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„Wenn du heute diese Möglichkeit nicht nutzt …“

Traum-Meile & 1:59 Marathon: Ein Wiener Coach, ein englischer Sir, ein kenianischer Rekordläufer: Wie Franz Stampfl, Roger Bannister und Eliud Kipchoge Sportgeschichte geschrieben haben und warum der 6. Mai ein Lauf-Feiertag ist.
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6. Mai 1954 – vor 70 Jahren. 

Österreich hatte noch keinen Staatsvertrag. 
In Großbritannien waren die Lebensmittel rationiert.

An diesem Tag ereignete sich in Oxford einer der wirkungsmächtigsten Sportmomente des 20. Jahrhunderts. Der junge Mediziner Roger Bannister lief als erster Mensch eine Meile unter vier Minuten. 3:59,4 Minuten. Dieses Rennen wurde zum Symbol für das Erreichen von Zielen, die man für „unmöglich“ gehalten hat. Eine Injektion an Optimismus für die Gesellschaft und ein Symbol für die Machbarkeit von Dingen – wie geschaffen für die karge Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die noch auf den kommenden Aufschwung und den mittlerweile längst wieder in Frage gestellten Fortschrittglauben wartete. Der 70. Jahrestag rückt die Ereignisse wieder in den Blickpunkt. 

Privatarchiv Anton Stampfl. Veröffentlicht in: Franz Stampfl on Running, New York 1955, Illustration zwischen den Seiten 144 und 145. Fotograf: H.A. Meyer

Mittendrin war der 1913 in Wien geborene und aufgewachsene Leichtathletik-Trainer Franz Ferdinand Leopold Stampfl – als Architekt dieses Rennens und Trainer von Bannister und seinen beiden Tempomachern Chris Brasher und Chris Chataway. In England sah man eher das Genie von Roger Bannister als die Arbeit des Trainers, der ein Jahrzehnt zuvor noch von Liverpool nach Australien deportiert worden war. In Österreich schien ein Mann, der 1937 das Land verlassen hatte, ohnehin nicht am Radar der Öffentlichkeit auf. Von heute aus betrachtet, im 111. Jahr nach seiner Geburt: Gebührt Franz Stampfl nicht ein Platz im österreichischen Sportgedächtnis – etwa gleichauf mit jenem von Ernst Happel, der Welterfolge im Fußball ermöglicht hat?

Diese Geschichte hat Kreuzungspunkte und Windungen. Sie führt von Wien über London nach Melbourne und wieder zurück. Durch den Zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg. Zu Olympiasiegen, Weltrekorden und 15 Jahren ohne Bewegung in Armen und Beinen. Und bis zum ersten Marathon unter zwei Stunden.

Einer der ersten Sätze von Eliud Kipchoge am 12. Oktober 2019 im Ziel in der Prater Hauptallee, als er einen Marathon in 1:59:40,2 Stunden gelaufen war, lautete so: „Nachdem Roger Bannister 1954 Geschichte geschrieben hat, dauerte es weitere 65 Jahre, um Geschichte zu schreiben.“ – Das war vielleicht gescriptet, schließlich war ein britisches Unternehmen der Initiator und Geldgeber für dieses Projekt. Den monumentalen Stellenwert der Sub-4 Meile unterstreicht es dennoch. Das Rennen von 1954 wurde zum Muster für weitere Rekordprojekte: Speziell arrangiert, minutiös geplant, vorbereitet und ausgeführt im Team, mit dem Glauben daran, etwas scheinbar Unmögliches wahr zu machen. Die erste Meile unter vier Minuten ist das historische Vorbild für alle „Barrierebrecher“ im Sport – und war das ganz explizit auch für die INEOS 1:59 Challenge von Eliud Kipchoge. Die Sub-4 Meile und der Sub-2 Marathon sind zwei herausragende Beispiele dafür, wie durch Hingabe und Zusammenarbeit etwas realisiert werden kann, das als jenseits des Machbaren zu liegen scheint. Dass der Lauf von Kipchoge ausgerechnet in Wien stattgefunden hat, darf als feine Verbindung in die Sportgeschichte gesehen werden.

Hundert Jahre zuvor: Wien-Ottakring, Nauseagasse 15. Franz Stampfl lebte als junger Bursche in einer Zimmer-Küche-Kabinett Wohnung, so beengt wie zehntausende andere Familien dieser Zeit auch: Eltern, sieben Kinder und eine Großmutter. Zur Versorgung der Sippe suchte die Mutter auf dem Markt nach Gemüse zweiter Wahl und hoffte, dass man ihr das eine oder andere Stück schenkte. Zur Essenszeit stellte sie über einhundertzwanzig Zwetschkenknödel auf den Tisch. Sein Hunger auf neue Erfahrungen konnte damit aber nicht gestillt werden.

Olympiaausweis: Privatarchiv Anton Stampfl

Franz Stampfls Geschichte im Schnelldurchlauf zu erzählen, gleicht dem Versuch, das Teilnehmerfeld eines City Marathons in einen Smart Fortwo zu stecken. Dennoch der Versuch: Franz Stampfl, geboren 1913, am Ende der Monarchie und kurz vor dem Ersten Weltkrieg, war österreichischer Juniorenmeister im Speerwurf und kurzzeitig Student an der Wiener „Kunstgewerbeschule“, der heutigen Universität für Angewandte Kunst. Als Assistenztrainer im österreichischen Olympiateam bei den Spielen von Berlin 1936 sah er die Nazi-Inszenierung dieses Sportstücks. Vermutlich aufgrund disziplinärer Gründe wurde er aus der Mannschaft ausgeschlossen und im Nachgang von der österreichischen Sportführung wegen „gröbster Unsportlichkeit“ für zwei Jahre gesperrt. 

1937 ging er von Wien nach London, um als Trainer zu arbeiten und seinen Horizont zu erweitern. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde er in Großbritannien als Österreicher bzw. Deutscher zum „feindlichen Ausländer“ – so lautete die Bezeichnung: „enemy alien“. Er war ein Gegner des Nationalsozialismus, aber befand sich zur falschen Zeit am falschen Ort. Wie Tausende andere Menschen aus Hitlerdeutschland und aus dem faschistischen Italien wurde er verhört, interniert und 1940 unter verheerenden Umständen auf dem Schiff „Dunera“ nach Australien deportiert, weil befürchtet wurde, sie könnten Spione sein. Zwei Jahre verbrachte er in den Internierungslagern Hay und Tatura, danach diente er in einer Arbeitskompanie der australischen Armee. 

In Australien lernte er zwar seine zukünftige Frau Patricia kennen, konnte aber beruflich nicht Fuß fassen. So kehrte er nach Kriegsende wieder zurück nach Großbritannien, wo er aus dem Nichts heraus eine Tätigkeit als selbstständiger Trainer aufzubauen begann. Schritt für Schritt kamen die Erfolge. Der von ihm trainierte Chris Brasher, 1956 Olympiasieger im 3.000m Hindernislauf und später Gründer des London Marathons, stellte den Kontakt zu Roger Bannister her, der zunächst mit keinem Trainer zusammenarbeiten wollte. Der Rest ist Sportgeschichte. Am Tag des Rennens herrschte böiger Wind. Bannister wollte absagen. „Wenn du heute diese Möglichkeit nicht nutzt, wirst du dir je vergeben können?“, fragte Stampfl den zweifelnden Athleten auf der Zugfahrt von London nach Oxford. Bannister durchbrach die 4-Minuten-Marke über die Meile, gewann im gleichen Jahr die Commonwealth-Meisterschaften im legendären Duell mit dem Australier John Landy, beide blieben unter vier Minuten, und holte zudem den Europameistertitel über 1.500 Meter. Chris Chataway, einer der zwei Tempomacher im Meilenrennen, verbesserte in London den 5.000-m-Weltrekord. Der Coach veröffentlichte sein einflussreiches Trainingsbuch „Franz Stampfl On Running“. Im Vorfeld der Olympischen Spiele von Melbourne 1956 erhielt Stampfl eine Trainerstelle in Australien angeboten. Er nahm an. Seine Athleten gewannen je einmal Gold, Silber und Bronze. Als Leichtathletik-Coach an der Universität Melbourne förderte und beeinflusste er Generationen von Sportlerinnen und Sportlern. Herausragender Erfolg war der 800-m-Olympiasieg von Ralph Doubell in Weltrekordzeit in Mexiko 1968. 

Mehrfach kam Franz Stampfl in dieser Zeit nach Österreich, um seine Familie zu besuchen. Seine Schwester Hilda war von den Nazis ins Frauenzuchthaus Aichach in Bayern gesteckt worden, weil sie sozialdemokratische Flugblätter verbreitet hatte. Sein Bruder Josef teilte mit ihm die Begeisterung für den Sport und war einige Jahre lang Präsident des Wiener Leichtathletik-Verbandes. Außerhalb des engeren Familienkreises hat in Österreich praktisch niemand von Franz Stampfl Notiz genommen. Zuletzt war er 1980 in Wien, in zeitlicher Verbindung mit den Olympischen Spiele von Moskau. 

Wenige Wochen danach saß er in Melbourne in seinem Wagen und wartete vor einer roten Ampel. In vollem Tempo krachte von hinten kommend ein Auto fast ungebremst in ihn hinein. Stampfl überlebte schwer verletzt, konnte fortan nicht mehr gehen und auch die Arme nur in geringem Ausmaß bewegen. Fast 15 Jahre lang, bis kurz vor seinem Tod 1995, war er vom Rollstuhl aus weiter als Trainer tätig.

Es waren mehr Ereignisse, als gemeinhin in einem Leben Platz haben. Ein unglaublicher Beitrag zur Lauf- und Sportgeschichte inmitten vieler Verwerfungen des 20. Jahrhunderts.

Die Bedeutung von Franz Stampfl wurde vom Leichtathletik-Weltverband mit der Verleihung einer „World Athletics Heritage Plaque“ am 26. September 2019 hervorgehoben. Diese Ehrenplakette ist eine „Anerkennung für Sportlegenden“, die erst nach deren Tod verliehen werden kann. Unter anderem waren bereits Persönlichkeiten wie Jesse Owens und Emil Zatopek damit geehrt worden. Stampfl war in der ersten Gruppe von Trainern, die in diesen Kreis des sportlichen Welterbes aufgenommen wurden. Er erhielt diese Auszeichnung als einer von sechs Trainern. Gemeinsam mit ihm wurde das Wirken von Dr. Woldemeskel Kostre (Trainer von Haile Gebrselassie), Yoshio Koide (Naoko Takahashi), Arthur Lydiard (Peter Snell), Lawrence ‘Larry’ Snyder (Jesse Owens) und Dietrich Gerner (Adhemar Ferreira Da Silva) gewürdigt.

Die goldene Stampfl-Plakette befindet sich in Wien in den Räumlichkeiten des Österreichischen Leichtathletik-Verbandes. Roger Bannister, der 2018 verstorben ist, wird zum 70. Jahrestag der Sub-4 Meile bei Feierlichkeiten in Oxford ins Leichtathletik-Welterbe aufgenommen. Die Prater Hauptallee, Schauplatz des Sub-2 Marathons, ist bereits dort. Alle symbolisieren sie Laufereignisse, die einfach motivieren. Ob am 6. Mai oder an anderen Tagen des Jahres.

Autor: Andreas Maier
Bilder: Privatarchiv Anton Stampfl

Buchveröffentlichung (Deutsch)

Franz Stampfl: Trainergenie und Weltbürger. 
SportImPuls, Wien-Salzburg 2013
190 Seiten, mehrere Abbildungen
Autor: Andreas Maier
Bestellungen beim Verlag office@sportimpuls.at 

E-Book (Englisch)

Franz Stampfl. Genius Coach and Citizen of the World.
Andreas Maier (Autor), Andy Edwards (Übersetzung)
April 2022

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