Das würde ich auch gern.“

Mehr passiert nicht.
Kein großer Moment. Keine Musik. Kein Zieleinlauf. Nur zwei Menschen beim Lusthaus, zwei Wochen vor einem Marathon. Vielleicht passt genau das zu ihnen. Sie haben beim Laufen gelernt, aufeinander zu achten, den Rhythmus des anderen zu spüren. Nicht jede Beschleunigung mitzumachen. Manchmal zu warten. Manchmal mitzugehen. Vielleicht funktioniert Nähe gar nicht so anders.

Am 27. September werden sie gemeinsam am Strandbad Klagenfurt an der Startlinie stehen. Vor ihnen liegt eine Runde um den Wörthersee. Sie wollen nicht Vollgas laufen. Sie wollen gut laufen. Gemeinsam.
Und vielleicht haben beide inzwischen verstanden, dass dieser Marathon ohnehin nicht nur eine Ziellinie hat. Eine davon liegt wieder im Strandbad Klagenfurt. Die andere ist gerade erst in Sicht gekommen.

Autor: Johannes Langer
Bild: © SIP_JL

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