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Die Äthiopierin Yalemzerf Yehualaw hat den Amsterdam Marathon in einer neuen persönlichen Bestleistung von 2:16:52 Stunden gewonnen und dabei den Streckenrekord ihrer Landsfrau Almaz Ayana gebrochen. Zwei Jahre nach dem Sieg beim London Marathon hat sie somit wieder auf die Siegerstraße zurückgefunden. Bei den Männern erlebte der Dreikampf um den Sieg kurz vor dem Ziel eine Schrecksekunde, die Tsegaye Getachew allerdings nicht aus der Bahn warf. Mit 22.500 Marathonläufer*innen verzeichnete der Amsterdam Marathon einen neuen Rekord auf der Hauptdistanz, insgesamt gingen rund 48.000 Anmeldungen ein.
Ihr Vorname, Yalemzerf, bedeutet auf amharisch „Rand der Welt“. Ihre Eltern dürften dabei nicht den Laufsport gemeint haben, denn dort ist Yalemzerf Yahualaw schon seit Jahren mitten in der Weltklasse. Gestern stand die 25-Jährige im Zentrum der Aufmerksamkeit des globalen Laufsports. Mit einer starken Leistung hat die Äthiopierin den Amsterdam Marathon gewonnen und dabei in einer Zeit von 2:16:52 Stunden sogar den Streckenrekord ihrer Landsfrau Almaz Ayana aus dem Jahr 2022 um 28 Sekunden verbessert. Mit einem beeindruckenden Lauf, bei dem sie lange Zeit Richtung noch einer schnelleren Endzeit unterwegs war, setzte Yehualaw nach eineinhalb mageren Marathon-Jahren wieder ein Ausrufezeichen und kehrte mit dieser Bestleistung um 31 Sekunden auf die Siegerstraße zurück. Sie liegt nun auf Platz neun der ewigen äthiopischen Bestenliste.
Denn ihren bisherigen Bestwert hat die ehemalige Weltrekordhalterin im 10km-Straßenlauf bei ihrem Marathon-Debüt in Hamburg 2022 mit einem überzeugenden Premierenlauf in 2:17:23 Stunden aufgestellt. Ein halbes Jahr später, beim damals im Oktober ausgetragenen London Marathon, benötigte sie gerade einmal drei Sekunden länger, lief aber ebenfalls als Siegerin durchs Zielband. Nie in der Geschichte war eine London-Siegerin jünger als die damals 23-jährige Yehualaw. Der gestrige Erfolg in Amsterdam war der erste Marathonsieg seither, der sich Ende August beim Antrim Coast Halbmarathon mit einer Siegerleistung von 1:05:31 Stunden bereits angekündigt hat. Denn in Nordirland waren nasse und windige Wetterverhältnisse leistungseinschränkend, was dieser Zeit einen höheren Wert als die nackten Zahlen gibt.
Zwischenzeitlich ist die Äthiopierin von ihrem Erfolgsweg abgekommen. 2023 musste sie sich in London beim turbulenten Sieg von Sifan Hassan mit Platz fünf zufrieden geben, auch bei den Weltmeisterschaften von Budapest lief es für sie als Mitfavoritin nicht nach Plan: ebenfalls Platz fünf. Der bisherige Marathon-Tiefpunkt erfolgte im April in London mit einer Zeit von 2:23:26 Stunden und Platz acht. Damals war sie gemeinsam mit Ruth Chepngetich die Enttäuschung des Rennens. Für die Olympischen Spiele in Paris kam das Duo daher für ihre nationalen Verbände nicht in Frage. Aber die letzten Tage gehörten diesen beiden. Chepngetich brach in Chicago den Weltrekord, Yehualaw in Amsterdam den Streckenrekord.
Yehualaw ist die älteste von sechs Kindern in ihrer Familie und stammt aus dem Nordwesten Äthiopiens. Als Lauftalent wurde sie früh vom NN Running Team entdeckt und von Starcoach Tessema Abshero gefördert. „Viele Läuferinnen in Äthiopien sind begabt. Yalemzerf brachte drei essentielle Qualitäten mit: Speed, Ausdauer und eine starke Körpermitte“, wird der Trainer auf der Website des NN Running Teams zitiert. „Daher hat mich ihre schnelle Entwicklung nicht überrascht.“
Der Aufstieg in die Weltklasse gelang schnell. Bereits mit 20 triumphierte sie beim Top-Halbmarathon in Neu Dehli. Bei den Halbmarathon-Weltmeisterschaften von Gdynia 2020 holte sie als beste Äthiopierin die Bronzemedaille. Wäre sie nicht auf dem Zielteppich zu Sturz gekommen, wäre womöglich mehr drin gewesen als der dritte Platz in einer persönlichen Bestleistung von 1:05:19 Stunden.
Mittlerweile ist Yehualaw viermal schneller gelaufen im Halbmarathon, dabei ist ihr spektakulärer Sieg in 1:03:44 Stunden beim Antrim Coast Halbmarathon 2021 gar nicht mitgezählt. Die Leistung damals wäre ein neuer Weltrekord gewesen, doch ein Fehler bei der Streckenvermessung ließ den Kurs um 54 Meter kürzer als die 21,0975 Kilometer ausfallen. Ihren bisher schnellsten vollen Halbmarathon lief sie 2021 in Valencia in einer Zeit von 1:03:51 Stunden. Dieser fantastische Lauf rückte allerdings in den Schatten der im selben Rennen entfesselt laufenden Letesenbet Gidey, die den immer noch gültigen Weltrekord von 1:02:52 Stunden markierte.
In Amsterdam lief das äthiopische Talent ihren bisher besten Marathon. Begleitet vom holländischen Tempomacher Björn Koreman, der 2020 den offenen Staatsmeisterschaftsmarathon im Wiener Prater gewinnen konnte und seine Teamkollegin beim NN Running Team besonders in der ersten Hälfte gut vor dem Wind schützte, erreichte sie mit konstantem Rhythmus in einer Zeit von 1:08:01 Stunden die Zwischenzeit beim Halbmarathon. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie einen Vorsprung von 44 Sekunden auf die Verfolgergruppe, in der es später um die weiteren Plätze ging, und lag klar auf Kurs Streckenrekord, den Athleten-Koordinator Jurrie van der Velden von der Agentur Global Sports Communication angesichts der günstigen Wetterprognose mit durchaus warmen Temperaturen bereits am Freitag bei der Pressekonferenz in Amsterdam angekündigt hatte.
Mit leichtem Rückenwind nach der Wende im Süden konnte Yehualaw sich weiter steigern und lief die schnellsten Teilzeiten ihres Rennens exakt in diesem Mittelteil. Bis Kilometer 35 war Äthiopierin auf eine Zeit unter 2:16 Stunden unterwegs, der Vorsprung war mittlerweile auf über eineinhalb Minuten angewachsen. Erst durch den Vondelpark und auf den finalen Kilometern Richtung Olympiastadion verlor sie etwas an Geschwindigkeit und folglich auch an Zeit. Auch wenn die letzten drei Kilometer hart gewesen sein würden, was sie als normal im Marathon ansieht, sei sei überglücklich, sagte sie im Interview nach dem Rennen.

Ähnlich erging es auch den Verfolgerinnen, die mit einer Halbmarathon-Durchgangszeit von unter 1:09 Stunden ebenfalls am Limit agierten und dafür im Finale etwas Tribut zollen mussten. Yehualaws Landsfrau Haven Hailu, in Amsterdam bereits vor drei Jahren Dritte, steigerte ihre persönliche Bestleistung um 50 Sekunden auf eine Zeit von 2:19:29 Stunden und belegte Platz zwei vor Winfridah Moseti, die nach 2:20:27 Stunden finishte. Die 28-jährige Kenianerin hatte im Frühling in Hamburg mit einer Marathonzeit von 2:18:25 Stunden (Platz zwei hinter Irine Cheptai) überrascht. Die mit Risiko anlaufende Desi Mokonin aus dem Bahrain, die bis kurz vor Halbzeit des Rennens noch mit Yehualaw mitlief, musste dieser Strategie etwas Tribut zollen und fiel bis auf Rang acht zurück (2:22:29, fast zwei Minuten hinter ihrer Bestzeit).
Drei Namen stechen aus dem Feld der Ostafrikanerinnen heraus: Die 31-jährige Gladys Chesir aus Kenia verbesserte nach sieben Jahren mal wieder ihre persönliche Marathon-Bestzeit. Damals lief sie ebenfalls in Amsterdam eine Zeit von 2:24:51 Stunden. Neun Marathonläufe später unterbot sie diese Marke gleich um fast viereinhalb Minuten, um auf Platz vier ins Ziel zu laufen. Anna Dibaba, jüngste der Dibaba-Dynastie rund um Tirunesh und Genzebe, finishte ihren ersten Marathon in einer Zeit von 2:23:56 Stunden auf dem zehnten Platz. Die 39-jährige Selly Chepyego brach in der Schlussphase ein und erreichte nur eine Zeit von 2:29:38 Stunden, Platz elf. Beste Europäerin im Rennen war übrigens Lokalmatadorin Marcella Herzog auf Platz 13.
Rund 48.000 Teilnehmer*innen, also rund 3.000 mehr als durch den Vorverkauf Startplätze verkauft wurden, kommunizierte die größte Laufveranstaltung Hollands in diesem Jahr. Dabei bestritten 22.500 den Marathon, etwas weniger, nämlich 20.000, den Halbmarathon. 140 verschiedene Nationalitäten waren in den Listen vertreten.
Damit war der Marathon im Programm des Amsterdam Marathon so groß wie nie zuvor. Zu den prominentesten Marathonteilnehmer*innen zählte Sven Kramer, eine holländische Sportlegende. Der Eisschnellläufer, der vier Olympische Goldmedaillen sowie acht Mehrkampf-WM-Goldmedaillen und 19 Einzel-WM-Medaillen sein Eigen nennen darf, hat den Amsterdam Marathon in 3:11:29 Stunden beendet. Seine Marathon-Premiere absolvierte er mit zwei ehemaligen Eisschnelllauf-Kollegen. Laut der holländischen Tageszeitung „de Telegraaf“ lief es für ihn besser als erwartet.
Im kommenden Jahr feiert der TCS Amsterdam Marathon seine 50. Austragung. Dieses Jubiläum fällt mit einem besonderen Jahrestag der holländischen Hauptstadt zusammen. Die feiert 2025 ihr 750-jähriges Bestehen.
Einen Wettkampf ohne wundersame Zeiten, aber einen spannenden bis auf die letzten Meter der Laufbahn im alt ehrwürdigen Olympiastadion erlebte der Amsterdam Marathon 2024 bei den Männern. Im Dreikampf zwischen den beiden Äthiopiern Tsegaye Getachew und Asefa Boki sowie dem äthiopisch-stämmigen Israeli Maru Teferi hatte am Ende der in diesem Finale favorisierte Getachew in einer Zeit von 2:05:38 Stunden das bessere Ende für sich, obwohl er in seinem Fokus auf das Renngeschehen beinahe falsch abgebogen wäre und damit dem Kampf um den Sieg in der Schlussphase unfreiwillig einen dramatisierenden Moment schenkte. Doch mit schnellen Beschleunigungsschritten korrigierte er seinen kleinen Faux-pas, dessen Auswirkung das energische Deuten des Streckenpostens eindämmte, und übernahm eingangs des Stadions die Führung. Sein Landsmann und Teferi folgten in jeweils zweisekündigem Abstand über die Ziellinie.
Für den 27-jährigen Getachew war es bereits der zweite Erfolg beim Amsterdam Marathon. Vor zwei Jahren lief er in der holländischen Hauptstadt seine immer noch gültige Bestleistung von 2:04:49 Stunden. Diesen Moment rekapitulierte er am Freitag bei der Pressekonferenz, als er sagte, der Amsterdamer Marathon sei der für ihn ideale im Vergleich zu allen anderen, die er in seiner Karriere bisher gelaufen ist. „Der Erfolg damals veränderte mein Leben. Ich kann mich erinnern, wie kaputt ich auf dem letzten Kilometer war. Aber dieses unglaubliche Publikum hat mich ins Ziel geschoben.“
Der gestrige Sieg ist sein vierter Marathon unter 2:06 Stunden, Top-Acht-Resultate gelangen dem Äthiopier abseits von Amsterdam auch bereis in Tokio, Paris und Valencia. Sein ebenfalls 27-jähriger Landsmann ist das weit unbeschriebenere Blatt: World Athletics kennt lediglich drei Resultate von ihm, allesamt aus dem Jahr 2024. Dabei gelang ihm ein Auftakt in seine Karriere nach Maß: Im Jänner gewann er den Xiamen Marathon, einst das wichtigste Marathonrennen in China, in einer Zeit von 2:06:46 Stunden. In Vorbereitung auf die Herbstsaison lief er den Bogotà Halbmarathon (5.), nun gelang in Amsterdam die Marathon-Steigerung um gut eine Minute.

Auf Platz drei kam der Israeli Maru Teferi mit einer Zeit von 2:05:42 Stunden ins Ziel. Es ist der drittschnellste Marathonlauf in der israelischen Geschichte hinter den beiden Rekordläufen von Gashau Ayale. Der 32-Jährige blieb eine Minute und eine Sekunde unter seiner bisherigen persönlichen Bestleistung und ist nun die Nummer 23 der ewigen europäischen Bestenliste, zu der die israelische Leichtathletik durch ihre Zugehörigkeit zum europäischen Kontinentalverband zählt.
Wenn auch nicht der schnellste, ist Teferi der erfolgreichste israelische Marathonläufer der Geschichte. Bei den Europameisterschaften 2022 in München sah er wie der sichere Sieger aus, als er sich dem phänomenalen Endspurt des Deutschen Richard Ringer geschlagen geben und mit der Silbermedaille abfinden musste. Hochkarätiger war seine Silbermedaille ein Jahr später bei den Weltmeisterschaften von Budapest, als einzig Victor Kiplangat aus Uganda um 21 Sekunden schneller war. Bei den Halbmarathon-Europameisterschaften von Rom schrammte Teferi am Stockerl vorbei, bei den Olympischen Spielen konnte er als 26. nicht ins Spitzenfeld laufen. In Amsterdam meldete er sich nun mit einem Top-Resultat zurück.

Das Rennen der Männer zeichnete sich durch eine große Spitzengruppe aus (14 Läufer bei der Halbmarathon-Zwischenzeit), die durch das gewählte Tempo lange beieinander bleiben konnte und in ein klassisches Ausscheidungsrennen auf der zweiten Marathon-Hälfte überging. Bester Holländer im Rennen war Khalid Choukoud, der einen konstanten Marathon mit einem positiven Split um rund eine Minute in einer Zeit von 2:09:30 Minuten finishte. Damit erzielte der Olympia-Teilnehmer von Paris 2024 (58. Platz) die drittschnellste Zeit seiner Karriere, die zweitschnellste auf Amsterdamer Boden nach seinem Auftritt im Vorjahr in 2:08:36 Stunden „Den Amsterdam Marathon willst du nie verpassen“, erklärte der Routinier, warum er gut zwei Monate nach dem Olympischen seinen nächsten Marathon absolvierte. „Es gibt kein besseres Gefühl als hier ins Stadion einzulaufen.“
Zweitbester Holländer wurde Debütant Filmon Tesfu, der den Marathon in 2:10:58 Stunden auf Rang 13 finishte. Der EM-Teilnehmer von Rom (Halbmarathon) finishte auf Basis seiner Vorleistungen im 10km-Lauf und Halbmarathon im Rahmen des Erwartbaren. Dementsprechend fiel das Fazit aus: „Ich bin glücklich. Dank der Zuschauer habe ich meinen ersten Marathon wirklich genossen!“ Wie die Online-Seite der niederländischen Tageszeitung „de Volkskrant“ berichtet, will der 31-Jährige dieses Ergebnis zum Anlass nehmen, seine Laufkarriere als Profi weiterzuführen und hofft, es sei ihm bei der Sponsorensuche hilfreich. Bisher arbeitete der im letzten Jahrzehnt aus Eritrea in die Niederlande geflüchtete Tesfu in Teilzeit als Handwerker, seit vier Jahren hat er die niederländische Staatsbürgerschaft.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Le Champion