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Wenn zwei sich laufen

Zwei Nachbarn, ein Herbst und die Frage: Wie bleibt man dran, wenn’s dunkel wird? Inga bringt Zuversicht und Plan, Manuel Tempo und Zweifel. Und aus dem Off flüstert der Coach: Einfach loslaufen.
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Es war ein Samstagmorgen, wie er im Buche steht. Naja, nicht im Buche, sondern eher im Wetterbericht. Nebel über der Stadt, die Blätter klatschnass. Inga stand trotzdem vor der Tür. In voller Montur. Wie immer. Stirnband und Handschuhe in Neongelb – alles dabei. Inga ist Ärztin. Und wer Ärztin ist, ist vorbereitet. Sie hatte sogar zwei Gels eingesteckt. Eines für sie. Eines für Manuel.

Der wiederum kam die Stiegen runter in kurzen Hosen. Kein Witz. Kurze Hose! Zehn Grad, Nebel, Wind – aber kurze Hose. Manuel ist 27. Bis vor zwei Jahren Fußballer. Also nicht Ex, weil er’s aufgegeben hat, sondern weil’s ihm zu wenig gelaufen ist. Jetzt läuft er. Und zwar meistens zu schnell.

„Laufen wir heut locker?“ fragt sie, wie jede Woche. „Sicher,“ sagt er, wie jede Woche.

Und wie jede Woche wird’s am Anfang zu schnell. Immer. Weil der Manuel sich denkt: So locker fühl ich mich. So locker lauf ich. Dass er dann nach acht Kilometern ausschaut wie nach einem Wettkampf in der Sommerhitze, das vergisst er irgendwie.

Aber Inga ist geduldig. Und klug. Und wenn man mit einer klugen Frau läuft, dann bleibt einem nix anderes übrig, als zuzuhören. Und irgendwann denkt sich sogar ein Manuel: Vielleicht hat sie ja recht.

Und jetzt komm ich ins Spiel. Sie nennen mich Coach, manche auch Stimme aus dem Hintergrund. Ich red, wenn’s drauf ankommt. Wenn der Kopf Nein sagt, aber das Herz noch Ja meint. Und weil das hier ja eine Trainingsgeschichte ist, sag ich dir jetzt: Es gibt keine bessere Zeit zum Laufen als den Herbst.

© SIP / Johannes Langer

Warum der Herbst die beste Jahreszeit ist

Der Herbst ist wie ein guter Trainingspartner. Anfangs mault er ein bisserl, aber am Ende ist man froh, dass man ihn hat. Die Luft: kühl und sauerstoffreich. Die Landschaft: ein Farbenrausch. Die Wege: leer. Und wenn’s wirklich regnet? Dann kommt das Zauberwort: Ausrüstung.

Die Inga, die hat das längst kapiert. Eine Jacke mit Windstopper. Schuhe mit Grip. Sichtbarkeit in Neon. Der Manuel? Der kommt halt immer wie ins Training bei Rapid – schwarz, kurz und ohne Reflektoren. Aber nicht mehr lange. Denn wenn man mit Inga läuft, bekommt man irgendwann eine Stirnlampe für die Läufe am Abend geschenkt. Oder besser: aufgesetzt. Mit Nachdruck.

Sicherheit ist kein Accessoire

„Ich will nicht, dass du überfahren wirst“, sagt Inga irgendwann, „Nur weil du aussiehst wie ein Schatten auf Urlaub.“ Da hat sie recht. Weil Sichtbarkeit ist im Herbst das halbe Leben. Reflektoren, Blinklicht, leuchtende Westen. Alles, was hilft, dass man gesehen wird. Weil: Wer läuft, will nicht nur ins Ziel kommen, sondern auch wieder heim.

Laufen im Polarlicht

Manuel hat einen Vorteil. Er ist schnell. Aber auch einen Nachteil. Er läuft immer schnell. Oder will es zumindest. Und dann wundert er sich, dass er nach 22 Kilometern ausschaut wie eine zerdrückte Banane.

Inga hat das verstanden. Sie hat gelesen, was ich ihr geschickt hab: In dieser Phase die Ausrichtung mehr auf Polarisiertes Training. Das heißt im Groben: 80 Prozent locker, 20 Prozent zügig. Kein Dauerstress. Kein Heldenlauf jeden zweiten Tag. Sondern: bewusste Steuerung. Viel im Grundlagenbereich. Nur gelegentlich mal Gas. Der Manuel hat sich gedacht: „Hä?“ Und dann hab ich’s ihm erklärt:„Wenn du jedes Mal alles gibst, dann gibst du irgendwann gar nix mehr.“

Jetzt macht er’s so: Unter der Woche zweimal locker, einmal Fahrtspiel. Am Wochenende längerer Dauerlauf mit Inga in einem abwechslungsreichen Gelände. Und siehe da: Nach einigen Wochen kommt er weiter. Und schaut dabei sogar noch frisch aus.

Die langen Läufe mit dem langen Atem

Sonntag. Zehn Uhr. Nebel lichtet sich über dem Wald. Inga und Manuel sind schon acht Kilometer unterwegs. Reden kaum. Atmen gleich. Schritt an Schritt. Kein Wettkampf. Kein Trainingsterror. Nur Laufen.

Ich sag ihnen oft: „Die besten Läufe sind die, bei denen du nach dem Ziel nicht mehr weißt, was du alles gedacht hast – weil du einfach nur warst.“

Manuel nickt. Er ist lernfähig. Inga lächelt. Sie wissen, dass’s stimmt.

Fitnessstudio trifft Waldweg

Am Dienstag geht Inga ins Studio. Kniebeugen, Rumpfstabi, ein bissl TRX. Manuel hat sich drüber lustig gemacht. „Wozu soll das gut sein?“ fragt er.

Bis er mal mit war. Und am nächsten Tag Muskelkater hatte, dort, wo er nicht mal gewusst hat, dass er Muskeln hat. Seitdem macht er’s auch. Zwei Einheiten pro Woche. Weil: Starke Muskeln laufen leichter. Und Verletzungen lassen sich vermeiden.

Motivation in der Übergangszeit

Jetzt im Oktober, wenn’s finster wird, bevor man die Laufschuhe anhat, braucht man Gründe. Gute Gründe. Nicht nur, weil man will, sondern weil man weiß, wofür.

Inga sagt: „Der nächste Halbmarathon im Frühling in Salzburg.“
Manuel sagt: „Einfach nicht wieder eingehen wie in zuletzt in Berlin.“

Und ich sag: „Ziele sind gut. Aber aktuell ist die Trainingsroutine wichtiger.“

Weil Motivation kommt nicht vom Applaus im Ziel. Die kommt vom Anziehen der Schuhe, wenn’s draußen finster ist. Vom Rausgehen, wenn man drinnen bleiben will. Vom inneren Antrieb. Vom kleinen „Trotzdem“. Inga hat eine WhatsApp-Gruppe gemacht. Sie heißt: #Trotzdemlaufen. Da schreiben sie rein, wenn sie laufen waren. Auch wenn’s genieselt hat. Oder weil. Am Anfang waren’s nur zwei. Jetzt sind’s schon sechs. Vielleicht bald mehr. Wer weiß. Ich darf auch manchmal reinschauen und ein paar Tipps eintragen.

Nachwort in Laufschuhen

Du willst besser werden? Dann lauf öfter locker.
Du willst dranbleiben? Dann lauf gemeinsam, miteinander geht’s leichter.
Du willst sicher durch den Herbst? Dann mach Licht. Und zieh dich an wie ein Profi, nicht wie ein Tourist.
Du willst nicht krank werden? Übertreibe es nicht. Mach Pause wenn’s kratzt.
Und du willst das Laufen lieben lernen? Dann hör nicht immer nur auf deine Uhr. Hör auf dich.

Und wenn du mal Fragen hast, bin ich da. Zum Beispiel bei vielen ClubTrainings und Vorbereitungsläufen zum PUMA Salzburg Marathon.

Und wenn du jetzt noch liest, dann los: Schuhe an!
Es ist Herbst. Es ist schön. Es ist deine Zeit.

Autor: Johannes Langer
Bild: © SIP / Johannes Langer

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