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Werro stiehlt Hodgkinson in Stockholm die Show

Beim Diamond-League-Meeting in Stockholm gelingt die schnellste 800m-Zeit seit 43 Jahren. Doch nicht Keely Hodgkinson, sondern Audrey Werro schrieb Geschichte.
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Über vier Jahrzehnte lang lief keine Athletin die 800 Meter unter 1:54 Minuten. Gut einen Monat vor dem angekündigten Weltrekordversuch von Keely Hodgkinson in London ist die Olympiasiegerin plötzlich trotz eines neuen britischen Rekords nicht mehr die Nummer eins in der Szene. Die Schweizerin Audrey Werro übertrumpfte die Engländerin mit einer überragenden Leistung – und einer historischen noch dazu!

Da staunte Keely Hodginkson nicht schlecht. Die Olympiasiegerin, die Hallen-Weltmeisterin, die designierte Mittelstreckenläuferin für große Taten. Sie, die sich berufen fühlt, den ältesten noch bestehenden Weltrekord der Leichtathletik aus den Geschichtsbüchern zu löschen. Jene 1:53,28 Minuten über 800 Meter, gelaufen von Jarmila Kratochvilova am 26. Juli 1983 in München – eine Fabelleistung mit vielen Facetten in differenzierter Ausprägung. Beim Diamond-League-Meeting in London am 18. Juli soll es soweit sein. Vor heimischem Publikum!

BAUHAUS Galan 2026

Stockholm war ein Test, eine Art Generalprobe für den Weltrekordversuch. Drei Tage nach ihrer Saisonpremiere über 400 Meter in Rom stürmte die 24-jährige Engländerin zu einem neuen britischen Rekord von 1:54,33 Minuten. So weit, so gut. Doch nun gibt es eine seriöse Kontrahentin auf der Weltrekordjagd. Audrey Werro übertrumpfte Hodgkinson überraschend, pulverisierte ihren Schweizer 800m-Rekord und firmierte in einer Zeit von 1:53,98 Minuten die erst dritte Leistung unter 1:54 Minuten in der Geschichte. Die erste seit 43 Jahren! Und schneller als der Afrikarekord.

Die schnellsten 800m-Zeiten der Frauen in der Geschichte

  • 1:53,28 Minuten – Jarmila Kratochvilova (Tschechoslowakei), München 1983
  • 1:53,43 Minuten – Nadezhda Olizarenko (Sowjetunion), Moskau 1980
  • 1:53,98 Minuten – Audrey Werro (Schweiz), Stockholm 2026
  • 1:54,01 Minuten – Pamela Jelimo (Kenia), Zürich 2008
  • 1:54,25 Minuten – Caster Semenya (Südafrika), Paris 2018
  • 1:54,33 Minuten – Keely Hodgkinson (Großbritannien), Stockholm 2026
  • 1:54,44 Minuten – Ana Fidelia Quirot (Kuba), Barcelona 1989
  • 1:54,60 Minuten – Caster Semenya (Südafrika), Monaco 2018
  • 1:54,61 Minuten – Keely Hodgkinson (Großbritannien), London 2024
  • 1:54,62 Minuten – Lilian Odira (Kenia), Tokio 2025

„Massiver Respekt für Audrey“

Keely Hodgkinson präsentierte sich in der schwedischen Hauptstadt als faire Verliererin: „Ich bin ziemlich glücklich mit meinem Wettkampf heute, Audrey war einfach besser! Ich habe massiven Respekt vor ihr als Athletin, sie ist ein fantastisches Rennen gelaufen.“ Dennoch fiel es der erfolgsverwöhnten Britin sichtlich nicht ganz so leicht, im Interview mit der Wanda Diamond League aus voller Überzeugung zu strahlen. Sie gab zu, eine derartige Leistung von ihrer Kontrahentin nicht erwartet zu haben. Der Wirkungstreffer der Niederlage, für die Werro ihre persönliche Bestleistung um fast zwei Sekunden gesteigert hatte – auf diesem Niveau eine Welt – hatte erkennbare Spuren in ihren Gedanken hinterlassen, ihr Lächeln und ihr Redefluss stockten. In London will sie dennoch an ihrer Zielsetzung festhalten: „Es war mein erster 800er der Saison, auf dieser Leistung kann ich aufbauen. Mal sehen, wohin die Reise geht.“ Dass der EM-Titel vor heimischem Publikum in Birmingham ein Selbstläufer wird, darf angesichts dieses Auftritts von Werro nun bezweifelt werden. Konkurrenz belebt das Geschäft!

Am Limit

Es gab ein frühes Zeichen in diesem denkwürdigen Rennen, das Hodgkinsons Alarmbereitschaft in die Höhe schnellen ließ. Audrey Werro drängte sich nämlich gleich nach dem Start hinter Tempomacherin Rachel Klopfenstein aus Mauritius. Die Engländerin, die es gewohnt ist von vorne zu laufen, musste sich erst einmal hinten einordnen. Mit einer Zwischenzeit von 55,54 Sekunden ging die Tempomacherin in die zweite Runde, die Schweizerin folgte in 55,79, Hodkinson in 56,12.

Audrey Werro (SUI) wins the Women’s 800m with a time of 1:53.98 in a new Diamond League Record, Meeting Record and National Record at the BAUHAUS-Galan Stockholm, the 5th stop on the Wanda Diamond League circuit, on 7 June 2026

Jetzt ging die Olympiasiegerin in Front und beschleunigte im vierten Viertel des Rennens noch einmal. Doch sie konnte Werro nicht abschütteln. Im Gegenteil! Die 22-Jährige kam mit Geschwindigkeitsüberschuss aus der letzten Kurve, setzte sich neben Hodgkinson und spurtete vorbei. In dieser Phase lief Werro, mit 650 harten Rennmetern in den Beinen, sekundenlang einen Speed von fast 26 km/h, wie die graphische Auswertung der Diamond League ergab.

Historische Fabelzeit

Gekrönt wurde die Ausnahmeleistung dann vom fast Unvorstellbaren, eine Zeit unter 1:54 Minuten: 1:53,98 Minuten, fast eine Sekunde schneller als die Weltjahresbestleistung (Hodgkinsons Hallen-Weltrekord aus dem Februar) und über zwei Sekunden schneller als der Meetingrekord. „Es war völlig verrückt, 1:53 auf dem Screen zu lesen“, meinte die Siegerin später.

Die US-Laufplattform „Let’sRun.com“ schrieb angesichts des staatlich organisierten Dopings in den Ostblockländern zu Zeiten der Teilung Europas in West und Ost vom „wahren Weltrekord“ und stellte Werros Leistung auch in den Vergleich mit Caster Semenyas jahrelanger Dominanz – mit dem Vorteil eines biologisch bedingten, höheren Testosteronlevels im Körper.

Audrey Werros 100m-Splits: 13,70 / 13,21 / 14,27 / 14,61 / 15,01 / 14,72 / 14,15 / 14,31 Sekunden

Ein Mantra als Prophet

Werro, früher mehrfache Europameisterin in den Nachwuchsklassen und auch Junioren-WM-Silbermedaillengewinnerin vor vier Jahren sowie im März Hallen-WM-Silbermedaillengewinnerin bei den Erwachsenen, erlebte ihre Sternstunde: „Es ist verrückt! Ich werde sicher eine Woche brauchen, bis mir vollumfänglich klar wird, was mir hier gelungen ist. Es war unglaublich hart, aber ich war extrem fokussiert und hatte am Ende viel Energie in meinen Beinen.“

Im Interview mit der Wanda Diamond League erzählte sie, dass sie sich seit zwei Jahren jeden Tag, immer wieder, einrede, sie sei die Beste. „Manchmal ist es hart, mir selbst zu glauben. Aber wenn man jeden Tag sich selbst sagt, man sei die Beste, ist man irgendwann in der Lage, große Dinge zu vollbringen!“

Angesichts der überragenden Performance der Top-Zwei ging völlig unter, dass die US-Amerikanerin Roisin Willis – die Audrey Werro 2022 bei den Junioren-Weltmeisterschaften besiegt hatte – bei ihrem Diamond-League-Debüt mit einem phänomenalen Schlussspurt von Position zehn ausgangs der letzten Kurve noch auf Rang drei gestürmt ist: mit einer massiven persönlichen Bestleistung von 1:57,56 Minuten. Auf den letzten 40 Metern war die 22-Jährige mit Abstand die Schnellste im Feld – sogar deutlich schneller als die bereits zum Jubel ihre Arme ausbreitende Siegerin.

Ergebnis 800m-Lauf, Diamond-League-Meeting in Stockholm
1. Audrey Werro (Schweiz) 1:53,98 Minuten
2. Keely Hodgkinson (Großbritannien) 1:54,33 Minuten
3. Roisin Willis (USA) 1:57:56 Minuten
4. Anais Bourgoin (Frankreich) 1:57.68 Minuten
5. Prudence Sekgodiso (Südafrika) 1:57.70 Minuten
6. Anna Wielgosz (Polen) 1:57,92 Minuten
7. Raevyn Rogers (USA) 1:57,94 Minuten
8. Sage Hurta-Klecker (USA) 1:58,26 Minuten
9. Nigist Getachew (Äthiopien) 1:58,59 Minuten
10. Pernille Karlsen Antonsen (Norwegen) 1:58,82 Minuten
11. Gabriela Gajanova (Slowakei) 2:02,88 Minuten

Heimsieg für Caroline Bredlinger

An Fronleichnam fand im Sportzentrum NÖ in St. Pölten die 18. Ausgabe des Liese Prokop Memorial, eines der wichtigsten Leichtathletik-Meetings in Österreich, statt und wurde von zahlreichen tollen Leistungen heimischer Leichtathletinnen und Leichtathleten gekrönt. Auch im 800m-Lauf der Frauen durfte sich das Publikum über einen Heimsieg von Caroline Bredlinger (LT Bgld Eisenstadt) freuen. Die Burgenländerin setzte sich im Duell mit ihrer kroatischen Traningspartnerin Nina Vujovic hauchdünn durch, beide wurden mit einer Zeit von 2:01,41 Minuten gewertet. Dritte wurde die Slowenin Anita Horvat mit einem Respektabstand von zweieinhalb Sekunden.

© ÖLV / Alfred Nevsimal

„Ein Heimsieg ist immer etwas Besonderes!“, freute sich die 25-Jährige, die für die Europameisterschaften in Birmingham bereits qualifiziert ist. „Die Zeit ist nicht die allerbeste, aber ich fühle mich jetzt wieder deutlich besser im Wettkampf als in der Hallensaison. Daher bin ich zufrieden, auch weil ich weiß, dass ich mehr drauf habe.“ Zweitbeste Österreicherin wurde die 20-jährige Tabea Schmid (ULC Riverside Mödling) mit einer persönlichen Bestleistung von 2:09,69 Minuten.

Kurz davor wurde der Tscheche Jakub Dudycha, Junioren-Europameister von 2023, seiner Favoritenrolle im 800m-Lauf der Männer gerecht und verwies in einer Zeit von 1:45,82 Minuten Robin Oester aus der Schweiz und Vladyslav Finchuk aus der Ukraine auf die weiteren Plätze. Niklas Kainrath (Union St. Pölten) überzeugte mit einer persönlichen Bestleistung von 1:48,60 Minuten als bester Österreicher auf Rang vier.

Wunderkind überzeugt auch in der Diamond League

Werros Superleistung im 800m-Lauf war die Sensation des Meetings – gemeinsam mit der unerwarteten Niederlage von Stabhochsprungstar Mondo Duplantis ausgerechnet vor heimischem Publikum. Aber eine denkwürdige Bauhaus Galan im 114 Jahre alten Olympiastadion der schwedischen Hauptstadt produzierte noch weitere bärenstarke Leistungen. Eine davon zauberte Cooper Lutkenhaus auf die Bahn. Der 17 Jahre alte Hallen-Weltmeister kämpfte auf der Zielgerade des 800m-Rennens der Männer den ehemaligen Weltmeister Marco Arop nieder und lief gleich in seinem ersten Diamond-League-Rennen der Karriere in einer starken Zeit von 1:42,70 Minuten zum Sieg.

„Dieser Einstieg in die Outdoor-Saison fühlt sich richtig gut an, ich bin überglücklich. Der Wettkampf verlief nach Plan“, sagte das Ausnahmetalent aus den USA, das am Mittwoch beim nächsten Diamond-League-Meeting in Oslo gerne einen weiteren Erfolg nachlegen möchte. Es ist die zweitschnellste Laufzeit des Jahres, die beste in der noch jungen Freiluftsaison. Arop blieb in 1:43,11 Minuten nur der zweite Platz vor Slimane Moula aus Algerien.

© Thomas Windestam for Diamond League AG

Erste Saisonniederlage für Myers

Im 1.500m-Lauf der Männer waren die Augen auf den bisher in dieser Saison mehrfach stark laufenden Cameron Myers gerichtet. Der 19-jährige Australier lief in der entscheidenden Rennphase alles von vorne, fand in Stockholm aber seinen Meister in Yared Nuguse aus den USA, der dank des besten Endspurts im gesamten Feld bereits seinen zweiten Erfolg in der laufenden Diamond-League-Saison feierte. In einer Zeit von 3:30,11 Minuten setzte sich der 27-Jährige mit 0,21 Sekunden Vorsprung auf Myers durch, Dritter wurde der ehemalige Weltmeister Timothy Cheruiyot aus Kenia. „Es war ein frustrierendes Rennen“, meinte Myers enttäuscht. „Ich wollte deutlich mehr, ich weiß, dass ich in großartiger Form bin.“

Außerdem standen zwei Hindernisläufe auf dem Programm. In Abwesenheit der drei Topläuferinnen der Gegenwart stürmte Marwa Bouzayani aus Tunesien im Alleingang zu einer Siegerzeit von 8:59,28 Minuten, die erste sub-9-Minuten-Leistung in der Geschichte dieses Meetings. Die 29-Jährige, die auch im dritten Saisonrennen unter neun Minuten blieb, verwies Elise Thorner aus Großbritannien und Gabrielle Jennings aus den USA um rund zwölf Sekunden auf die weiteren Plätze. Die Deutsche Lea Meyer wurde in 9:13,67 Minuten Fünfte, dahinter markierte Ilona Mononen einen neuen finnischen Rekord von 9:15,18 Minuten.

Bei den Männern feierte Soufiane El Bakkali einen Favoritensieg – im Gegensatz zum Rennen in Rabat (siehe RunUp.eu-Bericht) ging es aber nicht so schnell zur Sache. Dem Marokkaner reichte eine Siegerzeit von 8:10,40 Minuten, um die Kenianer Edmund Serem und Abraham Kibiwot hinter sich zu halten. Der neue Europarekordhalter Frederik Ruppert war dieses Mal nicht am Start, sein Landsmann Karl Bebendorf wurde Siebter.

© Marta Gorczynska for Diamond League AG

Weitere wichtige Meetingergebnisse

🇮🇹 Es war nicht der Tag von Nadia Battocletti, vergangenen Donnerstag bei der Golden Gala, dem europäischen Diamond-League-Auftakt in dieser Saison in Rom. In jenem Stadion, in dem sie 2024 zweimal Europameisterin wurde, hätte die Italienerin gerne den Europarekord im 5.000m-Lauf attackiert. Eine Rennhälfte hielt sie mit der afrikanischen Spitze mit, dann brach die 25-Jährige ein und wurde auf Platz 13 durchgereicht. Die elftplatzierte Französin Sarah Madeleine schaffte einen französischen Rekord in 14:37,80 Minuten. An der Spitze führte Likina Amebaw in einer Spitzenzeit von 14:18,41 Minuten die Phalanx von sieben Äthiopierinnen an. Die achtplatzierte Olympiasiegerin im 3.000m-Hindernislauf, Winfred Yavi, lief in 14:30,06 Minuten einen bahrainischen Rekord, nachdem sie lange Zeit geführt hatte.

Weiterhin stark in Form zeigte sich die Engländerin Georgia Hunter-Bell, die den 1.500m-Lauf in einer Zeit von 3:58,63 Minuten vor Klaudia Kazimierska aus Polen und Nikki Hiltz aus den USA gewann. Dieses Trio unterbot die vier Minuten. Im 800m-Lauf der Männer feierte Gabriel Tual aus Frankreich, hier vor zwei Jahren Europameister, in 1:43,66 Minuten den Sieg vor Mark English aus Irland und Lokalmatador Francesco Pernici.

🇫🇮 Mit einem deutschen Doppelsieg endete der 5.000m-Lauf der Männer beim World Athletics Continental Tour Gold-Meeting vergangenen Mittwoch in Turku. Florian Bremm setzte sich in 12:56,80 Minuten vor Hindernislauf-Europarekordhalter Frederik Ruppert (12:57,61) durch. Damit liegen gegenwärtig drei deutsche Läufer in den Top-Fünf der Weltjahresbestenliste in dieser Disziplin!

🇩🇪 Im deutschen Stadttallendorf hat Lisa Redlinger (TS Lustenau) ihren eigenen Vorarlberger Landesrekord im 5.000m-Lauf deutlich auf eine Zeit von 15:19,02 Minuten verbessert. Die 23-Jährige liegt nun auf Rang drei der ewigen ÖLV-Bestenliste hinter Susanne Pumper und Jennifer Wenth. Es war ein erster kleiner Schritt auf einem schwierigen Weg zu den Europameisterschaften in Birmingham – das Direktlimit liegt bei einer Zeit von 15:05,00 Minuten.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Thomas Windestam & Marta Gorczynska for Diamond League AG, © ÖLV / Alfred Nevsimal

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