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WM 2025 in Tokio: ÖLV-Läufer in den Startlöchern

Zehn ÖLV-Athlet*innen bilden das zweitgrößte Leichtathletik-WM-Team der Verbandsgeschichte. Die neuntägigen Titelkämpfe in Tokio beginnen am morgigen Samstag.
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Mit dem größten WM-Team seit 28 Jahren ist der Österreichische Leichtathletik-Verband (ÖLV) zur 20. Leichtathletik-WM nach Tokio gereist. Das heimische Laufquartett steht vor spannenden Herausforderungen. Für Raphael Pallitsch, WM-Teilnehmer von Budapest 2023, Olympia-Teilnehmer von Paris 2024 und Hallen-WM-Finalist von Nanjing 2025, geht es schon am zweiten Wettkampftag in den 1.500m-Vorlauf. Der Burgenländer weiß um die besondere Konstellation eines enorm dichten und leistungsstarken Teilnehmerfeldes – in einer Disziplin, in der es noch nie so eine hohe Leistungsdichte und lange nicht mehr so turbulente Ergebnisse an der Weltspitze gegeben hat wie 2025.

Gleich jeweils zwei Läuferinnen und Läufer stehen im zehnköpfigen heimischen Aufgebot für die Titelkämpfe: Julia Mayer (DSG Wien) und Aaron Gruen (ÖBV Pro Team) im Marathon, denen RunUp.eu einen eigenen Vorbericht widmet, sowie Caroline Bredlinger (LT Bgld Eisenstadt) und Raphael Pallitsch (Union St. Pölten) im Mittelstreckenlauf. Während sich die beiden Marathon-Hoffnungen über das Weltranglistenpunktesystem für Tokio qualifiziert haben, haben die burgenländischen Mittelstreckenathleten das Direktlimit in ihren Disziplinen unterboten.

RunUp.eu-Lesetipp: Die Vorschau auf die WM-Marathons

RunUp.eu-Tipp: Die Leichtathletik-Weltmeisterschaften werden im ORF, im deutschen Rundfunk und auf Eurosport im Free-TV übertragen.

Hohe Luftfeuchtigkeit

Während Bredlingers 800m-Vorlauf bei den Frauen erst am kommenden Donnerstag stattfindet und die 24-Jährige demnach noch ein paar Tage Akklimatisierungszeit hat, steht Pallitsch beinahe schon in den Startlöchern. Sein Vorlauf findet in der Vormittagssession am Sonntag statt, mitten in der mitteleuropäischen Nacht. „Ich werde auf jeden Fall ganz früh aufstehen, um meinen Körper auf Betriebstemperatur zu bringen. Es ist hier auch um 9 schon sehr heiß und daher wird das eine große Herausforderung“, schildert der 35-Jährige im Gespräch mit RunUp.eu. „Aber: Es ist für alle gleich.“

Genauso muss der Großteil der Starterfeldes mit den zwei generellen Herausforderungen gleichermaßen zurechtkommen: der Jetlag durch die transkontinentale Anreise und die ungewohnt hohe Luftfeuchtigkeit, die in der realen Situation noch herausfordernder ist als bei Simulationsversuchen. „Die hohe Luftfeuchtigkeit ist enorm Energie raubend, das ist hier in Tokio definitiv ein Faktor!“, so Pallitsch. Der Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) hat angekündigt, bei prognostizierten Temperaturen über 30 Grad das WM-Programm kurzfristig leicht zu verändern – im Sinne der Sicherheit der Athlet*innen.

Diese Ambition hat World Athletics auf Anhieb umgesetzt: Die Marathon-Startzeiten wurden um eine halbe Stunde nach vorne korrigiert, auch die 1.500m-Vorläufe finden rund eine halbe Stunde früher statt als ursprünglich geplant. Laut Informationen der BBC hat Japan den heißesten Sommer seit Beginn der Erhebungen Ende des 19. Jahrhunderts erlebt, die durchschnittliche Temperatur lag fast 2,4 Grad über dem langjährigen Schnitt. Außerdem begleitet World Athletics die Bedingungen bei der WM mit einer neuen wissenschaftlichen Studie, aus deren Erkenntnisse zukünftig profitiert werden soll – globale Meisterschaften unter Hitzebedingungen werden wohl nicht die Ausnahme bleiben.

Die WM in Fernost

Zum zweiten Mal in der Geschichte der Leichtathletik nach 1991 ist Tokio Ausrichter der Weltmeisterschaften, gemeinsam mit den Weltmeisterschaften 2007 in Osaka finden die zweitwichtigsten Titelkämpfe der Olympischen Kernsport hinter den Olympischen Spielen bereits zum dritten Mal in Japan statt. Nur Helsinki war neben Tokio bereits zweimal WM-Gastgeber, 2027 wird auch Peking in diesen Kreis aufsteigen. Die Herausforderungen der Weltmeisterschaften in Japan sind jeweils die klimatischen Bedingungen: hohe Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit, was auch den verhältnismäßig späten Termin der Titelkämpfe im Jahreskalender begründet.

Die Wettkämpfe gehen im Olympiastadion von 2021 über die Bühne, das nach der damaligen Komplettrenovierung 67.000 Zuschauer*innen Platz bietet. Im Unterschied zu den Besonderheiten der Spiele damals performen die besten Leichtathlet*innen der Welt dieses Mal vor vollen Rängen, unterstützt von einem erwartbar fachkundigen Publikum. Über eine halbe Million Tickets für das Olympiastadion wurden im Vorfeld bereits verkauft.

Am Start ist eine Rekordzahl von 2.203 Athlet*innen aus 198 Mitgliedsverbänden, die in 49 Disziplinen um Gold, Silber und Bronze ringen. Damit ist die Leichtathletik-WM das globalste Sportereignis des Jahres, wie der ÖLV festhält. 38 der 41 Weltmeister*innen von Budapest (die Abweichung ergibt sich aus einigen Mehrfachtriumphen, Anm.) sind in Tokio wieder am Start. Angesichts der starken Leistungen in der Diamond League erwartet Sebastian Coe, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes (World Athletics), „eine WM, an die man sich lange erinnern wird.“

Mit Gelassenheit

Raphael Pallitsch blickt auf eine turbulente Wettkampfsaison zurück, die einer Achterbahnfahrt mit ständigen Aufs und Abs gleicht. Der erste Höhepunkt war der ÖLV-Rekord von 3:32,96 Minuten beim Meeting in Ostrava im Juni, mit dem der Österreicher, zu diesem Zeitpunkt durchaus auch überraschend, auf Anhieb das Direktlimit für Tokio löste. Doch immer wieder, davor und danach, warfen ihn Verletzungen und andere Rückschläge aus dem Rhythmus und kreierten auch einige Zweifel, wie die Form bei der WM sein würde. Schließlich lautete sein Anspruch stets, in guter Form zur WM zu reisen und nicht nur auf Basis der frühen Qualifikation (Pallitsch hätte sich dank seiner vielen wertvollen Punkte aus der Hallensaison wohl auch über die Weltrangliste qualifiziert, Anm.) mitlaufen.

Die Saison hat ihm auch Demut gelehrt, Gedanken, die er sich schon nach dem bemerkenswerten Erreichen des Finale bei den Hallen-Weltmeisterschaften von Nanjing im März hegte. Nämlich über die Möglichkeit, dass dieses Resultat bereits der Saison-Höhepunkt gewesen sein könnte – trotz selbstredender, voller Motivation für die WM in Tokio. „Im mentalen Setting ist es in meinem Alter wichtig, dass man Ergebnisse schätzt. Es ist wichtig, sich über jede persönliche Bestleistung zu freuen, auch wenn sie nur um eine Hundertstelsekunde ausfällt. Denn wer sagt, dass es nicht die letzte gewesen sein könnte.“

Solche Überlegungen waren natürlich während der „vielen Stolpersteine“ in dieser Saison präsent, nicht mehr so stark so unmittelbar vor dem WM-Auftritt, den Pallitsch voller Tatendrang und mit Optimismus angesichts der letzten Wochen, in denen eine gute letzte Trainingsphase großteils in der Höhe von St. Moritz gelang, angeht. „Ich bin trotz der Ausfälle ruhig geblieben“, erzählt der Routinier. „Die Form ist gut, wahrscheinlich auf dem Niveau von Ostrava“, schätzt er. Dementsprechend wolle er diese Gelassenheit auch in die Weltmeisterschaften mitnehmen.

Das WM-Programm für Raphael Pallitsch:

  • Sonntag, 14. September ab 02:00 Uhr MEZ – Vorläufe über 1.500m
  • Montag, 15. September ab 14:30 Uhr MEZ – Halbfinalläufe über 1.500m *
  • Mittwoch, 17. September um 15:20 Uhr MEZ – Finale über 1.500m *

 
* im Qualifikationsfall

Ein neuer 1.500m-Star?

Die bisherige Saison lässt eine hochspannende Entscheidung im 1.500m-Lauf erwarten. Einerseits an der Spitze, wo Hallen-Weltmeister Jakob Ingebrigtsen verletzungsbedingt bisher gänzlich fehlte, in Tokio aber sein Saisondebüt geben wird. Titelverteidiger Josh Kerr aus Großbritannien und Olympiasieger Cole Hocker aus den USA glänzten in diesem Sommer nicht mit absoluten Spitzenleistungen, haben aber die Klasse, die in Meisterschaftsrennen gefordert ist. Hocker qualifizierte sich als Dritter bei den US-Trials gerade so für die WM, Olympia-Medaillengewinner Yared Nuguse scheiterte nach einer beachtlichen Hallensaison bei den Trials. Hocker wird von seinen endschnellen Landsleuten Jonah Koech und Ethan Strand begleitet, zwei Wundertüten, aber Außenseiter.

So nennen einige Fachleute, darunter auch Pallitsch, den 20-jährigen Niels Laros als Topfavoriten. Der mit herausragendem Talent ausgestattete Holländer brillierte in diesem Jahr besonders beim Diamond-League-Meeting in Eugene, als er das Meilenrennen in einem Fotofinish gegen Nuguse gewann, und bei seinem Triumph beim Diamond-League-Finale in Zürich, die Generalprobe für Tokio. Zwischendurch feierte er bei der U23-EM die Titel in der unüblichen Kombination 800m und 5.000m.

Überhaupt ist interessant, dass die Entry List für Tokio laut Saisonbestleistungen von den Europäern dominiert wird, die sechs der sieben Positionen an der Spitze einnehmen. Der Weltjahresbeste ist übrigens der französische Hallen-EM und -WM-Medaillengewinner Azzedine Habz. Der einzige Nicht-Europäer, der der Saison den Stempel aufdrückte, ist der 18-jährige kenianische Newcomer Phanuel Koech, von dem nicht nur in Kenia viel erwartet wird.

Enorme Dichte

Andererseits gestaltete sich die Szene in diesem Jahr in einer enormen Dichte. Etliche Läufer, die dieses Niveau bisher nicht nachweisen konnten, liefen Zeiten unter oder knapp über 3:29 Minuten – was bisher nur der absoluten Weltklasse vorbehalten war. Aber auch im Mittelfeld zeigt die nach-olympische Saison Wirkung, Zeiten um 3:30 und 3:31 Minuten werden in der Diamond League und darüber hinaus mittlerweile am laufenden Band absolviert. Das betrifft auch direkt die Ausgangsposition Raphael Pallitschs, der als Weltranglisten-41. auf Position 40 der bereinigten Entry List (nur drei Athleten pro Nation) liegt. Kurz zusammengefasst: Das WM-Teilnehmerfeld hat unglaubliche Qualität.

Das ist der Rahmen für Pallitschs Zielsetzungen, die der Österreicher nicht am Erreichen des Halbfinales – und folglich an statistischen Werten – bemessen möchte. „Ich möchte im Rahmen meiner Möglichkeiten alles geben und das Beste herausholen!“ Er erinnert an die WM vor zwei Jahren: Damals schied Pallitsch im Vorlauf aus, reiste aber mit einer satten persönlichen Bestleistung und damit mit einem zufriedenstellenden Gefühl zurück nach Österreich. Eine Konstellation, die dem 35-Jährigen auch heuer passieren könnte. Und dennoch: „Wenn ich in einem Vorlauf an den Start gehe, lautet das Ziel immer Halbfinale!“

Instinkt und Intuition

Dafür sind Geschick und vielleicht etwas Glück dienliche Verbündete. Seit Wochen spielt der Burgenländer, der auch einige talentierte heimische Läufer trainiert, alle möglichen Szenarien in seinem Kopf durch. „Instinkt und Intuition – so lautet wohl der Schlüssel“, blickt er voraus. 14 Läufer kämpfen pro Vorlauf um sechs Plätze für das Halbfinale, da sei ein schnelles Tempo angesichts der skizzierten Dichte erwartbar. Keine taktischen Geplänkel, die man von früher kennt. „Es wird darum gehen, im richtigem Moment im Vorlauf die entscheidenden Positionen nach vorne gutzumachen“, so Pallitsch, der einen Frontlauf-Versuch für sich ausschließt. Die genaue Planung ergebe sich aber erst durch die zugeloste Startposition, ob eher Innen- oder eher Außenbahn.

Kenias Stars auf Titeljagd

Neben dem 1.500m-Lauf der Männer und den Marathon-Entscheidungen stehen in den ersten Tagen von Tokio im Laufbereich auch die Medaillenentscheidungen in den 10.000m-Läufen und im 3.000m-Hindernislauf der Männer auf dem Programm – allesamt mit ihren eigenen, Spannung hervorrufenden Geschichten und Szenarien. Im internationalen Blickpunkt stehen Kenias weibliche Laufstars Faith Kipyegon und Beatrice Chebet. Erstere ist die glasklare Favoritin im 1.500m-Lauf, den die Weltrekordhalterin mit den Olympiasiegen von Rio, Tokio und Paris sowie den WM-Titeln von London, Eugene und Budapest in den letzten Jahren dominiert hat. Für Brisanz im Vorfeld sorgen die Ermittlungen der Athletics Integrity Unit (AIU) gegen die Äthiopierin Diribe Welteji, WM-Zweite und Olympia-Vierte. Noch vor dem Vorlauf am Samstagabend japanischer Zeit soll eine gerichtliche Entscheidung über eine Suspendierung fallen, die Athletin soll bei einer Dopingkontrolle nicht kooperiert haben.

Chebet will in Tokio das Olympia-Doppel im 10.000m- und 5.000m-Lauf wiederholen. Ihre schärfsten Kontrahentinnen sind dabei Teamkolleginnen: Agnes Ngetich und im 5.000m-Lauf auch Faith Kipyegon, die in dieser Disziplin wie über 1.500m Titelverteidigerin ist. Spannung versprechen auch die Entscheidungen auf den Langdistanzen der Männer, wo die etablierte afrikanische Dominanz nicht so stark ausgeprägt scheint wie gewohnt. Vor allem im 5.000m-Lauf bestach die europäische und amerikanische Spitze im Laufe der Saison mit bärenstarken Leistungen, Titelverteidiger ist Jakob Ingebrigtsen.

Auch der 3.000m-Hindernislauf ist hinter Favorit Soufiane El Bakkali offen: Weltrekordhalter Lamecha Girma kämpfte lange mit den Folgen seines bösen Sturzes im Olympia-Finale. Mit Samuel Firewu aus Äthiopien und dem kenianischen Junioren-Weltmeister Edmund Serem haben zwei neue Akteure aus Afrika die Weltklasse betreten. Dort ist neu auch Diamond-League-Gesamtsieger Frederik Ruppert aus Deutschland. Als Nummer zwei der Entry List hat er fast automatisch Medaillenchancen. Die Gunst des Publikums im Stadion auf seiner Seite wird Ryuji Miura haben, der in dieser Saison seinen japanischen Rekord auf eine Zeit von 8:03,43 Minuten gesenkt hat. Gibt es in Tokio eine Lauf-Medaille für den Gastgeber, holt sie, unter Ausschluss utopischer Sensationen, der 24-Jährige.

Autor: Thomas Kofler
Bild: © Christel Saneh for World Athletics

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