Newsletter Subscribe
Enter your email address below and subscribe to our newsletter


Zwölf der 47 WM-Entscheidungen von Tokio 2025 weisen europäische Siege auf. Auffallend sind gleich zwei Goldmedaillen im Laufbereich – und das, obwohl die europäischen Stars Keely Hodgkinson und Jakob Ingebrigtsen dieses Mal nicht reüssieren konnten. Überhaupt präsentierte sich Europas Niveau in allen Laufdistanzen der Männer näher an der globalen Spitze, die viele lange Jahre die afrikanischen Athleten vorgegeben haben.
Die Goldmedaille von Jimmy Gressier (Frankreich) im 10.000m-Lauf. Der nicht weniger überraschende WM-Titel von Isaac Nader (Portugal) im 1.500m-Lauf. Die Silbermedaillen von Amanal Petros (Deutschland, Marathon), Isaac Kimeli (5.000m, Belgien) und Jake Wightman (Großbritannien, 1.500m). Die Bronzemedaillen von Iliass Aouani (Italien, Marathon), Andreas Almgren (Schweden, 10.000m) und Jimmy Gressier (Frankreich, 5.000m). Europas Bilanz in den sechs Laufentscheidungen, wohlgemerkt nur jene der Männer, ist die beste bei Weltmeisterschaften seit den beiden ersten Austragungen 1983 und 1987. Ganz drastisch war es bei der ersten WM in Tokio im Jahr 1991, nur eine Lauf-Bronzemedaille bei den Männern gewannen alle europäische Mitgliedsverbände damals summiert.
Den Ausnahmeerscheinungen Mo Farah oder Jakob Ingebrigtsen ist zu verdanken, dass zwei WM-Lauf-Goldene für Europa bei Weltmeisterschaften im letzten Jahrzehnt bei den Männern keine Ausnahmen mehr waren. Aber die Dichte hinter diesen Stars ist neu. Sie entstammt einen Trend, der kontinuierlich fortgesetzt wurde: fünf Medaillen, davon zwei in Gold, in Eugene 2022, sechs Medaillen, davon zwei in Gold, in Budapest 2023.

Dass es in Europa aufgewachsenen europäischen Athleten, also im Unterschied etwa zu Mo Farah, der von einer afrikanischen Genetik möglicherweise profitiert hat, in Tokio besser und öfter gelang als in den Jahren zuvor, mit der Weltelite mitzuhalten und aufs Stockerl zu laufen, hat sich bereits im Laufe der Saison angekündigt. In einzelnen Disziplinen, wie dem 1.500m-Lauf, der seit Jahren von Europa bestimmt wird, gelang das schon früher. Erfolge im 10.000m-Lauf oder im 3.000m-Hindernislauf von nicht aus Afrika stammenden Athleten waren aber bis vor kurzem nicht vorstellbar. Das erweckt Fragen.
Naturgemäß wird ein Bündel von Erkenntnissen und Optimierungen diesen Trend eingeleitet haben, der sicher seinen Anfang in gezielter Förderung und Kompetenzsynergie vor einigen Jahren hat. Die Vorbildwirkung eines Jakob Ingebrigtsens in Verbindung mit seiner vielfach kopierten und nachgeahmten Art und Weise zu trainieren, mag eine Rolle spielen. Dass sich in Europas Teamcamps und starke Trainingsgruppen gebildet haben – durchaus nach afrikanischem und amerikanischem Vorbild und teilweise von Sportmarken gesponsert, könnte eine wichtige Maßnahme gewesen sein, die auch die Konkurrenzsituation und den Leistungsdruck in positiver Weise beeinflusst haben mag.
Nicht zuletzt kommt die Meisterschaftscharakteristik den oft taktisch gut ausgebildeten Topläufern aus Europa mit großartiger Kicker-Mentalität am Rennende zugute, im Gegensatz zu Tempojagden in der Diamond League. Die äußeren Bedingungen in Tokio machten Tempojagden in ausdauerbasierten Wettkämpfen schwierig. Besonders Jimmy Gressier und Isaac Nader, aber auch der Neuseeländer Geordie Beamish gewannen aufgrund eines irren Schlussspurts ihre Rennen.
Nicht unwahrscheinlich ist auch, dass fallweise die Formschwäche der besten Afrikaner in der post-olympischen Saison das Bild kräftiger darstellen lässt, als es in einem größeren Rahmen ist. Viele in der Szene sehen auch die verstärkten Anti-Doping-Aktivitäten, die zum Beispiel in Kenia auch Erfolge bringen, einen Faktor.
Formschwäche konnte man den kenianischen Topläuferinnen in Tokio nicht nachweisen. Doch die Erfolge von Nadia Battocletti aus Italien, der Australierin Jessica Hull sowie den britischen 800m-Medaillengewinnerinnen Georgia Hunter Bell und Keely Hodgkinson zeigen, dass auch Europas (und Australiens) Läuferinnen auf globalem Niveau wettbewerbsfähig sind.
Eine wichtige Neuerung bei der WM in Tokio waren die SRY-Gentests, die alle in Frauen-Wettkämpfen startenden Athletinnen vor der WM abgeben mussten – um damit ihre Weiblichkeit mit Abwesenheit des Y-Chromosom nachzuweisen. Die Entscheidung von World Athletics wurde polarisierend diskutiert, die Umsetzung klappte in Zusammenarbeit mit allen nationalen Verbänden letztlich gut – trotz verhältnismäßig kurzer Vorlaufzeit.
World Athletics schoss nach der WM einen Befund nach, der die Wichtigkeit untermalen sollte. Auf Basis der Daten von World Athletics über die letzten 25 Jahre waren DSD-Athletinnen in der Leichtathletik im Vergleich zum geschätzten gesellschaftlichen Durchschnitt deutlich überrepräsentiert, sagte Dr. Stéphane Bermon, der den Gesundheits- und Wissenschaftsbereich bei World Athletics leitet. 50-60 DSD-Athletinnen auf dem Niveau von internationalen Finalwettkämpfen seien es zwischen 2000 und 2023 gewesen.
Das österreichische Team konnte nicht ganz in die Erfolgshymnen der europäischen Leichtathletik einstimmen. Es fehlte der Ausreißer nach oben. Zwei neunte und ein zehnter Platz fielen in die Gesamtbilanz, über dies starke Leistungen wie im Falle Raphael Pallitschs im 1.500m-Lauf, wo Nuancen auf ein besseres Abschneiden fehlten. „Es waren viele schöne sportliche Momente dabei, natürlich auch einige, die einen mit einem traurigen Auge zurücklassen“, kommentierte ÖLV-Sportkoordinatorin Beate Taylor. „Wir hätten uns für die Athleten ein wenig mehr gewünscht, aber das ist sicher keine schlechte Bilanz.“
Zum guten Abschneiden der europäischen Läufer kommt die Stärke der US-Läufer, die schon bei den Olympischen Spielen von Paris 2024 ihre Früchte trug, und sich in Tokio mit dem WM-Titel von Cole Hocker im 5.000m-Lauf gipfelte. Und die Sensationsgoldmedaille von Geordie Beamish aus Neuseeland im 3.000m-Hindernislauf, ebenfalls ein Mann der US-Schule.

Der Umkehrschluss beschäftigt dagegen in Kenia. Athletics Kenya verzeichnete eine erfolgreiche WM mit sieben Goldmedaillen – das ist Einstellung des historischen Topwerts und äußerte sich in einem frenetischen Empfang in der Heimat, als das Nationalteam aus Japan zurückkehrte.
Alle sechs Laufentscheidungen bei den Frauen, vom 800m-Lauf bis zum Marathon, waren kenianische Domäne. Die zweite Seite der Medaille ist jedoch die geringere Anzahl von Erfolgen bei den Männern. Einzig Emmanuel Wanyonyi rettete mit seinem Sieg im 800m-Lauf die kenianische Ehre. Ansonsten kamen nur zwei Silbermedaillen von Reynold Cheruiyot (1.500m) und Edmund Serem (3.000m-Hindernislauf) dazu. Die Sehnsucht ist vor allem nach Erfolgen im 3.000m-Hindernislauf, eine Disziplin, in der Kenia jahrzehntelang eine enorme Vormachtstellung hatte, und im 10.000m-Lauf, wo Kenia seit fast einem Vierteljahrhundert auf eine Goldmedaille wartet, groß.
Nie zuvor erzielten Leichtathletik-Weltmeisterschaften eine so hohe Reichweite wie die 20. Auflage dieser Titelkämpfe von Tokio 2025. Mit Stolz zog der Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) letzte Woche Fazit: 53 der 193 teilnehmenden Nationen schafften den Sprung in den Medaillenspiegel, das sind um sieben mehr als beim bisherigen Bestwert vor 18 Jahren und 2023 in Budapest. „Was wir in den neun Tagen von Tokio 2025 gesehen haben, ist eine unvergessliche und beeindruckende Feier sportlicher Leistungen. Dies war eine WM für die Ewigkeit“, jubelte WA-Präsident Sebastian Coe und bedankte sich beim lokalen Veranstalter und beim japanischen Leichtathletik-Verband.
Tokio feierte das Leichtathletik-Fest nach, das im Rahmen der Olympischen Spiele 2021 aufgrund der damaligen Restriktionen nicht möglich war. 619.288 verkaufte Tickets zählte World Athletics insgesamt. In den Abendsessions war das Nationalstadion in der japanischen Hauptstadt stets prächtig gefüllt, die Atmosphäre und Stimmung friedlich und lautstark. Zahlreiche Athlet*innen lobten die Stimmung öffentlich in den Himmel, gleichwohl die Organisation außerhalb des Stadions durchaus auch deutlich kritisiert wurde.
Gegenüber der kenianischen Tageszeitung „The Star“ stellte Kenias Nationaltrainer Julius Kirwa das Auswahlverfahren bei der Nominierung in Frage. Bei den Frauen habe Kenia von gleich vier Wildcards durch die Titelverteidiger-Regelung profitiert, die Weltmeisterinnen von Budapest waren großteils auch jene von Tokio und hatten keinen Trial-Druck bzw. eine gewisse Freiheit, in dem sie die kurzerhand terminierten Trials einfach ausließen. Bei den Nominierungen der Marathon-Teams plädiert er für bessere Planbarkeit.
Noch drastischer dürfte die Aufarbeitung der Titelkämpfe in Äthiopien ausfallen. Es ist die schlechteste Bilanz für die zweite Läuferhochburg aus Ostafrika seit vielen Jahrzehnten: Kein WM-Titel, nur je zwei Silber- und Bronzemedaillen. Bei den Männern gelang nur die Silbermedaille von Yomif Kejelcha über 10.000m, die anderen fünf Laufentscheidungen endeten teils mit Debakeln, zum Beispiel der Marathon.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Dan Vernon, Christel Saneh, Birgit Dieryck for World Athletics