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Zentimeterentscheidung bei Kipchoges leisem Abschied

0,03 Sekunden gaben nach 42,195 Kilometern den Ausschlag zugunsten Benson Kiprutos. Während seine Landsleute dominierten, komplettierte die Legende seine Major-Medaille.
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Mit der sportlichen Entscheidung hatte Eliud Kipchoge nichts am Hut. Nicht ansatzweise. Ganz im Gegenteil zu früheren Erfolgsjahren. Und trotzdem war der Kenianer kurz vor seinem 41. Geburtstag der Star der 56. Auflage des New York City Marathon. Erstmals bestritt der erfolgreichste Marathonläufer der Geschichte den Klassiker am Big Apple und komplettierte nach 2:14:36 Stunden Laufzeit und Platz 17 seinen persönlichen Major-Slam. Die sportlichen Schlagzeilen im Rennen bestimmten Benson Kipruto und Alexander Mutiso. Beinahe hätte Mutiso seinen führenden Landsmann auf der Ziellinie noch überholt, drei Hundertstelsekunden definierten schlussendlich den Unterschied zwischen Platz eins und zwei. Sowie zwischen 100.000 US-Dollar (das entspricht rund 87.000 Euro) und 60.000 US-Dollar Preisgeld.

Unweigerlich erinnerte der Zieleinlauf an den WM-Marathon von Tokio sieben Wochen zuvor. Auch damals, der Zufall will es so, trennten drei Hundertstelsekunden die Top-Zwei des Rennens. Dieses Mal war nicht das Nationalstadion der japanischen Metropole, sondern der Central Park, grüne Lunge der US-Metropole, die Arena. Benson Kipruto schien auf dem besten Weg zu seinem ersten Sieg beim New York City Marathon, nachdem er sich rund 800 Meter vor dem Ziel ein paar Schritte von Alexander Mutiso, London-Sieger von 2024 und heuer Dritter in der britischen Hauptstadt, abgesetzt hat. Doch der 29-Jährige mobilisierte auf den letzten Metern noch einmal alle Kräfte und beschwor ein Fotofinish herauf.

TCS New York City Marathon 2025

Historischer Sieg

Anders als der Deutsche Amanal Petros bei der WM konnte der 34-jährige Kipruto seine Führung aber retten. Hauchdünn. Ein Wimpernschlag von 0,03 Sekunden machte den Unterschied zwischen den beiden Kenianern, die mit der Zeit von 2:08:09 Stunden gewertet wurden. Der engste Zieleinlauf der Veranstaltungsgeschichte markierte den bereits vierten Major-Sieg Kiprutos beim vierten verschiedenen Marathon – das haben bisher nur Eliud Kipchoge und der später wegen Dopings gesperrte Wilson Kipsang geschafft. Und: Benson Kipruto ist der erste Läufer der Geschichte, der alle drei US-Majors gewinnen konnte! Bei den Frauen ist dies der Norwegerin Ingrid Kristiansen gelungen.

Der Zentimeterkrimi in den finalen Sekunden des Wettkampfs war der Höhepunkt eines hochkarätigen Rennens mit beeindruckenden Kilometersplits ab Kilometer 25, trotz der topografisch teilweise selektiven Passagen am Schluss. Ein an Spannung in der Schlussphase kaum zu überbietender Wettkampf.

RunUp.eu-Lesetipp:
Der New York City Marathon 2025 der Frauen

Boston, Chicago, Tokio, New York

Mit nun vier Major-Triumphen und drei weiteren Stockerlplätzen, alles Ergebnisse der letzten vier Jahre, sowie der Olympischen Bronzemedaille von Paris 2024 gehört Benson Kipruto zu den erfolgreichsten Marathonläufern der Gegenwart – auch seine hervorragende persönliche Bestzeit von 2:02:16 Stunden spricht für sich. „Es gibt kein Geheimnis für Erfolge. Einfach an sich glauben, viel Geduld und Zutrauen in jedes Training mitbringen“, erklärte sich der 34-Jährige nach dem Triumph im Central Park.

Benson Kipruto
Halbmarathon-Splits: 1:05:19 / 1:02:50 Stunden
5km-Teilzeiten: 15:13 / 15:12 / 15:36 / 15:44 / 16:10 / 14:26 / 15:17 / 14:20 / 6:11 (2,195 km) Minuten

Der New York City Marathon war der 19. internationale Marathon in der Karriere von Kipruto, der erste am Big Apple. Wie gut der Schützling des italienischen Startrainers Claudio Berardelli performt, zeigt der Blick auf seine jüngsten Ergebnisse. Bei den letzten zehn Marathons, alle hochklassige Veranstaltungen, lief Kipruto nur heuer in Tokio als Siebter nicht unter die Top-Drei. Der Kenianer trainiert in derselben Gruppe wie Sabastian Sawe, 2025 Champion beim London Marathon und beim Berlin Marathon.

Vierter Major-Triumph

🥉 Olympische Spiele 2024
🥇 Boston Marathon 2021
🥇 Chicago Marathon 2022
🥇 Tokio Marathon 2024
🥇 New York City Marathon 2025
🥈 Chicago Marathon 2023
🥉 Boston Marathon 2022
🥉 Boston Marathon 2023

Sensationsdebüt für Dever

Albert Korir und Patrick Dever, bis Kilometer 38 noch Teil der vierköpfigen Spitzengruppe, die nach dem Sieg strebte, liefen knapp eine Minute nach dem atemberaubenden Augenblick des Zieleinlaufs des kenianischen Duos über die Ziellinie. Auch die beiden lieferten sich ein Duell. Der Sieger von 2021 komplettierte in einer Zeit von 2:08:57 Stunden den kenianischen Dreifachsieg. Auch im Vorjahr war Korir in New York Dritter.

Beachtlicher ist jedoch der vierte Platz von Dever in einer Zeit von 2:08:59 Stunden, der damit gemeinsam mit dem fünftplatzierten Matthias Kyburz aus der Schweiz für die europäischen Hauptmomente beim New York City Marathon 2025 sorgten – trotz der Aufgabe des dieses Mal chancenlosen Vorjahressiegers Abdi Nageeye aus den Niederlanden. Der 29-jährige Brite, EM-Sechster von Rom im 10.000m-Lauf, lief seinen ersten Marathon überhaupt. Aufgebaut hat er seine Straßenlauf-Karriere mit drei starken Halbmarathonläufen in diesem Jahr, allesamt knapp über einer Stunde. Dennoch war die Qualität der Leistung Devers in dieser Form eine Überraschung.

Schweizer Glanzmoment

Ebenfalls mit einem Topresultat nach Hause reist Matthias Kyburz. Der 35-Jährige aus Rheinfelden nahe Basel und unweit der deutschen Grenze bestritt in New York seinen ersten Marathon, seitdem er angekündigt hat, sich voll und ganz auf den Marathon zu konzentrieren. Im gleichen Schritt hatte der Olympia-Teilnehmer von Paris 2024 das erfolgreichste Kapitel seines Sportlerlebens endgültig geschlossen, acht WM-Titel im Orientierungslauf nennt er sein Eigen. Nun hat er seinen vierten Marathon erfolgreich absolviert, die Zeit von 2:09:55 Stunden brachte ihm Rang fünf bei seinem ersten Major.

Kyburz zeigte dabei wie Dever eine starke zweite Rennhälfte. Denn der New York City Marathon entwickelte sich wie so oft in Abwesenheit der Tempomacher mit einer riesigen Spitzengruppe und einem reservierten Tempo auf der ersten Streckenhälfte. 22 Läufer lagen beim Halbmarathon (1:05:18) noch gleich auf, bei Kilometer 30 lag der Schweizer auf Rang zehn und 23 Sekunden hinter der achtköpfigen Spitzengruppe. Sieben Kilometer vor dem Ziel rangierte er auf Rang neun, doch ab diesem Zeitpunkt ging es für Kyburz nach vorne, ohne dass der Abstand zu den Führenden erheblich größer wurde.

Auf einem Level mit Abraham und Röthlin

Damit erreichte der Eidgenosse beim größten Marathon der Welt dieselbe Platzierung wie der Schweizer Rekordhalter Tadesse Abraham vor acht Jahren. Kyburz’ Trainer Viktor Röthlin war vor 20 Jahren Siebter.

Bester US-Amerikaner war Joel Reichow auf dem starken sechsten Platz. Der 32-Jährige hat im Juni den Grandma’s Marathon in Minnesota gewonnen und blieb erstmals in seiner Karriere unter 2:10 Stunden – um exakt vier Sekunden. Ebenfalls unter 2:10 Stunden, und zwar um eine Sekunde, blieb Marathon-Debütant Charles Hicks. Der 24-Jährige wurde als Sohn amerikanischer Eltern in Großbritannien geboren und feierte als Brite einige Erfolge in Europa, u.a. die Goldmedaille bei der U23-EM 2023 sowie zwei Crosslauf-EM-Titel in derselben Altersklasse. Seit Sommer startet der US-Student international für die USA.

Der leise Abschied von Eliud Kipchoge

Beim New York City Marathon 2025 ging eine große Laufbahn leise zu Ende. Zwar war Eliud Kipchoge der große Protagonist des Marathon-Wochenendes in New York und begeisterte so wie überall, wo er auftritt. Nur: Sportlich gab schon seine Kleidung – langes Laufshirt anstatt Singlet – Einblick in die bittere Realität, dass der Kenianer ähnlich wie bei seinen letzten Marathon-Auftritten in Tokio und Paris 2024 sowie London und Sydney 2025 nicht mehr gegen derartig starke Konkurrenz siegfähig ist. Die lebende Legende verlor trotz des konservativen Tempos der Spitzengruppe früh in der zweiten Rennhälfte den Anschluss an die Spitze, als dort noch Leute mithielten, von denen es weniger zu erwarten war – wie etwa der elftplatzierte Ex-Europameister Daniele Meucci, mittlerweile auch schon 40 Jahre alt.

Kipchoge, der sein vor wenigen Jahren geäußertes Ziel, jeden Marathon Major gewinnen zu wollen, schon nach zwei sieglosen Boston Marathons außerhalb der realistischen Machbarkeit orten musste, erfüllte sich mit Platz 17 und einer Zeit von 2:14:36 Stunden immerhin noch seinen Traum, jeden der sieben World Marathon Majors mindestens einmal zu finishen – und erreichte damit eine Gemeinsamkeit in den Marathon-Träumen Tausender Freizeitsportler:innen weltweit.

Es ist ehrenwert, dass er im Vorfeld keine große Story über sich inszenierte und „nur“ eine wichtige Ankündigung für nach dem Event vorhersagte. Und die kam angesichts seiner Prominenz recht sachte und ohne sprichwörtliche Fanfaren daher. Der New York City Marathon 2025 war Kipchoges letzter großer Stadtmarathon. Er genoss ihn sichtlich und wurde lautstark bejubelt.

Eliud Kipchoge bei den Majors

Berlin Marathon🥇🥇🥇🥇🥇 (2015, 2017, 2018, 2022, 2023),
🥈 (2013)
London Marathon
– 🥇🥇🥇🥇 (2015, 2016, 2018, 2019),
6. Platz (2025), 8. Platz (2020)
Tokio Marathon
🥇 (2022), 10. Platz (2024)
Chicago Marathon
🥇 (2014)
Boston Marathon – 6. Platz (2023)
Sydney Marathon – 9. Platz (2025)
New York City Marathon – 17. Platz (2025)

Ein neues Projekt

Dabei hat diese Ankündigung massives Gewicht: Kipchoge ist nicht nur ob seiner Erfolge, sondern aufgrund seiner kontinuierlichen Botschaften, seiner überragenden Disziplin und Professionalität bis ins kleinste Detail sowie seiner enormen Persönlichkeit eine Ausnahmeerscheinung im globalen Sport. Ein Ziel bleibt ihm: ein Marathon auf allen Kontinenten. Es fehlt neben seinem Heimat-Kontinent Afrika und Südamerika auch die Antarktis, ein exotisches Abenteuer für einen Sportler, der über zwei Jahrzehnte lang alles in seinem Leben dem Profisport untergeordnet hat. Das neue Projekt lässt Kipchoge auch nicht von „Rücktritt“ sprechen, sondern von einer Veränderung der Zielsetzungen und der Herangehensweise.

Dass der zweifache Marathon-Olympiasieger nicht mehr in der sportlichen Verfassung ist, die Szene zu dominieren, ist keine neue Erkenntnis. Auch er hat sich damit abgefunden und reicht den Staffelstab an die neue Generation weiter. Sein langjähriger Weggefährte und Rivale, Kenenisa Bekele, war ebenso im Rennen. Der 43-Jährige stieg frühzeitig aus, auch er ist machtlos gegen die biologische Normalität. Vor 22 Jahren hatten sich die beiden, damals als aufkommende Stars, ein legendäres 5.000m-Rennen bei den Weltmeisterschaften von Paris geliefert.

Autor: Thomas Kofler
Bild: © SIP

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