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Bei herausfordernden äußeren Bedingungen mit Temperaturen von 29° im Schatten hat Audrey Werro im Stade Charléty von Paris am frühen Sonntagabend eindrucksvoll nachgewiesen, dass sie aktuell das Maß aller Dinge im 800m-Lauf der Frauen ist. In Abwesenheit von Keely Hodgkinson, die Mitte Juli in London auf die Wettkampfbühne zurückkehren wird, gelang der jungen Schweizerin zwar kein Weltrekordlauf. Sie brillierte aber mit einem dominanten Auftritt und einer neuen persönlichen Bestleistung von 1:53,80 Minuten. Damit unterbot die 22-Jährige ihre Stockholm-Gala um weitere 0,18 Sekunden und bleibt Dritte in der ewigen Weltbestenliste. Der älteste Weltrekord in der Leichtathletik, die Zeit von 1:53,28 Minuten von Jarmila Kratochvilova, bleibt also vorerst weiterhin bestehen. Jedoch ist Werro die erste Athletin in der Geschichte mit zwei 800m-Zeiten unter 1:54 Minuten.
Ausgerechnet bei Audrey Werro funktionierte die detaillierte Live-Aufzeichnung der Wanda Diamond League nicht, weshalb von ihrer Leistung keine Splits mit Hundertstelsekunden verfügbar sind. Doch lässt sich vom Diamond-League-Rennen in Paris einwandfrei erzählen, dass die Schweizerin nach einem bemerkenswerten Start des Feldes mit einer Geschwindigkeit von fast 30 km/h an der Spitze auf den ersten 50 Metern sich das Rennen von Tempomacherin Myrte van der Schoot in 53,35 Minuten (erste 400 Meter) anlaufen ließ. Danach übernahm Werro plangemäß die Spitze und gab diese nicht wieder ab, wobei sie auf den letzten 100 Metern ihren Vorsprung auf die Verfolgerinnen deutlich vergrößern konnte.
Die letzten Meter bestritt sie im erhöhten Erschöpfungsgrad in kämpferischer Manier mit leicht horizontal rotierendem Oberkörper – Werro, die fünf Tage zuvor in Biel eine Weltbestzeit im 600m-Lauf aufgestellt hatte (1:22,85), holte alles aus sich heraus. Sie verbesserte ihren eigenen Diamond-League-Rekord, Schweizer Rekord und Weltjahresbestleistung. „Ich bin wirklich, wirklich glücklich mit der heutigen Leistung“, sagte sie. Ihre aktuelle Topform führt sich darauf zurück, dass sie nach dem Ende ihrer Ausbildung als Profi arbeiten kann und damit den vollen Fokus auf den Sport legt. Nun wird sie allerdings eine Wettkampfpause einlegen.

Für den zweiten sensationellen Auftritt in diesem Rennen zeigte Anais Bourgoin die Initiative. Die 29-jährige Französin attackierte Femke Broeders-Bol, den zweiten großen Namen neben Werro im Rennen, auf der Außenseite der letzten Kurve und zwängte sich mit großem Aufwand vorbei. Zu diesem Zeitpunkt lag die Lokalmatadorin unter dem Jubel des französischen Publikums nur knapp hinter der Schweizerin.
Auch wenn Bourgoin auf den letzten Metern etwas Zeit einbüßte – mit einer Zeit von 1:55,65 Minuten pulverisierte sie den aus dem Jahr 1995 stammenden französischen 800m-Rekord von Patricia Djaté-Taillard um neun Zehntelsekunden, ihren bisherigen persönlichen Bestwert um 1,3 Sekunden. „Es war ein perfektes Rennen. Davon träume ich schon seit langem“, freute sich Bourgoin. Gegenüber der französischen Sportzeitung „L’Équipe“ spuckte sie die großen Töne: Sie fühle sich fähig, Europameisterin zu werden – trotz Audrey Werro, Keely Hodgkinson und Co.
Auch für Femke Broeders-Bol hat sich das Rennen in Paris mehr als gelohnt. In ihrer ruhigen Laufart gelang der Holländerin der mit Abstand beste 800m-Wettkampf ihrer bisherigen Karriere, was sich auch in einer deutlichen persönlichen Bestleistung von 1:55,60 Minuten (eineinhalb Sekunden schneller als bisher) niederschlug. Zum langjährigen holländischen Landesrekord von Ellen van Langen, 1992 Olympiasiegerin von Barcelona, fehlten gerade einmal sechs Hundertstelsekunden.
Broeders-Bol ließ sich auch von der aufmüpfigen Bourgoin nicht aus der Ruhe bringen, hielt strikt die Innenbahn und konnte mit dem zweitbesten Finale des Feldes die Französin auf den letzten Metern noch einmal abfangen. „Es ist verrückt, dass ich eine 1:55er Zeit gelaufen bin. Es hat so viel Spaß gemacht: ein fantastisches Rennen, das mir sehr viel Selbstvertrauen gibt“, so die Holländerin, die mit Saisonbeginn in die 800m-Szene eingestiegen ist.
Auch der Rest des Feldes profitierte vom unglaublichen Tempo der Spitze. Die ehemalige Hallen-Weltmeisterin Prudence Sekgodiso verbesserte ihre persönliche Bestleistung auf eine Zeit von 1:56,83 Minuten, auch die dreifache EM-Silbermedaillengewinnerin Rénelle Lamote blieb vor heimischen Publikum erstmals in ihrem Leben unter 1:57 Minuten, ihrer Landsfrau Clara Libermann gelang ebenfalls ein Lifetime-Best. Sarah Billings aus Australien verbesserte den bei der WM 2025 aufgestellten Ozeanienrekord ihrer Landsfrau Jessica Hull um 0,14 Sekunden auf eine Zeit von 1:57,01 Minuten.
Ähnlich dominant wie Audrey Werro gestaltete Marco Arop den 800m-Lauf der Männer. In Abwesenheit der beiden bisher Jahresbesten der Szene, Emmanuel Wanyonyi und US-Youngster Cooper Lutkenhaus, trat der Kanadier nach 400 Metern imposant an und lag zeitweise bis zu 19 Meter (!) vor dem Rest des Feldes. Der Weltmeister von 2023 veredelte seinen Auftritt und lief nach 1:41,86 Minuten über die Ziellinie, womit er Lutkenhaus die Weltjahresbestleistung abknöpfte. „Es war unglaublich, wir haben beinahe das perfekte Rennen gesehen: Der Tempomacher war super genauso wie die Atmosphäre“, jubelte Arop.

Für mehr, etwa einen Meetingrekord oder einen neuen kanadischen Rekord, reichte es bei seinem sechsten Diamond-League-Sieg allerdings nicht – auf den letzten Metern konnte der 27-Jährige sein hohes Tempo nicht halten. Nur der amtierende Europameister Gabriel Tual benötigte auf den letzten 100 Metern mehr Zeit. Der viertplatzierte Ben Pattison holte etwa ab der Kurve noch 1,2 Sekunden auf Arop auf. „Ich bin in richtig guter Form, aber ich komme von einer Verletzung und glaube, dass ich mit etwas Finetuning im Laufe der Saison den Weltrekord drauf habe“, schickte Arop noch eine Warnung an die Weltspitze nach.
Bemerkenswert war auch die Diamond-League-Saisonpremiere von Niels Laros, der letztes Wochenende schon in Hengelo über 800m brilliert hat (siehe RunUp.eu-Bericht). Der 1.500m-Spezialist steigerte seine persönliche 800m-Bestleistung noch einmal auf eine Zeit von 1:43,60 Minuten und schnappte sich Platz zwei vor dem in dieser Saison beachtlich starken Norweger Tobias Grönstad (1:43,63).
Für eine Sensation sorgte Karl Bebendorf im 3.000m-Hindernislauf. Der Deutsche feierte nicht nur eine deutliche persönliche Bestleistung von 8:05,55 Minuten, sondern auch seinen allerersten Sieg in der Diamond League. Der 30-Jährige hielt sich von Beginn an in der Spitze und attackierte auf den letzten 200 Metern mit einer beeindruckenden Beschleunigung.
Der Split von 2.900 Metern bis ins Ziel war mit 13,6 Sekunden der mit Abstand der schnellste im Feld, womit der Deutsche den führenden Äthiopier Gemechu Godana (PB von 8:05,86), amtierender Afrikameister, noch abfing. „Ein Sieg in der Diamond League vor dieser Kulisse – das ist fantastisch! Es war Zeit, endlich mal eine persönliche Bestleistung zu laufen“, freute sich Bebendorf, in Rom vor zwei Jahren EM-Bronzemedaillengewinner.

Damit ist der 30-Jährige bereits der zweite Deutsche, der in dieser Saison für Furore im 3.000m-Hindernislauf sorgt. Sein Landsmann Frederik Ruppert war vor vier Wochen beim Diamond-League-Meeting in Rabat als erster Europäer überhaupt unter acht Minuten geblieben. Freilich fehlte in Paris die Weltnummer eins, Soufiane El Bakkali, doch die Athleten, die Bebendorf mit seiner Glanzleistung hinter sich ließ, waren durchaus namhaft: Kenias Junioren-Weltmeister Edmund Serem (Dritter), den Äthiopier Samuel Firewu (Vierter) oder den Kenianer Abraham Kibiwott (Neunter). „Ich habe mich mental schon darauf vorbereitet, hier gewinnen zu können. Gott sei Dank hat es geklappt“, fügte er an.
Mit einem neuen Ozeanienrekord im 1.500m-Lauf glänzte Cameron Myers in einer Disziplin, in der in Paris keine Diamond-League-Punkte vergeben wurden. Der 20-jährige Rohdiamant aus „Down Under“ erwischte endlich einmal wieder einen Wettkampf ganz nach seinem Geschmack von vorne und mit 100%iger Tagesverfassung und steigerte seine persönliche Bestleistung um fast zwei Sekunden auf eine Zeit von 3:28,00 Minuten. Wie „Let’sRun.com“ betonte, ist die Zeit besser als Jakob Ingebrigtsens beste Zeit als 20-Jähriger. „Ich wusste, dass ein gutes Rennen in meinen Beinen steckt, aber in letzter Zeit fühlte sich mein Körper nicht immer so gut an. Aber heute war es fantastisch!“, jubelte der Australier, der sich nun vor den Commonwealth Games eine Pause gönnt und in seine Heimat zurückfliegt.
Mit dieser Fabelleistung pulverisierte der 20-Jährige den Ozeanienrekord seines Landsmanns Ollie Hoare um fast eineinhalb Sekunden und schob sich in der ewigen Weltbestenliste, die seit fast drei Jahrzehnten von Hicham El Guerrouj angeführt wird, auf Position zwölf. Azzedine Habz, der vor einem Jahr auf dieser Bahn mit einer Zeit von 3:27,49 Minuten geglänzt hatte, versuchte mit dem Australier mitzugehen, konnte das Tempo aber nicht halten und rettete sich zu einer Zeit von 3:29,80 Minuten und Platz zwei. Mit dem mit Abstand stärksten Finale sprang Ex-Weltmeister Jake Wightman in 3:29,95 Minuten noch aufs Stockerl.

Im 1.500m-Lauf der Frauen überholte Georgia Hunter Bell die Äthiopierin Freweyni Hailu und gewann den Wettkampf in einer Zeit von 3:55,63 Minuten. Es war ihr zweiter Diamond-League-Saisonsieg nach Rom, die Engländerin gehört aber auch im 800m-Lauf zu Europas Spitze. Viel Applaus holte sich Agathe Guillemot, die ihren eigenen von den Olympischen Spielen 2024 stammenden französischen Rekord auf eine Zeit von 3:56,24 Minuten verbesserte. Die 26-Jährige hält nun neun der zwölf französischen sub-4-Minuten-Zeiten im 1.500m-Lauf. Als Wettkampf-Dritte ließ sie Olympia- und WM-Medaillengewinnerin Jessica Hull aus Australien hinter sich.
Im 5.000m-Lauf der Männer gab Olympia-Bronzemedaillengewinner Grant Fisher ein Lebenszeichen von sich. Der 29-jährige US-Amerikaner sicherte sich dank eines starken Schlussspurts in einer Zeit von 12:54,80 Minuten seinen ersten Wettkampfsieg seit über einem Jahr und seinem ersten außerhalb Nordamerikas seit fast drei Jahren. „Ein Diamond-League-Rennen zu gewinnen, ist sehr schwierig. Es war ein seltsames Rennen und ein harter Kampf bis zum Schluss“, so der Amerikaner nach dem Rennen. Er verwies den Kenianer Jacob Krop und den Schweden Andreas Almgren auf die weiteren Plätze, der lange Zeit führende Egide Ntakarutimana lief als Vierter einen Landesrekord für Burundi. Lokalmatador Jimmy Gressier musste sich mit Platz sieben in 12:57,79 Minuten zufrieden geben. Der angepeilte Europarekord blieb deutlich außer Reichweite.

Aufgrund einer außergewöhnlichen Hitzewelle über Frankreich stand eine Absage des Diamond-League-Meetings in Paris durch die Pariser Behörden im Raum. Der Veranstalter beharrte auf sein Sicherheitskonzept bei hohen Temperaturen und zog den Abend bei hochsommerlichen, aber nicht astronomischen Temperaturen durch. Die 1A sportlichen Leistungen gaben dem Veranstalter recht.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Marta Gorczynska for Diamond League AG / © Ed Hall for Diamond League AG